Weiße Busse retten KZ-Häftlinge

 

Während der chaotischen letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs wurden etwa 15.000 KZ-Häftlinge aus Dänemark, Norwegen und einigen weiteren Ländern aus deutschen Konzentrationslagern gerettet und nach Skandinavien evakuiert. Wie wurde dies möglich? Anfang 1945 war die deutsche Niederlage nicht mehr abzuwenden. Das hatten auch führende Mitglieder des Naziregimes erkannt. Heinrich Himmler, der an der Spitze der SS stand, hoffte noch auf einen Separatfrieden mit den westlichen Mächten, um gemeinsam gegen die Sowjetunion zu kämpfen. Ein unrealistischer Plan – fanden auch Hitler und andere politische Führer des untergehenden „Dritten Reiches“. Aber Himmler gab seine Idee nicht auf.

 

In dieser Situation erhielt er am 19. Februar 1945 Besuch von Graf Folke Bernadotte, dem Vizepräsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes. Bernadotte verfolgte bei diesen Verhandlungen das Ziel, die skandinavischen KZ-Häftlinge, meist Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besetzung Dänemarks und Norwegens, aus den Konzentrationslagern zu retten, bevor sie noch kurz vor dem Ende des Krieges ermordet wurden. Heinrich Himmler seinerseits suchte gerade händeringend eine neutrale Persönlichkeit, die die Verhandlungen mit den Westalliierten über einen Separatfrieden vermitteln konnte. Folke Bernadotte sollte nach Himmlers Vorstellungen diese Person sein. Ein Entgegenkommen im Umgang mit den skandinavischen KZ-Häftlingen sollte den Weg öffnen für eine diplomatische Mission Bernadottes.

 

Zu einer Freilassung der Häftlinge war Himmler dennoch nicht bereit. Aber die skandinavischen Häftlinge sollten im KZ Neuengamme am Rande Hamburgs zusammengeführt und dort vom Schwedischen Roten Kreuz betreut werden. Das Schwedische Rote Kreuz sollte aber selbst für Fahrzeuge, Fahrer und Benzin sorgen, um die Häftlinge aus den verschiedenen Lagern nach Neuengamme zu bringen. Auch politische Gefangene aus Dänemark und Norwegen in deutschen Haftanstalten sollten in die Aktion einbezogen werden.

 

In aller Eile wurden nun in Schweden Busse zusammengestellt und freiwillige Fahrer gesucht. Die Busse wurden weiß angestrichen und mit dem Rotkreuz-Zeichen versehen. Mit den Alliierten wurde vereinbart, dass diese Busse bei Angriffen aus der Luft verschont werden sollten. Am 8. März 1945, genau zwei Monate vor der deutschen Kapitulation, waren die ersten 75 Busse und andere Fahrzeuge bereit für die Fahrt nach Deutschland.

 

Es dauerte dann noch einige Tage, bis die Zusammenführungsaktion nach Neuengamme beginnen konnte. Die weißen Busse fuhren in entfernte Enden der Kriegsgebiete, die sich noch unter deutscher Kontrolle befanden, um die Häftlinge abzuholen. Zu den Zielen der Busse gehörten zum Beispiel das KZ-Dachau vor den Toren Münchens und aus KZ Theresienstadt in der Tschechoslowakei. Die Allliierten wurden jeweils über die Fahrtrouten informiert, um Bombardierungen und Tieffliegerangriffe auf die Konvois zu verhindern. Das gelang auch in den allermeisten Fällen.

 

Die Verlegung von Häftlingen aus dem KZ Neuengamme mit schwedischer Hilfe

 

Als Problem erwies sich, in Neuengamme ausreichend Unterkünfte für die ankommenden skandinavischen Häftlinge zu schaffen. Dafür wurde das „Schonungslager“ geräumt, in dem bis dahin schwerkranke Häftlinge untergebracht und etwas besser behandelt worden waren. Entsprechend einer Vereinbarung mit der Lagerleitung wurden 2.000 Häftlinge aus nicht-skandinavischen Ländern mit den Bussen des Schwedischen Roten Kreuzes in andere Lager gebracht.

 

Viele von ihnen hofften beim Einsteigen in die Busse des Roten Kreuzes auf ihre Rettung, aber sie wurden in KZ Außenlager gebracht, wo es für sie nicht einmal die wenige „Schonung“ gab, die ihnen in Neuengamme bisher das Überleben ermöglicht hatte. Eine große Zahl von ihnen wird die Haft in den Außenlagern nicht überlebt haben, einige der misshandelten und entkräfteten Häftlinge starben noch während der Busfahrten.

 

In einer Dokumentation der KZ-Gedenkstätte Neuengamme wird Odd Nansen, ehemaliger Häftling des KZ Neuengamme aus Norwegen, zitiert: „Ich beobachtete heute einen Transport Muselmänner, die das Lager in schwedischen Autobussen verließen (…) (In ihnen) erwachte unsagbare Freude und Hoffnung, als sie sahen, wie die weißen Rote-Kreuz-Busse auf den Betonplatz fuhren, und als sie verstanden, dass sie damit fortfahren sollten! (…) Dann ging es los. Sie kamen nach Braunschweig und wurden dort in eine neue Hölle geführt. Bis dahin und nicht länger dauerte das Märchen.“ (Link PDF-Datei) 

 

Rettung noch in der allerletzten Kriegsphase

 

Am 2. April verhandelte Folke Bernadotte noch einmal mit Heinrich Himmler, der immer noch an der fixen Idee eines Separatfriedens festhielt. Bernadotte konnte nun erreichen, dass alle erkrankten skandinavischen Häftlinge in die Heimat gebracht werden konnten. Das eröffnete die Möglichkeit, alle von ihnen zu retten, weil sie alle unter Krankheiten und Mangelernährung litten. Und am 15. April konnten endlich auch die skandinavischen Juden, die Theresienstadt gefangen gehalten wurden, mit Bussen abgeholt werden. Auch wurden nun etwa 7.000 Frauen verschiedener Nationalitäten aus dem KZ Ravensbrück und dem KZ-Außenlager Hamburg-Wandsbek in das Ausreiseprogramm einbezogen.

 

In den letzten Kriegswochen wurde die Rettungsaktion noch beschleunigt, ausgerechnet auf Betreiben des Hamburger Gauleiters Karl Kaufmann. Denn der wollte bis zum bevorstehenden Zeitpunkt der Besetzung Hamburgs durch alliierte Truppen das KZ Neuengamme räumen lassen, damit er in einem etwas besseren Licht dastehen und nicht mit den Konzentrationslagern in Verbindung gebracht würde. Bis zum 21. April wurden binnen weniger Tage mehr als 4.000 Häftlinge aus Neuengamme nach Dänemark gebracht und damit gerettet.

 

Debatten über die Umstände der Rettung

 

In Skandinavien wird bis heute kontrovers über die Rettung der skandinavischen KZ-Häftlinge diskutiert. Es wird kritisiert, dass Folke Bernadotte zu sehr im Zentrum steht, obwohl es vorher schon eine kleinere Rettungsaktion von dänischer Seite gab, obwohl verschiedene Organisationen in Dänemark und Norwegen an der Aktion mitwirkten und obwohl viele Freiwillige bei den Busfahrten ihr Leben riskierten. Besonders umstritten bleibt die erwähnte Evakuierung von nicht-skandinavischen KZ-Häftlingen aus Neuengamme in andere Lager mit schwedischen Bussen. Und auch die Tatsache, dass die skandinavischen Juden erst spät in das Evakuierungsprogramm einbezogen wurden, wird kritisiert.

 

Und dennoch bleibt wahr, dass einigen Tausend Menschen unter schwierigsten Umständen das Leben gerettet wurde, am Ende auch jüdischen Menschen und Häftlingen aus anderen europäischen Ländern und dass Folke Bernadotte dabei eine wichtige Rolle hatte. Zu den Geretteten gehörte zum Beispiel der norwegische Fußballspieler und Sportfunktionär Asbjørn Halvorsen, der bis 1933 für den HSV gespielt und sich später dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung seiner Heimat angeschlossen hatte. (Link)

 

© Frank Kürschner-Pelkmann