Jenny Lind: die „schwedische Nachtigall“ an der Alster

 

Das Hamburger Musik- und Kulturleben ist ohne die Gastspiele großer internationaler Künstlerinnen und Künstler, Musikerinnen und Musiker gar nicht vorstellbar, und das war schon vor Jahrhunderten so. Ein berühmter Stern am Musikhimmel ging am 29. März 1845 auf. Die schwedische Opernsängerin Jenny Lind eroberte im Sturm die Zuneigung der Hamburgerinnen und Hamburger. Die „schwedische Nachtigall“, wie sie bald in ganz Europa genannt wurde, gab einen Gesangsabend im voll besetzten Stadttheater, und die Begeisterung war so gewaltig, dass sie zum Schluss inmitten eines Teppichs von Blumen stand, die die häufig als reserviert geltenden Hanseaten auf die Bühne geworfen hatten.

 

R. D. Molaswi veröffentlichte noch 1845 ein kleines Buch zu „Jenny Lind in Hamburg“, in dem er die Stimmung beim Konzert für die Nachwelt festhielt: „Eine selige Empfindung bemächtigte sich aller Gemüther und eine Stimmung herrschte unter Tausenden. Entzückt und anbetend verehrte ich die Macht der göttlichen Kraft und ihrer wunderholden Priesterin …“ Über den Gesang Jenny Linds schrieb er: „Ja, sie sang, aber es war kein Gesang, es war Sphärenmusik, es war eine gesungene Seligkeit, ein hingehauchter Gottesathem, der Frühlingsgruß der Nachtigall.“ Beigeistert beschloss der Chronist sein Werk mit den Zeilen:

 

Wir haben genossen das irdische Glück,

Wir haben gelebt und Jenny Lind gehört.

 

Als das „Lind-Fieber“ ausbrach

 

Ein Jahr später, beim zweiten Besuch Jenny Linds in Hamburg, kannte der Enthusiasmus für die himmlisch singende und bezaubernd schöne Sängerin keine Grenzen mehr. Die Polizei musste die Straße vor dem Stadttheater absperren, um Tumulte zu verhindern. Ein Fackelzug und ein speziell für die Sängerin inszeniertes Alsterfeuerwerk gehörten ebenso zur Welle der Begeisterung wie Extrablätter der Zeitungen. Es war von einem „Lind-Fieber“ die Rede, wozu auch ihr schlichtes und bescheidenes Auftreten beitrug. Dieses Bild wurde durch keinen Skandal getrübt, im Biedermeier eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, sich als berühmte Künstlerin zu etablieren.

 

Auch bei ihren späteren Auftritten in Hamburg löste sie jedes Mal lange Schlangen vor den Kassen aus. So viel Begeisterung rief auch die Konkurrenten und Spötter auf den Plan, und so trat eine Sängerin als Jenny Bind auf und gab verschiedene Opernparodien zum Besten, ebenfalls vor ausverkauftem Haus.

 

Von Komponisten und Dichtern verehrt

 

Die 1820 geborene Jenny Lind stammte aus einer verarmten und zerrütteten Stockholmer Familie. Mit neun Jahren entdeckte der Intendant des königlichen Hoftheaters ihre „Engelsstimme“ und sorgte dafür, dass sie eine musikalische Ausbildung erhielt. Rasch stieg sie zur gefeierten Sängerin auf, die in ganz Europa und den USA die Konzertsäle füllte.

 

Die „schwedische Nachtigall“ wurde auch von anderen Musikern hoch geschätzt. Der in Hamburg geborene Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy, mit dem sie eine innige Freundschaft verband, bekannte: „Sie ist eine der größten Künstlerinnen, die ich je erlebt habe.“

 

Frédéric Chopin hat Jenny Lind nicht nur geschätzt, sondern auch geliebt – und sie ihn, aber de Bund der Ehe wollte er letztlich doch nicht eingehen. Robert Schumann erlebte sie in Hamburg und schwärmte, dass bei ihrem Gesang die Sonne richtig den Buckel wärmen würde. Johann Strauß (Sohn) widmete ihr den Walzer „Lindgesänge“. Der Dichter Franz Grillparzer brachte seine große Verehrung in einem enthusiastischen Gedicht zum Ausdruck. Und der dänische Märchendichter Hans Christian Andersen verehrte sie ebenfalls und verliebte sich in sie, sie allerdings nicht in ihn. Mehr als einen „Bruderkuss“ gewährt sie ihm nicht. Trotzdem hat der Dichter sie in seinem Märchen von der Nachtigall verewigt.

 

Auch „gekrönte Häupter“ waren begeistert von der Sängerin, so der häußter schwedischen König, der Kaiser in Wien, der preußische König und die englische Königin. Geheiratet hat Jenny Lind 1852 den Pianisten und Komponisten Otto Goldschmidt, der aus einer liberalen jüdischen Familie in Hamburg stammte. Seiner Frau zuliebe konvertierte er zum evangelischen Glauben. Das Paar lebte von 1858 an mit seinen drei Kindern in London, wo er hohes Ansehen als Musikprofessor genoss und sie mit großem Erfolg als Sängerin auftrat.

 

In Hamburg fast vergessen

 

1870 beendete Jenny Lind ihre Gesangskarriere und gab Unterricht am Royal College of Music in London. Theodor Fontane hat einen Abend in dem gastlichen Musikerhaus in London in seinem Roman „Der Stechlin“ beschrieben. Jenny Lind starb 1887 in England. Verschiedene Hospitäler und Waisenhäuser tragen ihren Namen und erinnern an ihre freigiebige Unterstützung sozialer Einrichtungen.

 

In den USA tragen mehrere Straßen den Namen Jenny Linds und im eisigen Norden Kanadas eine unbewohnte Insel. Auch wurde ihr Leben verfilmt. Mitten im Zweiten Weltkrieg, 1941, kam der Film „Die schwedische Nachtigall“ mit Ilse Werner in die Kinos.

 

In Schweden genießt Jenny Lind weiterhin ein hohes Ansehen. Ihr Bild war bis vor einigen Jahren auf den 50-Kronen-Scheinen zu sehen. Und in Hamburg? Dort gibt es (noch) keine Jenny-Lind-Straße, obwohl sie zu den berühmtesten Sängerinnen des Stadttheaters gehörte und obwohl sie der Stadt als Dank für die ihr entgegengebrachte Wertschätzung das kostbare „Heiligenstädter Testament“ von Ludwig von Beethoven vermachte, das sie gemeinsam mit ihrem Mann erworben hatte. Es befindet sich heute in einem Tresor in der Staats- und Universitätsbibliothek und wird zu besonderen Anlässen wie der Eröffnung der Elbphilharmonie ausgestellt.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann