Elsa Brändström sagt 1933 Nein und verlässt Hamburg

 

Es war ein kurzes Telegramm, mit dem sich die berühmte schwedische Diplomatentochter aus Deutschland verabschiedete: „Nein. Elsa Brändström-Ulich''. Gerichtet war das Telegramm an Adolf Hitler, der sie 1933 für die Propaganda für sein Winterhilfswerk gewinnen wollte und gern getroffen hätte.

 

Es war in Deutschland unvergessen, dass Elsa Brändström 1915 im Auftrag des Schwedischen Roten Kreuzes nach Sibirien gereist war, um für eine medizinische Versorgung der deutschen Kriegsgefangenen aufzubauen. Sie fand in den Lagern erschreckende Verhältnisse mit völlig überfüllten Baracken, grassierenden Krankheiten wie Typhus und weit verbreiteten Hunger vor. Die Folge war, dass die Sterblichkeitsrate der Gefangenen äußerst hoch war.

 

Der „Engel von Sibirien“

 

Elsa Brändström reiste daraufhin jahrelang in kalten Güterwagen durch Sibirien, um den Kriegsgefangenen Medikamente, Kleidung und Decken zu bringen. Bereitgestellt wurde die Hilfe durch Rote Kreuz-Organisationen in Deutschland, Österreich und Schweden. Aber nur durch den Einsatz von Elsa Brändström erreichte die Hilfe tatsächlich die Gefangenen in Sibirien.

 

Auch setzte sie sich hartnäckig und erfolgreich bei russischen Generälen und Behörden für Verbesserungen der Unterbringung und Ernährung der Gefangenen ein. Selbst in den Wirren nach der Oktoberrevolution 1917 setzte sie ihre Arbeit in Sibirien unter großen Risiken und persönlichen Opfern fort. Dank ihres Engagements gelang es, die deutschen Kriegsgefangenen in Sibirien mit Lebensnotwendigem zu versorgen. Das ermöglichte Tausenden Gefangenen das Überleben. Ebenso wichtig war, dass Elsa Brändström ihnen neue Hoffnung und neuen Lebensmut gab. Einer der Kriegsgefangenen erinnerte sich später: „Wenn sie ins Zimmer trat, dann war es, als ob jemand eine Kerze angezündet hatte.“ Sie wurde so zum „Engel von Sibirien“.

 

Eine Frau, die die Menschenrechte verteidigte

 

Nach dem Krieg setzte sie ihre humanitäre Hilfe in Deutschland selbst fort und half den ehemaligen Kriegsgefangenen, in der Heimat wieder Fuß zu fassen. Auch baute sie ein Kinderheim für die Kinder verstorbener oder traumatisierter Kriegsgefangener auf. All das trug ihr in Deutschland große Anerkennung ein. 1927 verlieh ihr die Universität Tübingen die Ehrendoktorwürde. In der Urkunde heißt es über sie: „… die den Geboten des Herzens folgte, mutig aufstand für die Unterdrückten und Schwachen, die siegreich das Menschenrecht gegen Macht verteidigte, die Brücken von Nation zu Nation und von Mensch zu Mensch schlug …“

 

Nach seiner Machtübernahme hätte Adolf Hitler die prominente Frau gern in seine Propaganda einbezogen. Aber Elsa Brändström lehnte die Ideologie der Nazis ab. Letzte Station des Deutschlandaufenthalts von Elsa Brändström und ihres Mannes Robert Ulich war die Hamburger Villa der Bankiersfamilie Warburg, mit der sie befreundet war. Sie kannte die schwedischstämmige Anna Warburg schon seit ihren Jugendjahren und hatte ihren Rat beim Aufbau des Kinderheims für ehemalige Kriegsgefangene geschätzt.

 

Flucht in die USA  

 

Der Aufenthalt am Kösterberg in Blankenese wurde nach dem Telegramm an Hitler rasch beendet. Elsa Brändström und ihr Mann zogen es vor, nach Amerika zu emigrieren. Der religiöse Sozialist Robert Ulich stand schon vorher auf der Liste derer, die als Gegner des neuen Regimes galten, und war wahrscheinlich nur deshalb nicht verhaftet worden, weil die Nazis auf eine Unterstützung durch Elsa Brändström gehofft hatten.

 

Nach ihrer Vertreibung schreckten die Nationalsozialisten in Hamburg nicht davor zurück, den Namen Elsa Brändström für ihre Zwecke zu missbrauchen. Die Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener in Hamburg hatte 1932 und 1933 erfolglos versucht, eine Straße nach Elsa Brändström benennen zu lassen. Als die Vereinigung am 14. April 1936 einen neuen Versuch unternahm, erhielt sie überraschenderweise bereits nach wenigen Tagen die Zusage, dass eine Straße nach ihr benannt werden sollte. Das geschah tatsächlich noch 1936, denn die Hamburger Nazis wollten den Namen Elsa Brändström für den „Heldengedenktag“ 1937 einsetzen, und dafür war die Straßenbenennung günstig als Zeichen, dass der „Engel von Sibirien“ in der Hansestadt geehrt würde.

 

Elsa Brändström und ihr Mann konnten in den USA Fuß fassen und Robert Ulich wurde auf eine Professorenstelle berufen. Elsa Brändström bemühte sich unermüdlich um Einreisegenehmigungen für politisch Verfolgte aus Deutschland. Ihr Mann erinnerte sich später: „Es konnte nicht ausbleiben, dass meine Frau schnell in die Fürsorge für die ständig anschwellende Zahl der meist jüdischen Immigranten hereingezogen wurde. Vom Frühstück bis zum späten Abend kamen Besucher. Die obere Etage unseres Hauses war immer von Immigranten bewohnt.“ Auch sammelte sie Geld für die Widerstandsbewegung im besetzten Norwegen.

 

Als sich die Niederlage Deutschlands abzeichnete, erfand Elsa Brändström das „Care-Paket“, eine Holzkiste mit Lebensmitteln und anderem Lebenswichtigen, die auch vielen Tausend Hamburger Familien erreichte und ihnen das Überleben in der Not der Nachkriegszeit sicherte. Elsa Brändström starb am 4. März 1948, vielfach geehrt und tief verehrt von vielen Menschen in Europa und den USA. In Deutschland wurden Straßen und Schulen nach Elsa Brändström benannt.

 

Es war ganz in ihrem Sinne, dass die Bankiersfamilie Warburg ihre beiden Villen in Blankenese gleich nach dem Krieg zur Verfügung stellte, damit dort traumatisierte jüdische Kinder, die die Konzentrationslager überlebt hatten, ein vorübergehendes Zuhause finden konnten. Sie hatten schlimmste Erfahrungen in den Lagern gemacht und miterlebt, wie ihre Familienangehörigen ermordet wurden.

 

In Blankenese wurden sie nun liebevoll betreut und konnten sich auf ein Leben im neu entstehenden Staat Israel vorbereiten. Mehr als 300 Kinder lebten einige Monate oder ein Jahr in den Warburgschen Villen und haben diese Zeit so geschätzt, dass viele von ihnen in Israel miteinander in Kontakt blieben im Verein „Kinder von Blankenese“. 2005 und 2006 wurden sie in die Villen in Blankenese eingeladen, um noch einmal den Ort zu besuchen, an dem sie so viel Zuwendung und menschliche Nähe erfahren hatten.

 

Als ihre beiden Villen nicht mehr für jüdische Kinder benötigt wurden, überließ die Bankiersfamilie Warburg 1949 dem Deutschen Roten Kreuz. Das „Elsa Brändström Haus“ (Link) dient heute als internationales Bildungs- und Tagungshaus. In Jenfeld gibt es eine Elsa-Brändström-Straße. In Elmshorn trägt die Elsa-Brändström-Schule (Link) den Namen der engagierten Frau.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann