Christina: Die Flucht der schwedischen Königin

 

„Folgenden Sonntags fuhr die Königin gegen 9 Uhr nach St. Peri-Kirche … Der Pastor und Senior Dr. Müller hielt eine schöne Predigt und legte den Text aus von der Königin aus Arabia, mit welcher er die Königin Christina gar sinnreich verglich. Sie aber hörte ersichtlich wenig zu und hatte der trefflichen Rede kein Acht.“ Dieses Geschehen im Juni1654 hat exakt 200 Jahre später Otto Beneke, der Leiter des hamburgischen Staatsarchivs, nach der Lektüre zeitgenössischer Archivalien veröffentlicht (Link), und von ihm erfahren wir auch, dass die Königin „am 3. Juli 1654 in Hamburg ankam und zunächst gar nicht erkannt wurde, „denn sie kam in Männerkleidern, den Degen an der Seite“. Dafür erregte sie während ihres mehr Aufenthalts immer wieder Aufmerksamkeit: „Fast alle Tage, solange sie hier war, ist sie bald in Manns-, bald in Frauen-Kleidern ausgeritten, zu großem Aergerniß mancher der ehrbaren Frauen Hamburgs.“ Sie war, wird man im Rückblick sagen müssen, ihrer Zeit um mehr als drei Jahrhunderte voraus. Und das stieß damals bei Männern wie Frauen in der Hansestadt auf massive Vorbehalte und Vorurteile.

 

Nach diesem kurzen Besuch dauerte es zwölf Jahre, bis die ehemalige schwedische Königin im Juni 1666 erneut nach Hamburg kam, dieses Mal für mehr als zwei Jahre. Sie lebte im Gartenhaus des reichen Bankiers Abraham Senior Teixeira am Krayenkamp nahe dem Michel, das sie von ihm erworben hatte. Seine jüdische Familie war aus Portugal über Holland nach Hamburg gekommen, wo er mit vielfältigen internationalen Finanzgeschäften ein großes Vermögen erwarb. Er verwaltete auch das Vermögen Christinas, konnte aber nicht verhindern, dass es wegen ihres aufwendigen Lebensstils immer mehr schrumpfte.

 

Die Königstochter wird wie ein Junge erzogen

 

Seine schwedische Besucherin war 1626 als Tochter des berühmten Königs Gustav Adolf geboren worden und bereits 1632 nach dem Tod des Vaters im Dreißigjährigen Krieg zur Königin des schwedischen Reiches gewählt geworden. Zunächst übernahm ein Regent ihre königlichen Aufgaben und die Prinzessin wurde auf ihre zukünftigen Aufgaben vorbereitet. Sie liebte es, zu reiten und zu jagen, während sie wenig Wert auf ihr Äußeres legte. Das war ganz im Sinne ihres Vaters, der auf einen Sohn gehofft hatte und dann die Anweisung gab, die Tochter wie einen Jungen zu erziehen. Christina selbst erinnerte sich später so an ihre Kindheit und Jugend: „Ich war jähzornig und hitzig, stolz und ungeduldig, verachtend und spöttisch. Ich verachtete alles, was zu meinem Geschlecht gehört, Sittlichkeit und Schicklichkeit.“

 

1644 übernahm sie mit 18 Jahren die politische Verantwortung für ihr Land und beteiligte sich erfolgreich an den Verhandlungen zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges. Schweden erhielt im Friedensvertrag die Kontrolle über große Gebiete in Norddeutschland. Das war der jungen Herrscherin offenbar nicht genug. 1648 raubten die abziehenden schwedischen Truppen auf ihren Befehl in Prag über 700 Gemälde und eine große Zahl wertvoller Kunstwerke aus dem kaiserlichen Besitz.

 

Die Königin führte ein prunkvolles Leben und finanzierte eine bis dahin nie gekannte Blüte des kulturellen Lebens in Stockholm so üppig, dass die finanziellen Möglichkeiten ihres Landes bald überstrapaziert waren. Dies und die Ankündigung der Königin, nie heiraten zu wollen, sorgte für Unmut in der Bevölkerung. Außerdem verbreitete sich das Gerücht, sie beabsichtige, zum Katholizismus zu konvertieren. 1654 dankte sie ab, sicherte sich aber beträchtliche Einkünfte, darunter viele Kunstwerke und wertvolle Bücher. Diese großzügige Abfindung steigerte noch die Ablehnung im Volk.

 

So konnte es nicht überraschen, dass Christina Schweden verließ, von nun ausgedehnte Reisen durch Europa unternahm und nur noch ganz selten in ihr Heimatland zurückkehrte. Noch im Dezember 1654 konvertierte sie zum Katholizismus – zum Ärger ihrer Landsleute und zur Freude des Vatikans, denn dass die Tochter des berühmten protestantischen Königs und Feldherrn Gustav Adolf nun Katholiken war, gab der Gegenreformation Auftrieb.

 

„Es lebe Papst Clemens IX.!“

 

All das war in Hamburg bekannt, als die ehemalige Königin am 15. Juli 1668 zu einem großen Empfang anlässlich der Wahl eines neuen Papstes in Rom einlud. Eine Papstwahl war im streng lutherischen Hamburg eigentlich kein Anlass zu einem Fest. Trotzdem fanden sich der Bürgermeister, die diplomatischen Vertreter der europäischen Mächte und andere Honoratioren an die festliche Tafel ein. Der Historiker Otto Beneke berichtet, es sei ein „herrliches Wohlleben“ gewesen. Wie schon bei früheren Empfängen und Festen Christinas in Hamburg hätte dies für alle ein schöner Abend werden können, hätte die katholische Königin nicht mit 600 Lampen am Haus auf Latein eine Botschaft aufleuchten lassen: „Es lebe Papst Clemens IX.!“

 

Die Botschaft wurde rasch auch für die Leute auf der Straße ins Deutsche übersetzt, die gerade den reichlich für sie fließenden Wein der Königin genossen. Nun fühlten sie sich durch diese Aussage äußerst provoziert, hatten doch die anti-katholischen Predigten vieler lutherischer Pastoren ihre Wirkung nicht verfehlt. Rasch bildete sich eine größere Menschenmenge vor dem Haus. Steine flogen und die Menge drohte, das Haus zu stürmen und anzuzünden. Auch das Löschen der Botschaft führte nicht zur Beruhigung der aufgebrachten Menschen. Aus dem Haus schossen daraufhin die Diener der früheren Königin auf die Angreifer und es gab mehrere Tote und Verletzte. Was dann geschah, beschreibt Otto Beneke so: „Nun stieg die Gefahr aufs höchste, mit Brechstangen rannten die Rasenden gegen die Hausthüre, andere brachten Pechfackeln und Strohbündel, man scrie: zündet an, schlagt Alle todt!“ (Link

 

Abraham Teixeira und die übrigen Gäste hatten gerade noch Zeit, seine königliche Besucherin durch eine schmale Tür an der Rückseite des Hauses in Sicherheit zu bringen. Sie wurde im Volksmund hinfort „Christinenpförtchen“ genannt. An den nächsten Tagen versuchten Senat und Christina, die Wogen zu glätten. Der Senat entschuldigte sich für die Übergriffe und Christina zahlte den Angehörigen der Toten sowie den Verwundeten Entschädigungen.

 

Am Haus Krayenkamp 13 nahe den Krameramtsstuben erinnert eine Informationstafel (Link) an die Flucht der prominenten Schwedin durch ein Pförtchen. Eine Zeichnung der schwedischen Königin befindet sich im Besitz der Hamburger Kunsthalle. (Link) Gräber der Familie Teixeira sind auf dem jüdischen Friedhof in der Königstraße in Altona erhalten geblieben. (Link PDF-Datei)

 

Eine weit gereiste Königin findet im Petersdom die letzte Ruhe

 

Christina entschloss sich eine Weile später, Hamburg zu verlassen und nie wieder zurückzukehren. Auch andernorts sorgte sie immer wieder für Gerüchte und Vorwürfe. So hieß es, sie habe sowohl Frauen als auch Männer geliebt. Auch ein Kardinal soll zu ihren Liebhabern gehört haben. Auch ist das Gerücht überliefert, dass ihr eigenes Geschlecht bei der Geburt nicht eindeutig war, was heute zu der Vermutung führt, sie sei intersexuell gewesen. Nach Jahrhunderten ist aber kaum noch zu überprüfen, was daran Tatsachen und was bloß Gerüchte waren.

 

Die ehemalige Königin reiste weiterhin kreuz und quer durch Europa. Als festen Wohnsitz wählte sie Rom, wo sie in ihrem Palast eine Akademie einrichtete. Auch gründete sie ein Theater, in dem viele berühmte Schauspielerinnen, Schauspieler, Sängerinnen und Sänger auftraten. Christina nutzte ihre Zeit, um sich intensiv mit vielfältigen Themen der Wissenschaft und der Kunst zu beschäftigen. Sie starb am 19. April 1689 in Rom, und der Papst ordnete an, sie im Petersdom beizusetzen. Sie hinterließ beträchtliche Schulden, zu deren Begleichung ihre wertvolle Bibliothek und jene Gemälde veräußert wurden, soweit sie sie noch nicht selbst verkauft hatte.

 

Das bewegte Leben der Königin bot Anlass für ein Drama (von August Strindberg), eine Oper, mehrere Filme (einen davon mit Greta Garbo in der Hauptrolle) und diverse Bücher. In Köln wurde 2002 die „Königin-Christine-Gesellschaft“ (Link)  gegründet. Verehrer royaler Familien seien hier aber schon einmal darauf hingewiesen, dass die Gesellschaft die Forschung zu schwul-lesbischen Themen und die Vermittlung der Ergebnisse voranbringen möchte. Und es kann kein Zweifel bestehen, dass Christina heute an der Spitze einer Christopher Street Day Parade zu finden wäre.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann