Alfred Nobel und die Erfindung des Dynamits in Krümmel

 

Selten gingen von Hamburg weltbewegende Veränderungen aus. 1866 war ein solches Jahr – und das Ergebnis war zumindest ambivalent. Der schwedische Erfinder und Industrielle Alfred Nobel, geboren 1833, entwickelte in Krümmel, wenige Kilometer vom damaligen Dorf Geesthacht entfernt, den Sprengstoff Dynamit. Sein Unternehmen mit Sitz in Hamburg hatte nicht die Erlaubnis erhalten, auf hanseatischem Gebiet mit Nitroglycerin zu experimentieren. Dieser Sprengstoff war 1847 von dem italienischen Erfinder Ascanio Sobrero entwickelt worden. Er besaß eine große Sprengkraft, aber den gravierenden Nachteil, dass die Flüssigkeit schon bei leichten Erschütterungen explodierte.

 

Alfred Nobel wollte einen Stoff entwickeln, der explosiv, aber sicher zu transportieren und zu handhaben sein sollte. Es war ein mühsamer Weg, denn seine erste Fabrik in Schweden wurde 1864 durch eine Explosion zerstört. Alfred Nobel durfte seine gefährlichen Arbeiten deshalb nicht in seiner Heimat fortsetzen und wanderte nach Hamburg aus. Aber auch dort wusste man natürlich, wie gefährlich Nitroglycerin war und welche Risiken mit Nobels Forschungen und Experimenten verbunden waren. Er durfte deshalb keine Fabrik in den hamburgischen Ortschaften Bergedorf oder Geesthacht aufbauen.

 

Aber von der Regierung des Herzogtums Lauenburg erhielt er 1865 die begehrte Genehmigung und errichtete seine Labors und Fabrikationsanlagen in Krümmel, einem dünn besiedelten Gebiet knapp jenseits der Hamburger Landesgrenze. Sein Unternehmen behielt aber seinen Sitz in Hamburg.

 

Eine explosive Erfindung und der Weg zur „Pulverkammer Deutschlands“

 

In Krümmel kam es immer wieder zu Unfällen, die auch im benachbarten Geesthacht große Besorgnis auslösten. Nachdem gleich einen Monat nach Aufnahme der Arbeiten eine Anlage explodiert war, verlegte Nobel seine Experimente auf ein Floß in der Elbe. Nach etlichen vergeblichen Versuchen fanden Alfred Nobel und seine Mitarbeiter heraus, was dem flüssigen Nitroglycerin beigefügt werden musste, um den Sprengstoff sicher transportieren und in Patronen stopfen zu können: Kieselgur und Natriumkarbonat. Benannt wurde der neue Sprengstoff nach dem griechischen Wort für Kraft „dynamis“. Dynamit wurde binnen kürzester Zeit weltweit zum bevorzugten Sprengstoff.

 

Die Dynamitproduktion schuf Hunderte Arbeitsplätze in Krümmel. Die Fabrik wurde damit zum Ausgangspunkt für die Industrialisierung des Bergedorfer Raums. Selbst diverse Unfälle mit insgesamt über 100 Toten konnten die Ausweitung der Dynamitproduktion nicht stoppen.

 

Die Fabrikanlagen der „Pulverkammer Deutschlands“ wurden vorsichtshalber auf ein insgesamt 42 Hektar großes Gelände verteilt und die einzelnen Gebäude mit Erdwällen umgeben, um die Schäden durch Explosionen zu begrenzen und eine Kettenreaktion zu verhindern. Über den Hamburger Hafen wurde bald Dynamit in alle Welt exportiert. Alfred Nobels Erfindung war so erfolgreich, dass er bald ein Wirtschaftsimperium mit weltweit 90 Fabriken aufbauen konnte. Das Werk in Krümmel blieb aber seine wichtigste Produktionsstätte.

 

Frieden schaffen mit Dynamit?

 

Alfred Nobel sah im Dynamit ein ideales Mittel für Sprengungen im Bergbau oder beim Bau von Eisenbahntunneln. Der Erfinder war mit der Friedensaktivistin Bertha von Suttner befreundet und schrieb ihr: „Vielleicht werden meine Fabriken den Krieg eher beenden als Ihre Kongresse. Denn wenn sich zwei Armeen eines Tages in einer Sekunde gegenseitig auslöschen können, werden alle zivilisierten Nationen ihre Truppen sofort zurückziehen.“

 

Im Alter kamen dem schwedischen Fabrikanten Zweifel an einer friedensfördernden Wirkung des Dynamits. Vor allem Anarchisten verübten in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts Hunderte Attentate mithilfe des neuen Sprengstoffs. Auch beruhten immer mehr neue Waffensysteme auf Dynamit – und diese Waffen wurden rasch in den ersten regionalen Kriegen eingesetzt.

 

Ein makabrer Vorfall bedeutete endgültig das Ende von Alfred Nobels naiven Vorstellungen von seiner Rolle als Friedensförderer mithilfe von Dynamit. Die französische Tageszeitung „Le Figaro“ meldete am 15. April 1888 irrtümlich den Tod Alfred Nobels und gab dem Nachruf den Titel „Der Händler des Todes ist gestorben“.

 

Alfred Nobel war schockiert. So wollte er nicht in die Geschichtsbücher eingehen, und daher änderte er seine Einstellung und sein Verhalten. Er nahm inkognito an Friedenskongressen teil und brachte den größten Teil seines Vermögens in eine Stiftung ein, die bis heute die Nobelpreise (Link) vergibt. Aber seine Erfindung konnte Alfred Nobel nicht mehr rückgängig machen, und so könnte er gerade in Hamburg dazu mahnen, sich schon vor Beginn brisanter Forschungsarbeiten bewusst zu werden, welche Wirkungen erfolgreiche Forschungsarbeiten haben können.

 

Alfred Nobel starb 1896, erlebte also nicht mehr mit, wie das Dynamit zur fürchterlichen Grundlage der mörderischen Schlachten des Ersten Weltkriegs wurde. Während dieses Krieges wurden die Fabrikanlagen in Krümmel noch einmal stark erweitert. Auch der Zweite Weltkrieg bedeutete für Krümmel eine starke Ausweitung der Nachfrage, für deren Befriedigung Tausende Zwangsarbeiter eingesetzt wurden und viele von ihnen ums Leben kamen. Die Fabrikanlagen in Krümmel wurden 1948 von den Alliierten zum größten Teil dem Erdboden gleichgemacht. An dieser Stelle entstand in den 1980er Jahren das Kernkraftwerk Krümmel.

 

In Geestacht wurde eine Gemeinschaftsschule nach Alfred Nobel benannt. Ebenfalls in Geestacht setzt sich eine Initiative für den Aufbau eines Industriemuseums ein, in dem der Erfinder des Dynamits eine wichtige Rolle einnehmen soll. Auf der Website des Förderkreises Industriemuseum Geestacht sind bereits viele Informationen über Nobel zusammengestellt. Auch im Geestachtmuseum wird die Bedeutung Nobels für die Entwicklung der Stadt dargestellt.

 

Zu den sichtbaren Spuren der Produktionsanlagen Nobels gehört ein Wasserturm, der sich heute auf dem Gelände des Atomkraftwerkes Krümmelbefindet. Es sind auch noch Fabrikgebäude aus der Zeit nach Alfred Nobel zu entdecken. Der Förderkreis Industriemuseum Geestacht bietet Rundgänge auf dem früheren Fabrikgelände an.

 

In Hamburg wohnte und arbeitete er in verschiedenen Häusern. Einige Zeit residierte er im vornehmen Hotel de L'Europe an der Binnenalster, von dem die Hamburger Kunsthalle einen Stahlstich besitzt.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann