„… on the banks of Sacramento“ – Hamburg und der Goldrausch in Kalifornien

 

Der 24. Januar 1848 veränderte die Welt. In Kalifornien, das die USA dem Nachbarn Mexiko kurz vorher in einem Krieg abgenommen hatten, wurde Gold gefunden. Binnen weniger Wochen wusste die Welt, dass es am Sacramento unermessliche Mengen Goldes gab. Mehrere Hunderttausend Menschen machten sich per Schiff, Pferd oder Planwagen auf den Weg nach Kalifornien. Verlassene Schiffe vor San Francisco zeugten davon, dass die Matrosen direkt nach der Ankunft von Bord gegangen waren und sich auf den Weg zu den Goldfeldern gemacht hatten, um dort ihr Glück zu suchen.

 

Zu den Goldsuchern gehörte der Hamburger Schriftsteller Friedrich Gerstäcker, der auf ausgedehnten Reisen den amerikanischen Kontinent erkundet hatte und sich 1849 von Südamerika auf den Weg nach Kalifornien machte, nur um festzustellen, dass es mühsam geworden war, noch Gold zu finden. Er schrieb: „Mit den Goldminen ist es Essig, und wenn auch Einzelne ihr Glück machen, muss die Mehrzahl doch nachsehen, wie die Wenigen, die das große Los gezogen haben, mit ihrer Beute abziehen.“ Friedrich Gerstäcker zog ohne den erhofften Reichtum ab, aber immerhin mit dem Stoff für zwei Bücher.

 

Der Goldrausch dauerte nicht einmal ein Jahrzehnt, aber der wirtschaftliche Aufstieg Kaliforniens wäre ohne den Boom in dieser Form nicht möglich gewesen. So wuchs die Bevölkerung von San Francisco von Anfang 1848 bis Ende 1849 von 1.000 auf 25 000. Und bald nahmen Industrielle den Goldabbau und trugen zum weiteren ökonomischen Aufstieg Kaliforniens bei.

 

Von Hamburg zum großen Glück?

 

Die Auswanderung von Hamburg nach Kalifornien wurde dadurch verstärkt, dass viele politisch engagierte Menschen ihre deutsche Heimat verlassen wollten, nachdem der demokratische Aufbruch 1848 gescheitert war. Nun ging es per Schiff nach New York und von dort aus 5.000 Kilometer durch den amerikanischen Kontinent bis nach Kalifornien.

 

Aus Hamburg kamen nicht nur politisch Enttäuschte, Verarmte und Abenteurer an den Pazifik, sondern auch die hanseatischen Kaufleute zeigten Interesse an dem „Goldrausch“. Die Überseehändler machten sich rasch klar, dass in dem brutalen Kampf um das Gold kein Geschäft zu machen war. Aber wo so viele Menschen ohne viel Hab und Gut hinzogen, von denen manche zumindest vorübergehend zu Gold und Geld gekommen war, da ließen sich gut Waren aller Art verkaufen. So gehörte Hamburg zu den ersten Staaten, die in San Francisco ein Konsulat errichteten und Handelsbeziehungen aufnahmen.

 

Hamburger Schiffe liefen regelmäßig den Hafen an und Handelshäuser wie Godeffroy bauten Niederlassungen in Kalifornien auf. Daneben zog es auch manche Hamburger Kaufleute nach Kalifornien, denen daheim die Schulden über den Kopf gewachsen waren und die sich vor ihren Gläubigern in Sicherheit bringen mussten. Aber sie waren die Minderheit und scheiterten mit ihren Geschäften meist auch im fernen Amerika.

 

Wie Hamburg vom "Goldrausch" profitierte

 

Die lukrativen Geschäfte machten die Handelshäuser‘, die gründlich den Markt für Nägel, Kochtöpfe und Hüte studierten und dann die entsprechenden Waren aus Deutschland liefern ließen. Das Problem bestand aber darin, dass es Monate dauerte, bis die Nachricht über den Bedarf in Hamburg anlangte und die Ware dann um Kap Hoorn in Kalifornien ankam. Bis dahin hatten häufig schon andere Händler diese Waren geliefert, und es gab nun ein Überangebot. So konnte der Handel mit Kalifornien zu einer Lotterie werden.

 

Der Versuch, die heimischen Ladenhüter gegen teures Geld in Kalifornien an den Mann zu bringen, funktionierte ohnehin nur in den allerersten Monaten des Booms, als es an allem mangelte. Ein eiserner Pavillon, in dem in Hamburg ein nicht florierendes Lokal untergebracht war, und der demontiert nach Kalifornien transportiert und dort zu einem guten Preis verkauft werden konnte, blieb die Ausnahme.

 

Der Goldrausch in Kalifornien trug trotzdem erheblich zur Belebung der Hamburger Wirtschaft bei. Von Zuckersiedereien bis zu Schiffswerften profitierten viele Unternehmen von den Geschäften mit dem fernen Kalifornien. Von hanseatischen Möbeln bis zu westfälischen Schinken wurde alles verschifft, was Gewinn versprach. Allein im Jahre 1850 trafen achtzig Handelsschiffe aus Hamburg, Harburg und Altona in Kalifornien ein. Vor allem die internationalen Händler und die Unternehmer in Kalifornien selbst wurden reich, während die Abenteurer, die in den Flüssen oder Bergen nach Gold suchten, ihren neuen Reichtum so rasch wieder verloren, wie sie ihn gewonnen hatten. Deshalb wurde San Francisco am Pazifik und nicht das Gebiet am Sacramento zum wirtschaftlichen Zentrum der Region.

 

Eine „Hamburger Bäckerei“ zeugte von den engen Wirtschaftsverbindungen

 

In San Francisco zeugten Theater, Schulen und Bibliotheken vom neuen Wohlstand. Kaufmannsfamilien aus Hamburg und anderen deutschen Städten, die sich in Kalifornien niedergelassen hatten, ermöglichten den Bau eines deutschen Krankenhauses, die Herausgabe von deutschsprachigen Zeitungen sowie Theateraufführungen in deutscher Sprache. Eine „Hamburger Bäckerei“ sorgte täglich für frische Rundstücke, Schwarzbrot und Franzbrote. Je mehr lokale Wirtschaftsunternehmen entstanden, desto geringer wurde allerdings auch das Interesse an den durch den Transport um die halbe Welt teuren Waren aus Hamburg. Deshalb schlossen viele Handelshäuser ihre Niederlassungen in Kalifornien wieder und konzentrierten sich auf Geschäften mit anderen Teilen der Welt.

 

Der Goldrausch in Kalifornien wurde zum Stoff für literarische Werke und Theaterstücke. So ist überliefert, dass das Stück „Die Reise eines Capitalisten nach Californien“ auf St. Pauli mit großem Erfolg aufgeführt wurde. Was machte es da, dass der Stückeschreiber Kalifornien nie gesehen hatte. Wie die großen Kaufleute der damaligen Zeit hatte er gelernt, dass nicht auf den schwankenden Planken eines Seglers die großen Geschäfte gemacht wurden, sondern im heimischen Kontor oder auf heimischen Theaterbrettern. An die Zeit des Goldrausches in Kalifornien erinnert heute noch das alte Seemannslied von einem Hamburger Viermaster und vom Gold am Sacramento: „Blow boys, blow for Californio, there is plenty of gold, so I am told“.

 

In der Kaistraße in Altona steht das Auswandererdenkmal der kroatischen Künstlerin Ljubici Malulec. Es hält die Erinnerung wach, dass etwa fünf Millionen Menschen über den Hamburger Hafen in die USA ausgewandert sind. Mitte des19. Jahrhunderts waren darunter viele, die darauf hofften, mit kalifornischem Gold reich zu werden.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann