Walfang vor Spitzbergen und im Nordmeer

 

Dass die Wikinger schon lange vor Kolumbus in Amerika angekommen waren, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist, dass auch die Basken schon 1372 auf der Jagd nach dem Wal in Neufundland landeten. Zwei Jahrhunderte später wurden schon dreihundert Walfangschiffe vor der Küste Neufundlands gezählt. Die Beteiligung Hamburgs an der Verfolgung der riesigen Säugetiere begann im Jahr 1644, nachdem der Reeder Johann Been vom dänischen König das Privileg des Walfangs und des Auskochens von Tran erhalten hatte. Die Hamburger Walfangschiffe waren vor allem im Gebiet um Spitzbergen zu finden, wo eine Bucht mit dem Hamburger Stützpunkt den Namen „Hamburg Bai“ erhielt. Da man damals irrtümlich annahm, Spitzbergen sei ein Teil Grönlands, wurden die mutigen Seeleute Grönlandfahrer genannt.

 

Eine Jagd mit vielen Gefahren

 

Der Walfang bedurfte damals großen Mutes, großer Kraft und nicht zuletzt viel Geduld. Wenn eine Fontäne entdeckt war, ruderten kleine Boote in die Nähe und beim erneuten Auftauchen des Wals versuchte der Harpunierer, ihm eine primitive Harpune in den Bauch zu schießen, die an einem Seil befestigt war. Dann galt es, den Wal so lange zu verfolgen, bis er ermüdet war und mit Lanzen getötet werden konnte. Ein Flossenschlag der gewaltigen, etwa 18 Meter langen Tiere reichte allerdings schon aus, um ein Boot zu zertrümmern. Das machte Walfang sehr risikoreich.

 

Vor allem aber führte der Mangel an frischen Nahrungsmitteln häufig zu Skorbut, die tödliche Berufskrankheit damaliger Seeleute. Wer all diese Gefahren gut überstand, konnte zu einem kleinen Vermögen kommen, wenn er Kapitän („Commandeur“) war oder eine andere hervorgehobene Position wie Harpunierer hatte und am Gewinn beteiligt wurde. Die einfachen Matrosen erhielten eine bescheidenere Heuer. Oft war es die wirtschaftliche Not in der Heimat, die sie dazu veranlasste, jedes Jahr neu an Bord eines Walfangschiffes zu gehen und nur selten die Abenteuerlust. Spätestens vor der zweiten Reise wussten sie, dass sie an Bord vor allem Langeweile erwartete. Es konnte Wochen oder auch schon einmal Monate dauern, bis ein Wal gesichtet und getötet wurde. Dazu kam die Hin- und Rückreise ins Fanggebiet, die sich jeweils deutlich über einen Monat hinziehen konnte.

 

Ein lukratives Geschäft für Reeder und Anteilseigner

 

Nach einem Jahrzehnt war die Hamburger Walfangflotte auf dreißig Schiffe angewachsen und zwei Jahrzehnte später waren es dreiundachtzig. Der Walfang im Nordatlantik wurde zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige in Hamburg. Wer etwas Geld erübrigen konnte, kaufte einen Anteil an einer der Walfang-Reedereien. Allein an Bord der Altonaer Walfangflotte waren zeitweise etwa achthundert Seeleute beschäftigt.

 

Unter den Altonaer Reedern waren viele aus Holland eingewanderte Mennoniten. Sie setzten 1575 fünf Prozent ihres Jahresgewinnes aus dem Walfang ein, um an der Kleinen Freiheit in St. Pauli eine Holzkirche errichten zu lassen. Das Gebiet gehörte zu dem dänisch regierten Altona, wo es mehr große und kleine Freiheiten gab als im benachbarten Hamburg. Die stattliche Kirche existiert heute nicht mehr, aber in der 1915 errichteten neuen Mennonitenkirche https://mennoniten-hamburg.de/geschichte-der-gemeinde/ in der Mennonitenstraße in Altona befinden sich noch Bildnisse der Prediger der alten Kirche.

Harburger Schiffe für die Grönlandfahrt

 

 

Pech für Hamburg war, dass es auswärtigen Schiffbaumeistern nicht erlaubte, Werften in Hamburg zu betreiben. So ließ sich 1706 der aus einer holländischen Familie stammende Lucas Kramer in Harburg nieder und baute am Reiherstieg in Wilhelmsburg-Harburg eine moderne Werft zum Bau von etwa 300 BRT großen Walfangschiffe für die Grönlandfahrt auf. Bald erweiterte er seine Geschäftstätigkeit um eine Walfangreederei, und diese Reederei wurde so erfolgreich, dass die jedes Jahr fertiggestellten drei bis vier Neubauten der Werft direkt von der Reederei übernommen werden konnten.

 

 

Lucas Kramers Schwiegersohn Berend Roosen, ebenfalls aus einer holländischen Familie stammend, vergrößerte das Unternehmen weiter, sodass Werft und Reederei bald zu den wichtigsten Arbeitgebern in Harburg gehörten. In Hamburg wurde derweil diskutiert, ob die alte Zunftordnung und die Behinderung ausländischer Investoren noch zeitgemäß waren.

 

 

Als die Wale fast ausgerottet wurden

 

Vor allem der Tran war sehr gefragt. Um ihn zu gewinnen, wurde der Speck der Wale zunächst auf Spitzbergen ausgekocht. Als die Fanggebiete sich immer stärker ins Nordmeer verlagerten, blieb der Speck an Bord und wurde in Tranbrennereien in Hamburg oder Altona ausgekocht. Tran diente vor allem als Lichtquelle. Auch mit Walknochen ließen sich gute Geschäfte machen. Aus dem „Fischbein“, den Barten im Maul des Wals, wurden u. a. Korsettstangen, Knöpfe, Koffer und Kämme gefertigt.

 

Die Raubzüge der Walfänger aus vielen Ländern führten allerdings bald dazu, dass die Zahl der Wale drastisch zurückging. Die rücksichtslose Vernichtung der Tierwelt rächt sich bald, das war eine Erfahrung der Grönlandfahrer, die rasch wieder vergessen wurde. Um Wale zu erlegen, musste das Jagdgebiet auf das ganze Nordmeer ausgedehnt werden, wobei viele Schiffe im Eismeer von Packeis eingeschlossen und von den Naturgewalten zerdrückt wurden. Hinzu kam die Bedrohung durch Seeräuber, sodass Hamburg sich entschloss, die Walfangflotte von mit vielen Kanonen bestückten Kriegsschiffen begleiten zu lassen. Modelle dieser „Konvoischiffe“, die auch Handelsflotten nach Spanien segelten, sind im Museum für hamburgische Geschichte zu sehen.

 

Mit diesen Konvoischiffen wurde auf Hamburger Schiffen auch erstmals die Aufgabe eines Schiffspredigers geschaffen, damals „Trostsprecher“ genannt. Einer dieser Prediger war Pastor Johann Hientzke, der den vergoldeten Abendmahlskelch seines Konvoischiffes mit in seine nächste Kirchengemeinde an Land nehmen konnte, an die St. Nikolaikirche in Billwerder. Neben dieser Kirche befand sich früher ein „Wahlfängergrab“.

 

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam der Walfang im Nordatlantik praktisch zu einem Ende, weil nur noch wenige Wale den Fangschiffen entgangen waren. 1861 kehrte das letzte Fangschiff aus dem Nordmeer zurück, nach etwa 6.000 Fahrten ging eine Ära zu Ende. Richtig gefreut haben dürften sich darüber vor allem die Nachbarn der Hamburger Tranbrennereien am Hamburger Berg in St. Pauli, die sich wiederholt über den bestialischen Gestank beschwert hatten, der bei der Trangewinnung entstand.

 

Parallel zum Verschwinden der Wale sank der Bedarf an Tran und anderen Produkten aus dem Wal drastisch. So ersetzte die deutlich hellere Petroleumlampe die Tranlampe. Wer diesen Wandel verschlief, musste sich als „Tranfunzel“ verspotten lassen. Auch als Schmiermittel war Tran nicht mehr gefragt.

 

An die große Zeit des Walfangs erinnern verschiedene Gemälde und Schiffsmodelle im Museum für hamburgische Geschichte, im Altonaer Museum und im Internationalen Maritimen Museum. Das Zoologische Museum am Martin-Luther-King-Platz stellt die gewaltigen Knochen eines Wals aus, während das Museum für Kunst und Gewerbe ein Kleinod besitzt, eine Fayance-Deckeldose mit Bildern vom Walfang. Das Schulterblatt eines Wals war übrigens das Prunkstück eines Lokals an der Grenze von Hamburg und Altona. So ist die Straße Schulterblatt zu ihrem Namen gekommen. Das Schild ist heute im Museum für hamburgische Geschichte ausgestellt. Empfehlenswert zur vertieften Beschäftigung mit dem Thema ist das Buch „die Jagd auf den Wal, Schleswig-Holsteins und Hamburgs Grönlandfahrer“ von Joachim Münzing, das vergriffen, aber antiquarisch noch erhältlich ist.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann