Geschäfte mit „Kolonialwaren“ und Branntwein

 

Die „Entdeckung“ Amerikas und des Seewegs nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung führte zu einer Verlagerung der Handelsströme in Europa nach Westen und Süden. Die Ostseestädte verloren rasch an Bedeutung im internationalen Handel, während die Handelsstädte Spaniens, Portugals, Hollands und Englands aufblühten. Auch Hamburg profitierte vom 18. Jahrhunderts an von den Verschiebungen der internationalen Handelsbeziehungen. Hamburgs Nachteil bestand zunächst darin, keine eigenen Einflussgebiete oder Kolonien zu besitzen und außerdem die eigenen Schiffe in den meisten Seegebieten nicht gegen Übergriffe von Piraten oder Angriffe fremder Mächte schützen zu können.

 

Unverzichtbar: jüdische Portugiesen, die als Flüchtlinge kamen

 

Dafür gelang es den Reedern und Kaufleuten der Stadt aber, preisgünstig „Kolonialwaren“ in den spanischen, portugiesischen, niederländischen, britischen und französischen Häfen zu erwerben, nach Hamburg zu holen und mit Gewinn ins deutsche Binnenland sowie nach Ost- und Nordeuropa weiterzuverkaufen.

 

Die Zwischenhandelsrolle Hamburgs wäre kaum möglich gewesen ohne die portugiesischen und spanischen Juden, die von 1575 an auf der Flucht vor der Inquisition in Spanien und Portugal nach Hamburg kamen. Um nicht gleich wieder aus der Stadt ausgewiesen zu werden, hatten sie zunächst behauptet, Katholiken zu sein. Als bekannt wurde, dass sie ihren jüdischen Glauben weiter praktizierten, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Kirche und städtischer Obrigkeit. Letztere hatte nämlich erkannt, welche Impulse für die Wirtschaft der Stadt von den zugewanderten Juden ausgingen und wollte sie deshalb nicht ausweisen. Gegen Zahlung von beträchtlichen Abgaben erhielten die Juden schließlich sogar das Recht, eigene Betstuben einzurichten. Hamburg wurde mithilfe ihrer Handelshäuser zum Zentrum des Überseehandels in Nordeuropa. Außerdem wurde die Bedeutung der Stadt im internationalen Bank- und Kreditgeschäft gestärkt.

 

Die Reformation macht Hamburg fit als internationales Wirtschaftszentrum

 

Die Reformation trug ebenfalls zu diesem Wirtschaftsaufschwung bei, weil der große Landbesitz der Kirche in den engen Mauern der Stadt Hamburg stark verkleinert wurde und neue wirtschaftliche Aktivitäten entstehen konnten. Auch förderte der protestantische Geist der Freiheit und Eigenständigkeit das Entstehen von Handels- und Produktionsunternehmen. Die fest gefügte Ständegesellschaft fand ein Ende. Die kirchliche Erneuerung löste auch einen gesellschaftlichen Aufbruch aus. Anlässlich der 450-Jahr-Feiern der Reformation in Hamburg hat Bischof Wölber dies 1979 so ausgedrückt: „Es geht um den Aufstieg ins Vertrauen. Plötzlich war damals auch die Kirche nicht mehr eng, penetrant gesetzlich und bedrückend. Sie wurde wieder weit - und das Leben auch! So wurde Begnadung empfangen, und es bedeutete zugleich den uneingeschränkten und entschlossenen Mut zu einem Neuanfang.“

 

Eine Konsequenz der Reformation in Hamburg war, dass die Bürger, jedenfalls die wohlhabenden Bürger, erstmals ein größeres Mitspracherecht in politischen Fragen erhielten. So entstanden eine städtische politische Kultur und ein selbstbewusstes Bürgertum, das auch wirtschaftlich zum dynamischen Faktor wurde. Von den Reformatoren gegründete Bildungseinrichtungen wie das Johanneum schufen die geistige Grundlage für den weiteren ökonomischen Aufstieg der Stadt.

 

Die iberische Halbinsel dagegen verlor mit den vertriebenen Juden den wirtschaftlich dynamischen Teil der Bevölkerung. Diese Juden hatten den Kern einer sich langsam entwickelnden bürgerlichen Schicht in Spanien gebildet und wurden eben gerade deshalb von den traditionell Mächtigen vertrieben, dem staatstragenden Adel. Statt in neue Wirtschaftsaktivitäten wurden die Gewinne aus der Ausbeutung Lateinamerikas in das Luxusleben des Adels investiert.

 

So ist zu erklären, dass Spanien und Portugal immer stärker auf die Zulieferungen der Manufakturen und später der Industriebetriebe in anderen Teilen Europas angewiesen waren und rasch an wirtschaftlicher Bedeutung in Europa verloren. Viele der Entdeckungsreisen wurden nun mit ausländischem Kapital finanziert. Spanien, das ganze Weltregionen kontrollierte, geriet seinerseits in die Abhängigkeit finanzkräftiger Kaufleute. Das spanische Imperium war im Grunde längst marode, bevor die Kriegsflotte des Landes vor der englischen Küste versank.

 

Profitabler Handel mit Kolonialmächten und ebenso mit unabhängig gewordenen Ländern

 

Ohne die Kosten und Risiken kolonialer Unternehmungen tragen zu müssen, wurden die wohlhabenden Hamburger Kaufleute von ihren Kontoren aus zu Hauptnutznießern der kolonialen Ausplünderung Amerikas, Afrikas und Asiens. Sie hatten dabei auch den Vorteil, mit den jeweils erfolgreichen Kolonialmächten bzw. mit den unabhängig gewordenen Ländern zusammenzuarbeiten. So wurde zum Beispiel der brasilianische Zucker zunächst in Lissabon gekauft, dann in Hamburg weiterverarbeitet und in Deutschland und den Nachbarländern verkauft. Ais Brasilien sich 1822 für unabhängig erklärte, nutzten die Hamburger Kaufleute die neue Situation sofort, um den Zucker nun direkt in Bahia an Bord zu nehmen.

 

Ähnlich verhielt man sich im Falle Frankreichs. Solange Frankreich Teile der Südstaaten der heutigen USA sowie viele karibische Inseln beherrschte, bezogen die Hamburger Kaufleute Kakao und andere amerikanische Produkte über südfranzösische Häfen. Als sich aber das Kriegsglück gegen Frankreich gewendet hatte, wurden diese Waren direkt aus Amerika importiert. In Kuba, wo die Spanier sich zunächst gegen die lateinamerikanischen Befreiungskräfte durchsetzen konnten, wurde der Handel mit der Kolonialmacht fortgesetzt und Kaffee und Zucker gegen Leinen und andere Fertigprodukte ausgetauscht.

 

Unter den lateinamerikanischen Ländern hatte Mexiko eine besondere Bedeutung für den Überseehandel Hamburgs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zwar wurde das Land von Bürgerkriegen erschüttert und die Geschäfte waren risikoreich, aber gerade das bewahrte einige wagemutige Hamburger Kaufleute vor der andernorts übermächtigen britischen Konkurrenz, die dank der industriellen Revolution in England damals sehr viel preiswertere und qualitativ höherwertige Waren wie Baumwollstoffe liefern konnte. Das Hamburger Warenangebot reichte von Nähnadeln bis zu Kronleuchtern. Da Kaufleute aus Hamburg das Recht hatten, sich in Mexiko niederzulassen und Groß- und Einzelhandelsgeschäfte zu eröffnen, war ein Absatz der Hamburger Waren gesichert.

 

Aus Mittelamerika und der Karibik wurden Rohprodukte wie Kakao und Zucker nach Hamburg geholt. Für Brasilien war Hamburg in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts der wichtigste zentraleuropäische Handelspartner. Mehr als ein Viertel aller Ausfuhren hatten Hamburg als Ziel.

 

Das Nordamerika-Geschäft wurde zunächst von Bremer Kaufleuten und Reedern beherrscht. Mit der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten öffnete sich für Hamburg ein lukrativer Markt. Der Handel mit Nordamerika verlief gänzlich anders als der übrige Überseehandel, da die USA bereits Mitte des 19. Jahrhunderts eine eigene Industrie aufbauten und über eine große eigene Handelsflotte verfügten.

 

Die US-amerikanischen Clipper mit ihren elegant-schlanken Schiffsrümpfen gehörten zu den schnellsten Segelschiffen ihrer Zeit und wurden von den Hamburger Reedern so bewundert, dass sie sie auf Hamburger Werften nachbauen ließen. Die USA und Kanada wurden von vornherein ais gleichberechtigte Handelspartner akzeptiert, während Südamerika für die Lieferung billiger Rohstoffe herhalten musste. Die herausragende Bedeutung des Handels mit den USA entwickelte sich schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nachdem 1827 ein Handelsabkommen geschlossen worden war, verfünffachte sich der Handelsaustausch in den dreißiger Jahren.

 

Deutsche Kolonien – ein attraktives Geschäftsfeld

 

Der Afrikahandel von Hamburg aus erlebte vor allem im 19. Jahrhundert einen großen Aufschwung. Handelshäuser wie Woermann errichteten nicht nur Handelsstationen in Hafenstädten, sondern legten auch große Plantagen an, wo u. a. Kakao wuchs. Als Tauschwaren wurden neben Gewehren auch große Mengen Branntwein nach Afrika gebracht, mit verheerenden Auswirkungen auf die dortigen Gesellschaften. Das wurde auch im Deutschen Reich heftig kritisiert.

 

Mit dem Erwerb großer Kolonien in West-, Süd- und Ostafrika im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde es den Handelshäusern möglich, viele Kosten – zum Beispiel für den Eisenbahnbau – dem Deutschen Reich, also den Steuerzahlern, zu überlassen und sich auf gewinnträchtige Aktivitäten zu beschränken.

 

Selbst kriegerische Auseinandersetzungen wie der Aufstand in Südwestafrika (heute Namibia) von 1904 bis 1908 eröffneten noch die Möglichkeit lukrativer Geschäften, in diesem Falle vor allem durch den Transport von Truppen und Material. All dies wird auf verschiedenen Seiten dieses Portals ausführlich dargestellt werden.

 

Das Gleiche gilt für Hamburgs Handelsbeziehungen zu fremden und eigenen Kolonien in Asien und vor allem Ozeanien. Eine ganze Reihe von Hamburger Handelshäusern und Reedereien spezialisierte sich auf asiatische Regionen wie Indien und China oder aber auf die deutschen Kolonien in Ozeanien. Letztere waren relativ klein, boten aber durchaus attraktive Geschäftsfelder. Es gibt also viele Spuren zu finden, Mosaiksteine auf dem Weg Hamburgs zur „Weltstadt“.

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann