Asbjørn Halvorsen: Norwegischer HSV-Spieler kommt ins KZ

 

Wutschnaubend verließ der „Führer“ das Stadion. Überraschend hatte die norwegische Fußballnationalmannschaft bei den Olympischen Spielen 1936 die deutschen Favoriten mit 2:0 besiegt. Wesentlich dazu beigetragen hatte der Trainer Asbjørn Halvorsen. Er war kein Unbekannter in Deutschland, denn „Assi“ Halvorsen hatte als Mittelläufer mit dem HSV 1923 und 1928 die Deutschen Meisterschaft gewonnen und ging als einer der erster ausländischer Stars in die deutsche Fußballgeschichte ein.

 

In Norwegen war er 1918 mit 20 Jahren in die Nationalmannschaft aufgenommen worden. Drei Jahre später zog er das HSV-Trikot an, weil er als Angestellter einer Schiffsmaklerfirma in die Hansestadt versetzt worden war. In 233 Spielen wurde er zu einem der erfolgreichsten und beliebtesten HSV-Spieler. Mittelstürmer „Tull“ Harder war nicht nur sein wichtigster Mitspieler, sondern auch ein guter Freund.

 

Nach dem Machtantritt der Nazis verließ Halvorsen im September 1933 Hamburg (so wie viele andere Ausländer). Zu seinem Abschied versammelten sich zahlreiche Freunde und Anhänger am Hauptbahnhof, auch „Tull“ Harder kam. Aber diese letzte Begegnung war nicht ungetrübt, denn Harder war inzwischen Mitglied der NSDAP und machte in der SS Karriere.

 

Der aufrechte Sportler wird zum Widerstandskämpfer

 

Halvorsen wurde in seiner Heimat Fußballtrainer und Funktionär des Fußballverbandes. Nach der deutschen Besetzung des Landes 1940 verhinderte er eine reibungslose „Gleichschaltung“ des norwegischen Fußballs. Bei einem Pokalendspiel hatte er den Mut, Reichkommissar Terboven den Zugang zur Ehrenloge zu verweigern. Sie war der königlichen Familie vorbehalten, und die war im Exil.

 

Als die Gestapo herausfand, dass Asbjørn Halvorsen an Widerstandszeitungen beteiligt war, wurde er im August 1942 verhaftet und in deutsche Konzentrationslager verschleppt. Letzte Station seines Leidensweges war das KZ Neuengamme, wo Harder noch kurz vorher zur Leitung gehört hatte, aber nun ein Außenlager befehligte.

 

Aus einem Bericht des schwedischen Roten Kreuzes erfahren wir über Halvorsen: „Der Mann, der sich im Frühjahr 1945 im Krankenlager des Konzentrationslagers befindet, ist mehr tot als lebendig. Er wiegt nicht mehr als 40 Kilogramm, leidet an Typhus, Pneumonie, Rheuma, Fieber und natürlich Unterernährung.“ Im April 1945 gelangte er mit einem Rote-Kreuz-Transport  mit einem "Weißen Bus" nach Schweden. Asbjørn Halvorsen überlebte auf diese Weise und stieg später zum Generalsekretär des norwegischen Fußballverbandes auf.

 

Wie in Hamburg die Vergangenheit „bewältigt“ wurde

 

Otto Harder wurde 1947 im Curiohaus-Prozess als Kriegsverbrecher zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er zeigte im Prozess keine Reue, wurde aber bereits 1951 vorzeitig entlassen. Bei seiner Rückkehr zum HSV feierte man ihn stürmisch, so als habe es seine Verbrechen nie gegeben. Noch 1974 pries man ihn in einer offiziellen Broschüre des WM-Austragungsortes Hamburg neben Uwe Seeler und Jupp Posipal als Vorbild für die Jugend. Erst einen Tag vor der Verteilung der Broschüre fiel der peinliche Fehler auf und die Seite wurde aus allen Exemplaren der Broschüre entfernt.

 

Ob sich Halvorsen und Harder in der Nachkriegszeit wiedergetroffen haben, ist nicht sicher. Die Fußballzeitschrift „11 Freunde“ hat Anfang 2015 in einem Beitrag über Halvorsen daran erinnert, dass er im November 1953 als Generalsekretär des Fußballverbandes seines Landes zu einem Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiel nach Hamburg kam. Die HSV-Funktionäre ließen sich mit ihm fotografieren, um den Eindruck zu erwecken, es habe eine Versöhnung gegeben.

 

Der DFB behauptete sogar, der Verband hätte sich für seine Entlassung aus dem KZ eingesetzt, wofür es aber keine Belege gibt. So wurde in den 50er Jahren die Vergangenheit „bewältigt“. Als Halvorsen dem DFB-Generalsekretär die Hand reichte, schrieb die Sportzeitschrift „Kicker“: „Das Geschehene war vergessen.“ Es sollte – wenige Jahre nach dem Krieg – ein „Schlussstrich“ gezogen werden, und dafür wurde ausgerechnet ein KZ-Opfer missbraucht.

 

Im Januar 1955 starb Asbjørn Halvorsen mit nur 56 Jahren an den Spätfolgen der KZ-Haft. Im HSV-Museum wird heute in einer Vitrine an Halvorsen und Harder als HSV-Spieler erinnert und es werden ihre sehr unterschiedlichen Lebenswege nach der gemeinsamen Zeit beim HSV gegenübergestellt. Über die Leiden der Häftlinge im KZ Neuengamme erinnert heute eine Gedenkstätte. Mehr über die Rettung vor allem skandinavischer KZ-Häftlinge in den letzten Kriegsmonaten finden Sie in einem Beitrag auf dieser Website.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann