Menschen in Hamburgs Geschichte, die Grenzen überschritten

 

Als Hafenstadt war Hamburg seit dem Mittelalter eine Stadt der Einwanderer, die Erfahrungen, Kenntnisse und einen weiten Horizont mitbrachten und zum Wohlergehen und wirtschaftlichen Erfolg der Stadt beitrugen. Und: Vor allem sie waren es, die den kulturellen und wissenschaftlichen Reichtum der Welt in ein Gemeinwesen trugen, das gar zu oft von geistiger Enge und Krämergeist bestimmt war. Man hat es den Zugewanderten oft nicht gedankt, dass sie „frischen Wind“ an die Elbe brachten, manche wurden wieder vertrieben, andere daran gehindert, ihren „fremden“ Glauben zu leben.

 

Oft mussten die Regierenden der Stadt rasch erkennen, welchen Schaden sie mit der Vertreibung der Fremden angerichtet hatten. Ganz gelegentlich kamen solche Einsichten nicht zu spät. So wurden die englischen „Merchant Adventurers“ zurückgeholt, als nicht mehr zu übersehen war, welche Rückschläge der Hamburger Handel ohne diese Kaufleute erlitt.

 

Nicht alle, die nach Hamburg kamen, taten dies freiwillig. Ein besonders düsteres Kapitel ist mit dem Konzentrationslager Neuengamme und seine viele Außenlager. Menschen aus allen vom Deutschen Reich besetzten Ländern wurden hierhin verschleppt, brutal misshandelt und ermordet. Auch Tausende Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden unter unmenschlichen Bedingungen in Hamburg ausgebeutet. Eine große Zahl von ihnen starb an Entkräftung oder durch Misshandlungen. Auch an sie soll mit Porträts erinnert werden.

 

Lang ist die Liste der Beiträge von Zugewanderten aus aller Welt, die bis heute das Stadtbild und das kulturelle Leben Hamburgs prägen. Das gilt auch für Künstlerinnen und Künstler, die nur für kurze Zeit in die Stadt kamen und doch wichtige Impulse für das kulturelle Leben hinterließen. Jenny Lind ist ein Beispiel dafür. Die grenzenlose Begeisterung für die „schwedische Nachtigall“ ging als erster Starkult in die Hamburger Musikgeschichte ein.

 

Nicht alle Leistungen von Zugewanderten können wir heute positiv bewerten. Das gilt zum Beispiel für die Geschäfte des englischen Kaufmanns John Parish, der von seiner Villa in Nienstedten aus im britischen Auftrag eine große Zahl von Soldaten in Kriegsgebiete transportierte. Sie waren von ihren deutschen Landesfürsten zwangsweise rekrutiert und anschließend zum Füllen der herrschaftlichen Geldschatuellen verkauft worden. Ein fast tragisches Schicksal hatte der schwedische Migrant Alfred Nobel, der in Krümmel am Rande Hamburgs den Sprengstoff Dynamit entwickelte. Er war überzeugt, dass er damit zum Frieden beitragen werde, weil alle Staaten angesichts der großen Vernichtungskraft des Dynamits auf Kriege verzichten würden. Schon zu Nobels Lebzeiten bewiesen die Regierungen der Welt das Gegenteil.

 

Von Hamburg hinaus in die Welt – und wieder zurück

 

Umgekehrt haben viele Hamburgerinnen und Hamburger die Enge der Stadt hinter sich gelassen, um in der Fremde ihr Glück zu suchen. Ein großer Teil von ihnen würde heute in die Kategorie Wirtschaftsflüchtlinge einsortiert, andere verließen aus politischen Gründen die Heimat.

 

Zunächst zogen die Migranten ausschließlich in andere europäische Länder, aber in den letzten Jahrhunderten auch in die entferntesten Regionen der Welt. So wurde ein Hamburger Kaufmann zum Herrscher über die Malwinen (heute Falklandinseln) und andere bauten Handelsbeziehungen zu südpazifischen Inseln auf.

 

Viele Tausend Hamburgerinnen und Hamburgern, aber auch Menschen aus anderen Teilen Osteuropas bestiegen in Hamburg Segel- oder Dampfschiffe, um nach Nordamerika oder Brasilien auszuwandern. Manche Auswanderer kehrten als gescheiterte Existenzen an die Elbe zurück, andere als Millionäre und wieder andere bauten in ihrer neuen Heimat lukrative Handelsbeziehungen zu Hamburger Handelshäusern auf.

 

Gewinn und Gewissen – Hamburger Kaufleute mit globalen Geschäftsverbindungen

 

Viele Hamburger Reeder und Kaufleute kamen zur Erkenntnis, dass die größten Gewinne nicht auf dem schwankenden Deck eines Seglers zu erzielen waren, sondern auf den Dielen eines heimischen Kontorhauses. Sie gingen in der Jugend für einige Jahre zu befreundeten Handelshäusern in England oder Holland, um hinfort von Hamburg oder Altona aus ihre Schifffahrts- und Handelsgeschäfte zu dirigieren. Auch mit Federkiel und ohne E-Mail ließen sich im 18. und 19. Jahrhundert global agierende Unternehmen aufbauen und leiten.

 

Wenn eine Entscheidung zwischen Gewinn und Gewissen zu treffen war, entschieden sich viele Reeder und Kaufleute für den Gewinn. Sie beteiligten sich am Sklavenhandel und an der Ausbeutung von Sklaven auf Zuckerrohrplantagen wie Heinrich Carl Schimmelmann, der binnen einiger Jahrzehnte zu einem der reichsten Männer Europas aufstieg.

 

Es gab auch andere „Exportartikel“, und die haben bis heute die Welt bereichert, indem sie kulturelle und religiöse Grenzen überschritten. Dazu gehören die Aufklärer wie Lessing und führende Vertreter des Reformjudentums, die beide von Hamburg und Altona aus weltweit Wirkung entfalteten.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann