Louis Vernet - ein Hamburger Kaufmann auf den Malwinen

 

„Mein ehrerbietiges Gesuch richte ich dahin, dass ew. Magnifizenzen Hoch- und Wohlweisheiten geruhen wollen, den Hamburgischen General-Consul bei der Königlich Großbritannischen Regierung und den Hamburgischen General-Consul bei den Vereinigten Staaten von Nordamerika geneigtest anzuweisen, mir auf mein desfallsiges an sie zu richtendes Anliegen sich namens eines Hochedlen und Hochweisen Senats bei den gedachten Regierungen für meine Reclamationen zu verwenden und dieselben thunlichst zu unterstützen.“

 

So steht es in alten Akten, die der Hamburger Historiker Jürgen Sielemann zum Fall des Louis Vernet einsehen konnte. Als Louis Vernet 1853 die Eingabe an den Hamburger Senat verfasste, hatte ihn sein Lebensweg bereits über den Nordatlantik, zurück in die Heimat und dann in den Südatlantik geführt. Nun war er wieder in seiner Heimatstadt, voller Erinnerungen an die Zeit, als er eine ganze Inselgruppe beherrschte und an den Wohlstand, der schnell wieder verloren gegangen war. Es blieb nur die vage Hoffnung auf eine Entschädigung.

 

Unter den Hamburgern, die auszogen, um in der Welt zu einem Vermögen zu kommen, nimmt Louis (oder Luis) Vernet eine Sonderstellung ein – und wurde unfreiwillig zu Lehrbeispiel dafür, dass es für Hamburger Kaufleute zwar nützlich war, im Ausland Erfahrungen zu sammeln, dass es danach aber galt, auf die Bretter, die von der Welt profitierten, zurückzukehren, auf die Bretter des heimischen Kontors.

 

Louis Vernet wurde 1791 als Sohn eines aus Frankreich eingewanderten hugenottischen Kaufmanns in Hamburg geboren. Wie damals üblich wurde er schon im Alter von 14 Jahren ins Ausland geschickt, um die Welt und die internationalen Geschäfte kennenzulernen. Er arbeitete acht Jahre lang in einem Handelshaus in Philadelphia (USA) und kehrte danach in seine Heimatstadt zurück. 1817 segelte er nach Argentinien, organisierte Schiffstransporte von dort nach Hamburg und gründete ein eigenes kleines Handelshaus.

 

In dem gerade erst unabhängig gewordenen Argentinien erlebte Vernet alle Höhen und Tiefen eines Kaufmannslebens, zuletzt an der Seite des pensionierten Offiziers Jorge Pacheco. Dieser hatte dem argentinischen Staat hohe Kredite gewährt, die aber nicht zurückgezahlt wurden. Er trat die Forderungen schließlich an Vernet ab, der mit der argentinischen Regierung die Vereinbarung treffen konnte, statt einer Rückzahlung der Kredite das Recht zu erhalten, die Islas Malvinas wirtschaftlich zu nutzen. Argentinien hatte 1820 in Nachfolge der früheren Kolonialmacht Spanien diese Inselgruppe in Besitz genommen.

 

Ein „Zankapfel“ im Südatlantik

 

Da hatten diese abgelegten Inseln schon eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Es bestanden bereits spanische, französische und britische Ansprüche auf die ursprünglich unbewohnten Inseln. Sie besaßen einen gewissen strategischen Wert, bildeten sie doch als eine der letzten Gelegenheiten zum Verproviantieren der Segelschiffe vor der gefährlichen Umrundung von Kap Hoorn. Außerdem nutzten Walfänger und Robbenjäger die Inseln als Stützpunkt auf der Jagd nach den begehrten Säugetieren. Auch Seeräuber schätzten die weitgehend „herrenlose“ Situation der Inseln.

 

Um die eigenen Ansprüche durchzusetzen und die Walfänger zu vertreiben, bediente sich die argentinische Regierung der Dienste des US-amerikanischen Seeräubers David Jewett, der aber im Januar 1820 mit seiner Fregatte in einen schweren Sturm geriet und erst nach einer Irrfahrt über den Atlantik die Inseln erreichte.

 

Mit seiner dezimierten Besatzung und dem schwer beschädigten Schiff war er nicht in der Lage, sich gegen die Besatzungen der etwa 50 Wal- und Robbenfangschiffe durchzusetzen, die in den natürlichen Häfen der Inselgruppe lagen. Die Fregatte war nicht einmal mehr seetüchtig, sodass der Seeräuber der Regierung in Buenos Aires ausrichten ließ, man möge ihn von den Inseln abholen.

 

Eine Siedlung auf der „Insel der Einsamkeit“

 

Da war ein Kaufmann willkommen, der die Inseln im argentinischen Auftrag besiedeln wollte. 1824 unternahm Louis Vernet einen ersten Versuch, eine kleine Siedlung auf den Malwinen aufzubauen, der aber an Versorgungsproblemen scheiterte. Schon nach einem halben Jahr kehrten Vernet und die anderen Siedler nach Buenos Aires zurück. Aber bereits im folgenden Jahr unternahm Vernet eine Reise zu den Inseln, um dort herrenloses Vieh einzufangen und zu schlachten.

 

1828 gelang es Louis Vernet, von der argentinischen Regierung eine Reihe von Privilegien zu erhalten, um auf den Malvinen eine Kolonie aufbauen zu können. So erhielt er die Fischereirechte in dem Gebiet um die Inseln sowie Steuerfreiheit für 20 Jahre. Daraufhin verließ er mit seiner Frau und einer kleinen Gruppe von Siedlern auf der „Betsy“ die argentinische Hauptstadt und landete auf der Insel Soledat, auf der Insel der Einsamkeit. Die argentinische Regierung, die ein großes Interesse an einer Besiedlung der Inseln zur Festigung ihrer Ansprüche hatte, entsprach 1829 dem Wunsch Vernets und machte die Malwinen zum Verwaltungsbezirk und ihn zum Inselkommandanten.

 

Unter beträchtlichem Kapital- und Arbeitsaufwand gelang es Vernet, auf den kalten und windigen Inseln im Südatlantik eine kleine Siedlung mit etwa 150 Einwohnern aufzubauen. Auch einige Hamburger Kaufleute stellten Geld für dieses Kolonisierungsvorhaben zur Verfügung. Die Kolonisten lebten vor allem davon, Schiffe auf dem Weg um das Kap Hoorn mit frischen Lebensmitteln zu versorgen und herrenlosen Viehs einzufangen und zu schlachten.

 

Im Rückblick schrieb Louis Vernet: „Das Unternehmen hatte mit unsäglichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Aber unerschütterlicher Muth und Ausdauer standen mir zur Seite, und nachdem im Laufe der ersten Jahre die größten Hindernisse beseitigt waren, fing die Colonie wirklich an aufzublühen.“

 

Hier, am Ende der Welt, konnten Louis Vernet und seine Frau sogar einen Außenposten europäischen Kulturlebens etablieren. 1831 besuchte ein britischer Marineoffizier die Insel und war zu Gast beim Inselkommandanten. Er berichtete von dessen sehr guter Bibliothek und notierte dann: „Bei Tisch war die Unterhaltung sehr lebhaft. Im Zimmer stand ein großes Klavier. Frau Vernet, eine Argentinierin, sang hervorragend einige Arien von Rossini. Wie seltsam klang das hier auf den Falklandinseln. Wo wir nur ein paar Robenfänger vorzufinden erwartet hatten.“

 

Großmachtinteressen zerstören einen Lebenstraum

 

Allerdings geriet das Werk Louis Vernets gerade durch seinen Erfolg in die Wirren der internationalen Politik. Zunächst kam er in Konflikt mit den USA, dessen Regierung die Auffassung vertrat, die Inselgruppe gehöre keinem einzelnen Land, sondern sei für alle offen. Diese Rechtsauffassung wurde eingenommen, um es den US-amerikanischen Robben- und Walfangschiffen zu ermöglichen, die natürlichen Häfen der Inselgruppe zu nutzen und in weitem Umkreis um die Inseln auf die Jagd zu gehen. Als Vernet 1831 gegen diese Walfänger vorging und ein Schiff festsetzte, entsandte die US-Regierung eine Korvette, die die Siedlung plünderte und verwüstete.

 

Als das Schiff dort eintraf, war Louis Vernet bereits nicht mehr auf den Inseln, sondern mit seiner Familie nach Buenos Aires zurückgekehrt. Die US-Regierung verlangte vergeblich seine Auslieferung durch Argentinien. Nach der Zerstörung der ersten Siedlung durch die Besatzung des US-Kriegsschiffes und der Rückkehr der Siedlerfamilien aufs Festland gelang es Vernet 1832, neue Siedler auf die Malwinen zu entsenden.

 

Aber in dieser Zeit erinnerte sich die englische Admiralität an die abgelegenen Inseln im Südatlantik und die schon länger bestehenden britischen Ansprüche. Das Kriegsschiff „Clio“ stach zur Durchsetzung dieser Ansprüche in See und erreichte Anfang 1833 die Inselgruppe. Die argentinische Flagge wurde eingeholt und die britische gehisst. Dann stach die „Clio“ wieder in See, ohne Soldaten auf den neu erworbenen Inseln zurückzulassen.

 

Charles Darwin studiert Flora und Fauna der Inselgruppe

 

Louis Vernet und seine Familie blieben in Buenos Aires. So verpasste er den Besuch des jungen Forschers Charles Darwin Anfang März 1833 an Bord des Expeditionsschiffes „Beagle“, das die britische Admiralität auf eine Reise rund um den Globus geschickt hatte, um Küsten und Seegebiete zu vermessen und zu kartografieren, eine Arbeit, die für britische Kriegs- und Handelsschiffe von großem Nutzen sein würde. Auf der Liste der zu erkundenden Inselgruppen standen auch die Falklandinseln, der britische Name für die Malwinen. Die Besatzung der „Beagle“ war allerdings überrascht, dass zwei Monate vorher die „Clio“ dort erschienen und die Inseln für Großbritannien in Besitz genommen hatte.

 

Charles Darwin nutzte den Aufenthalt, um die Flora und Fauna dieser weit vom Festland entfernten Inselgruppe zu studieren. Hier entwickelte er erste Überlegungen zu seiner Evolutionstheorie, die er dann bald darauf auf den Galapagosinseln vertiefte. Beeindruckt war Charles Darwin von seinem Studienobjekt im Südatlantik allerdings nicht, er sprach von den „elenden Inseln“. Trotzdem trägt ein Ort auf den Falklandinseln heute den Namen des berühmten Forschers.

 

Als das Chaos ausbrach

 

Zwar wurden zunächst die Eigentumsrechte Vernets von den neuen Kolonialherren respektiert, aber der wirtschaftliche Niedergang seines Unternehmens war nicht aufzuhalten, zumal er selbst nie mehr in seine Siedlung zurückkehrte. In dieser Situation der unklaren Herrschaftsverhältnisse kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen innerhalb der kleinen Kolonie. Dabei spielte eine wichtige Rolle, dass die argentinischen Gauchos, die Vernet zum Einfangen des Viehs auf den Inseln angestellt hatte, wegen ausbleibender Bezahlung einen Aufstand anzettelten.

 

Ein Opfer der Kämpfe war Matthew Brisbane, der zugleich Verwalter Vernets und britischer Repräsentant war. Von dem Mord erfuhr die Besatzung der „Beagle“, als das Schiff nach umfangreichen Vermessungsarbeiten an der südamerikanischen Küste 1834 erneut auf die Falklandinseln zurückkehrte, um anschließend um Kap Hoorn zu segeln.

 

Nach einem halben Jahr traf die Nachricht über die Geschehnisse auf den südatlantischen Inseln in England ein. Die britische Zeitung „Observer“ berichtete am 11. August 1834 nur in einer kurzen Meldung von dem Mordfall, sei es, weil man nicht mehr darüber wusste, oder sei es, dass ein Monate zurückliegender Mord auf einer weit entfernten Insel auf wenig Interesse stieß.

 

Aber es gibt eine andere Quelle über die damaligen Verhältnisse auf den Falklandinseln, Charles Darwin. Er berichtete beim zweiten Stopp der „Beagle“ kurz nach dem Mord von „verworrenen Schauplätzen von kaltblütigen Morden, Raub, Plünderungen, Leiden mit schändlichen Handlungen fast aller Personen“. Er machte sich dennoch mit zwei Gauchos auf eine Tour ins Inselinnere zur Erkundung der Flora und Fauna und war erleichtert, dass sie keinerlei Anstalten machten, ihn zu ermorden.

 

Vernet war nicht direkt für die chaotischen Verhältnisse verantwortlich, nicht einmal juristisch, denn er hatte nach seiner Rückkehr nach Buenos Aires auf das Amt des Inselkommandanten verzichtet. Aber sein Verhalten gegenüber den Bewohnern der Insel und insbesondere den Gauchos hatte wesentlich zu Chaos und Gewalt beigetragen. Die neuen britischen Herrscher sorgten für eine gewisse Beruhigung der Lage. Auch blieb Vernet weiter Eigentümer seines Unternehmens auf den Inseln, ohne allerdings Gewinne aus seinem dahinsiechenden Kolonisationsunternehmen ziehen zu können.

 

1838 gelangte der Vertreter der britischen Krone auf den Falklandinseln zur Auffassung, die Ansprüche Vernets würden nur auf Vereinbarungen mit der früher bestehenden aus britischer Sicht illegitimen argentinischen Verwaltung beruhen. Vernet wurde entschädigungslos enteignet. Er beging den Fehler, zu versuchen, seine Ansprüche über die argentinische Regierung durchsetzen zu wollen, die nach der englischen Besetzung der Inseln die denkbar schlechtesten Beziehungen zu London unterhielt.

 

Der Hamburger Senat legt das Anliegen Vernets „ad acta“

 

Als dieser Versuch, wie nicht anders zu erwarten, gescheitert war, besann Louis Vernet sich auf seine hamburgischen Ursprünge. Zwar hatte er das Bürgerrecht durch seine lange Abwesenheit verloren, aber da seine Familie noch in Hamburg lebte und außerdem einige Hamburger Kaufleute Geld in sein Kolonisationsprojekt gesteckt hatten, versuchte er doch, den Senat in einer Eingabe aufzufordern, sich bei den Regierungen der USA und Großbritanniens für seine Schadensersatzansprüche von 50 000 Pfund zu verwenden. Dafür erhob er den Anspruch, mehrfach während seines Engagements auf der Inselgruppe mit den Vertretern Großbritanniens in Kontakt gewesen und auch bereit gewesen zu sein, unter britischer Herrschaft zu arbeiten.

 

Der Senat befasste sich tatsächlich mit der Angelegenheit, konnte sich aber nicht zu förmlichen diplomatischen Vorstößen entschließen. Immerhin schickte Senator Dr. Merck im März 1853 Schreiben an die konsularischen Vertreter der Stadt in London und Baltimore, sich für die Anliegen des Louis Vernet einzusetzen. Die Bemühungen in London scheiterten schon deshalb, weil eine Anerkennung der Ansprüche Vernets bedeutet hätte, die britischen Ansprüche als legitime und uneingeschränkte Herrscher der Falklandinseln zu untergraben und den argentinischen Malwinen-Anspruch zu bestätigen. Der Hamburger Senat legte die Angelegenheit daraufhin „ad acta“ und dies „für immer“.

 

Louis Vernet erhielt schließlich 1858 eine bescheidene Entschädigung von nicht einmal 2.400 Pfund, nur ein Bruchteil seiner Forderungen. Er kehrte nach Buenos Aires zurück, wo er 1871 mittellos starb.

 

Mehr als ein Jahrhundert später, im Jahre 1982, führten die immer noch in Konkurrenz zueinander bestehenden Ansprüche Argentiniens und Großbritanniens auf die Inseln zu einem Krieg. Und da erinnerten sich die Argentinier an Louis Vernet, um ihre Ansprüche auf die Inseln zu begründen. Es wurden Tausende Poster von Vernet und seinem einheimischen Vertreter auf den Inseln, Antonio Rivero, gedruckt. Als Nationalhelden eigneten sich beide ob ihres wechselvollen Lebensweges allerdings nicht und die Sache hatte sich erst einmal erledigt, als der Krieg verloren war.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann