Heinrich Carl Schimmelmann - Finazgenie und Sklavenhändler

 

Kein Kaufmann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat so erfolgreich die Bereicherungsmöglichkeiten in Deutschland, Dänemark und Übersee genutzt wie Heinrich Carl Schimmelmann (1724-1782). Als Transportunternehmer, als Heereslieferant im Zweiten Schlesischen Krieg und als Anbieter von Zucker und Gewehren – vor allem aber als Sklavenhändler und Besitzer von Plantagen, auf denen Sklaven unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten.

 

Im Siebenjährigen Krieg gelang es Schimmelmann, der zunächst auf der Seite der sächsischen Herrscher gestanden hatte, das Vertrauen des preußischen Königs zu gewinnen und zum preußischen Geheimrat aufzusteigen. Er sorgte für die preußische Heeresverpflegung, was sich für ihn als äußerst profitabel erwies.

 

Der König von Preußen verkaufte Schimmelmann nach seinem Sieg 1757 die erbeuteten Lagerbestände der Meißner Manufaktur zu einem niedrigen Preis, wieder ein großes Geschäft für den Kaufmann. Schimmelmann war nun in Sachsen nicht mehr willkommen und ließ sich mit seiner Frau Caroline Tugendreich in Hamburg nieder. Dort verkaufte er zunächst den Inhalt von mindestens 110 Kisten Meißner Porzellan.

 

Mit seinem stark angewachsenen Kapital betrieb er schwer durchschaubare, aber sehr ertragreiche Währungsgeschäfte in ganz Europa, bei denen Falschmünzerei eine wichtige Rolle spielte. Er selbst trat bei diesen Geschäften nie in Erscheinung, sondern bediente sich Agenten. Dank solcher Geschäfte war es ihm 1759 möglich, das Gut Ahrensburg samt Schloss zu erwerben, ebenso das „Gottorper Palais“ nahe der Hamburger Michaeliskirche.

 

Dem dänischen Königshaus gelang es in Konkurrenz zu anderen Königreichen wie Preußen, das offenbar nicht von Skrupeln geplagte Finanzgenie Heinrich Carl Schimmelmann als Berater und Investor zu gewinnen, 1768 geehrt mit dem Titel des Schatzmeisters. Um die zerrütteten Staatsfinanzen Dänemarks zu sanieren, empfahl Schimmelmann neben einer Landreform zugunsten der Bauern (und damit zur Hebung der landwirtschaftlichen Produktion) den Verkauf staatlicher Güter und Fabriken.

 

Christian Degn schreibt in seinem 1974 erschienenen grundlegenden Werk „Die Schimmelmanns im atlantischen Dreieckshandel – Gewinn und Gewissen“ (dem auch dieser Beitrag viel verdankt): „Als ein Hauptgrund für Macht und Reichtum dieses Mannes, den man als idealtypischen Vertreter des vorindustriellen Kapitalismus bezeichnen kann, ist die kluge Kapitalanlage in produktiven und rentablen Betrieben, in Plantagen, Fabriken und Aktien zu nennen, und das in einer Zeit glänzender Konjunktur, wie sie das neutrale Dänemark erlebte. Vor allem waren es Kolonialhandel und Überseewirtschaft, aus denen Schimmelmann ebenso wie die großen Kaufleute und Unternehmer in England, Frankreich und Holland enorme Profite zu erzielen wusste. Das wichtigste ‚Produktionsmittel‘ aber waren – Sklaven.“

 

Sklavenarbeit auf Schimmelmanns karibischen Zuckerplantagen

 

Unter denen, die von der Privatisierungspolitik staatlichen Besitzes in Dänemark profitierten, nahm Schimmelmann selbst eine herausragende Rolle ein. So kaufte er die Gewehrfabrik und die größte Zuckerraffinerie des Landes. 1763 erwarb er vom dänischen König Plantagen auf der damals dänischen Karibikinsel St. Thomas und zwei Nachbarinseln. Ein Jahrhundert zuvor hatte Dänemark die damals menschenleere Insel St. Thomas in Besitz genommen, deren Hafen bald zu einem wichtigen Umschlagplatz für Sklaven wurde.

 

Es gelang den Dänen, ihrem kleinen Kolonialreich die benachbarten Inseln St. Jan und St. Croix hinzuzufügen. Gerade einmal 359 Quadratkilometer maßen die Inseln zusammen, annähernd die halbe Fläche des Stadtstaates Hamburg. Immerhin waren die Inseln groß genug, um hier Plantagen anzulegen, auf denen mit Sklavenarbeit Zuckerrohr angebaut und der dänischen Zuckerindustrie und dien Rumproduktion (vor allem in Flensburg) zu einer Blüte verholfen wurde.

 

Durch den Kauf der königlichen Plantagen auf St. Thomas, St. Jan und St. Croix sowie der Gewehrfabrik und der Zuckerraffinerie in Dänemark waren die Grundlagen für ein internationales Wirtschaftsimperium gelegt. Selbst besucht haben Schimmelmann und seine Erben die karibischen Plantagen übrigens nie.

 

Auf seinen westindischen Plantagen wurden etwa 1.000 Sklaven ausgebeutet, womit Schimmelmann zu den größten Sklavenhaltern der damaligen Zeit gehörte. Er kaufte sogar einige kleinere Plantagen hinzu, um seine Zuckerfabrik in Dänemark besser auslasten zukönnen. Allen Sklaven wurden die Buchstaben „BvS“ in die Haut eingebrannt, um sichtbar zu machen, dass sie Eigentum des Barons von Schimmelmann waren. Der Schatzmeister schrieb dem Generalgouverneur von St. Thomas, 1778 in einem Brief: „Der Sklavenhandel liegt mir sehr am Herzen …“ und bat ihn um dessen weitere Unterstützung. Um den Generalgouverneur positiv zu stimmen, wurde dieser am Gewinn der Schimmelmannschen Sklavenhandels beteiligt.

 

Der transatlantische Dreieckshandel ermöglicht hohe Gewinne

 

Da Dänemark das Fort Christiansborg im heutigen Ghana erbaut hatte, das für den Erwerb von Sklaven genutzt wurde, konnte Heinrich Carl Schimmelmann einen sehr profitablen Dreieckshandel über drei Kontinente aufbauen. Eigene oder gecharterte Schiffe brachten Gewehre, Schnaps und billige Baumwollstoffe nach Westafrika, wo sie gegen Sklaven eingetauscht wurden. Die Schiffe brachten die Sklaven auf die Plantagen Schimmelmanns in der Karibik oder zu den karibischen Sklavenmärkten, wo sie oft gegen Zucker verkauft wurden. Auf dem Weg nach Europa transportierten die Schiffe Schimmelmanns den Rohrzucker von seinen Plantagen zur weiteren Verarbeitung zurück nach Kopenhagen.

 

Niemand beherrschte den europäisch-westafrikanisch-karibischen Dreieckshandels so wie Heinrich Carl Schimmelmann. Ohne Computer und E-Mail regierte er von seinen Kontoren in Hamburg und Kopenhagen und seinen Schlössern in Wandsbek, Ahrensburg und Lindenborg (Jütland) aus ein weitverzweigtes Geflecht von Unternehmen und Plantagen. Seine Tätigkeitsfelder reichten bis Indien, denn Schimmelmann war an der dänischen „Asiatischen Kompanie“ beteiligt, die im Osten Indiens Baumwollplantagen betrieb.

 

Dem Schatzmeister gelang es, die zerrütteten dänischen Staatsfinanzen wieder auf eine solide Grundlage zu stellen. Dabei verband er seine eigenen wirtschaftlichen Interessen mit denen des dänischen Staates so geschickt, dass er nicht nur sehr reich wurde, sondern auch mit den höchsten staatlichen Ehrungen wie dem Elefantenorden ausgezeichnet wurde.

 

Zu den Erwerbungen Schimmelmanns gehörte auch das Gut Wandsbek. Neben der Landwirtschaft war er vor allem daran interessiert, hier am Rande Hamburgs einen Industrieort aufzubauen, wo nicht zuletzt Waren für den Erwerb von Sklaven in Afrika produziert werden sollten. Deshalb förderte er Unternehmer beim Aufbau von fünf Kattundruckereien mit zinslosen Darlehen und Vorauszahlungen für zukünftige Lieferungen. Er bestellte z. B. bei einem der Wandsbeker Betriebe dreißigtausend Ellen „Negertuch“, die innerhalb von zwei Jahren zu liefern waren.

 

Der „Wandsbecker Bote“ – für Schimmelmann eine Fehlinvestition

 

Damit das dänisch regierte Wandsbek als aufstrebender Ort statt der bestehenden Skandalblättchen eine seriöse Zeitung erhielt. Deshalb unterstützte er 1771 die Herausgabe des "Wandsbecker Boten", zu dessen Redakteur Matthias Claudius wurde. Es wurde eine der wenigen Fehlinvestitionen des Finanzgenies. Die Zeitung war zwar hoch angesehen, kam aber nicht über eine Auflage von 400 Exemplaren hinaus und musste bald wieder eingestellt werden.

 

Dem frommen und an Gerechtigkeit interessierten Claudius kam durch schwarze „Kammermohren“ und Handwerker aus den karibischen Besitzungen Schimmelmanns in Wandsbek zu Ohren, wie schlecht die Sklaven dort behandelt wurden. Er hat seine Trauer darüber 1773 in dem Gedicht „Der Schwarze in der Zuckerplantage“ niedergeschrieben:

 

Weit von meinem Vaterlande

Muss ich hier verschmachten und vergehn,

Ohne Trost in Müh und Schande

Ohhh die weißen Männer! klug und schön!

 

Und ich hab den Männern ohn Erbarmen

Nichts getan.

Du im Himmel hilf mir armen

Schwarzen Mann!

 

Was heute eher rührselig wirken mag, war damals ein deutlicher Protest gegen die Rolle seines finanziellen Förderers Heinrich Carl Schimmelmann in der Karibik. Schimmelmann gehörte zu den bedeutendsten Nutznießern der Versklavung von Menschen. Wer auf den Zuckerrohrfeldern nicht schnell genug arbeitete, und gearbeitet wurde vom Sonnenaufgang bis zum Abend, der bekam die Peitsche zu spüren. So ließen sich hohe Gewinne auf den Plantagen erwirtschaften.

 

Auch andere Kaufleute und Reeder in Hamburg verdienten am Sklavenhandel. Mehr darüber erfahren Sie hier.

 

Auf den Spuren eines der reichsten Männer Europas

 

Als Heinrich Carl Schimmelmann 1782 starb, hatte er Dänemark dazu verholfen, zu einer bedeutenden europäischen Seemacht mit globalen Verbindungen aufzusteigen. Gleichzeitig war sein Geflecht von Familienunternehmen und Beteiligungen aus dem Nichts zu einem der ersten großen multinationalen Konzerne des 18. Jahrhunderts gewachsen.

 

Seine Erben waren so geizig, dass es ein Jahrzehnt dauerte, bis das Mausoleum für ihn und seine Frau in Wandsbek neben der Christuskirche fertiggestellt werden konnte. Christian Degn schreibt zu den Verzögerungen in seinem schon zitierten Buch über die Schimmelmanns: „Es soll aber doch nicht verschwiegen werden, dass auch finanzielle Rücksichten dabei im Spiel sind, und man ist etwas peinlich berührt, wenn man einige Briefe der Erben liest.“ Neben dem Mausoleum der Schimmelmanns stehen die bescheidenen Kreuze von Matthias und Rebecca Claudius.

 

Wie sein Sohn Ernst Schimmelmann dieses Erbe verwaltet hat, wird in einem weiteren Porträt dargestellt.

 

Was ist von dem Imperium geblieben? In Wandsbek erinnern noch einige Straßennamen an die Schimmelmanns und ihr Schloss: Schimmelmannstraße, Schimmelmannstieg, Schimmelmannallee, Schatzmeisterstraße, Schlossstraße und Schlossgarten.

 

Das Schloss der Familie in Wandsbek wurde zum Sinnbild des wirtschaftlichen Niedergangs der Schimmelmanns. Der Zweig der Familie, der hier wohnte, sah sich gezwungen, erst gut verkäufliche Objekte wie Gemälde aus Schloss und Park zu verkaufen und schließlich auch Schloss samt Park selbst. Das bereits im Verfall befindliche Schloss ließ 1861 ein Spekulant abreißen und den Park parzellieren.

 

Im Gebäude des Bezirksamtes Wandsbek befindet sich die stark beschädigte Attika, die früher das Hauptportal des Schlosses krönte. Markant sind die Repliken von zwei Löwenskulpturen auf dem Wandsbeker Markt. Die Originale sind im Foyer des „Zentrums für Wirtschaftsförderung, Bauen und Umwelt“ (Schloßgarten 9, 22041 Hamburg) zu besichtigen. Auch zwei Steinvasen sind am Wandsbeker Markt zu finden. Im Innenhof des Museums für hamburgische Geschichte wurden zwei Plastiken aus dem früheren Schlosspark aufgestellt.

 

Das Hamburger Haus „Gottorper Palais“ des erfolgreichen Kaufmanns ist 906 beim Brand der nahe gelegenen Michaeliskirche zerstört worden. Erhalten geblieben sind nur zwei Steinfiguren, die vor dem Palais standen. Wer den Wandsbeker Eichtalpark betritt, sieht rechts und links vom Eingang je eine Sphinx. Sie stammen aus dem Jahr 1775 und wurden von dem schwedischen Bildhauer Johann Wilhelm Manstadt gestaltet.  Die Sphinxe befinden sich seit 1926 an ihrem jetzigen Standort und sind inzwischen mit einer erläuternden Tafel versehen worden.

 

Die schönste Erinnerung an die Zeit der Schimmelmanns im Umkreis Hamburgs ist das Ahrensburger Schloss. Heinrich Carl Schimmelmann hatte es zwar nicht erbauen lassen, aber nach dem Erwerb prächtig ausgebaut. Das Schloss kann heute besichtigt werden und zeigt u. a. Gemälde der Familie Schimmelmann und Meißner Porzellan. Heute bleibt im Schloss auch die Rolle von Heinrich Carl Schimmelmann im Sklavenhandel und deren Ausbeutung auf seinen karibischen Zuckerplantagen nicht mehr unerwähnt. In einem Führer durch das Schloss im Auftrag des Vereins Schloss Ahrensburg e.V. aus dem Jahr 1982 werden hingegen diese Zusammenhänge noch systematisch verschwiegen.

 

Die dänische Herrschaft über St. Thomas und die benachbarten Inseln endete 1917, als Dänemark die Inseln an die USA verkaufte, die dort einen Militärstützpunkt aufbauten. Heute tragen die Inseln den Namen „Amerikanische Jungferninseln“ und sind politisch ein „inkorporiertes Außengebiet der Vereinigten Staaten“. Dort zeugen noch einige Ruinen davon, dass es hier einmal große Zuckerplantagen Schimmelmanns gab.

 

2006, mehr als 200 Jahre nach seinem Tod, erhielt Heinrich Carl Schimmelmann ein Denkmal in Wandsbek. Damit sollten vor allem seine Leistungen für die Entwicklung Wandsbek vom Dorf zur Industriestadt gewürdigt werden. So wollten es CDU und FDP im Bezirk Wandsbek. Sie hatten allerdings unterschätzt, auf welchen Widerstand die Ehrung des Sklavenhändlers stoßen würde. Im Rückblick gestand Klaus Grage, der CDU-Chef im Bezirk ein: „Das Denkmal hat viel Unruhe gebracht. Bürger warfen uns vor, unbedacht mit der Geschichte umzugehen.“

 

Nicht nur SPD und Grüne protestierten gegen diese Ehrung, sondern auch mehrere Initiativen und einzelne Bürgerinnen und Bürger. Mehrmals wurde die Büste mit roter Farbe eingesprüht. Nach eineinhalb Jahren lenkte die CDU ein, die Büste wurde abgebaut und eingelagert. Rainer Schünemann von der SPD-Fraktion der Bezirksversammlung stellte damals fest: „Endlich wird der fragwürdigen Ehrung ein Ende gesetzt. Schimmelmann hat aus Profitstreben Leid über unzählige Menschen gebracht.“ Immerhin, die Debatte um das Denkmal hat zum Nachdenken darüber beigetragen, wie Hamburg mit dem Erbe von Sklavenhandel und Kolonialismus umgehen sollte.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann