John Parish: Ein Einwanderer verdient ein Vermögen mit riskanten Geschäften

 

John Parish? Da müssen auch viele Hamburgkenner passen. Einige werden sich vielleicht daran erinnern, dass er ein Kaufmann mit einer Villa an der Elbchaussee und einem auffälligen Luxusleben war. Aber kaum jemand weiß noch, dass John Parish Ende des 18. Jahrhunderts der reichste Kaufmann Hamburgs und wahrscheinlich einer der reichsten Männer Europas war. Keine Straße, kein Park, keine Villa, kein Denkmal … erinnern in Hamburg an ihn. Und die einzige Biografie (von Richard Ehrenberg) stammt aus dem Jahre 1905. Diese Biografie lässt erahnen, wie komplex die politischen und ökonomischen Beziehungen und Konflikte zwischen den einzelnen europäischen und nordamerikanischen Staaten schon damals waren und wie risikobereit ein Kaufmann sein musste, um sie zu nutzen, um zu einem riesigen Vermögen zu kommen.

 

John Parish profitierte davon, in der selbstständigen Kaufmannsstadt Hamburg zu leben und von hier aus seine Fäden zu spinnen. Der Senat der Stadt war mehr als einmal entsetzt über die möglichen politischen Folgen, die die Geschäfte des erfolgreichen Kaufmanns haben konnten – aber stoppen ließ er sich nicht.

 

Vom kleinen Laden zum großen Handelshaus    

 

Es war John Parish nicht in die Wiege gelegt, einmal zu einem der reichsten Männer Europas aufzusteigen. Als er am 5. März 1742 in Schottland geboren wurde, war sein Vater George Parish Kapitän im Dienste eines englischen Kaufmanns in Hamburg. Dieser war Mitglieds des englischen „Court“, dem Überbleibsel der „Company of the Merchant Adventurers of England“. Das war seit dem 15. Jahrhundert eine Gilde englischer Kaufleute, von denen einige sich in Hamburg niederließen und wesentlich dazu beitrugen, die Stadt zu einem internationalen Handelszentrum zu machen. Im Gegenzug genossen sie einige Privilegien, die anderen Migranten Jahrhunderte lang verweigert wurden.

 

Als der englische Kaufmann, für den der Kapitän arbeitete, sein Geschäft auflöste, gab George Parish die Seefahrt auf, ließ sich in Hamburg nieder und eröffnete 1756 ein kleines Geschäft für Schiffsmaterialien, allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Er ließ trotzdem seine Frau und seine drei Kinder nach Hamburg nachkommen. Von 1759 an unterstützte John seinen Vater im Kontor und wurde ein Jahr später Teilhaber des Unternehmens. Bereits zwei Jahre später verstarben die Eltern und der Sohn musste das Unternehmen allein fortführen. In seinen Lebenserinnerungen lesen wir: „Ich war erst vierzehn Jahre alt, als ich in Hamburg anlangte, in einem fremden Lande. Im Alter von zwanzig Jahren verlor ich meine Eltern … Welche Aussicht hatte ich zu einer Zeit, dereinst auf meinem Rücken zwei Millionen mit fortnehmen zu können?“

 

Obwohl er nur über wenige Jahre Schulbildung und geringe kaufmännische Kenntnisse verfügte, florierte das Unternehmen bald. Das wurde dadurch erleichtert, dass der Siebenjährige Krieg dem neutralen Hamburg einen Wirtschaftsboom bescherte. John Parish schrieb im Rückblick: „Wir verdienten Geld, wie Kaufleute zu Kriegszeiten immer tun.“ Er weitete seine Geschäftsfelder rasch aus und machte aus dem kleinen Ladenbetrieb ein internationales Handelshaus mit einem Kontor in der Deichstraße.

 

Große Gewinne erzielte er in den 1770er Jahren damit, im Baltikum ganze Schiffsladungen Getreide zu kaufte und nach England zu liefern, wo angesichts einer wachsenden Bevölkerung und einer boomenden Wirtschaft in Zeiten der Industrialisierung ein großer Bedarf an Lebensmitteln bestand und hohe Preise erzielt werden konnten.

 

Bald kamen riskantere Geschäfte hinzu. England versuchte nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776, den Seehandel der abtrünnigen Kolonie zu unterbinden. Der neu entstehende Staat fand einen wichtigen Partner, um diese Blockade zu brechen – John Parish. Zum Zorn der britischen Regierung und des britischen Gesandten in Hamburg organisierte er einen florierenden Handel zwischen verschiedenen europäischen Häfen und den USA. Zur Belohnung wurde er 1793 von George Washington zum ersten Konsul der Vereinigten Staaten in Hamburg berufen.

 

Der Besuch eines „Aufrührers“

 

Als US-Konsul übernahm Parish am 17. Oktober 1797 eine wichtige Nebenrolle in der Lebensgeschichte des Marquis von Lafayette, eines europaweit bekannten Vertreters des gemäßigten Flügels der französischen Revolutionäre von 1789. Durch eine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte wurde er über Frankreich hinaus bekannt. Als der radikale Flügel sich in Paris durchsetze, floh der Marquis aus Frankreich. Er wurde von preußischen Soldaten festgenommen und als bekannter und gefürchteter „Aufrührer“ eingesperrt. Die Preußen überstellten den prominenten Gefangenen an den Kaiser in Wien, der ihn mehrere Jahre lang in Olmütz einkerkern ließ.

 

Als Verfechter der Ideen der Aufklärung war der Lafayette in ganz Europa bekannt und viele prominente Aufklärer setzten sich für seine Freilassung ein und dies besonders auch in Hamburg. 1797 fürchteten die europäischen Monarchen angesichts der auch von vielen Demokraten verurteilten Gewalttaten der französischen Revolutionäre nicht mehr, dass der revolutionäre Funke aus Frankreich auf ihre Länder überspringen könnte. Deshalb gab der Kaiser den öffentlichen Forderungen und den Wünschen der französischen Regierung nach und ließ den „Aufrührer“ frei.

 

Er wurde zusammen mit einigen Mitgefangenen von einer österreichischen Militäreskorte in das Kontorhaus von John Parish in der Deichstraße gebracht, dort freigelassen und dem Generalkonsul als Vertreter der USA übergeben. Kaiser Franz II. hatte sich bereit erklärt, den Gefangenen, der auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß, an die Vereinigten Staaten zu übergeben. Und die von Wien aus nächstgelegene diplomatische Vertretung der jungen USA befand sich in Hamburg. Bedingung für die Freilassung war, dass Lafayette umgehend Hamburg verlassen musste. John Parish nahm ihn zunächst einmal als Gast in sein Haus in Nienstedten auf. Später lebte Lafayette in Poppenbüttel, das damals zu Holstein gehörte, bevor er nach Frankreich zurückkehrte.

 

Das riskante Geschäft mit Truppentransporten

 

Die englische Verärgerung über Parish Rolle bei der Umgehung der britischen Handelssanktionen während des amerikanischen Unabhängigkeitskampfes verhinderte nicht, dass man einige Jahre später für beide Seiten vorteilhafte Geschäftsbeziehungen aufbaute. Nach der Französischen Revolution von 1789 bildete sich eine Koalition absolutistisch regierter Staaten, die einen gemeinsamen Feldzug gegen das revolutionäre Frankreich unternahmen. Aber das Bündnis zerbröckelte, und die angreifenden englischen Truppen erlitten eine schwere Niederlage.

 

Die englischen Regimenter mussten sich 1795 in die Gegend von Osnabrück zurückziehen, und nun galt es für die Londoner Regierung, sie mit Proviant zu versorgen und in die Heimat zurückzuholen. Gesucht wurde ein Handelshaus, das die Getreidebeschaffung und Finanzierung übernahm. Viele scheuten davor zurück, aber John Parish ging das Risiko ein und wurde mit hohen Gewinnen belohnt.

 

Anschließend ging er erneut ein hohes Risiko ein, als er der britischen Regierung Schiffsraum zur Verfügung stellte, um die britische Kavallerie vom Festland nach Irland zu befördern. Das war für sich genommen schon ein heikler Auftrag, aber zudem bestand die britische Regierung darauf, dass die eigenen Offiziere das Kommando an Bord übernehmen sollten. Es gab Gerüchte, die Truppen sollten nicht nach Irland gebracht werden, sondern an einer englischen Invasion an der französischen Küste teilnehmen. Wäre das geschehen, hätte John Parish die Schiffseigner für den Verlust ihrer Schiffe entschädigen müssen. Anderen Handelshäusern war das Risiko zu hoch, aber John Parish übernahm das Geschäft und hatte das Glück, dass die Schiffe tatsächlich nach Irland segelten.

 

Meuterei in Nienstedten

 

Der englisch-französische Krieg verhalf Parish 1795 zu einem weiteren lukrativen Auftrag, und der war noch riskanter als die vorherigen. Gekämpft wurde nämlich auch in der Karibik, wo beide Staaten Kolonien besaßen. Nun ging es darum, ausländische Soldaten, die für England kämpften, zu den britischen karibischen Inseln zu transportieren. Vorgesehen hierfür waren Soldaten aus Hessen. Schon im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg hatte der Landgraf von Hessen gegen Bezahlung mehr als 16.000 seiner Soldaten sowie Zwangsrekrutierte an die Engländer „verliehen“. Getötete oder desertierte Soldaten mussten vertragsgemäß vom Landgrafen von Hessen durch neue Soldaten ersetzt werden.

 

Da es sich herumsprach, wie hart und gefährlich das Leben der hessischen Soldaten in englischen Diensten war, fanden sich in Kassel und Umgebung bald kaum noch Freiwillige. Um seine Verpflichtungen zu erfüllen, wurden Landeskinder und vorzugsweise durchreisende Nicht-Hessen zwangsweise in Uniformen gesteckt und nach Amerika verschifft. Der Landgraf geriet ob solcher „Geschäfte“ zur Finanzierung seiner Hofhaltung bald in Verruf. Ihm wurden Freiheitsberaubung und Menschenhandel vorgeworfen. Friedrich Schiller hat die Empörung über diese „Vermietung“ von Soldaten in eine Szene von „Kabale und Liebe“ verarbeitet. Zu den Folgen der „Vermietung“ Tausender Landeskinder gehörte auch der ökonomische Niedergang ganzer Landstriche.

 

Der Unabhängigkeitskrieg war zwar mittlerweile beendet, aber das „Geschäftsmodell“ des Landgrafen blieb bestehen, und so wurden nun Soldaten für den englisch-französischen Krieg in der Karibik vermietet. Die Beteiligung an solchen Geschäften stand wie erwähnt auch schon zu damaligen Zeiten durchaus in der Kritik. Es war gleichzeitig ein politisch heikler Auftrag, denn es musste befürchtet werden, dass die französischen Kriegsgegner Strafmaßnahmen gegen die Truppentransporteure ihrer Feinde ergreifen würden. Deshalb warnte der Hamburger Senat eindringlich alle Handelshäuser und Reeder davor, sich an diesem riskanten Unternehmen zu beteiligen. Vorsichtshalber wurde streng verboten, auf den Truppentransportern die Hamburger Flagge zu hissen.

 

Und wieder war es John Parish, der den Auftrag übernahm. Zunächst fand er allerdings keine Schiffseigner, die sich auf einen solchen Transport von Soldaten in das Kriegsgebiet beteiligen wollten. Daraufhin kaufte Parish einige Schiffe und konnte danach mühsam einzelne Schiffseigner für das Geschäft gewinnen, das mit hohen Gewinnen verbunden sein sollte. Schließlich lagen in Stade und Neumühlen über 70 Schiffe unter einer größeren Zahl von Flaggen zur Fahrt über den Atlantik bereit. Vorsichtshalber waren Häfen außerhalb des damaligen Hamburg gewählt worden.

 

Am Abend vor der Abreise von fünf Schiffen mit 900 Soldaten des hessischen Regiments Löwenstein in die Karibik kam es zur einzigen Meuterei in der Geschichte Nienstedtens. John Parish erinnerte sich so an das Geschehen: „Unter den Leuten brach eine Meuterei aus, Sie zwangen alle meine Kapitäne zur Flucht, und erst Kapitän Pepham gelang es, sie zu beruhigen. Glücklicherweise war am folgenden Tag der Wind günstig, so daß sie sich bald mit der übrigen Flotte vereinigen konnten.“ Die Reise in eine ungewisse Zukunft konnte beginnen. Für John Parish hatte das Geschäft ein ärgerliches Nachspiel, weil die englischen Behörden ihn nur zögerlich bezahlten.

 

Die Entscheidung für „weise Genüsse“

 

Aber auch verschiedene andere Handels- und Finanzgeschäfte waren mit hohen Risiken verbunden, wie sich 1793 zeigte, als eine Bankenkrise in England zum Bankrott der Bank führte, mit der Parish viele Geschäfte abwickelte, sodass er hohe Verluste hinnehmen musste. Nur durch den beherzten Verkauf seiner Warenbestände konnte der Hamburger Kaufmann seinen finanziellen Ruin verhindern. Mit Mut, Geschick und Glück überstand er alle Krisen. Aber nachdenklich schrieb er in seinen Lebenserinnerungen: „Es war ein Experiment, das einmal gelungen ist, dessen Wiederholung aber Leute, die rechnen können, nicht wagen werden.“ Und tatsächlich war es so, dass viele Hamburger Kaufleute, die auch nur annähernd große Risiken wie Parish eingingen, scheiterten und Konkurs anmelden mussten.

 

Am Ende seiner Berufstätigkeit schrieb John Parish: „Ich überschaute das Werk meines Lebens. Es lächelte mir zu und sagte: Vorwärts, John, du bist auf dem rechten Wege; verfolge ihn weiter! Wie hoch kannst du dann noch steigen!“ Aber nachdenklich fügte er hinzu: „Worin besteht der innere Wert des Reichtums? Nur in dem Vergnügen, ihn anzuhäufen? Oder in seiner Fähigkeit weise Genüsse, Komfort zu schaffen?“ Er entschied sich 1797 im Alter von 54 Jahren für die „weisen Genüsse“.

 

1801 unterstützte John Parish im Ruhestand die Stadt Hamburg in einer sehr schwierigen Situation. Dänische Truppen hatten die Stadt besetzt, und es gab Gerüchte, sie solle annektiert werden. Der Senat entschied sich, keinen Diplomaten, sondern den Kaufmann John Parish in geheimer Mission nach London zu entsenden, um die britische Regierung dafür zu gewinnen, zugunsten Hamburgs zu intervenieren und die Dänen zum Rückzug aus der Hansestadt zu bewegen. Ein selbstständiges, neutrales Hamburg sei im englischen Interesse, wurde argumentiert. Parish hatte Erfolg, die englische Regierung konnte in Verhandlungen mit Dänemark tatsächlich einen Abzug der Truppen erreichen und Hamburg seine Selbstständigkeit sichern. Der Senat dankte John Parish in einem offiziellen Brief für seine erfolgreichen Verhandlungen zum Wohle der Stadt.

 

Ein Ruhestand in großem Luxus

 

Schon während seiner aktiven Zeit an der Spitze eines der größten Unternehmen seiner Zeit genoss John Parish seinen großen Reichtum. Gemeinsam mit seiner Frau Henrietta und seinen acht Kindern lebte er in einer großen Villa an der Elbchaussee. Im Ruhestand hatte er viel Zeit, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Im Jahre 1805 zählte die reiche Familie 1.954 Gäste, die 2232 Flaschen Wein tranken. Und im folgenden Jahr machte John Parish seine Villa noch stärker zum Zentrum des geselligen Lebens an der Elbchaussee. Das Luxusleben fiel auf, und wenn ein Kaufmann hinfort viel Geld für Festessen und das alltägliche Leben ausgab, wurde ihm vorgeworfen, er wolle wohl „Parish spielen“. Getrübt wurde das angenehme Landleben von John Parish und seiner Frau allerdings dadurch, dass die Söhne das Familienunternehmen so stark gefährdeten, dass der Vater eingreifen und mühsam versuchen musste, sein Lebenswerk zu retten.

 

1906 besetzten französische Truppen Hamburg und John Parish entschloss sich, in seine britische Heimat zurückzukehren. Er zog in den mondänen Badeort Barth. Auch hier lud er immer wieder zu großen Gesellschaften ein und genoss ein luxuriöses Leben. Mit 83 Jahren stellte er zufrieden fest, dass sein Haus „mehr Schönheit und liebliche, verführerische Gesichter als irgend ein anderes Haus der Stadt“ gesehen habe – und dabei war die Konkurrenz groß in dem mondänen Seebad. John Parish nutze sein großes Vermögen auch für bedeutende Spenden und Stiftungen. Die Stadt Edinburgh machte ihn deshalb zum Ehrenbürger.

 

Als er am 4. Februar 1829 im Alter von 87 Jahren starb, hatte sein Handelshaus längst seine herausragende Bedeutung verloren und wurde schließlich 1842 aufgelöst. Das ausgedehnte Parkgrundstück in Nienstedten wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts immer weiter parzelliert und das Landhaus Elbchaussee 411 so oft umgebaut, dass es so verunstaltet war, dass niemand es mehr für erhaltenswert hielt und es 1936 abgerissen wurde. Stehen blieb zunächst der Pferdestall auf der gegenüberliegenden Seite der Elbchaussee. Er fiel 1975 einer Erweiterung des Nienstedter Friedhofs zum Opfer und wurde abgerissen. Das Kontorhaus in der Deichstraße war bereits beim Großen Brand von 1842 zerstört worden.

 

Immerhin, im US-Generalkonsulat ist ein Ölgemälde des ersten diplomatischen Vertreters der Stadt in Hamburg zu besichtigen. Und in dem Standardwerk „Allgemeine Deutsche Biografie“ (Ausgabe 1887) wird er als „kluger, kenntnisreicher Weltbürger“ gewürdigt. Und diejenigen, die sich kritisch mit den düsteren Kapiteln Hamburgs auf dem Weg zu einer der reichsten Städte Europas befassen? Sie haben John Parish noch nicht im Blick, aber das kann sich ja ändern, denn an diesem Kaufmann lässt sich exemplarisch zeigen, wie Hamburg glänzende Geschäfte in den Kriegen und Konflikten zwischen den Mächten des 18. und 19. Jahrhunderts gemacht hat.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann