Maria in der kirchlichen Dogmatik

 

Die ersten Generationen der Christinnen und Christen interessierten sich fast ausschließlich für Jesus und kaum für seine Familie. Dies spiegelt sich auch in den Texten des Neuen Testaments wider. Heftige Kontroversen löste in den ersten Jahrhunderten der neu entstandenen Kirche die Frage des Verhältnisses Jesu zu Gott aus. Auf dem Konzil in Nicäa 325 wurde per Beschluss festgestellt, dass Gott der Vater und Christus „eines Wesens“ sind. Dieses Konzil ist in Erinnerung ge­blieben durch diesen Beschluss und durch das dort formulierte „Apostolische Glaubensbekenntnis“, das heute von Christinnen und Christen in aller Welt gebetet wird und in dem es heißt „geboren von der Jungfrau Maria“. Es war die erste Bischofsversamm­lung, deren Beschlüsse auch heute noch von katho­lischen, orthodoxen und vielen protestantischen Kirchen anerkannt werden.

 

Die Ehrfurcht vor der großen ökumenischen Versammlung mag ein wenig leiden, wenn wir uns mit den Umständen dieses Treffens beschäftigen. Die auf das Römische Reich verstreute Christenheit war damals zutiefst zerstritten, genauer gesagt lagen die Bischöfe miteinander im Streit. Das missfiel Kaiser Konstantin, der das Christentum zu einer verbindenden Kraft seines Reiches machen wollte, obwohl er selbst sich – wenn überhaupt – erst auf dem Sterbebett taufen ließ. Der Kaiser wollte, dass dem Reich, das die da­mals bekannte Welt (die „oekumene“) zu großen Teilen beherrschte, eine ebenso umfassende Kirche entsprechen sollte.

 

Des­halb lud er die zerstrittenen Bi­schöfe nach Nicäa in der Nähe seiner neu entstandenen Hauptstadt Konstan­tinopel ein, wo sich ein prächtiger kai­serlicher Pa­last befand. Kaiser Konstantin ließ die Bischöfe auf Kosten des Reiches nach Nicäa anreisen, war Gastgeber des kirchlichen Treffens und leitete die Eröff­nungs­sitzung persönlich. Das wäre etwa so, als wenn heute der US-Präsident die Führer einer Religionsgemeinschaft, die kurz vorher noch als Staatsfeinde angesehen wur­den, in luxuriösen Flugzeugen aus aller Welt nach Washington einfliegen lassen und dann ihr Treffen im Weißen Haus eröffnen würde. Etwa 300 Bischöfe reisten an, dazu jeweils bis zu fünf Begleiter. Insgesamt sollen weit über 1.000 Kirchenvertreter an dem ökumenischen Treffen teilgenommen haben. Das Konzil in Nicäa fand Ende Juli 325 mit einem Bankett zum zwanzigsten Jahrestag der Thronbesteigung von Kaiser Konstantin seinen festlichen Abschluss. Thron und Altar haben seither noch oft eng zusammengewirkt.

 

Konstantin nahm auch Einfluss auf den inhaltlichen Verlauf der Synode. Die kom­­­plizierten theologischen Differenzen zwischen den Bischöfen mögen ihn wenig in­te­ressiert haben, aber er tat alles, was notwendig erschien, um die Einheit der Kirche herzustellen. Opfer dieser kaiserlichen Interventionen war der Pres­byter Ari­us aus Alexandrien, der Jesu als Geschöpf Gottes ansah, seine Göttlichkeit bestritt und dafür die Einzigartigkeit Gottes betonte. Gott und Jesus seien „wesensun­gleich“.[1] Die Frage der Göttlichkeit Jesu drohte die Kirche zu spalten. Zum Ergebnis dieser Debatte hat die evangelische Kirchengeschichtlerin Katharina Hey­den von der Universität Göttingen geschrieben: „Dass die Bischöfe sich einigten, war weniger der theologischen Überzeugungskraft der Gegner des Arius, als vielmehr dem Druck von Kaiser Konstantin zu verdanken, der im Interesse seiner Reli­gi­ons­politik auf die Einheit der Kirche drängte. Das Konzil verurteilte Arius und formu­lierte als Bekenntnis, der Sohn sei ‚wahrer Gott vom wahren Vater, gezeugt, nicht geschaffen, wesenseins mit dem Vater’.“[2] Wer sich wie Arius der Mehrheitsauffassung widersetzte, der wurde nicht nur mit der Exkommunikation durch die Kir­che bestraft, sondern auch gleich mit der Verbannung durch den Kaiser. Der Besitz der Schriften von Arius konnte mit der Todesstrafe geahndet werden.

 

Bemerkenswert war auch, dass Kaiser Konstantin das entscheidende Wort „homousios“ – vermutlich auf Empfehlung von kirchlichen Gegnern von Arius – in die Konzilsverhandlungen einbrachte: „von einer Substanz“. Von dieser einen Substanz sind Gott und Gottessohn, lautet seither eine dogmatische Überzeu­gung großer Teile der Christenheit, was natürlich große Auswirkungen auf das Ver­ständnis der Jesusmutter Maria hat. Trotz aller tief greifenden theologischen Auffassungsunterschiede wurden dieser und andere Beschlüsse des Konzils mit gro­ßer Mehrheit gefasst. Das lag sicher nicht zuletzt am Einfluss des Kaisers. In einem aus­führlichen Buchaufsatz über die ökumenischen Konzile schrieb der evan­geli­sche Theologieprofessor und Fachmanns für die frühe Kirchengeschichte Georg Kretsch­mar: „… Konstantin selber führte sein Handeln auf ‚göttliche Inspiration’ zu­rück, und die Väter des Konzils haben ihm dies offenbar abgenommen – zu überwäl­tigend war der Wandel gegenüber der Verfolgungszeit. Sie konnten anschei­nend die Univer­salität des Reiches und der Kirche in Nicäa harmonisch zusammen­sehen und die ökumenische Veranstaltung des Kaisers als Neuwerden des Pfingst­wunders erfahren.“[3]

 

Aber das erhoffte Pfingstwunder war keines. Gleich nach dem Konzil brachen die alten Gegensätze wieder auf, und die Ergebnisse wurden unterschiedlich interpretiert. Auch wirkte nach, dass das Konzil zwar vom Anspruch her universal war, tatsächlich aber die Gemeinden im Westen des Römischen Reiches kaum vertreten waren. Wer sich heute auf die Beschlüsse des Konzils von Nicäa zum Wesen Gottes und zum Glaubensbekenntnis beruft, sollte sich des Ablaufs dieses Kirchentreffens un­ter dem Einfluss eines weiterhin heidnischen Kaisers Konstantin mit einer eindeu­tigen politischen „Tagesordnung“ bewusst sein.

 

Maria wird als Gottesmutter anerkannt

 

Das Konzil von Nicäa blieb mit seiner Vermischung von theologischem Ringen und kaiserlichen Interventionen kein Einzelfall. Auch die folgenden Synoden waren davon geprägt. Die herrschende globale Macht nahm Einfluss auf die Kirche. Die Folgen hat Georg Kretschmar beschrieben: „… so bilden in den folgenden Jahrhunderten Reichspolitik und Kirchenpolitik der Kaiser und ebenso Kirchenpo­li­tik und Kampf für die rechte Lehre auf Seiten der Hierarchien ein so unauflösba­res Ineinander, das im Machtkampf der theologischen Schulen und ehrgeizigen Intriganten auf hohen Bischofsstühlen alles Geistliche ganz aufgesogen zu sein scheint“.[4] Das schrieb kein wutschäumender Gegner der Kirchen, sondern ein hoch angesehener Theologieprofessor und Kirchengeschichtsfachmann. Wenn man sich heute im Blick auf die Mariendogmen auf die frühe Kirche beruft, sollte man diese historischen Zusammenhänge nicht einfach ignorieren.

 

Das gilt auch für das Konzil von Ephesus im Jahre 431, wo es gleich bei der Eröffnung zum Eklat kam, weil der Patriarch von Alexandria, Kyrill, die Beratungen er­öffnete, bevor viele andere Kirchenvertreter in der Stadt eingetroffen waren. Der Patriarch von Alexandria nutzte die Gunst der Stunde und ließ seinen Rivalen, den Patriarchen von Konstantinopel, Nestorius, seines Amtes entheben und exkom­munizieren. Dessen Anhänger eröffneten daraufhin ein eigenes Konzil in Ephesus, das nun seinerseits den Patriarchen von Alexandria exkommunizierte. Der erboste Kaiser The­o­do­sius II., dem wie Konstantin an einer Kirche lag, die die Reichseinheit fördern konnte, ließ daraufhin beide Patriarchen vorübergehend inhaftieren. Beim Streit der Patriarchen ging es ganz wesentlich auch um das Verständnis von Maria. Kyrill sah sie als „Gottesgebärerin“ an, Nestorius hingegen als „Christusge­bärerin“. Am Ende einigten sich die streitenden Parteien in Ephesus doch noch auf verschie­dene theologische Beschlüsse, darunter die Festlegung der „endgül­tigen Glaubenslehre“ von der Gottesmutterschaft Marias.

 

Dass dieses Dogma gerade in Ephesus verkündet wurde, war vielleicht kein Zufall, denn diese Stadt war noch im 5. Jahrhundert ein Zentrum der Verehrung der Göttin Artemis. Der Theologe und Journalist Christian Modehn hat in einer Rundfunksendung diese Göttin vorgestellt: „Das Volk verehrte vor allem die Göttin Artemis, ihre Statue war von zahllosen wohl­geformten Brüsten bedeckt, so konnte sie das Symbol gren­zen­loser Fruchtbarkeit sein und die göttliche Mutter allen Le­bens. Dennoch galt Artemis als Jungfrau.“[5] Dieser Göttin wurde nun die Jungfrau und Gottesmutter Maria entgegengestellt.

 

Der katholische Theologieprofessor Josef Imbach aus Basel hat hierzu erläutert: „Das dogmatische Bekenntnis zu Maria als Got­tesmutter hatte zur Folge, dass die Mutter Jesu Christi schließlich der dort verehrten Muttergöttin Artemis den Platz streitig machte. Sie hat diese heidnische Göt­tin schließlich verdrängt. Tatsächlich wurden Bilder und Darstellungen der Ar­te­­mis zu Mariendarstellungen umfunktioniert. So sollte den Ge­fühlen und Sehnsüchten der gläubigen Heiden eine neue Zielrichtung gegeben wer­den.“[6] Hier sei angefügt, dass es verschiedene Beispiele in der weiteren Kirchengeschichte dafür gibt, dass bei der Christianisierung Maria in Konkurrenz zu heid­nischen Göttinnen (meist Fruchtbarkeitsgöttinnen) präsentiert wurde und die­se ersetzte. Manche Tem­pel für Fruchtbarkeitsgöttinnen wurden durch Marienka­pellen an gleicher Stelle ersetzt.[7]

 

Weitere Marien-Dogmen festigen das Verständnis der Kirche von der Mutter Jesu

 

Nicht nur das Konzil von Ephesus im Jahre 431, sondern auch das Konzil von Chalcedon im Jahre 451 sprach ausdrücklich von Maria als „Gottesmutter“ oder „Gottesgebärerin“. Dieses Dogma wird bis heute verteidigt und zum Beispiel auch von den feministischen Theologinnen Ivone Gebara und Maria Bingemer in ihrem Buch über Maria an­er­kannt, wenn sie es auch mit einem anderen Akzent versehen als die Verantwortlichen im Vatikan. Die brasilianischen Theologinnen betonen, dass die Verkün­digung, dass Maria die Mutter Gottes ist, auch bedeutet, die Ankunft des Reiches Gottes zu verkünden, das schon mitten unter uns begonnen hat. Zu bekennen, dass Gott dasselbe Fleisch angenommen hat wie die Menschen, bedeute zu bekennen, dass die neue Wirklichkeit der Erlösung angebrochen ist: „Gott nimmt die menschliche Geschichte von innen her an, er selbst erlebt ihre Kämpfe und Missgeschicke, ihre Niederlagen und Siege, Unsicherheiten und Freuden. Maria ist Typus und Sym­bol des Volkes, das an die Ankunft Gottes, der jetzt zum Menschengeschlecht gehört, glaubt und sie erfährt.“[8]

 

553 wurde auf Geheiß von Kaiser Justinian ein Konzil in Konstantinopel abge­halten, zu dem nur ausgewählte Bischöfe eingeladen wurden. Zum Verlauf dieser Synode noch einmal Georg Kretschmar: „Justinian selbst brauchte gar nicht zu erscheinen; sein Kommissar legte den Synodalen schon in der ersten Sitzung die Tagesordnung vor und teilte ihnen auch mit, was sie zu beschließen hätten.“[9] Die Bischöfe stimmten anschließend dem zu, was der Kaiser ihnen aufoktroyieren woll­te. Man kann heute die Beschlüsse dieses Konzils schwerlich losgelöst von den Um­ständen der Synode als Beschluss der „alten Kirche“ darstellen. Bei diesem Kon­zil wurde die „immerwährende Jungfräulichkeit“ Marias zum kirchlichen Dogma erhoben: „Wer nicht zwei Geburten des göttlichen Wortes bekennt, die eine von Ewigkeit aus dem Vater, zeitlos und körperlos, die andere in den letzten Tagen, da er herabkam aus den Himmeln und Fleisch geworden ist aus der heiligen glorrei­chen Gottesgebärerin und immerwährenden Jungfrau Maria und aus ihr geboren wurde, der sei ausge­schlossen.“[10]

 

Nach einer langen „dogmatischen“ Pause

 

Danach folgte eine lange „dogmatische“ Pause zu Maria, bis Papst Pius IX. 1854 verkündete, dass von nun an die „unbefleckte Empfängnis“ Marias zu glauben sei. Damit wurde bekräftigt, dass Maria von Geburt an frei von Erbsünde war. Allerdings: Dieses Dogma war mit einer Schwierigkeit behaftet, stellte Christian Modehn in einem Rundfunkbeitrag über Maria fest: „Die Theologen hatten nur das Problem zu erklären, wo sich denn in den Schriften des Neuen Testaments Hinweise finden lassen auf diese unbefleckte Empfängnis Marias. Denn weder bei den Evangelisten noch beim Apostel Paulus gibt es dafür irgendwelche direkten Anhaltspunkte. Aber die leidenschaftlichen Marienverehrer fanden einen Ausweg. Sie zogen die weit verbreiteten Jesus-Legenden zu Rate, also jene Texte, die eine Mischung sind aus Frömmigkeit und Phantasie, sie heißen ‚apokryphe Schriften’.“[11]

 

So groß in der Kirche die Vorbehalte gegen das Protevangelium des Jakobus auch sein mochten, für die Begründung des Mariendogmas wurde es nun doch herangezogen. Deshalb verwundert es nicht, dass ein führender katholischer Theologe in Deutschland, Wolfgang Thönissen, gar nicht erst versucht, die katholischen Mariendogmen aus der Bibel abzuleiten: „Die von der katholischen Kirche vorgelegten Mariendogmen sind zwar dem Wortlaut nach nicht in der Heiligen Schrift enthalten. Doch sie widersprechen nicht dem Zeugnis der Schrift, sondern wollen es anhand der Person Marias exemplifizieren.“[12] Wenn die Mariendogmen also keine Textgrundlage in der Bibel haben, sondern exemplifizie­ren wollen, stellt sich die Frage, warum diejenigen in der katholischen Kirche derart mas­sive Schwie­rigkeiten hatten und haben, die sich diesen Exemplifizie­run­gen nicht an­schließen konnten und können. In diesem Zusammenhang ist u. a. Tissa Ba­la­­su­riya aus Sri Lanka zu erwähnen, der wegen seines Maria-Buches vorüberge­hend exkommuniziert wurde.

 

1950 wurde von Papst Pius XII. das bisher letzte Mariendogma verkündet: die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel. Es war eine späte dogmatische Festlegung, denn das Fest Mariae Himmelfahrt wurde damals bereits seit über 1.500 Jahre gefeiert, zuerst vermutlich unter den Christinnen und Christen in Syrien und dann auch in Jerusalem. Im 7. Jahrhundert tauchte das Fest im römischen Kalender auf und verbreitete sich überall dort, wo es christliche Gemeinden gab. Dabei waren die westeuropäischen Scholastiker (im Gegensatz zu den Platon-Anhängern) überzeugt, dass nur Leib und Seele zusammen eine Person ergäben und deshalb Marias Himmelfahrt mit Leib und Seele stattgefunden haben musste. Diese Auffassung setz­te sich in der katholischen Kirche durch.[13] Dass Maria anschließend mit Leib und Seele zur Köni­gin des Himmels gekrönt wurde, wird seit 1.000 Jahren in Lie­dern besungen.[14] Seit 1954 wird am 22. August jeden Jahres im katholischen liturgischen Kalender an diese Krönung erinnert.

 

Die Marienverehrung war ein Kontinuum in der wechselvollen Kirchen- und Theologiege­schich­te der letzten mehr als eineinhalb Jahrtausende. Inzwischen gibt es zwanzig Orte, wo es zu Marienerscheinungen gekommen ist, die vom Vatikan oder doch zumin­dest von örtlichen Bischöfen anerkannt worden sind. Der be­kann­teste dieser Orte ist weiterhin Lourdes in Frankreich, wo Maria 1858 dem 14-jährigen Mädchen Ber­nadette Soubirous viele Male erschienen sein soll. Im Zeichen der „Globalisierung“ der Marienverehrung gibt es aber inzwischen auch Orte in Japan, Nicaragua, Mexi­ko, Ecuador und Argentinien, wo die Gottesmutter lokalen Gläubigen erschienen sein soll.[15] Zur Marienverehrung in der katholischen Kirche gehört auch, dass es im Jahresverlauf 30 Fest- und Gedenktage für die Mutter Jesu gibt. So wird an ein­zelnen Tagen der Geburt Marias, ihrer Begegnung mit Elisabeth, ihrer Verlobung mit Josef und der unbefleckten Empfängnis gedacht.[16]

 

Die Neubestimmung der Mariologie beim Zweiten Vatikanischen Konzil

 

Das Zweite Vatikanische Konzil hat einen „Perspektivenwechsel“ in der Bedeu­tung Marias und der Marienverehrung eingeleitet, betonte 2007 Wolfgang Thönis­sen, der Leiter des Johann-Adam-Möhler-Instituts in Paderborn, in einem Zeitschriftenaufsatz: „Das Konzil hat klare Orientierungspunkte gesetzt. Ausschlag­ge­bend sind fol­gende grundlegende Einsichten: Die Mariologie wird in die Gesamt­per­spektive des Christus- und des Kirchenverständnisses integriert. Das hat zur Folge, dass Maria im Lichte Christi und der Kirche gesehen wird. Maria ist die Mutter des Erlösers. Von dort her wird ihre Rolle und Aufgabe in der Heilsge­schichte ausgelegt. Maria wird als ‚Typus der Kirche’ bezeichnet. Das heißt: Maria ist als Glaubende und Begnadete Vorbild für alle Christen. Und sie wird in einem Kult eige­ner Art von der Kirche geehrt. Marienverehrung ist von der Gottesan­betung wesentlich unterschie­den.“[17] Diese Unterscheidung zwischen Anbetung und Verehrung sei grundlegend, betont der Leiter des Instituts, das theologische Grundlagenarbeit für die katho­lische Kirche in Deutschland betreibt. Maria ist nach dem Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils als Mittlerin im Sinne von Helferin anzu­sehen. Wie eine Mutter für ihre Kinder eintritt, legt Thönissen die Ergebnisse des Konzils aus, tritt Maria für die Christenheit ein. Ihre Mitwirkung am Heilswerk Christi besteht in der Einordnung in dieses Heilsgeschehen.[18]

 

Unter dem polnischen Papst Johannes Paul II. erlebte die Marienverehrung in der weltweiten katholischen Kirche eine neue Hochphase. Schließlich war man aller­dings auch im Vatikan beunruhigt über das Ausmaß, dass diese Verehrung an­nahm, denn 1997 forderten mehr als vier Millionen Katholiken in aller Welt in einer Art Kirchenvolksbegehren, Maria zur „Miterlöserin“ zu erheben. Diese Initiative wurde auch von mehreren Hundert Bischöfen und über 40 Kardinälen un­ter­stützt, dar­unter dem polnischen Primas Jozef Glemp.[19]

 

Die von konservativen Krei­­sen in der katholischen Kirche getragene Initiative hätte, so die innerkirchli­chen Kritiker, Maria auf eine Ebene mit Vater, Sohn und Heiligem Geist gestellt und damit aus der Trinität eine Vierfaltigkeit gemacht. Das hätte neben allen anderen Konsequenzen auch zu einer schweren Belastung der ökumenischen Gemeinsamkeit geführt. Der Papst beauftragte eine Gruppe von 23 Mariologie-Experten damit, den Gedanken eines neuen Mariendogmas zu prüfen. Sie kamen einstimmig zum Ergebnis, ein solches Dogma sei abzulehnen, weil es gegen die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils verstoße, Verwirrung unter den Gläubigen auslösen und öku­­menische Pro­bleme heraufbeschwören würde.[20] Befürchtet wurden im Vatikan aber auch heftige innerkirchliche Konflikte, hatten doch schon die frühchristli­chen Mariendebatten bei Konzilen gezeigt, wie kirchenspaltend die Thematik sein konnte.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. hierzu u. a. Konstanze Kuhnt: die Theologische Diskussion in der frühen Kirche, in: Konstantinopel, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2009, S. 37

[2] Katharina Heyden: Wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich, Evangelische Zeitung, 19.12.2010

[3] Georg Kretschmar: Die Konzile der Alten Kirche, in: Hans Jochen Margull: Die ökumenischen Konzile der Christenheit, Stuttgart 1961, S. 50

[4] Ebenda, S. 56

[5] Christian Modehn: Eine Frau mit tausend Namen, Glaubenssachen, NDR, Kultur, 21.3.2010, Manuskript, S. 4

[6] Zitiert nach: ebenda

[7] Vgl. Renate Wind: Befreit aus dem Gefängnis der Dogmen, Publik-Forum, 15/1996, S. 25

[8] Ivone Gebara/Maria C. Lucchetti Bingemer: Maria, Mutter Gottes und Mutter der Armen, Düsseldorf 1988, S. 107

[9] Georg Kretschmar: Die Konzile der Alten Kirche, a.a.O., S. 58

[10] Zitiert nach: Die lehramtlichen Aussagen über Maria auf einen Blick, in: Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S 53

[11] Christian Modehn: Eine Frau mit tausend Namen, Glaubenssachen, NDR, Kultur, 21.3.2010, Manuskript, S. 5

[12] Wolfgang Thönissen: Verehrung, nicht Anbetung, Zeitzeichen, 12/2007, S. 31

[13] Vgl. Peter Steiner: Die Verherrlichung der Frau, Glaubenssachen, NDR Kultur, 15.8.2010

[14] Vgl. ebenda

[15] Vgl. Hanne Tügel: Maria auf allen Wegen, On­line-Text vom 17.12.2010 auf www.geo.de

[16] Vgl. ebenda, vgl. auch: Liturgischer Kalender der Marienfeste, in: Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 54

[17] Wolfgang Thönissen: Verehrung, nicht Anbetung, a.a.O., S. 30

[18] Vgl. ebenda, S. 32

[19] Vgl. Thomas Seiterich-Kreuzkamp: Zerstört ein neues Dogma die Ökumene, Publik-Forum, 17/1997, S. 32f. und „Vatican resists Catholic pressure for Mary to be named co-redeemer“, Ecumenical News International, 3.9.1997

[20] Vgl. ebenda