Maria in der Bibel

 

Maria kommt in den Evangelien und Briefen des Neuen Testaments gemessen an der heutigen Marienfrömmigkeit nur selten und dazu noch auf sehr unterschiedliche Weise vor. Von den 27 Schriften des Neuen Testaments erwähnen nur vier Maria namentlich: Matthäusevangelium, Markusevangelium, Lukasevangelium und die Apostelge­schichte. Insgesamt findet Maria 19 Mal Erwähnung.[1] Meist wird sie als Mutter Jesu bezeichnet, und darin ist das katholische Dogma der Gottesmutterschaft bib­lisch begründet. Insgesamt erfahren wir recht wenig über die Mutter Jesu, und manches bleibt widersprüchlich. Aber gerade das hat die Gläubigen dazu inspiriert, diese ein­fache Frau aus Nazareth immer neu darzustellen und sich von ihr im eigenen Glauben und Handeln stärken zu lassen. Die Marienbilder und die Marienverehrung sagen uns mehr über den Glauben der Menschen in den letzten zwei Jahrtau­senden als über die „historische Maria“. Was erfahren wir im Neuen Testament über Maria?

 

Maria in den Paulusbriefen

 

Paulus, der in Jerusalem noch Mitglieder der Gemeinde traf, die Maria gekannt hat­ten, nennt in seinen Briefen kein einziges Mal ihren Namen, nur einmal wird über Jesus in einem Nebensatz gesagt „geboren von einer Frau“ (Galater 4,4). Und an dieser Stelle geht es nicht um eine biografische Angabe, sondern um eine theologische Aussage.[2]

 

Dieser Befund ist auf dem Hintergrund zu verstehen, dass Pau­lus eine chri­stuszentrierte Theologie vertrat und am „historischen Jesus“ sehr wenig inte­ressiert war und noch weniger an dessen Familiengeschichte. Der Hinweis auf die Geburt durch eine Frau diente dem Apostel vor allem dazu zu betonen, dass Jesus wirklich als Mensch auf die Welt gekommen und als Mensch gelebt und gelitten hatte.[3]

 

Trotzdem sollten wir die Erwähnung der Jesusmutter im Galaterbrief nicht unbeachtet lassen. Lesen wir dazu den ganzen Satz: „Als aber die Zeit erfüllt war, sand­te Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen.“ (Galater 4,4f.) Jesu Mutter wird hier an einem ganz entscheidenden Punkt der Heilsgeschichte erwähnt, nämlich „als aber die Zeit erfüllt war“. Mit der Geburt Jesu beginnt für Paulus etwas Neues, die Erlösung der Menschen als Kinder Gottes.

 

Mit solchen Aussagen ist allerdings die Gefahr verbunden, einen scharfen Gegensatz zwi­schen der Zeit des „Gesetzes“ und der neuen Zeit aufzubauen, die mit Jesus beginnt und zur Erlösung führt. Jesus hat sich aber sehr wahrscheinlich nicht zum Ziel gesetzt, das „alte“ Judentum durch eine neue Religions­ge­mein­schaft zu ersetzen, sondern er war in dem, was er lebte und lehrte, fest im Judentum verwurzelt. Maria, die junge jüdische Frau, hat nicht ein Kind zur Welt gebracht, das die göttliche Verheißung für das jüdische Volk für beendet erklär­te, sondern der alle Menschen eingeladen hat, als Kinder Gottes zu glauben und zu leben.

 

Maria im Markusevangelium

 

Im Markusevangelium kommen Maria und die Geschwister Jesu in zwei Abschnit­ten vor, wo sie in einem ausgesprochen ungünstigen Licht erscheinen. Jesus war, berichtet Markus im 3. Kapitel, in Kapernaum erstmals öffentlich aufgetreten und hatte viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der Evangelist fährt fort: „Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.“ (Markus 3,21). Daraufhin distanzierte Jesus sich, heißt es bei Markus, in schroffer Form von seiner leiblichen Familie: „Wer ist meine Mut­ter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (Markus 3,33-35)

 

Auch die zweite Erwähnung Marias im Markusevangelium erfolgt in einem nega­tiven Zusammenhang. Jesus war nach Nazareth gekommen, um dort zu predigen und stieß dort auf Ablehnung: „Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause.“ (Markus 6,3-4) Ganz unbefangen nennt Markus hier die Namen der vier Brüder Jesu, und auch mindestens zwei Schwestern gab es nach die­sem Bericht. Der Verfasser des Markusevangeliums wusste offenbar nichts von einer Jungfrauengeburt und schon gar nichts von der Behauptung, dass Maria ewig Jungfrau blieb und daher nach Jesus keine weiteren Kinder zur Welt gebracht haben sollte.

 

Umstritten ist, ob die Jesusmut­­ter Maria ein drittes Mal im Markusevangelium erwähnt wird. Ist sie die Maria, von der Markus in der Kreuzigungsdarstellung spricht? Wahrscheinlich ist sie es nicht, denn dann hätte es nahe gelegen, sie explizit als Mutter Jesu zu benennen.[4] Maria war damals ein weit verbreiteter jüdischer Frauenname, und das erklärt, warum im Neuen Testament von mehreren Frauen berichtet wird, die Maria hießen.

 

Es ist sehr kontrovers darüber diskutiert worden, warum Maria und die übrige Familie Jesu im Markusevangelium derart negativ dargestellt werden. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass dies das älteste der Evangelien ist, Markus also zeitlich den Ereignissen im Leben Jesu unter den Evangelisten noch am nächsten war, als er seinen Text schrieb. Wenn Markus den Gedanken der Zugehörigkeit der Gläubigen zur Familie Gottes herausstellen wollte,[5] bestand keine Notwendigkeit, die leib­liche Familie Jesu negativ darzustellen. Es ist daher möglich, dass Mar­kus von Span­nungen innerhalb der Familie Jesu erfahren hatte und diese Berichte für glaub­würdig hielt. Zu berücksichtigen ist aber auch, dass Markus in seinem Evan­gelium immer wieder dargestellt hat, dass Menschen, die Jesus nahe standen, ihn und seine Botschaft zu sei­nen Lebzeiten auf Erden nicht verstanden. Das gilt auch für die Jün­gerinnen und Jünger. Das Unverständnis der Familie ist daher bei Markus Teil eines weit verbreiteten Unverständnisses der Menschen im Umfeld Jesu, das erst nach seinem Tod und seiner Auferstehung wich.[6]

 

Die Aussagen Jesu über den Ernst der Nachfolge und außerdem die Verfol­gungs­erfahrungen seiner Anhänger der ersten und zweiten Generation könnten dazu beigetragen haben, dass Markus vehement die Bindungen an die leibliche Familie hintangestellt hat gegenüber der Gemeinschaft der Gläubigen. Gefragt war in der extremen Situation eine grundlegend andere Lebensweise als die relative Gebor­gen­heit in einer traditionellen Großfamilie. Der ökumenisch engagierte neuseelän­dische Theologe John Bluck schreibt über die Zurückweisung der leiblichen Familie Jesu im Markusevangelium: „Dreh- und Angelpunkt der Mission ist das uneinge­schränkte Vertrauen, dass Jesus in jede und jeden seiner Anhänger setzte, sein vollkommenes Vertrauen darauf, dass sie den Weg zu Gottes Liebe und Gnade weisen würden. Es waren ganz gewöhnliche Leute ohne besondere Fähigkeiten oder eine spezielle Ausbildung … Was uns in diesem Abschnitt angeboten wird, ist eine radi­kal neue Lebensweise, in der unser eigenes Vertrauen und Selbstwertgefühl, un­sere Fähigkeit, weitreichende und kühne Entscheidungen zu treffen, nicht von der Zustimmung und Anerkennung anderer Menschen abhängt.“[7] Zu beachten ist auch, dass die Mitglieder der ersten Gemeindegruppen eine rasche Wiederkehr Jesu erwarteten, und gegenüber der Vorbereitung auf diese Wiederkehr erschienen familiäre Bindungen sekundär.

 

Das unstete und gefährliche Leben von Wanderpredigerinnen und Wanderpre­digern vertrug sich nicht mit engen Bindungen an die Großfamilie und die Tätigkeit im elterlichen Landwirtschafts- und Handwerksbetrieb. Es ist möglich, dass Spannungen zwischen Jesus und seiner Familie auch darauf zurückgingen, dass er als Erstgeborener seine Verpflichtungen gegenüber der Familie vernachlässigt und sich für ein Leben als Wanderprediger entschieden hatte.

 

Zu berücksichtigen ist zu­dem, dass in Galiläa zu Lebzeiten Jesu tief greifende soziale Veränderungen stattfan­den, die man heute vielleicht als „Modernisierungsschub“ bezeichnen wür­de. Unter dem Ein­­fluss der zunehmenden öko­­­nomischen, sozialen und kulturellen Einbe­zie­hung Galiläas in das Römische Reich und seine „globalen“ Struk­tu­ren, die auf Vereinheit­li­chung abzielten, verloren tra­ditio­nelle Familienstruk­turen an Bedeu­tung und boten nicht länger die frühere Sicherheit und Geborgenheit.[8] Insofern sagt die Darstellung bei Markus vielleicht mehr über die Lebenssituation Jesu und den gesellschaftlichen Kontext zu seiner Zeit aus als über Maria.

 

Susanne Heine hat 1997 in den „Lutherischen Monatsheften“ auch einen positiven Sinn in dem gefunden, was zunächst einmal als feindlich gegenüber der Familie erscheinen kann: „Nicht die Blutsverwandtschaft ist ausschlaggebend, vielmehr ver­bindet die gemeinsame Über­­zeugung die Menschen zur Familie Gottes. Markus will sagen, dass der Glaube die eigenständige Einsicht jeder einzelnen Person verlangt, ohne sich auf Äußerlichkeiten wie Herkunft und Rang zu stützen. In der universalen Perspektive des Christentums entscheidet nicht die Vergangenheit über Menschen, sondern die Zukunft: der Glaube an die Botschaft Jesu vom kommenden Gott.“[9]

 

Die neue Gemeinschaft, die von Jesus verkündet wurde, ist aber nicht primär eine asketische Leidensgemeinschaft, sondern es ist eine Hoffnungsgemeinschaft, denn sie trägt den Samen eines neuen Zusammenlebens der Mensch­heit in sich, den Beginn des Reiches Gottes. Bei Markus lesen wir im 10. Kapitel ab Vers 28: „Da fing Petrus an und sagte zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus sprach: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlässt um meinet­willen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfach em­pfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen – und in der zukünftigen Welt das ewi­ge Leben. Viele aber werden die Letzten sein, die die Ersten sind, und die Ersten sein, die die Letzten sind.“

 

Wer Jesus nachfolgt, der wird nicht nur aufs Jenseits vertröstet. Die Verheißung ist, schon jetzt in diesem Leben reich beschenkt zu werden, vor allem mit einer neuen Gemeinschaft. Zu dieser neuen Familie schreibt Joachim Kügler, Professor für Neues Testament an der Universität Bamberg: „Die neue Familie, die die Jesusbewegung bildet, ist nicht einfach eine Kopie der patriarchalen Familie, die die Aus­steiger hinter sich gelassen hatten. Die traditionelle antike Familie ist durch ihre klare Hierarchie charakterisiert, die neue Familie wird dagegen eher als eine Gemein­schaft von Gleichberechtigten gesehen. Deswegen nimmt auch Jesus nicht den Platz des Vaters ein. Er spricht in dem oben zitierten Text (vgl. Markus 3,34f.) nicht von seinen Kindern, sondern von seinen neuen Brüdern, Schwestern und Müttern. Und bei der Aufzählung dessen, was die Aussteiger als neue Familie erhalten, feh­len die Väter auffälligerweise. Die neue Familie ist eine vaterlose Familie, zumindest hat sie keinen irdischen Vater. Einen himmlischen Vater hat sie aber durch­­aus. Er nährt und schützt und versorgt seine Kinder wie eine gute Mut­ter. Ne­ben diesem mütterlichen Vater im Himmel braucht die Jesusbewegung kei­nen irdi­schen Vater (Mt. 23,9), und keine irdische Vatermacht oder -autorität soll je über dem himmlischen Vater stehen.“[10]

 

Maria im Matthäusevangelium

 

Bei Matthäus wird Maria mehrfach in Zusammenhang mit der Geburt Jesu, der Flucht nach Ägypten und der Rückkehr in die Heimat erwähnt, wobei aber Josef die aktivere Rolle übernimmt. Er ist es, der in Träumen göttliche Weisungen er­hält. Auch wird er in der Abstammungsreihe erwähnt, die bis David und Abraham zurückgeht, allerdings wird ihm am Ende der Auflistung die Vaterschaft Jesu verwehrt und Maria als Mutter Jesu aufgeführt. Hier soll erwähnt werden, dass Ma­ria im Matthäusevangelium eine bedeutendere Rolle innehat als bei Markus, aber in dieser Geburtsgeschichte im Vergleich zur Lukasdarstellung einen weniger aktiven Part übernimmt als Josef.[11]

 

Von Maria sind allerdings im Matthäusevangelium – anders als im Lukasevangelium – keine Aussagen und schon gar kein Magnifikat zu finden. Trotz seiner Geburtsge­schichte, in der Jesu Eltern die besondere Bestim­mung ihres Sohnes erkennen, übernimmt Matthäus aus dem Markusevangelium die beiden Geschichten, in denen Jesu Familie vorkommt. Während es bei Markus über die Verwand­ten heißt, sie „schickten zu ihm und ließen ihn rufen“ (Markus 3,31), erfahren wir bei Matthäus, sie „wollten mit ihm reden“ (Matthäus 12,46). Das klingt nicht ganz so drängend.

 

Kleine Änderungen nimmt Matthäus auch beim Auftritt Jesu in seiner Heimatstadt Nazareth vor. Sagt Jesus laut Markusevangelium: „Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Haus.“ (Markus 6,4), lässt Matthäus die Verwandten aus der Auflis­tung weg (Matthäus 13,57). Die Behauptung der Angehörigen Jesu „Er ist von Sinnen“ (Markus 3,21) fehlt bei Matthäus ganz. Der Bruch zwischen der Geburtsgeschichte und dem Unverständnis der Familie für Jesu öffentliches Wirken wäre sonst sehr krass gewe­sen. Jürgen Becker, emeritierter Theologieprofessor der Universität Kiel, schrieb in seinem „Maria“-Buch zusammenfassend über die Darstel­lung der Familie Jesu bei Matthäus im Vergleich zu Markus: „Die grundsätzliche Distanz zwischen Jesus und seiner leiblichen Familie bleibt auch bei ihm erhalten. Sie hat jedoch an Aggres­sivität verloren.“[12]

 

Maria im Lukasevangelium

 

Bei Lukas hat Maria eine zentrale Position in dem Zyklus der Geschichten um die Geburt und Kindheit Jesu, während Josef sich mit einer Rolle im Hintergrund begnügen muss.[13] Überraschen kann das nicht, zeichnet sich das Lukasevangelium doch dadurch aus, dass Frauen hier immer wieder als wichtige Handelnde auftre­ten. Auf das Magnifikat wird in einem eigenen Abschnitt eingegangen werden.

 

Auffällig auch, dass Maria und die Geschwister Jesu bei Lukas deutlich positiver dargestellt werden als bei Markus. Der Eklat um Jesu Auftritt in seiner Heimatstadt Nazareth, von dem Markus ausführlich berichtet, wird von Lukas neu gestaltet. In Lukas 4,16-30 über Jesu Predigt in Nazareth tritt die Familie Jesu überhaupt nicht auf, und nur an zwei Stellen wird auf die Wurzeln Jesu in diesem Ort hingewiesen. Vers 15 beginnt mit den Worten: „Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war …“ In Vers 22 fragen die Zuhörer in der Synagoge: „Ist das nicht Josefs Sohn?“. Dadurch, dass Lukas hier von keinem Konflikt mit der Familie berichtet, bewahrt er die Schlüssigkeit seiner Ge­schichte, die anders als das Markusevangelium mit einer Geburtsgeschichte be­ginnt, in der Maria und Josef die göttlichen Zusagen für ihren Sohn hören. Das können sie nicht vergessen haben und ratlos bis ablehnend den Predigten ihres Sohnes gegenüberstehen. Konsequenterweise verkürzt Lukas auch Jesu Antwort auf die Aussage: „Kein Prophet ist willkommen in seinem Vaterland.“ (Lukas 4,24) Die von Mar­kus erwähnten Verwandten und Familienmitglieder bleiben hier unerwähnt.

 

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, wie Lukas die Szene darstellt, in der Jesu Verwandte den jungen Mann in Kapernaum treffen wollen: „Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm und konnten wegen der Menge nicht zu ihm gelangen. Da wurde ihm gesagt: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun.“ (Lukas 8,19-21) Anders als bei Markus lehnt Jesus hier ein Treffen mit den Verwandten nicht ab, sondern sie können wegen der großen Menschenmenge nicht zu ihm gelangen. Auch sagt sich Jesus nicht von seiner leiblichen Familie los, sondern er preist alle dafür, dass sie Gottes Wort hören und danach handeln.

 

Auch an zwei weiteren Stellen im Lukasevangelium wird die Nachfolge Jesu vor familiäre Bindungen gestellt. In Lukas 12,49-53 sagt Jesus voraus, dass er mit seiner Botschaft Zwietracht säen wird, und dass auch Auseinandersetzungen innerhalb von Familien zu erwarten sind: Noch radikaler ist Jesu Ankündigung in Lukas 14,26 und 27: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ Solche Aussagen machen deutlich, dass Jesus im Evangelium des Lukas nicht seine leibliche Familie brüsk zurückweist, sondern deutlich machen will, dass eine kon­sequen­te Jüngerschaft erfordert, sich nicht durch menschliche Bindungen und vor allem durch familiäre Bindungen davon abbringen zu lassen, ihm nachzufolgen. Lukas räumt der Familie Jesu keine Sonderstellung oder hervorgehobene Stellung ein.

 

Maria im Johannesevangelium

 

Im Johannesevangelium wird Maria nirgends mit ihrem Namen erwähnt. Aber es gibt zwei zentrale Stellen, an denen die Mutter Jesu vorkommt. Der katholische indische Theologe Abbot John Kurichiyaniyil schreibt hierzu in einem theologi­schen Aufsatz: „Die einfache Tatsache, dass diese zwei Szenen ganz am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesus und ganz am Ende seines Lebens stehen, ist bereits ein Hinweis darauf, dass Maria eine bedeutsame Rolle im Johannesevangelium einnimmt. Das ist umso mehr der Fall, als Maria in den anderen Evangelien kaum je­mals in der Zeit des öffentlichen Auftretens Jesu erscheint und nirgends in Zusam­menhang mit seinem Leiden und Tod.“[14]

 

In der Geschichte von der Hochzeit von Kana, die nur von Johannes im 2. Kapitel seines Evangeliums überliefert wird, ging den Gastgebern der Wein aus. Um sie aus ihrer peinlichen Situation zu befreien, sprach die Jesusmutter ihren Sohn an: „Sie ha­ben keinen Wein mehr.“ Das sollte offenkundig ein Hinweis für Jesus sein, durch ein Wunder für Wein zu sorgen. Die philippinische Ordensschwester Merle Salazar verweist auf die aktive Rolle Marias in dieser Szene: „… weder die Braut noch der Bräutigam wenden sich hier an Jesus oder an Maria. Maria, wird uns gezeigt, sieht aus eigener Freiheit das Problem und lenkt Jesu Aufmerksamkeit darauf.“[15]

 

Jesus verstand die Anfrage richtig, ant­wortete aber schroff: „Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Das hätte das Ende einer Konfrontation von Mutter und Sohn sein können, aber überraschenderweise sagte Maria den Dienern: „Was er euch sagt, das tut.“ Damit kennen wir bereits den zweiten der beiden Sätze, die Johannes in seinem ganzen Evangelium von Maria überliefert. Den Auftrag an die Diener interpretiert Merle Salazar so: „Diese Anweisung, so kurz wie sie ist, bringt den Glauben, das Vertrauen und das Selbstvertrauen in den zum Ausdruck, der Wunder bewirkt, Jesus. Der Satz zeigt, dass Ma­ria keinen Zweifel daran hatte, dass Jesus schließlich eingreifen würde.“[16] Der zweite Satz Marias war in der Tat vorausblickend, denn Jesus forderte die Die­ner dazu auf, sechs große Fässer mit Wasser zu füllen. Anschließend ließ er den Spei­semeister den Wein, der auf wunderbare Weise aus dem Wasser entstanden war, kosten. Ob des köstlichen Weins ging der Speisemeister zu den Gastgebern und fragte, warum sie erst jetzt diesen guten Wein anbieten würden.

 

Bei Johannes begegnen wir einer ganz anderen Maria als bei Markus, wo berichtet wird, dass die „Seinen“ (einschließlich Maria) der Auffassung wa­ren, er wäre „von Sinnen“. Hier zeigt sich auf überzeugende Weise, dass die Marien­darstellungen in den vier Evangelien nicht einfach addiert und zu einer Maria­bio­grafie verschmolzen werden können. Es gilt, ernst zu nehmen, dass die neutes­ta­mentlichen Texte unterschiedliche Bilder von Maria zeigen, die nicht künstlich in Über­einstimmung gebracht werden können. Zu Recht schreibt der katholische Theologe Claudio Ettl in einem Auf­satz über Maria und ihre Familie im Neuen Tes­tament: „Das neutestamentliche Marienbild ist vielfältig. Es gibt nicht eines, son­dern mindestens vier davon.“[17]

 

Maria in der Offenbarung des Johannes

 

An dieser Stelle soll nun noch ganz kurz auf den Text Offenbarung 12,1-17 einge­gangen werden.[18] Seit dem vierten Jahrhundert wurde die Auffassung vertreten, bei der Frau, die mit der Sonne bekleidet ist, den Mond unter sich und ein Kreuz von zwölf Sternen über sich hat, handele es sich um Maria. Die Auffassung, dass diese Frau, die unter Schmerzen ein Kind zur Welt brachte, Maria sei, vertraten zunächst nur einzelne Ausleger des Offenbarungstextes. Aber im Mittelalter fand diese Interpre­ta­tion viele Anhänger. Inzwischen besteht in Theologenkreisen aber weitgehend Einigkeit darüber, dass an dieser Stelle in der Offenbarung des Johannes die Jesusmutter Maria nicht gemeint ist und dass auch der Anknüpfungspunkt ausscheidet, das Motiv einer Himmelskönigin mit Maria in Verbindung zu bringen, denn die Bezeichnung Marias als Himmelskönigin war im frühen Chris­tentum noch nicht gebräuchlich. „Scheidet Off. 12 aus den Marientexten des Urchristentums aus“, schreibt Jürgen Becker in seinem „Maria“-Buch, „so hat die spätere mariolo­gi­sche Deutung des Textes gleichwohl in der Kunst der Kirche und in ihrer Dichtung zu ent­sprechenden Mariendarstellungen geführt. Die biblische Gestaltung der Maria als Himmelskönigin erhält nicht selten Motive aus Offb. 12. Unter den Marienlie­dern greift Luthers Nachdichtung von Joh. 12 besonders eindrücklich die Hauptmotive des Textes auf.“[19] Das wird zum Beispiel in diesen Zeilen deutlich:

 

Sie trägt von Gold so rein ein Kron’,

da leuchten drin zwölf Sterne;

ihr Kleid ist wie die Sonne schon (= schön).

das glänzt hell und ferne,

und auf dem Mon’

ihr’ Füße stohn.[20]

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Claudio Ettl: Leben mit einem Wunderkind, Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 11

[2] Ebenda, S. 12

[3] Vgl. hierzu u. a. Martin Koschorke: Jesus war nie in Bethlehem, Darmstadt 2007, S. 41f. und Susanne Heine: Glauben mit Leib und Seele, Lutherische Monatshefte, 11/97, S. 4f.

[4] Vgl. Claudio Ettl: Leben mit einem Wunderkind, a.a.O., S. 13

[5] Vgl. Christine Gerber/Dieter Vieweger: Patriarchat, in: Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, a.a.O., S. 438

[6] Vgl. Claudio Ettl: Leben mit einem Wunderkind, a. a. O., S. 12f.

[7] John Bluck: The Giveaway God, Ecumenical Bible Studies on Divine Generosity, Genf 2001, S. 26f.

[8] Vgl. Martin Koschorke: Jesus war nie in Bethlehem, a.a.O., S. 86ff.

[9] Susanne Heine: Glauben mit Leib und Seele, Lutherische Monatshefte, 11/97, S. 3

[10] Joachim Kügler: Die alternative Familie Gottes, in: Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 29

[11] Vgl. Claudio Ettl: Leben mit einem Wunderkind, Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 13f.

[12] Jürgen Becker: Maria, Leipzig 2001, S. 143

[13] Claudio Ettl: Leben mit einem Wunderkind, a.a.O., S. 14f.

[14] Abbot John Kurichiyaniyil: Mary in the Gospel of John, Bible Bhashyam, Vol. 37 (2011), No. 1, S. 42

[15] Merle Salazar: The Mother of Jesus in the Gospel of John, East Asian Pastoral Review, Vol. 43, No. 3, S. 275

[16] Ebenda. S. 276

[17] Claudio Ettl: Leben mit einem Wunderkind, a.a.O., S. 17

[18] Vgl. ebenda, S. 221ff.

[19] Ebenda, S. 224f.

[20] Zitiert nach ebenda, S. 225