Maria in den apokryphen Schriften

 

Wir in allen vier Evangelien und den anderen Schriften des Neuen Testaments wenig über die Biografie Marias oder Miriams. Wir lesen, dass sie eine jüdische Frau aus dem Dorf Nazareth war, dass sie Josef heiratete und mehrere Kinder hatte, dass sie sich Sorgen um ihren Sohn Jesus machte und dass sie sich nach dessen Tod der Gemeinschaft der Jesusjüngerinnen und -jünger in Jerusalem angeschlossen hat. Das war angesichts der aufkommenden Marienfrömmigkeit schon in den ersten Jahrhunderten der Christenheit ziemlich wenig. In einigen apo­kry­phen Schriften wurde daher der Versuch unternommen, sehr viel mehr über Maria zu erzählen.

 

Maria im Protevangelium des Jakobus

 

Der Verfasser des Protevangeliums des Jakobus ergänzte die Darstellung des Le­bens der Jesusmutter Maria in den Evangelien des Neuen Testaments mit kräf­tigen Bildern, die je nach Standpunkt des Betrachters als Ausdruck großer Gotteser­kennt­nis oder Fantasie angesehen werden können. Vor allem ging es dem Verfas­ser darum, den Glauben an die Jungfrauengeburt zu verteidigen. Dies geschah auch zur Abwehr damaliger jüdischer Vorwürfe, Maria hätte ein Verhältnis zu ei­nem rö­mi­schen Soldaten gehabt und wäre auf diese Weise schwanger geworden.[1]

 

Im Protevangelium erhielten Marias Eltern Namen, Joachim und Anna, was die Biografie konkretisierte und damit glaubwürdiger machen konnte. Außerdem wur­de betont, dass Joachim „sehr reich“, also gesellschaftlich hoch gestellt, war. Damit wurde eine Antwort auf die Erwartung der hellenistisch geprägten Umgebung gege­­ben, dass allenfalls sehr bekannte und herausgehobene Persönlichkeiten durch eine Jungfrauengeburt zur Welt kommen konnten.

 

Wie einst Abraham und Sara, wurde in diesem Protevangelium auch Joachim und Anna verkündet, dass sie noch in hohem Alter ein Kind bekommen würden. Die Ankündigung des Engels, der Anna erschien, nahm bewusst die spätere Verkün­digung des Engels an Maria auf: „Anna, Anna, Gott, der Herr, hat dein Gebet erhört. Du wirst empfangen, und du wirst gebären, und reden wird man von deiner Nachkommenschaft auf dem ganzen Erdkreis.“ Ob im Protevangelium des Jakobus von einer Jungfrauengeburt der Tochter Maria ausgegangen wird, lässt sich angesichts mehrerer unterschiedlicher Textfassungen nicht eindeutig klä­ren. Nimmt man eine Jungfrauengeburt an, fehlt auf jeden Fall die später so wichtig gewordene Dimension der Befreiung von der Erbsünde.[2] Das war noch nicht das Thema des Verfassers dieses Textes.

 

Bereits sechs Monate nach ihrer Geburt konnte Maria laufen, und mit drei Jahren wurde sie nach dieser Überlieferung zur „Tempeljungfrau“, die zum allge­mei­nen Wohl­wollen auf den Stufen des Altars tanzte.[3] Maria wurde dann als älteres Kind dazu erwählt, mit anderen Jungfrauen einen Vorhang für den Tempel zu we­ben. So märchenhaft diese Beschreibung auch erscheinen mag, im Mittelalter war sie die Grundlage vieler Gemälde und trug dazu bei, die Marienverehrung zu ver­tiefen. Der katholische Apokryphen-Experte Franz-Josef Ortkemper schreibt zu dieser Maria, die oft mit Wollknäuel dargestellt wurde: „Die vielen, nicht nur ostkirchlichen Bilderzyklen über das Leben Marias sind ohne die Texte aus dem Protevangelium des Jakobus überhaupt nicht zu verstehen.“[4]

 

Mit zwölf Jahren sollte Maria, berichtet Jakobus, den Tempel wieder verlassen, weil, so vermuten heutige Interpreten, man eine Befleckung des Tempels durch Menstruationsblut befürchtete. Die Witwer des Volkes wurden zusammengerufen, und das Los fiel auf Josef. Er sollte die Jungfrau des Herrn zur Ehefrau neh­men und gleichzeitig als Jungfrau bewahren, wird in diesem apokryphen Text berichtet. Josef wehrte sich gegen diese Wahl, weil er fürchtete, zum Gespött seiner Umge­bung zu werden. Aber nachdem ihm ein Strafgericht Gottes angedroht wor­den war, willigte Josef schließlich ein und nahm Maria in sein Haus auf.[5]

 

Nachdem Maria von einem Besuch bei Elisabeth zurückgekehrt war, musste Josef feststellen, dass sie schwanger war. Josef wollte sie heimlich verlassen, aber ein Engel klärte ihn über die Besonderheit dieser Geburt auf. Josef blieb, aber es gab bei Jakobus noch kein Happy End, denn ein Schriftgelehrter bemerkte den Zustand Marias und informierte den Hohepriester von der Schwangerschaft. Der ordnete ein Gottesurteil an. Maria und Josef mussten „Prüfungswasser“ trinken, und anschlie­ßend wurden sie einzeln in die Wüste geschickt. Beide überlebten die Prüfungen und galten damit als unschuldig.[6] Auf die Geburt Jesu in der Darstellung des Jakobus werde ich im Abschnitt über seine Geburtsgeschichte ausführlicher eingehen.

 

Maria im Pseudo-Johannesevangelium

 

Was wurde aus Maria nach dem Tod ihres Sohnes Jesus? Diese Frage wird in den Schriften des Neuen Testaments nicht oder nur in sehr knapper Form beant­wortet, und auch auf diese Frage findet man in einer apokryphen Schrift eine Ant­wort, in dem Text „Entschlafung Marias“ (auch Pseudo-Johannesevangelium genannt). Ma­ria lebte, so diese Darstellung, nach dem Tod ihres Sohnes in Bethlehem und begab sich von dort aus jeden Tag zum Grab ihres Sohnes in Jerusalem. Am Grab verkündete ihr der Erzengel Gabriel eines Tages, dass sie nun ihrem Wunsch entspre­chend bald sterben werde. Sie äußerte daraufhin zwei Wünsche: die noch lebenden und die bereits verstorbenen Apostel noch einmal zu sehen und ihre eigenen sterblichen Reste nicht dem Verfall zu überlassen, um zu verhindern, dass „die Juden“ ihren Leichnam verbrennen würden. Tatsächlich, erfahren wir, erschienen ihr die Apostel auf Wolken, und ihr Leichnam wurde ins Paradies aufgenommen, während ihre Seele in den Himmel aufstieg. All dies geschah nicht ohne eine weitere gegen „die“ Juden gerichtete Episode. Bei der Beisetzungsfeier versuchte nach die­ser Überlieferung ein Jude, Marias Leichnam zu entweihen. Aber bevor er die fre­velhafte Tat vollbringen konnte, verdorrte seine Hand. Erst als er Maria als Mutter Gottes anrief, wurde er wieder gesund.[7] Dies ist eine von unendlich vielen gegen die Juden gerichteten Geschichten in der christlichen Literatur, die katastrophale Wirkungen zeitigten.

 

Insgesamt ist die Bedeutung der apokryphen Schriften für frühere und heutige Bilder von Maria beträchtlich. Simon Claude Mimouni, Professor für Religionswis­senschaft an der Sorbonne in Paris, schrieb hierzu 2009 in einem Zeitschriftenbeitrag: „So stellt der ‚Marienzy­klus’ zweifellos eines der bevorzugten Themengebiete der Apokryphen dar … Sie schmückten die äußerst fragmentarischen Infor­ma­ti­o­nen, die die kanonischen Schrif­­ten des Neuen Testaments bieten, reich aus – aber mit präzisen theologischen Absichten. Eine ganze Reihe dieser apokryphen Schrif­ten lieferte feste Bestandteile der christlichen Vorstellungswelt und übte auf die­sem Wege einen tiefen und dauer­haften Einfluss auf die Entwicklung der christli­chen Ikonografie aus.“[8]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Simon Claude Mimouni: Über die Bibel hinaus: Geburt und Tod Marias, in: Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 33

[2] Vgl. Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, Stuttgart 2002, S. 92

[3] Vgl. ebenda, S 93

[4] Franz-Josef Ortkemper: Was die Evangelien nicht erzählen, Welt und Umwelt der Bibel,3/2007, S. 17

[5] Vgl. Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, a.a.O., S. 94

[6] Vgl. zu diesem Abschnitt: Jürgen Becker: Maria, Leipzig 2001, S. 261f.

[7] Vgl. Inhaltsangabe der Entschlafung Marias nach Pseudo-Johannes, in: Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 37

[8] Simon Claude Mimouni: Über die Bibel hinaus: Geburt und Tod Marias, in: Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 37