Orientierungspunkte auf dem Weg zu einem Weihnachtsglauben

 

Gerade die Weihnachtsgeschichte scheint es uns schwer zu machen, wissenschaftliche Erkenntnisse und Glauben so zu verbinden, dass wir nicht die Gefühle unserer Mitmenschen und unsere eigenen Gefühle verletzen. Aber es gibt in den biblischen Tex­ten eine Reihe von Orientierungspunkten, die uns den Weg weisen, wie es in der biblischen Geschichte der Stern für die Weisen aus dem Morgenland tat. Ich habe einige solcher Orientierungspunkte zusammengestellt. Es ist meine Auswahl von Punkten. Jeder und jede möge eigene Sterne suchen und erblicken, die es erlauben, eine Orien­tie­rung zu finden auf der Reise zum eige­nen Glauben.

 

Die Weihnachtsgeschichte als Ouvertüre

 

Da die Beschreibungen von Matthäus und Lu­kas über die Geburt und Kindheit Jesu so etwas wie Ouvertüren für das sind, was anschließend in den Evangelien entfaltet wird, ist es lohnend, beim Lesen dieser Texte auf all das zu achten, was be­reits andeutet oder zusammenfasst, was wir später mit mehr Einzelheiten in den Evan­gelien lesen. Auch der Prolog des Johannesevangeliums macht deutlich, wie sich die Welt mit der Geburt Jesu grundlegend verändert hat. Aus diesem Blickwinkel gewinnt vor allem das Magnifikat bei Lukas eine große Bedeutung als erste Darstellung dessen, was Jesus später immer wieder gepredigt hat. Selbst wenn Maria dieses Lied nie gesungen haben sollte, und das ist durchaus wahrscheinlich, liefert uns der Evangelist mit diesem Text doch einen Schlüssel zum Verständnis der befreienden Botschaft Jesu.

 

Mit den Hirten unterwegs

 

Die bitterarmen Hirten waren die Ersten, die die Botschaft vom kommenden Heil hörten. Hätte Lukas einen exakten hi­sto­rischen Bericht des damaligen Geschehens geliefert, könnte man vielleicht annehmen, die Hirten seien zum neugeborenen Kind gerufen worden, weil sie gerade in der Nähe und mitten in der Nacht noch wach waren. Wenn wir aber das Evan­gelium als Glaubenszeugnis verstehen, wird deutlich, dass die Hirten in der Geschichte eine so wichtige Rolle bekommen haben, weil betont werden sollte, was auch mit dem Lobgesang Marias angekündigt ist: Die Armen und Unterdrückten sind von Anfang an Jesus und seinem Weg zum Heil besonders nahe.

 

In einer Welt, in der die Kluft zwischen Armen und Reichen immer größer wird, leben immer mehr Menschen am Rande der Gesellschaft, so wie die Hirten in der Geburtsgeschichte von Lukas. In Deutschland, wo viele Millionen Menschen von Niedriglöhnen zurecht kommen müssen und später Altersarmut zu erwarten haben, wohnen die „Hirten“ mitten unter uns. Und wie bereits in der Vergangenheit gibt es auch heute eine noch viel größere Armut im Süden der Welt und inzwischen auch im Süden Europas. Die Zahl der Armen und Marginalisierten in der Welt ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, während gleichzeitig der Reichtum einer kleinen Minderheit immer gewaltiger geworden ist.

 

Wir haben auf den Seiten dieser Website erfahren, wie Christinnen und Christen in wirtschaftlich armen Ländern die Geschichte von den Hirten lesen und ganz konkret auf ihre eigene Gesellschaft übertragen. Sie verstehen diesen biblischen Bericht als Hoffnungsgeschichte für die Armen der eigenen Gesellschaft und als Aufforderung zur Solidarität. Bereits Martin Luther hat die Gläubigen gerade in der Weihnachtszeit zum Teilen mit den Armen aufgefordert und ge­predigt: „Christus hilft uns, und wir helfen unserm Nächsten und haben alle genug.“

 

Einer derer, die mit den Armen geteilt hat und sein Leben lang arm blieb, war Joseph Mohr, der Verfasser von „Stille Nacht, heilige Nacht“. Sein Lied können wir schwerlich von seinem Leben der Geschwisterlichkeit mit den Armen trennen. Befreiungstheologen wie Leonardo Boff betonen, dass es auf diese Geschwisterlichkeit oder Solidarität ankommt, nicht lediglich darauf, aus Anlässen wie Heiligabend einige milde Gaben zu verteilen. Jesus hat die Wohlhabenden und Reichen ein­geladen, sich zusammen mit den Armen auf den Weg zu machen. Der reiche Jüngling, erfahren wir im Neuen Testament, hat dieses Angebot nicht angenommen und ist traurig von dannen gezogen. Weihnachten ist ein Anlass, darüber nachzudenken, wo unserer Platz in einer Welt ist, in der Jesus den Armen das Himmelreich verheißen hat.

 

Einer Familie bleibt nur die Flucht

 

Dass Matthäus die Familie Jesu zu einer Flüchtlingsfamilie macht, dürfte kein Zufall sein. Gewiss, der Evangelist musste Jesus und seine Eltern von Beth­­lehem nach Ägyp­ten rei­sen lassen, weil ihm wichtig war, dass die Verheißung erfüllt wurde, dass der Heiland aus Ägypten kommen sollte. Aber das erforderte nicht zwingend eine Fluchtgeschichte. Dadurch, dass Maria, Josef und der gerade erst geborene Jesus durch die Wüste in ein fremdes Land flüchten muss­ten, wurden sie von Matthäus aufgenommen in die große Zahl von Menschen in Palästina, die vor Unterdrückung, Verfolgung und Armut fliehen mussten.

 

Jesus war, so eine Botschaft von Matt­häus, von Anfang an einer dieser Vertrie­be­nen, und auch später gehörte er als Wanderprediger zu den Men­schen, die keine feste Bleibe hatten. Der evangelische Theologe Jörg Zink hat Jesu Verkündigung zu dieser Thematik in diese Worte gefasst: „Wo euch ein Fremder begegnet, begegne ich euch, und was ihr tut, entscheidet über euer Verhältnis zu Gott.“

 

Der hervorgehobene Platz von Frauen

 

Wüsste man nicht um die krass benachteiligte Stellung von Frauen in den anti­ken Gesellschaften rund ums Mittelmeer, fiele vielleicht gar nicht auf, welche bedeu­tenden Rollen gleich von Anfang an die Frauen um Jesus im Lukasevangelium einneh­men. Maria, Elisabeth und die Prophetin Hanna sind hier zu erwähnen. Und auch in den anderen Evan­gelien wird deutlich, welche große Wertschätzung Jesus den Frauen ge­gen­über zum Ausdruck gebracht hat. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Evan­gelien in einer Zeit aufgeschrieben wurden, als Frauen in den neu entstehenden Gemein­den der Jesusbewegung bereits wieder aus Führungspositionen verdrängt und an den Rand geschoben wur­den. Zu weit entfernt von der damaligen Alltagsrealität des Patri­ar­chats schien Jesu Botschaft von der Geschwisterlichkeit aller Menschen zu sein, und aus diesem Grunde wurde sie zumindest teilweise zurückgenommen.

 

Zu dieser Umdeutung der Botschaft von der gleichberechtigten Geschwisterlich­keit aller Menschen gehörte es dann auch, dass die männlichen Verantwortlichen der Kirche ein Bild von Ma­ria prägten, das sie zur ewigen Jungfrau und Gottesgebärerin stilisierte – und damit abhob von allen ande­ren Frauen auf der Welt. Aus der mutigen, armen Frau in Galiläa, die in schweren Zeiten „ihre Frau“ stand, wurde eine duldsame und zugleich von irdi­schen Maßstä­ben entrückte Heilige, die nicht mehr geeignet schien, zum Vorbild für alle Frauen zu werden, die ihren gleichberechtigten Platz in Kirche und Gesellschaft einfor­dern.

 

Deshalb gilt es, die Darstellung von Maria, wie sie besonders Lukas überliefert hat, ernst zu nehmen. Solche selbstbe­wuss­ten Frauen sind Jesus in der biblischen Überlieferung mehrfach be­gegnet, und er hat mit ihnen – sehr untypisch für seine Zeit – über Fragen des Glaubens und des Heils dis­kutiert. Femi­nis­tische Theologinnen haben uns geholfen, die Frauen in der Umgebung Jesu neu zu sehen und von ihrem Randdasein in Theologie und kirchlicher Lehre zu befreien. Auf diesen Seiten zur Weihnachtsgeschichte sind unter anderem Uta Ranke-Heinemann, Do­ro­thee Sölle und Ivone Gebara zu Wort gekommen, ebenso viele unbekanntere Theologinnen. Auch an das Maria-Buch des srilankischen Theologen Tissa Balasuriya ist in diesem Zusammenhang zu erinnern.

 

Auseinandersetzung mit den politisch Mächtigen

 

Die Weihnachtsgeschichten des Neuen Testaments können als Geschichten verstanden werden, in denen die Herrschaft Gottes über diese Welt verkündet und die Grenzen der Macht der irdischen Herrscher sichtbar gemacht werden. Schon die Ge­schichte vom Kindermord ist ein Beleg dafür, dass die Evan­gelien die brutale Herrschaft der römischen Kai­ser und ihrer Vasal­len in Palästina entlarvten und deutlich machten, dass die irdi­schen Tyrannen nicht „von Gottes Gnaden“ regierten, sondern unter seinem Gericht standen und ste­hen.

 

Jesus hat in der Zeit seines öffentlichen Wirkens die Gläubigen davor gewarnt, eine offene und aussichtslose gewaltsame Kon­fron­ta­tion mit den politisch Mächtigen zu suchen: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (Markus 12,17). Jesus selbst vermied die Begegnung mit seinem Landesherrn Herodes Antipas und mied wahrscheinlich die Zentren der poli­tischen Macht wie Sepphoris. Er zog durch die Dörfer und wich gelegentlich auch in Gebiete außerhalb von Galiläa aus. Nach Jerusalem ging er erst am Ende seines Wirkens als Prediger, so die Überlieferung der Evangelien von Matt­häus, Markus und Lukas. Jesus muss gewusst ha­ben, wie gefährlich diese Reise war. Er propagierte keinen gewaltsamen Aufstand. Aber unter den schwierigen religiös-politischen Verhältnissen seiner Zeit reichte es aus, die Tempelverantwortlichen durch das Umstürzen der Tische der Geldwechsler zu reizen, um die Aufmerksamkeit und den Zorn auch des politischen Establishments auf sich zu ziehen und als Aufrührer hingerichtet zu werden.

 

Dass Jesus einen anderen Weg als Anpassung oder Gewalt propagierte, erfahren wir bereits durch das, was wir über Jesu Geburt und Kindheit lesen. So verkündete Maria, dass die Mächtigen vom Thron gestürzt werden, und das Kind in der Krippe wird den Hirten mit der Verheißung „Friede auf Erde“ angekün­digt. Beides gewinnt vor dem Hintergrund der damaligen politischen, sozialen und reli­giösen Wirklichkeit in Galiläa eine besondere Bedeutung.

 

So betrachtet bleibt nicht viel von der Krippenidylle übrig. Das Weihnachten von Matthäus und Lukas fand inmitten einer Welt von Unrecht und Unterdrückung statt, in der das neugeborene Kind zu dem großen Hoffnungsträger werden sollte. Der scheinbar idyllischen Szenerie der Geburt eines kleinen Kindes folgten sehr rasch die Flucht nach Ägypten und der Kindermord in Beth­lehem. Matthäus und Lukas haben ihre Geburtsgeschichten überaus kritisch gegenüber den damalig politisch Mächtigen gestaltet. Und das hat zum Beispiel der Maler Pieter Bruegel auf seinem Gemälde „Der Bethlehemitische Kindermord“ aufgenommen, als er den Kindermord mitten in seine von Unrecht und Gewalt geprägte niederländischen Heimat verlegte.

 

Und es ist doch (noch) kein Friede

 

Die Herrschaft Gottes über die Welt und der umfassende Frie­de, der von Gott kommt, sind ein radikales Gegenprogramm zu dem „Frieden“, den die römischen Herrscher propagierten und der auf der Unterwerfung aller be­ruhte, die sich ihnen entgegenstellten. Der Frieden, den die Engel und später Jesus verkündeten, war ein Frieden, der Gerechtigkeit zur Grundlage hatte.

 

In der heutigen waffenstarrenden Welt ist der von Jesus verheißene Frieden von größerer Bedeutung denn je, und doch scheint keine Hoffnung zu bestehen, dass die zahlreichen gewaltsam ausgetragenen Konflikte in der Welt und die weitere Aufrüstung gestoppt werden können. Dennoch bleibt wahr was der Bethlehemer Pastor Mitri Raheb predigt: „Wir wünschen uns nichts mehr, als dass die verwandelnde Kraft der Menschwerdung uns alle stärkt in unserem Engagement, Mauern einzureißen, Frieden zu stiften und Brücken zu bauen.“ Dafür ist beides nötig, die Kraft der Vision und Hoffnung eines wahren Friedens und die ganz konkreten Schritte, um diesen Frieden herbeizuführen.

 

Eine Gegenwelt zum Römischen Reich

 

Die Evangelisten beließen es nicht bei der Kritik am bestehenden Unrecht. Sie erzählten die Jesusge­schich­te als Gegengeschichte zum Kaiserkult und zum allumfassenden Anspruch des Römischen Reiches. Dem Allmachtsanspruch des Kaisers und all seiner Prachtentfaltung wird die Geschichte von dem neugeborenen Kind im Stall in der Krippe entgegengestellt. Dieses Kind, so die Botschaft, wird Gottes umfassende Herr­­schaft über diese Welt verkünden. Nicht der Kaiser hat das letzte Wort, son­dern der Gott des unterdrückten jüdischen Volkes, der diese Welt geschaffen hat und alle irdi­schen Reiche überdauern wird.

 

Die kühne Botschaft der Evangelisten lautet, dass der Wanderprediger von Bethlehem den Weg zu einem gottgefälligen Leben weist und die bessere Alternative zu einem Leben unter der Herrschaft der globalen Macht in Rom verkündet und vorlebt. In der Darstellung von Matthäus erschrak König Herodes, als ihm die Weisen aus dem Mor­genland vom neugeborenen König der Juden erzählten. Immer wieder in der Geschichte sind brutale Macht­haber erschrocken angesichts der befreienden Botschaft, die Jesus verkündet hat und die uns die Evangelisten überliefert haben. Wie Herodes im Matt­häus­evan­ge­lium haben die Despoten mit großer Brutalität auf die Infragestellung ihrer All­machtsan­sprü­che reagiert.

 

Die politischen Herrscher haben zunächst die Jesusbewegung und ihre aufrührerische Botschaft bekämpft und anschließend seit der Zeit von Kaiser Konstantin versucht, sie zu domestizieren und in ihr System zu integrieren. Aber die Botschaft des Wanderpredi­gers aus Nazareth musste und muss völlig verzerrt werden, um sie zur Legitimierung despotischer Herrschaft dienstbar zu machen. Und in solchen Situ­a­ti­onen hat es immer wieder mutige Prophetinnen und Propheten gegeben, die sich nicht zum Schwei­gen brin­gen ließen und unerschrocken das Evangelium von der Liebe, der Umkehr und der Befreiung verkündeten. Gerade die Weih­nachtstexte können Mut machen, mit Maria und Josef, den Hirten und den Weisen eine frohe Botschaft zu verkünden und zu leben, die besonders den Armen und Unterdrückten verheißen ist und die eine Alternative zum Status quo eröffnet.

 

Kritik an der engen Zusammenarbeit der religiösen Führung mit den politisch Mächtigen

 

Die Hohepriester und Schriftgelehrten erscheinen nach der Ankunft der Magier aus dem Morgenland als Berater von König Herodes in einem denkbar schlechten Licht. Auch zur Zeit der Abfassung der Evangelien war die Schreckensherrschaft dieses Königs noch bekannt, den Historiker viele Jahrhunderte später in euro­päischen akademischen Elfenbeintürmen weiterhin als „Herodes den Großen“ titu­lieren. Der Hohepriester und die Priester am Tempel von Jeru­salem standen während der Herrschaft von Herodes vor der heiklen Frage, welche Zusammenarbeit mit diesem tyrannischen König als unumgänglich akzeptiert werden musste, um die insti­tuti­onalisierte Religionsausübung sicherzustellen. Der Opferkult sollte ohne Unterbrechung weitergehen und der Tempel als religiöses Zentrum aller Jüdinnen und Juden erhalten bleiben. Und dafür muss­te man sich mit den politisch Mächtigen arrangieren. Die Au­to­rität und Glaubwürdigkeit der religiösen Führung ging allerdings durch die Zusammenarbeit mit dem Tyrannen in erheblichem Maße verloren.

 

Jesus war offenbar zornig über die Kolla­bo­ra­tion der religiös Verantwortlichen mit den politisch und wirtschaftlich Mächtigen. Dass der Hohepriester und seine engsten Mitarbeiter dank dieses Bündnisses ein luxu­ri­öses Le­ben führ­ten, haben archäologische Forschungen inzwischen eindeutig ergeben. Jesu Kritik an den Reichen und seine Verheißungen für die Armen waren notwendigerweise auch eine Kritik am religiösen Establishment. Diese Kritik ist häufig als Kri­tik an „den Juden“ interpretiert worden. Das war umso wohlfeiler für die Mäch­tigen in den christlichen Kirchen, als es ablenkte von der Frage, welche Probleme immer wieder aus dem Bündnis von Thron und Altar in Europa und später auch anderen Teilen der Welt erwuchsen. Heute kann Jesu Kritik an der engen Zusammenarbeit von Hohepriester und König für die Kirchen ein Anlass und eine Mahnung sein, neu über ihr Verhältnis zu den politischen Herr­schern unserer Tage nachzudenken.

 

Die komplexe Beziehung zum Judentum

 

Wir können die Geburtsgeschichten und die ganzen Evangelien nicht ohne die Konflikte zwischen der Mehr­heit der jüdischen Gläubigen und der „Sekte“ der Jesusbewegung verstehen. Aus dieser Konfliktsituation heraus wollten die Evan­ge­listen in ihren Texten nachweisen, dass Jesus in den jüdischen Tradi­tionen fest verwurzelt war und das fortführte und der Vollendung entgegenbrachte, was schon die Propheten verkündet hatten. Die Evangelisten und ihre Gemeinden sahen sich als diejenigen, die das lehrten und lebten, was Gott den Israeliten schon immer verkündet hatte und was Jesus auf seine konfliktreiche Zeit bezogen und gelebt hatte. Er stand dabei, waren seine Anhänger überzeugt, in der Tradition von Moses und David. Heute müssen wir uns fragen, ob Jesus das Judentum durch eine neue Religion ersetzen wollte. Auf jeden Fall werden Maria und Josef als gläubige Juden dargestellt, und es kommt nirgends in der Darstellung der Geburt und Kindheit ein Zweifel daran auf, dass hier ein jüdischer Junge in eine jüdische Gesellschaft hin­eingeboren wird und aufwächst.

 

Die Konflikte zwischen jüdischer Mehrheit und der Jesusbewegung zur Zeit der Abfassung der Evangelien haben ihre Spuren auch in den Darstellungen der Geburt und Kindheit Jesu hinterlassen. Die gegen „die Juden“ gerichteten Angriffe sind in den apokryphen Schriften noch sehr viel massiver und haben erheblich zum Antisemitismus in Europa beige­tragen. Wie stark in der Gesellschaft und Kirche der Antijudaismus verwurzelt war, musste in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Max Liebermann erleben, als er den zwölfjährigen Jesus als jüdisches Kind malte.

 

Die Magier als Vertreter der ganzen Menschheit

 

Der Glaube des jüdischen Volkes beinhaltete stets eine universale, die ganze Welt umfassende Verheißung. Der Gott, der diese Welt geschaffen hat und das jüdische Volk auserwählte, ist der Herr über alle Völker und das ganze Universum. Jesus und seine Bewegung haben diese auf die ganze Welt gerichtete Botschaft von dem einen Gott betont und bald auch in ihrer Mitgliedschaft die Grenzen des jüdi­schen Volkes überschritten. Die Evangelisten Matthäus und Lukas haben sich in ihren Darstellungen der Geburt und Kindheit Jesu bemüht, diese universale Botschaft bereits zu diesem frühen Zeitpunkt im Leben Jesu deutlich wer­den zu lassen.

 

Daher haben sich im Matthäusevangelium die Magier aus dem Morgenland als Repräsentanten der Völ­ker der Welt auf die weite Reise gemacht, um das Kind in der Krippe anzubeten und ihm wertvolle Geschenke zu bringen. Sie haben den König der Juden angebetet. Beides gehört eng zusammen, die Verwurzelung Jesu im Judentum und seine Betonung der im Judentum immer präsenten Überzeugung, dass der eine Gott der Gott aller Völker ist. Die Geburtsgeschichten sind Ausdruck der Hoffnung, dass alle Völker am Tag des umfassenden Heils zum Berg Zion ziehen werden (Jesaja 2,2f.).

 

Jesus als Sohn Gottes: dreieiniger Gott oder Bote des einen Gottes

 

Hier soll eine entscheidende Frage nicht ausgelassen werden, die uns schon in einigen Abschnitten in dieser Darstellung beschäftigt hat: Ist Jesus notwendigerweise im Rahmen des Glaubens an den dreieinigen Gott zu verstehen oder kann man ihn auch als einen Boten und Bevollmächtigten Gottes ansehen, der in besonderer Weise die Botschaft dieses Gottes verstanden und gepredigt hat. Die Vorstellung vom dreieinigen Gott ist im Christentum fest verwurzelt, nachdem sie bei Konzilen der frühen Kirche mit Mehrheit zur verbindlichen Lehre erklärt worden war. Diese Tri­ni­tätslehre ist häufig missverstanden worden, und deshalb sei hier betont, dass es nicht darum geht, dass die christliche Gottheit aus drei selbstständigen Personen besteht. Es ist ein Gott, und dieser eine Gott, lautet die theologische Überzeugung, offenbart sich den Men­schen in der Trinität.

 

Es gibt viele Christinnen und Christen, die mit der Trinität von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist große Glaubensprobleme haben. Der promi­nen­te Theologe, der diese Bedenken und Vorbehalte geäußert hat, ist wie dargestellt Jörg Zink. Er sieht in Jesus einen Boten und Beauftragten des einen Got­tes. Bei der Lektüre der Evangelien und besonders des Markus­evan­ge­liums können nach Jörg Zinks Überzeugung große Zweifel entstehen, ob die Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist eine biblische Grundlage hat und nur dieses eine christliche Gottesverständnis möglich ist. Viel spricht dafür, dass wir mit Jörg Zink zu einer neuen Tiefe des Glaubens gelangen können, wenn wir Jesus als von Gott berufenen Boten und Bevollmächtigten verstehen.

 

Der Abschied von der Vorstellung der Trinität ist konsequenterweise auch ein endgültiger Abschied von dem Gedanken der Jungfrauengeburt. Wenn Jesus wahrer Mensch, aber nicht zugleich wahrer Gott ist, dann erscheint eine Jungfrauengeburt absolut entbehrlich, noch entbehrlicher, als sie vielen schon bei einem trinitarischen Gottesverständnis ist. Aber verlassen wir damit die gemeinsamen Grund­lagen des Christentums, wie es seit vielen Jahrhunderten verkündet und heute in allen Teilen der Welt geglaubt wird? Es ist ein Wagnis, zu einem neuen Jesusverständnis aufzubrechen, aber es ist ein Wagnis, das mit einem vertieften Glauben belohnt werden kann. Aus dieser Beschäftigung mit grundlegenden Fragen des Glaubens kann ein Aufbruch zur Freiheit eines Christenmenschen werden. Mit den weisen Männern aus dem Morgenland können wir uns voll Gottvertrauen auf den Weg machen und da­rauf verlassen, dass Gott uns den Weg weisen wird.

 

Mitten in dieser Welt der Botschaft des Kindes in der Krippe folgen

 

Der Glaube und das Handeln aus dem Glauben heraus gehören untrennbar zusam­men, und Gotthold Ephraim Lessing war sogar überzeugt, dass der wahre Glaube sich darin zeigt, wie wir in dieser Welt leben und handeln. Das ist die Kernaussage seiner „Ringparabel“ in seinem Werk „Nathan der Weise“. Es geht in dem Theaterstück um die Frage, welche die wahre Religion ist. Nathan der Weise beantwortet diese Frage mit einem Gleichnis. Ein Vater besitzt einen Ring, der seinen Träger vor Gott und den Mitmen­schen angenehm macht. Dieser Vater hat drei Söhne und steht vor dem Problem, wem von ihnen er den wertvollen Ring vererben soll. Er lässt von dem Ring durch einen Künst­ler absolut gleich aussehende Duplikate herstellen und hinterlässt jedem der Söhne einen Ring mit der Versicherung, dieser sei der echte Ring. Nach dem Tod des Vaters rufen die drei Söhne ein Gericht an, um klären zu lassen, welcher Ring nun tatsächlich der echte ist. Der Richter empfiehlt den Söhnen, dass jeder von ihnen in dem Glauben leben solle, er besitze den echten Ring, und so zu leben, dass sich in ihrem jeweiligen Handeln zeigt, dass sie den wahren Ring am Finger tragen. Im Handeln der Gläubigen, so der Sinn dieser Parabel, zeigt sich die wahre Religion.

 

Dieser Gedanke Lessings, der tief in der Aufklärung verwurzelt ist, wurde von christlichen Theologen immer wieder vehement abgelehnt. Kann das Verhalten von Gläubigen darüber entscheiden, ob eine Reli­gion wahr und echt ist? Macht man den einen, wahren Gott damit nicht abhängig vom Ver­halten einer gerade lebenden Schar von Gläubigen? Ob die eigene Religion tatsächlich die eine wahre Religion ist, können wir nicht wissen und auch nicht beeinflussen, aber alle Gläubigen stehen vor der Aufgabe, den eigenen Glauben als wahren Glauben im Alltag lebendig werden zu lassen und ihn zur Grundlage des verantwortungsbewussten Handelns zu machen.

 

Dazu ermutigt die Weihnachtsgeschichte in den Evangelien die Christinnen und Christen, denn es ist eine Geschich­te von Menschen, die alles hinter sich gelassen und sich auf den Weg gemacht haben. Maria besucht Elisabeth im weit entfernten Galiläa, Maria und Josef unternehmen die beschwerliche Reise nach Bethlehem, die Hirten eilen in den Stall, die Magier folgen dem Stern nach Bethlehem, Maria und Josef flüchten mit ihrem Neugeborenen nach Ägypten … Und wenn wir den weiteren Schilderungen in allen Evangelien folgen, entsteht ein Bild von Menschen, die zusam­men mit Jesus immer wieder aufgebrochen sind und alles hinter sich gelassen haben. Damit war entschlos­senes Handeln verbunden, wozu un­verzichtbar auch das aktive Eintreten für andere Men­schen gehörte.

 

Weih­nachten ist ein Fest, bei dem ein inniger und fröhlicher Glaube verbunden werden kann mit dem Aufbruch zum aktiven Engagement in dieser Welt. Weihnachten lädt ein zum Innehalten und zum Kräftesam­meln für neues, aus dem Glauben erwachsendes Handeln. Von Befreiungstheologinnen und Befreiungstheologen wie Dorothee Sölle und Leonardo Boff können wir lernen, wie Spiritualität und gesell­schaftliches Engagement unlösbar miteinander verbun­den sein sollten. Und auch der bekannte reformierte Theologe Karl Barth war überzeugt: „Wo ein Mensch ihn (Gottes Sohn) zu sich reden lässt, da fängt in aller Stille, aber in großer Kraft eine neue Welt an.“ Mit diesen Veränderungen ist notwendigerweise auch eine Erneuerung unserer Kirchen verbunden. Eine Mahnung ist, was der Schriftsteller Theodor Storm nicht zuletzt angesichts seiner tiefen Enttäuschung über die Kirche seiner Zeit bekannte: „Wenn ich doch glauben könnte.“

 

Jenseits der „Ökonomie des Weihnachtsmanns“

 

Wie können wir heute Weihnachten feiern? Vielleicht ist die wichtige erste Entschei­dung, die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Die Konflikte, die eine Familie das ganze zurückliegende Jahr nicht hat lösen können, werden sich nicht unter dem Weihnachtsbaum im Kerzenschimmer auf wundersame Weise auflösen. Auch die innere und äußere Einsamkeit wird gerade zu diesem emotional so aufgeladenen Fest eine Belastung bleiben. Sicher kann man empfehlen, das Fest der Geburt des Kindes Jesus fröhlich zu feiern, aber wem ganz und gar nicht fröhlich zumute ist, für den schafft auch eine verordnete Fröhlichkeit keine weihnachtliche Stimmung. Eines sollten wir auf jeden Fall vermeiden: aus Furcht davor, dass dieses Fest uns mit unserer wirklichen Situ­ation konfrontiert, in einen hemmungslosen Konsumrausch zu verfallen. Das endet im Chaos, wissen wir spätestens, seit wir Loriots Weihnachten bei der Familie Hoppen­stedt kennen.

 

Auch eine Flucht vor Weihnachten scheitert häufig, musste schon Christian Bud­den­brook im Roman von Thomas Mann erfahren. Inzwischen ist auch die Flucht in andere Länder aussichtslos geworden, denn das Weihnachtsfest hat einen globalen Siegeszug erlebt. Die Ausbreitung des Christentums bis an die Enden der Welt hat diesen Prozess beschleunigt. Und die gegenwärtige wirtschaftliche Globalisierung hat dafür gesorgt, dass Weihnach­ten von Milliarden Menschen als großes Fest des Schenkens und – vor allem – des Konsums gefeiert wird.

 

Der von Werbestrategen des Coca-Cola-Konzerns gestylte Weihnachtsmann wird längst mindestens so stark mit dem Fest assoziiert wie das Jesuskind. Rudolf Hickel hat sich 2006 mit der „Ökonomie des Weihnachtsmanns“ auseinandergesetzt: „Die Kinder mögen die harsche Kritik nach­sehen: Der christlich daher kommende Weihnachtsmann, auf den sich ihre Sehnsüchte projizieren, hat mit dieser Weihnachtsidee von der gerechten, auf ethische Werte ausgerichteten Gesellschaft nur am Rande zu tun. Der alte Mann mit dem roten Mantel peitscht mit seiner Rute den Konsumismus an.“[1] Die Alternative, die Jesus zu einem totalen globalen Markt gewiesen hat, wird am Ende des Neuen Testaments mit der Verheißung eines „Neues Jerusalem“ beschrieben. Der Weg zu diesem neuen Jerusalem hat mit der Geburt Jesu begonnen und setzt sich bis in die Gegenwart fort.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Rudolf Hickel: Ökonomie des Weihnachtsmanns, Frankfurter Rundschau, 23.12.2006