Marias Lobgesang

 

 Lukas 1,46-56 Bibeltext

 

„Wie Christinnen und Christen früherer Generationen bekommen auch wir geistliche Nahrung aus der Quelle lebendigen Wassers, dem Magnifikat. Jedes Mal, wenn wir es rezitieren, erhalten wir neue Erleuchtung und Inspiration … Dies ist so, weil Marias bildhafte Sprache die Menschen tief bewegt. Diese inspirierende Kraft ist begründet in Marias umfassenderer Vision und Wissen von Gott.“[1] So hat Sun Hanshu, Professor am chinesischen „Nanjing Theological Seminary“, 1985 in einem Zeitschriftenbeitrag die Bedeutung des Magnifikats herausgestellt. Dieser Lobge­sang der Maria ist von vielen Generationen von Christinnen und Christen als Ermu­ti­gung und Wegweisung erfahren worden, seit Lukas sein Evangelium aufge­schrieben hat. Auch der gegenüber der Marienverehrung zurückhaltende Refor­ma­tor Martin Luther hat dieses Lied geschätzt und sich intensiv mit ihm beschäf­tigt. Ebenso haben sich die Dichter evangelischer Kirchenlieder vom Magnifikat in­spirieren lassen, etwa Erasmus Albers 1534 zu seinem Lied „Mein Seel. O Herr, muß lo­ben dich“, das bis heute in evangelischen Gesangbüchern zu finden ist. Immer wieder haben Komponisten eigene Vertonungen des Magnifikats geschrie­ben, dar­unter Michael Praetorius, Heinrich Schütz, Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schu­bert und Peter Tschaikowski.

 

Aber so groß die Wirkung dieses neutestamentlichen Textes auch ist, so wissen wir doch nicht, ob Maria bei einer Begegnung mit Elisabeth den Lobgesang mit den im Lukasevangelium überlieferten Worten tatsächlich angestimmt hat. Zweifel sind angebracht. Es wird vermutet, dass Lukas einen Lobpsalm aufgenommen und Maria zugesprochen hat, der bereits im ersten Jahrhundert von der Jesusbewegung gesun­gen wurde. Aber da Maria zu diesem Kreis gehörte, war es nicht ganz unbe­rechtigt, dass Lukas sie das Magnifikat verkünden ließ.[2]

 

Die feministische Theologin Claudia Janssen schreibt in einer Auslegung des Mag­­nifikats und der Begegnung von Maria und Elisabeth: „Zwar ist die Erzählung in Lk. 1 als ‚legendarisch’ zu verstehen, dennoch sind hier viele historische Erinne­rungen der Menschen, die sie überliefert haben, verarbeitet. Mit den Erzäh­lungen … berichten die frühchristlichen Gemeinden auch über ihre eigene Gegenwart.“[3] Diese Auffassung scheint sich auch in der weltweiten Ökumene durch­zusetzen, schreibt doch zum Beispiel Professorin Kris Owan vom „Catholic Institute of West Africa“ in Port Harcourt/Nigeria, dass das Magnifikat von Lukas „komponiert“ wor­den ist und es als unwahrscheinlich gelten kann, dass es von Maria verfasst wur­de.[4] Die nigerianische Theologin betont zugleich, dass dieser biblische Text die Er­fah­­rungen von jüdischen Frauen der damaligen Zeit zum Ausdruck bringt – und eben­so die Erfahrungen vieler heutiger Frauen. Auch die brasilianischen Theologinnen Ivone Gebara und Maria Bingemer sprechen in ihrem Maria-Buch mehrfach davon, dass Lukas das Magnifikat Maria „in den Mund legt“.[5]

 

Das Magnifikat passt ideal in die Dramaturgie des Lukasevangeliums, das einen Spannungsbogen von der Ankündigung der Geburt Jesu bis zur Kreuzigung und Auferstehung zeichnet. Die Kapitel dieses Evangeliums durchzieht die Parteinahme für die Armen und Unterdrückten wie ein roter Faden. In dem Hymnus des Magnifikats wird bereits das Programm Gottes mit dieser Welt deutlich, das dann im ganzen weite­ren Evangelium entfaltet wird. Dass bei Lukas Frauen an vielen Stel­len in seinem Evangelium eine derart zentrale Rolle im Geschehen übernehmen, ist umso bemerkenswerter, als der Text in einer Zeit verfasst wurde, als die Männer in der entstehenden Kirche bereits dominierten und dabei waren, Frauen daran zu hindern, verantwortliche Positionen in der Gemeinschaft zu übernehmen.

 

Ein Lied, in der jüdischen Tradition verwurzelt

 

Magnifikat heißt dieser biblische Text, weil die ersten Worte auf Lateinisch lauten: „Magnificat anima mea Dominum“. Dieses Magnifikat greift jüdische Traditionen auf. Wie frühere Prophetinnen und Propheten zu ihrer Situation, sagte Maria in einer Zeit der Unterdrückung durch die Herrscher des Römischen Reiches voraus, dass die Unterdrücker nicht das letzte Wort haben werden, dass Gott die Gewal­tigen vom Thron stürzt und die Reichen leer ausgehen lässt. Wie vor ihr jüdische Prophetinnen und Propheten brachte Maria das Vertrauen in die Hilfe Gottes für das Volk Israel zum Ausdruck.

 

Direkt knüpfte Maria an den Lobgesang der Hanna an, das im zweiten Kapitel des Ersten Buches Samuel überliefert ist. Hanna hatte verkün­det, dass Gott den Bogen der Starken zerbrechen wird und die Armen umgürtet mit Stärke, dass die Satten um Brot dienen müssen und diejenigen, die Hunger leiden, nicht mehr hungern werden. Maria verkündete in dieser Tradition den unterdrückten und ver­folgten Menschen eine Botschaft der Hoffnung. Der Gott, den Maria preist, vertröstet nicht auf ein Jenseits, sondern er greift zugunsten der Armen und Unterdrückten in die Geschichte ein.

 

Die Generalkonferenz der katholischen Bischöfe Lateinamerikas hat sich 1979 in Puebla zur Option für die Armen bekannt und zum Lobgesang der Maria festge­stellt: „Das Magnifikat ist Spiegel der Seele Mariens. In ihm erreicht die Spiritu­alität der Armen Jahwes und der Prophetengeist des Alten Bun­des seinen Höhe­punkt. Das Magnifikat ist der Gesang, der das neue Evangelium Christi ankündigt, es ist das Präludium der Bergpredigt.“[6] Die brasilianischen feministischen Theolo­gin­nen Ivone Gebara und Maria Bingemer sehen das Loblied ebenfalls fest in der jüdischen Tradition verankert: „Dieser Glaube Marias ist kein anderer als der Glaube Israels an den heiligen und allmächtigen Gott, dessen unendliche Barmherzigkeit von Ab­ra­ham, Sara, Hagar und den Vätern und Müttern des Volkes, von Mose und Miriam bis hin zu den Propheten und Prophetinnen währt …“[7] Die beiden Theologinnen verstehen das Magnifikat nicht als rein individuellen Gesang, sondern auch als Gesang für das messianische Volk, das die Verheißungen Gottes ersehnt und erfleht.[8]

 

Ein Lied der Opfer der antiken „Globalisierung“

 

Das Magnifikat knüpft an die Erfahrungen derer an, die das Alte Testament oder besser die Hebräische Bibel verfasst hatten. Ein großer Teil der ersten Bücher der Bibel entstand im babylonischen Exil. Nach einer katastrophalen militärischen Niederlage, nach der Zerstörung der Stadt Jerusalem und des Tempels, nach der Verschleppung vieler Juden nach Babylon geschah das Ungeheuerliche, das Jörg Zink in diese Worte gefasst hat: „Das wehrlose und rechtlose Volk der Gefangenen unternahm also das Unerhörte: die Staatsreligion der herrschenden Macht zu demon­tie­ren und an ihre Stelle den Glauben an den souveränen Gott zu setzen. Es demon­tierte damit zugleich eine ganze Welt von Mythologie und suchte an ihrer Stelle eine schlichte, aus ungöttlichen Dingen bestehende, aber von dem einen Gott geschaffene und durchwirkte Welt. Es ist kaum zu glauben. Da endet ein Volk – wie heutige Marxisten sagen würden – auf dem Misthaufen der Geschichte und weiß das. Und dann steht einer auf und sagt: Dies ist kein Ende. Dies ist kein Misthaufen der Geschichte. Dies ist eine gute Zeit zum Nachdenken, Sicherinnern, Sichändern, zum Einüben von Vertrauen und Gelassenheit, zur Korrektur von Fehlern und eine große Chance zu einem neuen Anfang. Das Exil hat sich als die große Stunde in der Geschichte Israels erwiesen. Aus ihm ging das Judentum recht eigentlich hervor, lebensfähig bis heute in seiner unerklärlichen geistigen und religiösen Kraft. Der Mensch erhob sich, der, als Partner Gottes angeredet, seine Freiheit am Reichtum dieser sprechenden Schöpfung, vor allem fähig zur Verantwortung.“[9]

 

Die Jüdinnen und Juden standen am Ende des ersten Jahrhunderts erneut im wahrsten Sinne des Wortes vor einem Trümmerhaufen, denn der Tempel in Jerusalem lag in Trümmern, und die Römer hatten zahlreiche Juden aus der Stadt vertrieben, auch viele Jesusanhänger. Lukas und seine Glaubensgeschwister befanden sich in einer durchaus ähnlichen Situation wie die Verfasser der biblischen Texte in Babylon. Den Menschen, der der Hoffnungsträger ihrer jungen religiösen Bewegung war, hatten die Römer als Aufrührer hingerichtet. Die Jerusalemer Gemeinde, die die Apostel gegründet hatten und die den Kristallisationspunkt der verstreuten Jesusbewegung bildete, gab es nicht mehr. Gleichzeitig nahmen die Konflikte mit den jüdischen Glaubensgeschwistern zu, und die Verfolgung durch die Mächtigen des Römischen Reiches hatte eingesetzt.

 

Angesichts all dieser Bedrängnis und vor allem des übermächtig erscheinenden globalen Reiches der Römer nahm Lukas mit dem Magnifikat die Babylon-Tradition des Judentums wieder auf. Er entfaltete mit diesem mutigen Bekenntnis gleich in den ersten Abschnitten seines Evangeliums das, was er als Kern der Botschaft Jesu erkannt hatte: das unbedingte Vertrauen in den einen Gott und das Vertrauen in die Menschen, diese Welt aus diesem Glauben heraus so zu gestalten, dass Zeichen der Herrschaft dieses Gottes über die Welt sicht­bar werden – als Gegenmodell zum Herrschaftsanspruch des Römischen Rei­ches. Der Gott, der die Gewaltigen vom Thron stürzt, vertraut auf Menschen, die sich entschlossen dem umfassenden Herrschaftsanspruch einer globalen Macht entgegenstellen. Das war die Bot­schaft der jüdischen Gelehrten in Babylon, und es war die Botschaft der jungen Frau aus armen Verhältnissen, die Lukas das Magnifikat verkünden ließ.

 

So sehr diese Gedanken vielen Frauen und Männern in den Kirchen als Ermutigung erscheinen, so muss dennoch daran erinnert werden, dass das Magnifikat mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von Maria gesungen wurde, sondern ihr nachträglich vom Verfasser des Lukasevangeliums „in den Mund gelegt“ wurde. Aber auch dann bleibt bemerkenswert, dass Lukas es für angemessen ansah, diesen theologischen Kerntext seines Evangeliums von einer „ungebildeten“ jungen Frau sin­gen oder sagen zu lassen. Aus diesem Grunde bleibt das Magnifikat auch eine Ermutigung für Laien, eine aktive Rolle im theologischen Diskurs zu übernehmen und dies gilt in be­sonderem Maße für Frauen.

 

Die aufrührerische Botschaft zu verkünden und daraus Konsequenzen für die eigene christliche Existenz zu ziehen, war zu allen Zeiten mit dem Risiko von Lei­den, Verfolgung und Tod verbunden. Marias Magnifikat verbietet es, wenn wir es ernst nehmen, die Mutter Jesu, wie Lukas sie uns vorstellt, zur Hauptperson in einem harmlos-süßlichen Weihnachtszauber zu missbrauchen. Maria ist auch nicht das Vorbild einer „duldsamen Frau“, sondern die Verfechterin tief greifender religiöser und gesellschaftlicher Ver­än­de­rungen.

 

Das Magnifikat ist ein unbequemer Text für alle, die zu den Reichen und Mächtigen gehörten und gehören. Gott ergreift Partei für die „Anderen“, für die Opfer der damaligen und heutigen Globalisierung. Indem Lukas das Magnifikat in sein Evangelium aufnahm, trug er wesentlich dazu bei, dass die Gemeinschaften der Jesusanhängerinnen und -anhänger eine klare Orientierung für ihr Leben inmitten einer von Unrecht und Gewalt geprägten Welt gewinnen konnten – und vor allem, dass sie die Hoffnung auf eine andere Welt nicht aufgaben.

 

Die Gewaltigen der Welt schienen zu triumphieren, aber unerschütterlich hielt die Jesusbewegung an dem Glauben fest, dass ihr Gott die Gewaltigen vom Thron stößt. Maria, wie sie Lukas in seinem Evangelium vorstellt und zu Wort kommen lässt, ist eine Pro­phe­tin, eine Botschafterin für eine gottgefällige Welt. Dass sie sich nach der Ermordung ihres Sohnes der Schar seiner Jüngerinnen und Jünger anschloss, ist auf diesem Hintergrund nur konsequent.

 

Die Gewaltigen, die vom Thron gestürzt werden sollten, waren im 1. Jahrhundert leicht zu identifizieren, betonte Professorin Luise Schottroff, die in den letz­ten Jahrzehnten viel dazu beigetrug, die sozialgeschichtlichen Zusammenhänge zu Zeiten des Neuen Testaments besser zu verstehen: „Die Gewaltigen hatten auch damals Namen und Adresse: Das waren der Kaiser in Rom, seine Statthalter in Syrien und Cae­sarea, seine Truppen in Jerusalem und seine Helfershelfer aus dem eigenen jüdischen Volk: viele Hohepriester und vor allem Sadduzäer. Die machten eine ganz konservative Theologie und unterstützten die römische Herrschaft und profitierten davon.“[10]

 

Mit dieser Einschätzung steht die feministische Theologiepro­fessorin nicht allein. Bei dem chinesischen Theologieprofessor Sun Hanshu lesen wir: „Maria selbst lebte unter der rücksichtslosen politischen Herrschaft des römischen Imperiums. Jeden Tag beobachtete sie die Selbstgefälligkeit der stolzen römischen Amtsträger und die arrogante jüdische Oberschicht. Sie sah, wie unanständig und raffgierig diese Reichen und mächtigen Leute waren und wie tragisch und schwierig das Leben der Armen und Hungernden war.“[11]

 

Jesu Leben war von der Geburt bis zum Tod stark beeinflusst von dem Schatten, den das mächtige Römische Reich auf Galiläa und Judäa warf. Der Lobgesang der Maria enthält eine kühne Gegenvision zum Alltag der brutalen Herrschaft eines Welt­reiches. Luise Schottroff und Dorothee Sölle schreiben in ihrem Jesus-Buch über diesen Lobgesang: „Die mächtigen Herrscher des weltweiten Römischen Reiches verlieren ihre Macht, denn sie haben sie in Arroganz missbraucht. Erniedrigte, wie das junge Mädchen Maria und das verarmte jüdische Volk werden zu Gottes geliebten Kindern. Alle Verheißungen der Geschichte Israels sind erfüllt worden. Das Lied setzt eine präzise kritische Analyse der wirtschaftlichen und politischen Situation des von Rom unterworfenen jüdischen Volkes voraus. Die moderne Sozialgeschichte rechnet für diese Zeit mit einer sozialen Spaltung zwischen Reichen und Armen und damit, dass 99 % der Bevölkerung arm zu nennen sind. Das Magnificat benutzt die Sprache der religiösen Tradition, die Sprache der Psalmen, um die soziale Situation beim Namen zu nennen.“[12]

 

Ein Hoffnungstext für Christinnen und Christen im Süden der Welt

 

Zur Wirkungsgeschichte des Magnifikats gehört, dass es in Theologien im Süden der Welt zu den zentralen Hoffnungstexten zählt, vergleichbar den Texten über den Aufbruch aus der Sklaverei in Ägypten, dem Exodus. Heute ist das Magnifikat in besonderer Weise zu einer Verheißung für Befreiungstheologinnen und -theologen im Süden der Welt geworden. Am Magnifikat lässt sich exemplarisch zeigen, wie ein biblischer Text immer wieder neu aus dem jeweiligen Kontext interpretiert wird und zahllose Frauen (und manche Männer) in verschiedenen Teilen der Welt zum eigenen Nachdenken über die biblische Verheißung inspiriert.

 

Dafür ist die westafrikanische Theologin Kris Owan ein Beispiel. Sie schrieb Mitte der 1990er Jahre in einem theologischen Beitrag über das Magnifikat: „Es ist enttäuschend, feststellen zu müssen, dass etwa zweitausend Jahre, nachdem Maria das Magnifikat gesungen hat, der Ruf nach Gerechtigkeit, Frieden und Entwicklung weiterhin ein Schrei aus der Ferne von Menschen und Orten überall auf dem Glo­bus ist. Für die Zukunft und eine bessere Weltordnung ist es dringend erforderlich, die Armen zu stärken. Sie zu stärken bedeutet, Partei für die Armen zu ergreifen, ihnen mehr Macht zu verschaffen, damit sie selbst Entscheidungen treffen und ihr eige­nes Los verbessern können ... Dies bedeutet nicht bloß, den Armen und weni­ger Privilegierten mit einmaligen Maßnahmen zu helfen, sondern sich Ausbeutung und Unterdrückung entgegenzustellen.“[13]

 

Das Magnifikat in der asiatischen Theologie

 

Eine asiatische befreiungstheologische Interpretation biblischer Texte vermit­telte die koreanische Theologin Chung Hyun Kyung, als sie im Februar 1991 bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Canberra mit ihrem Feuertanz und ihrer Verbindung von christlichen und koreanisch-schamanischen Traditionen viel Begeisterung und auch viel Widerspruch hervorrief. Danach hat sie in einem Buch das Magnifikat so eingeordnet: „Maria singt ein revolutionäres Lied, das Magnifikat. Ihrer Sehnsucht nach Befreiung aller Unterdrückten gibt sie mit den Worten Hannas, einer gleichfalls starken Frau Israels, Ausdruck. Maria lässt die vergessene Kraft ihrer Vormutter, Hanna, lebendig werden, indem sie han­delt und das Wirken des Geistes in ihrer Schwangerschaft annimmt ... Dass Elisa­beth die erste Hörerin des Magnifikats ist, offenbart eine wichtige Wahrheit: Frau­en brauchen die Gegenwart und Bestätigung anderer Frauen, um den Traum der Revolution zu wagen und ihre Lebenskraft zu feiern.“[14]

 

Nirmala Jeyaraj, damals Direktorin eines Frauencolleges in Südindien, schrieb 2003 in einer Bibelarbeit: „Wir können nur selbst Stärke gewinnen, wenn wir uns bewusst machen, dass Gott der Gott der Gerechtigkeit ist und bis ans Ende aller Zeiten für Gerechtigkeit für die Armen und Unterdrückten kämpfen wird.“[15] Sie fügte hinzu, dass die marginalisierten Menschen vor allem Frauen und Mädchen sind. In der indischen Gesellschaft, wo die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Mächtigen und Machtlosen besonders groß ist, verbiete es sich, die Verheißung für die Armen zu relativieren und so lange theologisch zu argumentieren, bis diese Ver­heißung für die Armen zu einer Verheißung für alle oder doch fast alle Menschen geworden sei. Das Magnifikat wird für indische Christinnen und Christen zu einer Botschaft der Hoffnung all jener, die unter Unrecht und Ausbeutung leiden, und das sind in Indien zweifellos vor allem Frauen und Mädchen, ist Nirmala Jeyaraj überzeugt.

 

„Wie Maria ist jede und jeder, besonders alle religiösen Menschen, dazu gerufen, eine authentische Spiritualität zu leben, die prophetisch ist, um wirksam beizutra­gen zur Verwirklichung des Plans Gottes für die heutige Welt.“[16] Das schrieb die indische Theologin Nihita Paul in einem Aufsatz über die „Spiritualität der Solidarität“. Sie betonte, dass das prophetische Charisma des religiösen Lebens zum Ausdruck kommen muss in einer al­ter­nativen Weise, das Evangelium zu leben. Diese alternative Weise zeige sich in einer klaren Option für die Armen sowie der Soli­darität mit den Marginalisierten und Ausgebeuteten.[17] „Diese Spiritualität der Solidarität wird in uns eine Flamme der Hoffnung neu entfachen und unser Vertrauen in die Zukunft neu entstehen lassen. Wir müssen religiöse Frauen darauf vorbe­reiten, in die Fußstapfen von Maria und Elisabeth als Mystikerinnen und Pro­phe­tinnen zu treten.“[18] Nihita Paul betonte in ihrem Zeitschriftenbeitrag, dass sich das Magnifikat vom tief Persönlichen zum explizit Politischen voran bewegt.

 

Als Beispiel für asiatische Männer, die die Bedeutung des Magnifikats in unserer heutigen Welt erkannt haben, sei hier Tissa Balasuriya zitiert, ein katholischer Theologe in Sri Lanka, der Jahrzehnte lang für eine umfassende Befreiung eintrat und dabei die Befreiung der Frauen vom Patri­ar­chat als besonders wichtig angesehen hat. In seinem Buch über Maria und die Befreiung, für das er schwere Konflikte mit dem Vatikan in Kauf nehmen musste, schrieb er über das Magnifikat: „Wir sehen hier eine totale Umkehrung der Werte und Strukturen. Es ist zweifellos eine radikale Botschaft von der Art, die wir in den Schriften revo­lutionärer Prophetinnen und Propheten verschiedener Zeitalter nachlesen kön­nen. Das Bedauerliche ist aber, dass die christliche Tradition erfolgreich darin war, Maria so weit zu domestizieren, dass sie eher als Beruhigerin der Verstörten denn als Beunruhigerin der behaglich Lebenden angesehen wird. Ihre Worte können eine Inspiration für radikales Handeln zu Veränderungen der Wesensart von Per­sonen und von Strukturen der Gesellschaft sein.”[19]

 

Hier soll noch ein weiterer asiatischer Theologe zu Wort kommen, der Indonesier Edy Sumartono. Er hat in einer Bibelarbeit über das Magnifikat herausgestellt, dass Marias Text auch einen neuen Zugang zur Theologie eröffnet: „Maria sah Theologie als Kontemplation und als ein umfassendes Verständnis der tagtäglichen Erfahrungen mit Gott an. Daher ist die Entwicklung theologischer Konzepte nicht nur das Recht von Akademikern und religiösen Führern, sondern das Recht eines und einer jeden. Dieses Konzept veranlasste Maria dazu, ihre Theologie auf ihrer Lebenserfahrung aufzubauen. Statt ihre theologische Konzepte in Form religiöser Vor­­schriften, Dogmen, Philosophien oder wissenschaftlicher Schriften zum Ausdruck zu bringen, äußerte sie sich in einem Lobpreislied.“[20] Edy Sumartono fügt hinzu, dass Theologie in diesem Rahmen Erfahrungen im ganz realen Leben zum Ausdruck bringt und in einer Weise formuliert, die gewöhnliche Leute gut verste­hen können.[21]

 

Das lateinamerikanische Magnifikat

 

In Lateinamerika soll das Magnifikat der meistgelesene biblische Text sein.[22] Die Bedeutung dieses biblischen Textes für die Menschen, die nach Befreiung streben, lässt sich beispielhaft am „Lateinamerikanischen Magnifikat“ erkennen, das 1990 auch auf Deutsch erschien. Darin lesen wir: „Und so jubelt meine Seele im Herrn. Denn sein Evangelium der Liebe und der Freiheit bahnt sich seit fünfhun­dert Jah­ren seinen Weg, auf allen Plätzen und Straßen, in den Dörfern und Städten, in den Pampas und auch auf dem Altiplano. Seine Botschaft ist auch heute noch neu und befreiend für alle, die nach seinem Reich Ausschau halten. Ein Volk ruft es bei uns einem anderen zu: Der Herr ist mitten unter uns, er geht unseren Weg, er stürzt die Mächtigen vom Thron, und er erhöht die Niedrigen.“[23]

 

Es gibt verschiedene weitere aktuelle Neuformulierungen des Magnifikats durch Christinnen und Christen in Lateinamerika. Ein Beispiel dafür ist dieses peru­anische Magnifikat:

 

Voll Freude sing ich dem Herrn, meinem Retter.

Er schaut auf sein armes Bauernmädchen,

das ausgenutzt wird und leidet.

Jetzt werden all die vielen zu mir sagen:

„Gott hat dir geholfen.“

Er ist gut, und er steht immer auf der Seite der Armen.

Wir wissen jetzt: Er ist groß,

den groben Angeber hat er verjagt.

Die Unterdrückten richtet er auf,

und die Herren bringt er zu Fall.

Er gibt Brot denen, die Hunger haben,

und die Reichen tritt er mit Füßen.

Wie er’s gesagt hat,

immer kämpft Gott an der Seite der kleinen Leute.

Wir wollen weiterkämpfen

und den Sieg unseres Gottes besingen.

Alle Armen stehen zusammen.

Nie werden wir besiegt.[24]

 

Ein Hoffnungslied für wohlhabende Christinnen und Christen in Europa?

 

Der Lobgesang Marias bei ihrer Begegnung mit Elisabeth gehört zu den biblischen Texten, die immer wieder Menschen, und besonders Frauen, in aller Welt Mut gemacht haben, selbstbewusst aufzutreten und sich gegen Unrecht und Ausbeutung zur Wehr zu setzen. Schon der Anfang des Magnifikats ist ein „Paukenschlag“. Welche Sätze einer jungen Frau aus armen Verhältnissen! Wie ist die europäische Theologie mit dieser Provokation umgegangen?

 

Das Magnifikat hat zu Martin Luthers Zeiten viele Bauern und andere Opfer des Status quo dazu veranlasst, die Macht der Fürsten und Könige infrage zu stellen. Auch die „Schwärmer“ waren nicht bereit, die bestehenden politischen Autoritäten als gottgegeben zu akzeptieren. Martin Luther grenzte sich scharf von ihnen ab. In seiner 1520/21 entstandenen umfangreichen Schrift über das Magnifikat unterschied er die Verfehlungen von Fürsten, die deshalb mit ihrem Sturz rechnen müssten, von der Überzeugung, dass die „Stühle bleiben“: „Denn solang die Welt steht, müssen Obrigkeit, Regiment, Gewalt und die Stühle bleiben. Aber dass sie all das übel und gegen Gott gebrauchen, um den From­men Unrecht und Gewalt anzutun, und dass sie ein Wohlgefallen darin haben, sich dessen überheben und es nicht mit Furcht Gottes zu seinem Lob und Schutz der Gerechtigkeit gebrauchen, das leidet er nicht lange.“[25] Martin Luther mahnte die Fürsten also, in der Furcht Gottes zu leben und die Gerechtigkeit zu schützen. Das verbietet es, den Reformator als „Fürstenknecht“ zu diffamieren, wie dies durch Ideologen in der DDR geschah, aber Martin Luther blickte auch nicht über den damaligen Status quo der Feudalherrschaft hinaus.

 

Es kann nicht überraschen, dass es im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder Versuche gegeben hat, der aufrührerischen Botschaft ihre Spitze zu neh­men, jedenfalls für diese irdische Welt. In einer Welt, in der die Reichen immer reicher und die Mächtigen immer mächtiger wurden, mochte die Kirche gar zu oft nicht die Botschaft Marias in ihrer ganzen Radikalität verkünden. Siegfried Meurer, damals Generalsekretär der Deutschen Bibelgesellschaft, hat dies Anfang der 1980er Jahren in einem Buchbeitrag zurechtgerückt: „Die Kir­che hat deshalb in diesem Hymnus vornehmlich Aussagen über das Reich Gottes am Ende aller Tage gesehen. Spätestens dann werden die Mächtigen entthront, die Hochmütigen erniedrigt, die Frommen erhöht und die Hungernden satt werden. Da­mit ist gewiss Wahres ausgesprochen – denn den sozialen Ausgleich, der alle zufriedenstellt, wer­den wir auf Erden nicht verwirklichen … Wenn die Kirche jedoch nur diesen endzeitlichen Aspekt verkündigt, wird sie der biblischen Aussage nicht gerecht und darf sich nicht wundern, wenn sie damit die marxistischen Ge­gen­­thesen geradezu herausfordert.“[26]

 

Siegfried Meurer stellte dann die Frage, wie die Aussagen Marias zu verstehen sind: „Um auf diese Frage eine rechte Antwort zu finden, muss zunächst einmal auf einen Tatbestand hingewiesen werden, der durch die Luther-Bibelübersetzung etwas verdeckt ist. Eigentlich heißt es in dem Hymnus: Er hat die Mächtigen vom Thron gestoßen, er hat die Hungrigen gesättigt und so fort. So steht es im Urtext, so wird es auch in einigen Übersetzungen wiedergegeben. Mit anderen Worten: Obwohl dieses und jenes noch nicht eingetreten ist oder noch aussteht, wird es bereits als geschehen ausgesagt. So aber haben die Propheten des Alten Testaments geredet ... Der Lobgesang Marias ist deshalb eigentlich ein prophetischer Hymnus, in dem besungen wird, was bereits bei Gott beschlossene Sache ist und gewiss eintreten wird.“[27] Interessanterweise haben sich die Übersetzerinnen und Übersetzer der „Bibel in gerechter Sprache“ dafür entschieden, das „hat“ aufzunehmen und in dieser Passage Gottes weibliche Seite zu berücksichtigen, also zum Beispiel zu formulieren: „Sie hat Mächtige von den Thronen gestürzt ...“.

 

In den deutschen Kirchen hat in den letzten Jahren ein neues Nachdenken über das Bild Marias und über das Magnifikat begonnen, und das ist vor allem Frauen zu verdanken. Dafür einige Beispiele: Elisabeth Moltmann-Wendel hat über das Magnifikat geschrieben: „Und dann ist da Marias Lied. Man hat es ein aufrühre­risches Lied genannt, das von Sozial­revolutionären stammen soll. Vielleicht stammt es nicht von ihr, und man hat es ihr in den Mund gelegt. Aber es sagt soviel von ihr aus: Sie ist die, die keine Gewalt hat und die eigentlich auf eine niedere soziale Stufe gehört. Sie ist die Hungrige, die jetzt tief befriedigt ist. Sie und Gott auf der einen Seite – die brutale Gewalt, der billige Reichtum auf der anderen Seite. In ihr und ihrer Geschichte ist dies lebendig geworden.“[28]

 

Christinnen, die sich der Frauenbewegung verbunden fühlen, heben das Selbstbewusstsein der jungen Frau Maria hervor. Mieke Korenhof, die damalige Leiterin des Frauenreferats in der Evangelischen Kirche im Rheinland, schrieb 2001 über das Magnifikat: „Diese junge jüdische Frau mit dem Allerweltsnamen Maria hat ICH gesagt. MICH wird die Nach­welt selig preisen. In Maria ist also ein absoluter Anfang gemacht und zugleich Kon­ti­nuität bewahrt zu den besten Zeiten Israels, als andere Frauen – Mirjam, Debora, Hanna – ihre Befreiungslieder sangen.“[29] Die frühere Bischöfin Margot Käßmann hat 2000 in einer Morgenandacht über Maria, die das Magnifikat singt, gesagt: „Sie ist eine starke Frau. Eine Frau voller Hoffnung, voller unbändiger Freude. Eine Maria, die gesellschaftliche Veränderung herbeisehnt. Gerechtigkeit will sie. Sie kann es kaum erwarten, dass endlich etwas passiert. Und sie hat das Gefühl, ihre Schwangerschaft könnte in diese Veränderung eingebunden sein. Kein Wort von Schwangerschaftsdepression, von Rückzug, von Angst. Nein, unbändige Freude über dieses Kind.“[30]

 

Die Schweizer Pfarrerin Marianne Grether schrieb 1997 in der Schweizer Missionszeitschrift „Auftrag“ über das Magnifikat: „Wir können in der Tradition der he­bräischen Bibel diesen Text voll politischer Sprengkraft von einem stimmgewaltigen Propheten erwarten. Nein, eine junge Frau soll ihn singen, gegen alle Er­war­tung, gegen alle Erfahrung auch, gerade gegen die Frauenerfahrung von mehr­facher Ungerechtigkeit und Zurücksetzung. Aufbruch, Vision, das dringende Hoffen und Warten auf den Aufbruch von Gottes Gerechtigkeit (Advent!) geschieht immer gegen unsere reale Erfahrung, genährt aus dem Wissen um die Hoffnung und Erfahrung von Müttern und Vätern.“[31]

 

Maria Jepsen, bis 2010 evangelische Bischöfin in Hamburg, hat in einem Interview beschrieben, was sie in der Ökumene über das Magnifikat und den Satz gelernt hat, dass die Mächtigen vom Thron gestürzt werden: „Ja, das ist mir gerade in Lateinamerika deutlich geworden, wo Maria Symbolfigur des Umsturzes ist. Jedoch nicht als Revolution, sondern als Umsturz der Werte. Gott ist auch bei den kleinen und schwachen Menschen.“ Auf die Rückfrage, ob das Magnifikat nicht doch etwas mit Revolution zu tun habe, antwortete die Hamburger Bischöfin: „Mit Revolution hat es schon zu tun, aber nicht mit Gewalt und Terror. Es ist eine Revolution der Werte. Es geht um die Gerechtigkeit Gottes, nicht um Gewalt von oben. Es ist eine Revolution in Richtung Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, und es ist immer ein Aufstand gegen Diktatur, ob es die politische Diktatur ist oder die des Geldes.“[32]

 

Ein revolutionäres Lied und der Alltag der Globalisierung

 

„Wie sehr muss dieses Lied die Mächtigen dieser Erde erzittern lassen! Der ‚revolutionäre Kern’ des ‚Magnificat’ soll schon den russischen Zaren in Schrecken versetzt haben und spricht heute unmittelbar hinein in die soziale Not vieler Christenmenschen in der sog. Dritten Welt.“[33] Dies verkündete der badische Bischof Ulrich Fischer im Dezember 2008 in einer Predigt. Angesichts krassen Unrechts in der Welt und auch im eigenen Land entdecken viele Christinnen und Christen in Europa heute den „revolutionären Kern“ des Magnifikats neu.

 

Nur, frage ich mich: Warum versetzt das Magnifikat heute die Mächtigen dieser Welt nicht in Schrecken? Und schon gar nicht die politisch und wirtschaftlich Mächtigen in Europa? Unter den Bedingungen der Globalisierung machen sich vielerorts unter den Verlierern des Globalisierungsprozesses große Perspektivlosig­keit und tiefe Resignation breit. Die „Bestrafung“ der eigenen Regierung durch Abwahl scheint wenig zu bringen, wenn die Beherrscher der Märkte – und vor allem der Finanzmärkte und die mit ihnen verbundenen Ratingagenturen – entscheiden, welche Volkswirtschaft auf „Ramschniveau“ herabgestuft wird und damit keine Chance mehr hat, zu verkraftbaren Zinsen neue Kredite zu erhalten. Und auch die Länder, die besser dastehen, passen sich den Anforderungen der „Märkte“ oder genauer gesagt einer begrenzten Zahl mächtiger Akteure auf diesen Märkten an. Und viele dieser mächtigen Akteure sind skru­pellose Spekulanten, die gezielt auf den Niedergang einer Volkswirtschaft wetten, um selbst hohe Gewinne zu erzielen, und denen völlig egal ist, wie viele Menschen sie auf diese Weise ins Unglück stürzen.

 

Auch Theologen haben in dieser Situation die „Sprengkraft’“ des Liedes erkannt und benannt. Der Ka­tholik Claudio Ettl kommt in einer Veröffentlichung des Katholischen Bibelwerks zu dieser Einschätzung: „Das Magnifikat ist ein Protest- und Kampflied mit macht- und sozialkritischer Sprengkraft. Gottes Fürsorge und Barmherzigkeit ist zugleich immer auch Protest gegen herrschende ungerechte Strukturen und Kampf für Gerechtigkeit und Gleichheit. Marias Glaube ist subversiv im wörtlichen Sinne, er unterwandert bestehende ungerechte Strukturen und zersetzt die Macht der Herrschenden. Für Lukas besitzen diese Worte ein gleichermaßen prophetisches wie revolutionäres Potenzial – gesprochen von einer Frau, noch vor der Geburt Jesu.“[34]

 

Es sind in Europa vor allem junge Leute, die gegen diese Verhältnisse aufbegehren, aber viele haben wenig Hoffnung, tatsächlich etwas zu verändern. Manch­mal entlädt sich ihre Verzweiflung in Gewalt, aber auch die kann die Situ­ation ihrer Länder nur noch aussichtsloser machen. Und die, die bisher noch ihren Wohlstand und ihre gut bezahlten Jobs gerettet haben, tun alles, um diesen Zustand zu bewahren. Vielen geht es um die hartnäckige Verteidigung des eigenen Einkommens, des eigenen Vermögens, der Bildungschancen für die eigenen Kinder … Ganz unverständlich kann diese Haltung nicht sein, aber sie ist denkbar ungeeignet, den Weg in eine nationale und globale Gesellschaft zu stoppen, in der die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer, die Risiken durch eine unkontrollierte Fi­nanz­spe­kulation immer unberechenbarer und die für die nächsten Generationen notwendigen Verände­run­gen zum Schutz von Umwelt und Natur allenfalls halbher­zig angepackt werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt, lautet ein häufig verwendeter Satz, aber heute ist bei vielen Menschen in Europa die Hoffnung längst gestorben, während die Welt“gemeinschaft“ von einer Krise in die nächste taumelt.

 

Und die Christinnen, Christen und ihre Kirchen? Können sie Hoffnung und Per­spektiven glaubwürdig verkünden und exemplarisch vorleben? Die Verheißung des Magnifikats für die Armen und Unterdrückten bedeutet heute vor allem eine kritische Anfrage an die wohlhabenden und reichen Christinnen und Christen in Ländern wie Deutsch­land. Daher muss wohl dem leider zugestimmt werden, was Präses Nikolaus Schneider beim Schlussgottesdienst des 2. Ökumenischen Kir­chen­tages 2010 in Berlin über das Magnifikat sagte: „Wir gutsituierten Christen­menschen – wir träumen nicht von der Umkehrung aller Verhältnisse, allenfalls träu­men wir von friedlicher Veränderung. Nur zaghaft und kleinlaut stimmen wir ein in das wilde, aufständische Hoffnungslied der Maria.“[35]

 

Die nordelbische Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter hatte sieben Jahre vorher in einer Ökumenischen Marienfeier beim ersten Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin über das Magnifikat gesagt: „Heute sind wir nicht mehr so rebellisch im Ton, aber das Lied der Maria ist so radikal geblieben, wie es in der Bibel steht: Wer wagte heute öffentlich zu sagen, dass die Reichen leer ausgehen sollen? Sie gehen nicht leer aus, sondern mit gefüllteren Taschen denn je. Die soziale Frage ist neu gestellt in unseren Tagen. Wer bezahlt für die Veränderungen, die die Globalisie­rung erzwingt? Wer macht sie sichtbar, die Armen dieser Erde, nach denen nie­mand mehr fragt, weil sie nichts kaufen können, nicht konsumieren können, mit keiner Faser ihres Lebens teilnehmen an den Errungenschaften des Fortschritts und der Globalisierung? Wer fragt nach den sozial Ausgegrenzten in unserer eige­nen Mitte, wer triff für sie ein?“[36] Bärbel Wartenberg-Potter forderte dazu auf, in die Fußstapfen der großen Vorbilder Maria und Elisabeth zu treten: „Gott braucht unseren Mund, um große Lie­der zu singen und heute furchtlos die Zeitansage zu machen, wie es mit den Armen und Niedrigen heute steht.“[37] Gott brauche ebenso unsere Hände, um dort anzupacken, wo Menschen Hilfe brauchen, und er braucht unsere Füße: „Um weite Wege zu gehen, damit die Zukunft nicht nur den Schnellen und Cleveren, dem weltweiten Web überlassen bleibt, sondern mit menschlicher Gegenwart Einsamkeit über­wunden und Nähe geschaffen wird.“[38]

 

Kein Zweifel, wir dürfen nicht dabei stehen bleiben, die bestehende Misere zu beklagen. Wie der reiche Jüngling haben wir die Wahl, den Status quo hinter uns zu lassen und uns mit Maria auf den Weg zu machen oder aber traurig von dannen zu gehen. Mit der Schwei­zer Theologin Marianne Gre­ther können wir heute sagen: „Un­sere Sprache der Gerechtigkeit hier in Europa kann nicht das Schweigen sein. Wir müssen unsere Visionen, unsere Sehn­sucht nach Gottes Gerech­tigkeit hin­aussingen, hin­aus­rufen in unsere Welt und kundtun, dass wir Gott bei den in Niedrigkeit Gehaltenen wissen und suchen und dass wir uns von nichts und niemanden davon abhalten lassen, diesen Advent zu leben.“[39]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Sun Hanshu: The Magnificat, Ching Feng, Nanjing, 4/1985, S. 239

[2] Vgl. Ulrich Fischer, Ein Revolutionslied Gottes, Gottesdienst zum 100-jährigen Jubiläum des Posaunenchors Heidelberg-Wieblingen, 21.12.2008, S. 1 (zu finden auf der Website www.ekiba.de)

[3] Claudia Janssen: Maria und Elisabeth singen …, in: Claudia Janssen und Beate Wehn (Hrsg.): Wie Freiheit entsteht, Sozialgeschichtliche Bibelauslegungen, Gütersloh 1999, S. 178f.

[4] Vgl. Kris J.N. Owan: The Magnificat and the Empowerment of the Poor, in: Vidyajyoti, Journal of Theological Reflection, Delhi/Indien, Oktober 1995, S. 648 und 654

[5] Vgl. zum Beispiel Ivone Gebara/Maria Bingemer: Maria, Düsseldorf 1988, S. 179

[6] Zitiert nach: ebenda, S. 179

[7] Ebenda, S. 181

[8] Vgl. ebenda, S. 179

[9] Jörg Zink: Die Urkraft des Heiligen, Freiburg 2003, S. 307f.

[10] Luise Schottroff: Das Evangelium der Armen, in: Walter Jens (Hrsg.): Frieden, die Weihnachtsgeschichte in unserer Zeit, Stuttgart 1981, S. 57f.

[11] Sun Hanshu: The Magnificat, Ching Feng, Nanjing, 4/1985, S. 237

[12] Dorothee Sölle/Luise Schottroff: Jesus von Nazareth, München 2000, S. 12f.

[13] Kris J.N. Owan: The Magnificat and the Em­powerment of the Poor, in: Vidyajyoti, Journal of Theological Reflection, Delhi/Indien, Oktober 1995, S. 658

[14] Chung Hyun Kyung: Schamanin im Bauch, Christin im Kopf, Stuttgart 1992, S. 151

[15] Nirmala Jeyaraj: Mary: A Symbol for Empowerment, National Council of Churches Review, Indien, Juli 2003, S. 449

[16] Nihita Paul: Magnificat: The Prophetic Voice of Mary, Indian Journal of Spirituality, 3/2008, S. 274

[17] Vgl. ebenda, S. 287

[18] Ebenda

[19] Tissa Balasuriya: Mary and human liberation, Colombo 1990, S. 122

[20] Edy Sumartono: Bible Study, Christmas, Wo­men and Politics“, in Refleksi, Indonesien, 1/1997, S. 59

[21] Vgl. Ebenda, S. 61

[22] Vgl. Hans Walter Huppenbauer: Maria – ohne Schleier, Zeitschrift für Mission, 1/86, S. 5

[23] Lateinamerikanisches Magnifikat, Christ in der Gegenwart, 52/1990, S. 430

[24] Zitiert nach: BDKJ Diözesenverband Regensburg: Magnifikat, Er stürzt die Mächtigen vom Thron …, 2. Auflage, Regensburg 2005, Seite H-3

[25] Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Göttingen 1950, S. 153

[26] Siegfried Meurer: Von kraftlos gewordenem Salz und anderem Verrat am Reich Gottes, in: Hartwig Liebich (Hrsg.): Die Mülltonnen der Reichen und der arme Lazarus, Stuttgart 1982, S. 34

[27] Ebenda, S. 34-35

[28] Elisabeth Moltmann-Wendel: Brief an eine junge Frau, Das Sonntagsblatt, 20.12.o.J.

[29] Mieke Korenhof: Ein Lied der Befreiung, Frauen leben (Frauenzeitschrift der Vereinten Evangelischen Mission), 4/2001, S. 5

[30] Margot Käßmann: Weihnachten zieht Kreise, Hannover 2003, S. 51

[31] Marianne Grether: Magnificat anima mea dominum, Der Auftrag (Schweiz), 6/97, S. 4

[32] „Maria war keine Jungfrau“, Interview mit Maria Jepsen, die tageszeitung, 15.5.2010

[33] Vgl. Ulrich Fischer: Ein Revolutionslied Gottes, Gottesdienst zum 100-jährigen Jubiläum des Posaunenchors Heidelberg-Wieblingen, 21.12.2008, S. 2 (zu finden auf der Website www.ekiba.de)

[34] Claudio Ettl: Leben mit dem Wunderkind, in: Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 14

[35] Nikolaus Schneider: Meine Seele preist die Größe des Herrn, 2. Ökumenischer Kirchentag, Berlin 2003, Manuskript, S. 1

[36] Bärbel Wartenberg-Potter: „Gott erhebt die Gebeugten“, Dokumente, Ökumenischer Kirchentag, Berlin 2003, S. 1f.

[37] Ebenda, S. 2

[38] Ebenda

[39] Marianne Grether: Maginificat anima mea dominum, Der Auftrag (Schweiz), 6/97, S. 5