Die jüdische Geschichte in der Zeit vor Jesu Geburt

 

Ein kurzer Blick auf die jüdische Geschichte in der Zeit vor der Geburt Jesu kann uns helfen, besser zu verstehen, in welchem politischen, sozialen und religiösen Kontext das neugeborene Kind das Licht der Welt erblickte. Es war eine Welt, die durch Gewalt geprägt war. Schon damals galt, was heute Friedensforscher an vielen Beispielen belegen: Wenn die Großen kämpfen, leiden die Kleinen am meisten. Das war bereits einige Jahrhunderte vor Jesu Geburt die Erfahrung der Völker des heutigen Nahen Ostens. Das Gebiet rechts und links des Jordan wurde in der Antike immer wieder durch die Kämpfe zwischen Großmächten am Nil, im Zweistromland von Euphrat und Tigris und in Griechenland verwüstet. Die kleinen Völker der Region konnten sich nur kürzere Zeiten politischer Selbstständigkeit erfreuen, die weitaus meiste Zeit waren sie von der jeweils stärksten Großmacht beherrscht. Und wenn das Kriegsglück wieder einmal wechselte, war es eine neue Macht, die die kleinen Völker ausplünderte.

 

Unter dem Einfluss des Hellenismus

 

Im 4. Jh. v. Chr. wurde Palästina wieder einmal erobert und dieses Mal zu einem Teil des makedonischen Weltreiches von Alexander dem Großen gemacht. Als „der Große“ ist Alexander in die Geschichtsbücher eingegangen, sicher nicht in die Erinnerung der Menschen in Palästina, deren Heimat zum Schlachtfeld wurde. Die Eingliederung in Alexanders Reich, das von Ägypten bis Indien reichte, war der Beginn einer Hellenisierung der Region zwischen Mittelmeer und Jordan, deren Spuren sich bis ins Neue Testament verfolgen lassen. Es entstanden nicht nur vie­ler­orts Städte griechischer Einwanderer, schreibt Walter Klaiber im Buch „Die Geschichte Israels“: „War es zunächst die Überlegenheit griechischer Waffentechnik und Militärstrategie, auf die die Reiche Alexanders und seiner Nachfolger sich gründeten, so strömten nun weitere Errungenschaften griechi­scher Kultur nach. Griechische Waren, handwerkliche Technik und Wissenschaft werden importiert; vor allem aber verdrängt die griechische Sprache sehr bald das Aramäische als allgemeine Verkehrssprache. Nur wer das Griechische beherrschte, konn­te in der neuen Gesellschaft vorwärtskommen, und gerade die einheimischen Eliten der neu hellenisierten Gebiete scheinen sich sehr schnell den Erfordernissen einer Anpassung an die neuen Gegebenheiten gefügt zu haben.“[1]

 

Auch die jüdische politische Elite orientierte sich an der griechischen Lebensweise und zum Beispiel auch dem griechischen Baustil, wobei versucht wurde, auf die religiösen Empfindungen des strenggläubigen Teils der Bevölkerung Rücksicht zu nehmen. Das schloss aber den Besuch von Rennbahnen, Zirkussen und Theatern nicht aus.[2] Ein kleines Indiz für die „Internationalisierung“ des ganzen Lebens in Palästina war, dass auch fromme jüdische Eltern ihren Kindern nun Namen aus anderen Religions- und Kulturkreisen gaben, zum Beispiel „Isidora“, ein griechi­scher Name, der „Tochter der Göttin Isis“ bedeutete, und diese Isis war eine ägyp­tische Göttin.[3] Dennoch lebten die Menschen aus verschiedenen Kulturen oft mehr nebeneinander als miteinander, und dies galt besonders für das Verhältnis der Angehörigen des jüdischen Volkes zu anderen Bevölkerungsgruppen. Die Begeg­nun­gen und das Nebeneinander nahmen aber zu, denn in die Zeit der Hellenisierung wuchs die Mobilität der Menschen, und damit verbunden entstand ein großer Wirt­schafts­raum rund um den östlichen Teil des Mittelmeers.

 

Nach dem Tod Alexanders 323 v. Chr. in Babylon zerfiel sein Reich so rasch, wie es entstanden war. In den Kämpfen um die Vorherrschaft in der Region brachen die „Diadochenkämpfe“ aus. Drei Dynastien konnten sich schließlich durchsetzen und den größten Teil des Reiches unter sich aufteilen. Die Antigoniden herrschten in Griechenland und Makedonien, die Seleukiden in Syrien, Mesopotamien und Persien und die Ptolemäer in Ägypten und Teilen des heutigen Libyen. Alle drei Reiche waren hellenistisch geprägt.[4] Es gelang den ptolemäischen Herrschern Ägyptens, in Palästina die Oberhand gegenüber den Konkurrenten in Syrien zu gewinnen, so­dass Jerusalem von ägyptischen Truppen besetzt wurde. Jüdische Flüchtlinge entzogen sich dieser Herrschaft, indem sie nach Syrien und dort vor allem nach Anti­ochia flohen.

 

Das war eine von mehreren jüdischen Fluchtbewegungen vor frem­den Tyrannen, und die Flüchtlinge in vielen Städten rund um das Mittelmeer grün­deten jüdische Diasporagemeinschaften. Anders als die Phönizier waren die Juden nie ein Volk von Seefahrern, wenn sie in irgendeinem Hafen am Mittelmeer an Land gingen, dann als politische Flüchtlinge oder „Wirtschaftsasylanten“. Die ökonomi­sche Prosperität vieler Städte im östlichen Mittelmeerraum lockte jüdische Migran­ten an. Und je mehr jüdische Familien bereits in einer Stadt lebten, desto leichter wurde es für die Hinzukommenden, hier Fuß zu fassen. Allein im ägyptischen Alexandria sollen zu Lebzeiten Jesu mehr als 300.000 Jüdinnen und Juden gelebt haben.[5] Wegen der Anpassung dieser Menschen an ihren neuen Lebensraum wur­de es bald notwendig, die biblischen Texte und insbesondere die fünf Bücher Mose ins Griechische zu übersetzen. In Alexandria entstand deshalb die Septuaginta, die auch von Verfassern der Texte des Neuen Testaments verwendet wurde, um Aussagen aus der Hebräischen Bibel in die eigene Argumentation einzubeziehen.

 

Die ägyptische Herrschaft in Judäa wurde dadurch erträglicher, dass der jüdischen Bevölkerung weitgehende Glaubensfreiheit gewährt wurde und dass ein Jahr­hundert lang kein neuer Krieg ausbrach. Allerdings hatten die „kleinen Leute“ nicht viel von diesem Frieden. Hubertus Halbfas beschreibt die Situation in seinem Buch „Die Bibel“ so: „Die Aristokratenfamilien, die sich bereitwillig in das neue System einbeziehen ließen, hatten ihren Gewinn davon, während sich für die Kleinbauern die antiken Finanzstrukturen weiterhin nachteilig auswirkten. Und da die ptolemäischen Könige darauf bedacht waren, möglichst hohe Profite aus ihren Län­dern zu ziehen und nahezu alle Arbeits- und Wirtschaftsabläufe einer strengen Be­steu­erung unterwarfen, traf dies insbesondere die kleinen Leute.“[6]

 

Um 200 v. Chr. gelang es den Herrschern Syriens, den Seleukiden, ihren Machtbereich nach Süden auszudehnen und Palästina zu erobern. Auch die neuen Herrscher wollten die jüdische Bevölkerung nicht gegen sich aufbringen, um Aufstände an der gefährdeten Südgrenze zum ägyptischen Machtbereich zu vermeiden. Deshalb wurden die religiösen Vorstellungen der Juden zunächst respektiert. Der Hohepriester Simon II. wurde wegen seiner Treue zu den seleukidischen Herrschern zum Ethnarchen ernannt. Während sich die religiöse und wirtschaftliche Führungs­schicht auch mit den neuen Herrschern arrangierte, verbesserte sich die Situation der Armen nicht, was immer wieder zu Unruhen führte.

 

Wer am meisten zahlte, wurde Hohepriester

 

Das politische Machtgefüge veränderte sich erneut, als der Einfluss des Römischen Reiches im östlichen Mittelmeerraum zunahm. 190 v. Chr. fügten die römischen Legionen den Truppen der Seleukiden eine empfindliche Niederlage zu. Die syrischen Herrscher verloren die Kontrolle über Kleinasien und mussten hohe Re­parationszahlungen an Rom leisten. Die Folge war, dass auch im abhängigen Pa­lästina die Steuerlast stieg. In Jerusalem gab es heftige Konflikte darüber, wie man auf die neue Situation reagieren sollte. Anpassung oder Widerstand lautete wie­der einmal die Frage. Das Amt des Hohepriesters (des „großen Priesters“) wur­­de in diesen Konflikten geschädigt. Es gelang nämlich Jason, dem Bruder des am­tierenden Hohepriesters, sich beim syrischen König anzubiedern und diesen durch eine hohe Zahlung zu überzeugen, ihn als neuen Hohepriester einzusetzen. Der von seinem Amt enthobene Hohepriester floh nach Ägypten.

 

Der neue Hohepriester, stellte sich bald heraus, hatte als Preis für seine Einsetzung in das Amt neben hohen Zahlungen auch zugesagt, den ohnehin voranschreitenden Hellenisierungsprozess in Palästina nach Kräften voranzubringen. Deshalb wurde zum Beispiel ein Gymnasium in Jerusalem eröffnet, eine Sportstätte, in der junge Männer nackt verschiedene Sportarten wie Laufen und Ringen ausübten. Auch plante Jason die Einsetzung eines Stadtrates in Jerusalem nach griechischem Vorbild. Die Religion wäre dann weitgehend vom politischen Bereich getrennt wor­den. Die Hellenisierung war vor allem deshalb brisant, weil die syrischen Herrscher bemüht waren, mit der griechischen Kultur auch ihre eigenen religiösen Vorstel­lungen zu verbreiten, einer Mischung der griechischen und der orientalischen Götterwelt. Durch die Einheitsreligion sollte eine größere Kohärenz in dem von außen be­drohten Vielvölkerreich der syrischen Herrscher entstehen. Zwar waren viele Mit­glieder der jüdischen Oberschicht in Jerusalem und Umgebung gegenüber dem Hel­lenismus recht offen, aber die Vorbehalte gegenüber einer Religionspolitik, die auf religiöse Vereinheitlichung abzielte, wurden immer größer.[7]

 

Und wieder nahm das Amt des Hohepriesters Schaden. 171 v. Chr. kaufte der Tem­­pelbedienstete Menelaos das Amt durch die Zahlung einer hohen Summe an den syrischen König und verdrängte Jason. Außerdem ließ Menelaos einen potenziellen Rivalen, den beim vorangegangenen Amtswechsel nach Ägypten geflüch­teten Hohepriester, im Exil ermorden. Die Konflikte wurden noch drama­tischer, als der Bruder des neuen Hohepriesters sich immer dreister am Tempelschatz bereicherte. Daraufhin wurde er von den aufgebrachten Gläubigen gelyncht. Es kam noch schlimmer. Das Gerücht, der syrische König sei gestorben, veran­lasste 170 v. Chr. den entmachteten Hohepriester Jason, seinen Nachfolger aus dem Tempel zu jagen. Aber der syrische König lebte, und schon um seine Autorität zu be­weisen, befahl er eine Strafaktion gegen Jason und seine Anhänger. Jerusalem wurde erobert und verwüstet, der Tempel besetzt und nun dem Gott Zeus geweiht. Der syrische König wollte alle Völker seines Reiches zu einem einzigen Volk zu verschmelzen. Jüdische Rituale wie die Beschneidung, die Einhaltung des Sabbats und die religiösen Feste wurden unter Androhung der Todesstrafe verboten. Als Beweis der Einhaltung der seleukidischen Anordnungen wurden Juden dazu gezwungen, öffentlich Schweinefleisch zu essen.[8]

 

Der Aufstand der Makkabäer

 

Die Entweihung des Tempels und die gegen die eigene Religion gerichteten Anordnungen lösten einen massiven Widerstand der jüdischen Bevölkerung aus, und die strenggläubigen Juden wehrten sich auch gegen den ganzen Prozess der Hellenisierung. Der Priester Mattatias und seine Familie organisierten von Verstecken in den Bergen aus dem Widerstand gegen die militärisch zunächst weit überlegenen Besatzungstruppen. Von 166 v. Chr. an wurde ein Sohn des Priesters, Judas, genannt Makkabäus („makkaba“ bedeutet im Aramäischen „Hammer“), zum erfolgreichen Führer der Aufstandsbewegung. Gegen die militärisch überlegenen syrischen Söldnerheere erzielten die hoch motivierten Aufständischen einen Erfolg nach dem nächsten. Da die syrischen Herrscher zu dieser Zeit gleichzeitig in mehrere Kämpfe verwickelt waren, konnten sie keine Truppenverstärkungen und Kriegselefanten nach Palästina schicken und verloren den Kampf.[9] Die Makkabäer eroberten 164 v. Chr. Jerusalem, ließen den Hohepriester Menelaos hinrichten und weihten den Tempel neu. Daran wird noch heute mit dem Chanukkafest erinnert.

 

Aber die Freude über den Sieg währte nur kurze Zeit, denn in einer weiteren Schlacht siegten die syrischen Truppen, eroberten Jerusalem zurück und setzten einen neuen, ihnen genehmen Hohepriester ein. Und erneut gab es religiös motivierte Konflikte, in deren Mittelpunkt der Hohepriester Alkimus stand, den die Makkabäer wegen seiner Nähe zu hellenistischem Gedankengut nicht auf dieser Po­si­tion dulden wollten. Alkimus war auf diese Ablehnung vorbereitet und setzte seine Ansprüche mithilfe der Besatzungstruppen brutal durch. Aber der Aufstand der Makkabäer wurde trotz der Unterdrückungsmaßnahmen Alkimus wieder aufgenommen.

 

Die Situation wurde noch verwickelter, als ein Kampf um den syrischen Königsthron ausbrach. Jonatan, einer der Führer der Aufständischen, schaffte es, das Vertrauen eines der Kontrahenten um den Thron zu gewinnen und als Gegenleistung für seine Unterstützung das Recht zu erhalten, eigene Truppen in Jerusalem zu unterhalten. Jonatan wurde von dem neuen syrischen König sogar zum Hohepriester eingesetzt – und bald darauf zusätzlich zum General syrischer Truppen. Aber sein Glück währte nicht lange. Als Jonatan den Syrern zu mächtig wurde und auch noch der Verdacht aufkam, er verhandele heimlich mit den Römern über ein Bündnis, wurde der Vasall 143 v. Chr. von syrischen Truppen in einen Hinterhalt gelockt und ermordet.

 

Das verhinderte nicht den weiteren politischen Aufstieg des Makkabäer-Klans.[10] Ausführliche, sich zum Teil widersprechende Berichte über diese Epoche in der Ge­schichte des jüdischen Volkes sind in den Makkabäerbüchern nachzulesen. Aber man muss vorsichtig sein, die Geschichtsdarstellung und vor allem Geschichtsdeu­tung der Ver­fasser dieser biblischen Bücher zu übernehmen. Angelika Berlejung, Pro­fessorin für Altes Testament an der Universität Leipzig, schrieb 2007 in einem Aufsatz über den Makkabäeraufstand und seine Darstellung: „Für den Verfasser des 1. Makk, der ein loyaler Anhänger der makkabäischen Politik war, hatte es sich bei diesem Aufstand und den sich daraus ergebenden Kriegen um eine Art Notwehr gehandelt, sodass nicht nur der eigentliche Befreiungskrieg, sondern auch die fol­genden Expansionskriege mit den Konzepten des ‚Heiligen Kriegs’, der ‚Rettung des schreienden Israels vor seinen Feinden’ (analog zum Richterbuch) oder auch der neuerlichen Landnahme (analog zum Josuabuch) und letztlich auch als Vergeltung für erlittenes Unrecht interpretiert werden konnten.“[11] Die Makkabäer waren nach dieser Deutung Vollstrecker des Willens Gottes und Retter Israels, „sodass der Hofberichterstatter keine Zweifel an der Wahl ihrer Mittel übt. Mord und Totschlag, Plünderungen und Brandschatzungen gehörten dazu.“[12] Die Autorin kommt zum Ergebnis, dass der Vergeltungsgedanke kein guter Ratgeber ist.

 

Eine Eroberungspolitik und ihre Folgen

 

Simon, ein Bruder des ermordeten Jonatan, führte erfolgreiche Feldzüge gegen die durch neue Kämpfe an verschiedenen Fronten geschwächten Syrer und konnte neben Jerusalem auch größere Gebiete in der Umgebung unter seine Kontrolle bringen.[13] Reymer Klüver schreibt in einem Zeitschrif­­tenaufsatz über die Ergebnisse dieser Feldzüge: „Die eroberten Gebiete macht Simon rücksichtslos zu jüdischen Regionen. Wer von den alten Bewohnern Glück hat, kann zum Judentum konvertieren. Viele Menschen aber werden vertrieben oder ermordet. Auf dem frei gewordenen Land siedelt Simon Juden an. Als Ringen um religiöse Selbstbestimmung hat der Kampf seiner Familie einst begonnen. Nun betreibt Simon nur eine Machtpolitik: den Ausbau des eigenen Herrschaftsbe­reichs.“[14]

 

Der siegreiche Feldherr ließ sich 140 v. Chr. von einer Volksversammlung nicht nur zum Hohepriester wählen, sondern auch zum militärischen und politischen Herrscher des wieder unabhängig gewordenen Landes. Diese Alleinherrschaft wur­de aber bereits nach sechs Jahren durch familieninterne Machtkämpfe erschüttert. Simon und zwei seiner Söhne wurden von einem Schwiegersohn ermordet. Daraufhin trat Hyrkan I., der einzige Sohn Simons, der dem Mordkomplott entgangen war, die Nachfolge an. Von nun an bürgerte sich für die Herrscherfamilie die Bezeichnung Hasmonäer ein, der auf einen Vorfahren von Makkabäus zurückgeht. Hyrkan I. erwies sich als erfolgreicher Kriegsherr und eroberte Samarien und Idu­mäa, also die Gebiete nördlich und südlich von Judäa. Hier wurde zwangsweise die jüdische Religion eingeführt. In Samarien wurden der Tempel auf dem Berg Garizim und die Hauptstadt Samaria vollkommen zerstört,[15] einer der Gründe für die fortbestehenden Spannungen zwischen Juden und Samaritern zur Lebenszeit Jesu. Die Er­oberungspolitik unter Hyrkan I. zeigt, dass auch unterdrückte Völ­ker, wenn das Kriegsglück ihnen die Herrschaft über Nachbarvölker bringt, häufig mit sehr ähnlichen Methoden vorgehen wie die Großmächte, die sie vorher beherrscht haben.

 

In der jüdischen Bevölkerung wuchs trotz der militärischen Erfolge die Ablehnung der Verbindung des Hohepriesteramtes mit der politischen Herrschaftsausübung. Die Hasmonäer-Herrscher focht das nicht an, und Aristobul, der Nachfolger von Hyrkan I., erklärte sich 103 v. Chr. zum König. Eigentlich hätte er ausschließlich Hohepriester werden und seine Mutter die Regierungsverantwortung überneh­men sollen, aber Aristobul I. wollte die ganze Macht. Deshalb ließ er seine Mutter ins Gefängnis werfen und dort verhungern. Der neue König und Hohepriester starb bereits ein Jahr nach der Amtsübernahme, ist aber trotz seiner kurzen Herrschaftszeit ob sei­ner Brutalität negativ in die jüdische Ge­schichte eingegangen. Nach dem Tod des Königs ließ seine Witwe die gefangenen Brüder frei und machte einen von ihnen zum Regenten. Der neue politische Herr­scher und Hohepriester Alexander ließ einen seiner Brüder ermorden, um einen potenziellen Rivalen aus dem Weg zu räumen. Es folgten Jahre der Eroberungskriege unter Einsatz von Söldnerheeren zur Erweiterung des Hasmonäerreiches, das sich nun von Teilen des heutigen Syrien bis an die Negevwüste und vom heutigen Jordanien bis zum Mittelmeer ausdehnte.

 

Aber diese militärischen Erfolge beschwichtigten die politische und religiöse Op­po­­sition gegen den autokratischen Herrscher nicht. Vor allem die religiöse Bewe­gung der Pharisäer bezweifelte die Legitimität seiner Amtsausübung als Hohe­pries­ter. Im Jahre 94 bewarfen Gläubige, darunter viele Pharisäer, den Hohepriester beim Laubhüttenfest mit Zweigen und Zitronen, was eine blutige Verfolgung der Gegner Alexanders zur Folge hatte und in einen sechsjährigen Bürgerkrieg mündete. Alexander setzte sich mi­li­tärisch mit Hilfe von Söldnern aus Kleinasien durch, eine einmalige Aktion eines Hohepriesters. Nach seinem Erfolg ließ Alexander die Pharisäer brutal verfolgen, hinrichten und kreuzigen. Die Spannungen zwischen den Sadduzäern als religiöser Bewegung um den Hohepriester auf der einen Seite und den Pharisäern auf der anderen Seite waren spätestens seit dieser Zeit so massiv, dass keine Versöhnung möglich erschien und auch zu Jesu Lebzeiten die Konflikte allgegenwärtig waren.

 

Wenn zwei sich streiten – freuen sich die Römer

 

Die innerfamiliären Streitigkeiten im Clan der Hasmonäer nahmen kein Ende. Nach dem Tod Alexanders übernahm seine Witwe Salome Alexandra 76 v. Chr. die poli­tische Herrschaft. Sie setzte ihren ältesten Sohn Hyrkan zum Hohepriester ein. Da­mit war die Erwartung der Pharisäer in Erfüllung gegangen, die Königswürde vom Amt des Hohepriesters zu trennen. Auch bemühte die Königin sich – zum Miss­fallen der Sad­duzäer – um eine Versöhnung mit den Pharisäern, ließ Inhaftierte frei und erlaub­te es geflüchteten Pharisäern, in die Heimat zurückzukehren. Die Phari­säer rächten sich nun allerdings auf brutale Weise an jenen Sadduzäern, die König Alexander in seinen Massakern an den Pharisäern unterstützt hatten.

 

Zusätzliche Spannungen traten auf, als deutlich wurde, dass die Trennung von Königs- und Hohepriesteramt nur vorübergehend sein sollte. Nach ihrem Tod, bestimm­te die Königin, sollte der Hohepriester Hyrkan II. auch die Königswürde erhalten. Das passte dem jüngeren Bruder Aristobul gar nicht, der deshalb nach dem Tod der Königin im Jahre 67 v. Chr. einen Aufstand anzettelte und Hyrkan II. schließlich aus Jerusalem vertreiben konnte. Von Petra, der Hauptstadt der Naba­täer im heutigen Jordanien, aus sammelte Hyrkan neue Truppen. Sein wichtigster mi­li­tärischer Berater war der aus Idumäa stammende Antipater, der Vater des späteren Königs He­ro­des. Hyrkan eroberte mit Antipaters Hilfe sein Herrschaftsgebiet Stück für Stück zurück, und Aristobul musste sich schließlich im Tempelbezirk in Jerusalem verschanzen. Seine Niederlage war absehbar – aber dann griff die römische Großmacht ein. Römische Legionen hatten kurz vorher Syrien erobert, und die Herrscher in Rom wollten nun auch Palästina zu einem Teil ihres Reiches machen. Den Römern kam der Bruderzwist deshalb gerade recht. Sie spielten die Brüder geschickt ge­gen­einander aus und brachten anschließend deren gesamtes Herrschafts­­gebiet einschließlich Jerusalem unter die eigene Kontrolle.[16]

 

Schwerer Schaden für das Amt des Hohepriesters

 

Die neuen Herrscher setzten Hyrkan wieder als Hohepriester ein, aber er war nun nur noch oberster Geistlicher von Gnaden der fremden Besatzungsmacht. Das Amt war im zurückliegenden Jahrhundert durch Machtkämpfe, Intrigen und Morde schwer beschädigt worden. Und nun setzte sich dieser Erosionsprozess fort. Knut Backhaus schreibt in einem Beitrag über die Hohepriester: „Mit der römischen Oberherrschaft ab 63 v. Chr. und Herodes des Älteren … büßte das Hohepriestertum seinen Einfluss weitgehend ein. Es wurde von den Machthabern nach politischer Opportunität besetzt und wechselte zwischen den führenden Familien. Seit dem Herrschaftsbeginn des Herodes bis zum ersten jüdisch-römischen Krieg wurde das höchste Priestertum von 28 Trägern bekleidet, die meist nur kurze Zeit im Amt waren.“[17]

 

Umso hartnäckiger mussten die Hohepriester und ihre Anhänger ihre Autorität und die Stellung des Tempels verteidigen, und dies bildete später wahrscheinlich einen Grund für die heftigen Auseinandersetzungen, die Jesus mit ihnen hatte. Die jüdische Theologin Rachel Herweg schreibt: „Mag Jesus vielen Mit-Phari­säern auch ein Dorn im Auge gewesen sein, kamen doch seine erbittertsten Gegner aus dem Kreis der Tempelaristokratie der Sadduzäer (Partei der Priester und Herr­schenden) unter Führung des amtierenden Hohepriesters Kaifas. Die Sadduzäer erzürnte Jesus durch die Relativierung des Tempelkults, der in Äußerlichkeiten erstarrt war.“[18]

 

Aber zunächst einmal dürfen wir Antipater nicht aus dem Blick verlieren, denn sein Aufstieg war geradezu atemberaubend. Es wurde zum wichtigen militärischen Berater der Römer in diesem Teil ihres Reiches. Bei Feldzügen gegen die Nabatäer und Ägypter erwies er sich als kluger und nützlicher Helfer der römischen Eroberer und genoss großes Vertrauen bei den römischen Feldherren. Auch beim Kampf gegen die jüdischen Aufständischen unter Führung der Söhne Aristobuls leis­tete Antipater den römischen Truppen treue Dienste und trug wesentlich dazu bei, dass der Aufstand brutal niedergeschlagen werden konnte.

 

Es folgten weitere turbulente Jahre für Palästina und das auch für Antipater als militärischem Berater der Römer. Denn nun brachen in der globalen Zentrale, also in Rom, gewaltsam ausge­tragene Macht­kämpfe zwischen Cäsar und Pompeius aus. Es ging um die Allein­herrschaft im Weltreich. Antipater unterstützte zunächst Pompeius und hatte da­mit auf den Verlierer des Machtkampfes gesetzt. Aber er konnte den Fehler korrigieren und gewann das Vertrauen Cäsars. Der treue Verbündete Antipater wurde zum Verwal­ter von Judäa ernannt. Sein jüngerer Sohn Herodes erhielt 47 v. Chr. den Posten des Befehlshabers von Galiläa. Dort ging er brutal gegen Räuberbanden und Aufständische vor und empfahl sich dadurch bei den römischen Herrschern für höhere Aufgaben.

 

Warten auf den Messias

 

Es kann nicht verwundern, dass viele Jüdinnen und Juden in der Zeit vor und nach Jesu Geburt inständig auf ein Eingreifen Gottes hofften und dafür beteten. Die Vertreibung der fremden Herrscher und ihrer Legionen wurde ebenso erwartet wie eine politische, gesellschaftliche und religiöse Erneuerung. Viele Jüdinnen und Juden verbanden diese Hoffnungen mit der Erwartung des Kommens des Messias. Es gab um die Zeitenwende mindestens ein halbes Dutzend charismatischer religiö­ser und politischer Führer im jüdischen Volk, die für sich in Anspruch nahmen, der erwartete Messias zu sein. Mehrere von ihnen stellten sich an die Spitze bewaffneter Gruppen, die versuchten, die Römer aus dem Land zu vertreiben. Aber diese Gruppen scheiterten an der militärischen Überlegenheit der römischen Legionen und ihrer Hilfstruppen. Der jüdische Gelehrte Pinchas Lapide schrieb in seiner Jesus-Darstellung: „Radikale Messianisten und Endzeitbedränger hatten um die Zeitenwende nicht nur ein Übermaß an Leid und Tragik in die Judenheit hinein­getragen, sondern ganz Israel an den Rand des Untergangs gebracht.“[19]

 

Rachel Herweg hat die Situation Israels vor der Geburt Jesu so beschrieben: „Sicher ist, dass Jesus in eine Zeit hineingeboren wurde, in der Israel in einer tiefen politischen und geistig-religiösen Krise steckte … und schließlich, 63 v. u. Z., das römische Imperium und mit ihm eine bisher unbekannte grausame Tyrannei. Die große Mehrheit der Bevölkerung war sehr arm, täglich von Hunger, Gewalt und sozialem Absturz bedroht. Steuern für Rom, Opferzwang und Tempelsteuer, Arbeitsmangel, Schuldversklavung und Epidemien lasteten auf dem Volk. Wann endlich würde Gott die versprochene Treue beweisen? – Die Antwort erteilten nicht zuletzt charismatische Prediger wie Johannes der Täufer und Jesus.“[20] Und der liberale Rabbiner Walter Homolka schrieb im März 2011 in der „Zeit“ über das Judentum des 1. Jahrhunderts: „Zur Zeit Jesu war es enorm vielgestaltig, und wir haben keinerlei Problem, seine Deutung der Thora als innerjü­disch zu verstehen.“[21] Er habe als Pharisäer gelehrt, und die Loslösung vom Judentum sei erst später erfolgt.

 

Jesus, dessen Geburt als Heiland seit zwei Jahrtausenden gefeiert wird, stand für einen anderen Weg der umfassenden Befreiung als andere charismatische Wanderprediger. Er suchte nicht die militärische Konfrontation mit den Römern, sondern einer Erneuerung des Judentums, und in seinen Predigten sprach er von der Hoffnung, die für das jüdische Volk und alle Menschen von der Botschaft der allumfassende Liebe Gottes ausgeht. Diese Botschaft der Liebe und Hoffnung hat den Niedergang des Römischen Reiches ebenso überstanden wie die des Niedergangs anderer Weltreiche.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1]   Siegfried Herrmann und Walter Klaiber: Die Geschichte Israels, Stuttgart 1996, S. 128

[2]   Vgl. Michael Tilly: Griechischer und römischer Einfluss – ein Land wandelt sich, in: Jürgen Schefzyk/Wolfgang Zwickel (Hrsg.): Judäa und Jerusalem, Stuttgart 2010, S. 51

[3]   Vgl. ebenda

[4]   Vgl. u. a. Marcus Sigismund, Hellenismus, www.wibilex.de

[5]   Vgl. Siegfried Herrmann und Walter Klaiber: Die Geschichte Israels, a.a.O., S. 135

[6]   Hubertus Halbfas: Die Bibel, Düsseldorf 2001, S. 218

[7]   Vgl. u. a. Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte, Bonn 2008, S. 49ff.

[8]   Vgl. Makkabäer, Beitrag im Wissenschaftlichen Bibellexikon im Internet, www.wibilex.de und Hubertus Halbfas: Die Bibel, a.a.O., S. 328ff.

[9]   Vgl. hierzu u. a. Stephanie von Dobbeler: Militärisches Geschick und geistige Stärke, in: Heiliger Krieg in der Bibel?, Welt und Umwelt der Bibel, 1/2007, S. 26ff.

[10]  Vgl. zur Herrschaft dieser Familie u. a. Michael Tilly: Die hasmonäische Zeit, in: Jürgen Schefzyk/Wolfgang Zwickel (Hrsg.): Judäa und Jerusalem, a.a.O., S.43ff.

[11]  Angelika Berlejung: Der Aufstand des Gottesheeres, in: Heiliger Krieg in der Bibel?, Welt und Umwelt der Bibel, 1/2007, S. 11

[12]  Ebenda

[13]  Vgl. Michael Tilly: Die hasmonäische Zeit, in: Judäa und Jerusalem, a.a.O., S. 43f.

[14]  Reymer Klüver: Der Griff nach der Freiheit, Geo Epoche, Nr. 45, 2010, S. 65

[15]  Vgl. hierzu u. a. Siegfried Herrmann/Walter Klaiber: Die Geschichte Israels, S. 150

[16]  Vgl. u. a.: Wolfgang Zwickel: 200 Jahre bewegte Geschichte – die Zeit von 100 vC bis 100 nC, in: Judäa und Jerusalem, a.a.O., S. 29f.

[17]  Knut Backhaus: Hohepriester, in: www.wibilex.de Das wissenschaftliche Bibel­lexikon im Internet

[18]  Rachel Herweg: Jesus aus jüdischer Sicht, in: Juden und Christen, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2005, S. 19

[19]  Pinchas Lapide/Ulrich Luz: Der Jude Jesus, Düsseldorf und Zürich 2001, S. 33

[20]  Rachel Herweg: Jesus aus jüdischer Sicht, a.a.O., S. 19 u. 22

[21]  Walter Homolka: Jesus war ein Jude, Die Zeit, 3.3.2011