Die römische Globalisierung

 

In den biblischen Berichten über die Geburt des späteren Wanderpredigers Jesus bildet eine Stadt unverkennbar den politischen und sozialen Hintergrund, und deshalb werfen wir einen Blick auf das Zentrum der antiken Globalisierung, auf Rom. Noch immer ist faszinierend, wie von etwa 750 v. Chr. an in zunächst ganz kleinen Schritten aus einem winzigen Dorf in einer sumpfigen Gegend das Zentrum einer für antike Verhältnisse globalen Macht wurde. Erst im 2. Jahrhundert vor Christus setzte jener Bauboom ein, der Rom zur führenden Metropole im Mittelmeerraum mit mehr als einer Million Einwohnern machte. Heute erinnern daran die Ruinen großer Bauten wie des Kolosseums und verschiedener Tempel und Paläste.

 

Das Alltagsleben der Menschen im antiken Rom hing sehr stark davon ab, ob man zur reichen Minderheit oder zur großen Masse der armen Stadtbevölkerung gehörte. Während viele öffentliche Bauten und Privatvillen mit Marmor aus verschiedenen Teilen des wachsenden Reiches verschönert wurden, lebten die Armen dicht gedrängt in Mietshäusern, die aus einer frühen Form von Beton erbaut wurden. Die Mieten waren im Vergleich zum Einkommen der Bewohner sehr hoch, die Bauqualität hingegen oft derart schlecht, dass viele der schnell errichteten Gebäude wieder einstürzten. In der Mitte des 1. Jahrhunderts vor Christus waren die so­zialen Spannungen derart groß, dass es zu gewaltsamen Unruhen kam. Um die Lage zu beruhigen, ordnete Cäsar einen zeitweisen Mieterlass und eine erleichterte Schul­dentilgung an.[1] 58 v. Chr. wurde eine kostenlose Verteilung von Nahrungsmitteln und Wasser an etwa 200.000 erwachsene Bürger eingeführt, um die sozialen Span­nun­gen zu vermindern, gewissermaßen eine Sozialhilfe antiker Prägung. Es gab eine Nachrückerliste für diese staatliche Unterstützung. Diese Hilfe war allerdings nicht üppig und reichte zum Leben nicht aus, sondern ergänzte das niedrige Einkommen aus einer Beschäftigung.[2] Es gab also schon im antiken Rom die „working poor“, die von ihrem Lohn nicht leben konnten. Finanziert wurden sowohl der prächtige Ausbau Roms als auch die Hilfe für die Armen der Millionenstadt aus den hohen Einnahmen, die aus den abhängigen Gebieten in die Metropole flossen.

 

Insgesamt zählte weniger als ein halbes Prozent der 50 bis 60 Millionen Einwohner des Römischen Reiches zur Oberschicht, die einen enorm großen Reichtum angesammelt hatte. Etwa 25 Prozent der Bevölkerung konnten halbwegs sicher sein, jeden Tag das Lebensnotwendige zur Verfügung zu haben. Dazu zählten u. a. kleine Landbesitzer, Kaufleute, Handwerker, Soldaten und ihre Familien.[3] Die übrige Bevölkerung lebte in tiefster Armut. Für diese Armen der Peripherie des Reiches wie Palästina galt besonders, was der US-ame­ri­ka­nische Hi­sto­riker Robert Knapp über die Armen des ganzen Römischen Reiches geschrieben hat: „Ihr gesamtes Interesse war auf ein einziges Ziel gerichtet – das Überleben.“[4] Die Armen entwickelten unterschiedliche Strategien, um dieses Überleben zu si­chern, wozu auch Aufstände gegen die unerträglichen Verhältnisse gehörten. Dazu noch einmal Robert Knapp: „Aber die meist uneingeschränkte Fähigkeit der Füh­rungsschicht, sich gegen die auf­sässigen Armen zur Wehr zu setzen, erklärt weitgehend, warum solche Revolten selten bleiben und warum es ihnen nie gelingt, die Herrschaft der Mäch­tigen durch die Vormacht der Armen zu ersetzen.“[5]

 

Es kann nicht überraschen, dass sich in dieser Situation eine tiefe Resignation unter den Armen des Römischen Reiches breit machte. Es kam allenfalls zu lokalen Aufständen, und die Armen forderten auch keinen Umsturz der vorhandenen Ord­nung, sondern nur bescheidene Reformen.[6] In diese Situation hinein lässt Lukas die Jesusmutter Maria ein Lied singen, in dem davon die Rede ist, dass die Mäch­tigen vom Thron gestürzt werden, und in dem den Armen Hoffnung auf gerechte Verhältnisse und ein Leben jenseits des bestehenden Elends gemacht wird. Es kann nicht verwundern, dass diese Botschaft und die spätere Botschaft der Befreiung des Wanderpredigers Jesus gerade auf die Armen in Palästina und im ganzen Römi­schen Reich eine so große Anziehungskraft ausübte.

 

Ein effizient verwaltetes Weltreich

 

Zeitweise dehnte sich das Römische Reich vom Zweistromland bis Spanien, von Ägypten bis zum Norden Englands aus. Der römische Kaiser Augustus war überzeugt, den „Orbis Terrarum“, den Weltkreis, zu beherrschen, auch wenn damals bekannt war, dass die Welt größer war als das Römische Reich und zumindest bis zum heutigen Westafrika und nach Indien reichte. Wichtige Grundlagen des Erfolgs als globale Macht waren in der Antike – wie heute – neben dem Militär eine effiziente Verwaltung und eine gut ausgebaute Infrastruktur. Erweitert wurde das Römische Reich ausschließlich durch Eroberungskriege, aber gefestigt wurde diese Herrschaft durch eine effiziente Verwaltung.[7]

 

Das Römische Reich besaß modern ausgerüstete und sehr gut ausgebildete Legionen und erfahrene Feldherren. Sie gewannen nicht jede Schlacht, aber die weitaus meisten Kriege endeten mit einem Sieg der Römer. Dazu trug auch bei, dass die Herrscher Roms großes Gewicht auf die Sicherung der Loyalität ihrer Legionäre legten. Anders als die Söldnerheere anderer Herrscher, die nicht selten die Fronten wechselten, konnten sich die römischen Heerführer absolut darauf verlassen, dass ihre Legionäre auch in aussichtslos erscheinenden Situationen bei der Standarte blieben. Dazu trug bei, dass ältere Legionäre nicht einfach „in die Wüste“ geschickt wurden, sondern im Ruhestand kleine Häuser, etwas Land und einige Privilegien erhielten.

 

Die Herrscher des Römischen Reiches legten großen Wert auf ein reibungslos arbeitendes Verwaltungssystem. Dazu gehörten zum Beispiel eine gründliche Ausbildung von Staatsangestellten, detaillierte Regelungen für ihre Laufbahn und die präzise Festlegung ihrer Kompetenzen. Viele Regierungs- und Verwaltungsaufga­ben wurden dezentral wahrgenommen, was es ermöglichte, in Rom als Zentrale des Imperiums mit einem recht kleinen Regierungs- und Verwaltungsapparat auszukommen.

 

Von großer Bedeutung war auch ein gut funktionierendes Netz von Straßen und Schifffahrtsverbindungen und dies sowohl für die militärische als auch die ökonomische Beherrschung des Weltreichs. Während der römischen Herrschaft wurden allein in Palästina 1.500 Kilometer neue Straßen gebaut. Für den Fernhandel von beträchtlicher Bedeutung war die Straße vom See Genezareth zum Mittelmeer, denn auf ihr wurde gepö­kelter Fisch transportiert, der per Schiff nach Rom gelangte. Die Straßen wur­den von vielen Tausend einheimischen Menschen, die in Hitze und Staub unter den erbärmlichsten Umständen und mit primitiven Hilfsmitteln Steine und Sand schlepp­ten und verbauten.

 

Um das Militär, den Verwaltungsapparat und die Investitionen zu finanzieren, gab es ein ausgeklügeltes System der ökonomischen Ausbeutung und der politischen Beherrschung aller abhängigen Gebiete, das Kaiser Augustus noch verfei­ner­te. Die eroberten Gebiete wurden entweder als Provinzen direkt von Rom aus re­giert oder aber von Klientelkönigen und -fürsten im Auftrag Roms verwaltet. Diese lokalen Vertreter des Reiches hatten eine beträchtliche Frei­heit bei der Ausübung ihrer Herrschaft, aber doch eingeschränkte Rechte.

 

Die ökonomische Basis des römischen Weltreiches

 

Eine wichtige ökonomische Grundlage des Römischen Reiches bildete die Ausplünderung gerade eroberter Gebiete. Rücksichtslos wurden der Staatsschatz geraubt, Städte und Dörfern geplündert und hohe Strafabgaben verhängt. Jede neue Eroberung sicherte die finanzielle Stabilität des römischen Staates für einige Jahre. Das erforderte allerdings immer wieder neue Eroberungsfeldzüge, während die Kosten für den „Betrieb“ des Reiches stiegen. Es musste ein Heer von bis zu einer Viertelmillion Soldaten bezahlt werden, dazu ein wachsender Verwaltungsapparat, nicht zu vergessen die immens hohen Investitionen in neue Straßen, Viadukte, Theater etc. etc.

 

Ein Reich, das nicht nur militärisch, sondern vor allem ökonomisch auf ständiger Expansion und Ausplünderung beruhte, musste in tiefe Kri­sen geraten, wenn Rückschläge eintraten. Als weiteres Problem erwies sich, dass die ständige Auswei­tung des Reiches dazu führte, dass die Legionen auf einen immer größeren Raum verteilt werden mussten und es schwierig wurde, die Angriffe einer großen Zahl von „Barbaren“ an einer Stelle der viele Tausend Kilometer langen Grenzlinie des Reiches erfolgreich abzuwehren. Vielleicht hat dies erheblich zum Zusammenbruch des Römischen Reiches beigetragen, aber das geschah erst einige Jahrhunderte, nach­dem Jesus das Licht der Welt erblickt hatte. Zu seinen Lebzeiten war die rücksichtslose Ausplünderung gerade eroberter Gebiete noch ein erfolgreiches „Geschäfts­modell“.

 

Von großer Bedeutung für die die ökonomische Stabilität des Römischen Reiches auch eines ertragreichen Steuersystems und einer Wirtschaftspolitik, die Wachstum förderte. Beides hing aufs Engste zusammen. Denn je mehr Wirtschaftskraft in den einzelnen Provinzen entstand, desto mehr Steuern flossen in die römische Staatskasse. Es war Kaiser Au­gustus, der das Reich nicht nur vergrößerte, sondern auch eine Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftspolitik durchsetzte, die Rom erst ökonomisch zur alles beherr­schenden globalen Macht werden ließ.[8] Ein „Musterschüler“ dieses Kaisers war übrigens König Herodes.

 

Das kulturelle Bindeglied in einem Weltreich

 

Neben der Loyalität zu Rom wurden von den lokalen herrschenden Schichten besetzter Gebiete lateinische oder griechische Sprachkenntnisse erwartet. Die Angehörigen dieser Eliten konnten das römische Bürgerrecht erwerben und hatten häufig ein Interesse am Fortbestand des Römischen Reiches. Der Historiker Professor Jürgen Malitz kommt in einem Aufsatz über das Römische Reich zum Ergebnis, dass es weniger „durch ein ideologisch begründetes Gemeinschaftsgefühl der Reichsbewohner“ zu­sammengehalten wurde „als vielmehr durch das Interesse der Oberschicht aller Provinzen an der Verbesserung oder Sicherung des sozialen Status“.[9] Es wird geschätzt, dass weniger als ein Prozent der Einwohner des Römischen Reiches zu Leb­­zeiten Jesu praktisch das gesamte Vermögen auf sich konzentriert hatten.[10]

 

Für die einheimischen Eliten war die griechische Kultur ein wichtiges Bindeglied. Diese griechische Kultur war der Kultur der römischen Gesellschaft weit überlegen, und der Dichter Horaz, einer der wichtigsten Denker in der Zeit von Kai­ser Augus­tus, verkündete sogar: „Das eroberte Griechenland eroberte den primitiven Sieger, indem es die Künste ins bäuerliche Latium einführte.“ Er selbst war in der Welt der griechischen Dichter und Philosophen wie Epikur zu Hause, die römischen Herr­scher, Feldherrn und Legionäre waren es nicht. Die Kaiser nutzten die griechische Götterwelt vielmehr pragmatisch zur Festigung des eigenen Ruhmes und übernahmen von der griechischen Architektur, Kunst und darstel­len­den Kunst all das, was sich gut in römische Prachtentfaltung einbeziehen ließ.

 

Globalisierung in der Antike

 

Es bestehen eine ganze Reihe von Ähnlichkeiten zwischen der antiken Globalisie­rung unter der Herrschaft des Römischen Reiches und der heutigen Globalisierung. Hervorzuheben ist die enge Verflechtung von militärischer Vorherrschaft und ökonomischer Durchdringung anderer Weltregionen zum eigenen Vor­teil. Es gelang den Herrschern des Römischen Reiches, zum eigenen Nutzen eine „globale“ Ökonomie zu etablieren. In dieser Ökonomie herrschten die Gesetze des Marktes. Jeder konnte verkaufen und kaufen, was auf dem Markt angeboten wurde. Aber die Bedingungen, unter denen die Einzelnen an diesem Marktgeschehen teilnahmen, waren extrem ungleich. Nach der Eroberung von Gebieten eigneten sich die römischen Herrscher und ihre Vasallen neben dem Grund und Boden auch große Teile des übrigen Vermögens an. Danach mochten die Marktgesetze getrost zum Zuge kommen, die Reichen konnten sicher sein, dass sie das gesamte Marktgeschehen beherrschen und zum eigenen Vorteil nutzen konnten.

 

Eine Ähnlichkeit zwischen antiker und heutiger globaler Ökonomie besteht darin, dass die Völker und die einzelnen Menschen umso stärker marginalisiert werden, je weiter sie an der Peripherie des Reiches leben. In den Zentren politischer, militärischer und ökonomischer Macht wird versucht, ein Mindestmaß an ökonomischem Wohlergehen aller sicherzustellen, um politische Unruhen und Umstürze zu vermeiden. Deshalb konnten die Armen von Rom auf Brot (und Spiele) hoffen, um ihre Ruhe und Loyalität zu erkaufen. In abgelegenen Regionen wie Galiläa gab es solche Programme nicht. Hier wurden Unruhen schon im Keim mit militärischen Mitteln unterdrückt.

 

Das Bündnis mit lokalen Eliten

 

Die römische Herrschaft wurde nicht nur durch Legionen abgesichert, sondern auch durch die Einbeziehung einheimischer Politiker, Militärs und ganzer Bevölkerungsgruppen in das eigene Herrschaftssystem. König Herodes ist nur ein prominentes Beispiel für diesen Typus von Menschen, die sich Vorteile von der engen Zusammenarbeit mit den Mächtigen in Rom versprachen – und diese Vorteile oft auch erhielten.

 

Schon vor den Herrschern des Römischen Reiches hatten die Mächtigen anderer Weltreiche erkannt, dass sich ein globales Reich nicht nur mit brutaler militärischer Gewalt und ökonomischer Ausbeutung zusammenhalten ließ. Es bedurfte auch einer Ideologie und einer religiösen Überhöhung der eigenen Herrschaft. Im Porträt von Kaiser Augustus wird die römische Ideologie im Detail dargestellt.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1]   Vgl. Frank Kolb: Rom: Werden und Wachstum einer Metropole, in: Walter Ameling u. a.: Antike Metropolen, Darmstadt 2006, S. 95ff.

[2]   Vgl. ebenda, S. 104ff.

[3]     Vgl. Robert Knapp: Römer im Schatten der Geschichte, Stuttgart 2012, S. 11f.

[4]     Ebenda, S. 113

[5]     Ebenda, S. 135

[6]     Vgl. ebenda, S. 138

[7]     Vgl. Jürgen Malitz: Globalisierung? Einheitlichkeit und Vielfalt des Imperium Romanum, in: Waltraud Schreiber (Hrsg.): Vom Imperium Romanum zum Global Village, Eichstätt 2000, S. 37ff.

[8]   Vgl. u. a. Kuno Füssel: Die politische Ökonomie des römischen Imperiums in der frühen Kaiserzeit, in: Bruno Füssel/Franz Segbers (Hrsg.): „… so lernen die Völker des Erdkreises Gerechtigkeit“, Luzern und Salzburg 1995, S. 48ff.

[9]   Jürgen Malitz: Globalisierung?, Einheitlichkeit und Vielfalt des Imperium Romanum., In: Schreiber, Waltraud (Hrsg.): Vom Imperium Romanum zum Global Village : "Globalisierungen" im Spiegel der Geschichte. Band 1. - Neuried 2000, S. 52

[10]  Vgl. Hellmuth Vensky: Die wahren Gründe des Untergangs Roms, Die Zeit Online, 16.2.2010