Der Kaiser und der Anspruch Gottes

 

Dass Kaiser Augustus gleich am Anfang des Lukasevangeliums erwähnt wird, ist kein Zufall. Die Geburtsge­schichte Jesu durch Lukas kann verstanden werden als eine gut komponierte Gegenüberstellung des globalen Machtanspruchs des römischen Kaisers und der Herrschaft Gottes über den ganzen Erdkreis. Lukas verbreitete wie die Propagandisten des Kaisers „gute Nachrichten“, ein Evangelium, allerdings ging es darin um einen ganz anderen Herrscher. Walter Schmithals, emeritierter Professor für das Neue Testament, schreibt über den Verfasser des Lukasevan­geliums: „Jedenfalls war er mit der Propagandasprache der kaiserlichen Politik bes­tens vertraut, und indem er diese Sprache aufgreift, als er die Geschichte von der Geburt des Weltheilands und Friedensherrschers Jesus von Nazareth erzählt, gelingt es ihm, mit der Verkündigung seiner eigenen Botschaft die Kritik an der poli­tischen Theologie seiner Zeit so zu verbinden, dass sie für jeden, der hören wollte, unüberhörbar wird und zugleich den Zugang zu der weihnachtlichen Botschaft öffnet.“[1]

 

Der Kontrast zwischen dem mächtigen Kaiser mit seinen hochgerüsteten Legionen und seinen prächtigen Palästen auf der einen und dem Kind in der Krippe und den himmlischen Heerscharen auf der anderen Seite könnte größer nicht sein.[2] Mit der katholischen Theologin Marlis Gielen lässt sich sagen: „Die wahren Machtverhältnisse, die im heilsgeschichtlichen Plan Gottes bestimmt sind, stehen im diametralen Gegensatz zu jeder scheinbar vernünftigen Bewertung der gesell­schaft­lichen und politischen Verhältnisse.“[3]

 

Das „Goldene Zeitalter“ und das Gegen­­bild der Evangelisten

 

Der mächtige Kaiser in Rom, der über ein Weltreich gebot und ein „Goldenes Zeit­alter“ ausrief, und das kleine Kind, das unter ärmlichen Verhältnissen zur Welt kam, das war die Ausgangslage des Lukasevangeliums. Der Verfasser dieses Evangeliums hat dem Kaiserkult spiegelbildlich die Jesusgeschichte gegenüberge­stellt. Der Evangelist und die ersten Christinnen und Christen hielten mit bewunderns­werter Glaubensfestigkeit und gegen allen äußeren Anschein daran fest, dass Gott der wahre Herr der Welt ist und Jesus als sein Sohn alle irdischen Herrscher überdauern und überwinden wird. Dafür gestaltete Lukas die Geburtsgeschichte als Ge­gen­geschichte zur Inszenierung des „Goldenen Zeitalters“ durch die Kaiser in Rom. Diese Zusammenhänge hat dankenswerterweise Stefan Schreiber in seinem Buch „Weihnachtspolitik – Lukas 1-2 und das Goldene Zeitalter“ herausgearbeitet.[4]

 

Was wussten die Verfasser der neutestamentlichen Evangelien und ihre Leserin­nen und Leser über die römischen Vorstellungen von einem „Goldenen Zeitalter“? Sie dürften ihnen nicht unbekannt gewesen sein. Viele der ersten Gemein­den entstanden in griechisch-römisch geprägten Städten, in denen der Kaiserkult und seine religiöse Überhöhung allgegenwärtig waren. Stefan Schrei­ber geht in seinem Buch davon aus, dass die Hörerinnen und Hörer des Lukas die Pa­rallelen der Ge­burts- und Kindheitsgeschichte Jesu zu den Darstellungen der Lebensgeschichte von Kaiser Augustus erkannt haben: „Sie nehmen aber auch den ungeheuren Anspruch wahr, den die Erzählung über den gerade geborenen Judenjungen Jesus er­hebt: den Anspruch auf die göttlich legitimierte Herrschaft über die ganze Welt!“[5]

 

Auch andere Texte des Neuen Testaments wie vor allem die Offenbarung des Johannes sind als kritische Auseinandersetzung mit dem Römischen Reich zu lesen – und als Ausdruck des Anspruchs, dass der Kaiser in Rom nicht allmächtig, sondern dass mit Jesus der Messias und wahre Herrscher auf die Welt gekommen war. Dieser Anspruch wurde schon durch die Wahl des Begriffs „Evangelium“ manifest. Zwar stand das griechische Wort „euangelion“ für jede Art von guter oder frohma­chender Nachricht. Aber Kaiser Augustus hatte dem Begriff eine besondere Bedeutung verliehen, indem er seine „guten Nachrichten“ als „euangelion“ und sich selbst als „euergetai“, als Wohltäter, bezeichnete. Den kaiserlichen „guten Nachrichten“ stellten die Christen am Ende des 1. Jahrhunderts ihre Evangelien entge­gen, die gute Nachricht von Jesus Christus. Das war durchaus ein kühnes Unterfan­gen einer winzigen, verfolgten religiösen Minderheit, deren Messias von den Sol­daten des römischen Kaisers als Aufrührer ans Kreuz geschlagen worden war. Der Neutestamentler Claudio Ettl analysiert diese Umdeutung des Begriffs Evangelium und sagt auf diesem Hintergrund über die lukanische Weihnachtsgeschichte:

 

„Geschickt wird der Kaiserpropaganda mit ihrem globalen Geltungsanspruch ein Kontrastevangelium entgegengesetzt, das nicht weniger universal verstanden wer­den will. Hier der Kaiser aus dem Zentrum der Welt – dort das Kind aus der ga­li­läischen Provinz. Hier der Machthaber, dessen Entscheidungen die Welt beeinflus­sen – dort der Knabe, dessen Geburt die Machtverhältnisse der Welt gründlich verändert … Beider Geburtstage werden als Evangelium und beider Wirken als Grund des Friedens gefeiert … So erhält die Weihnachtsgeschichte ihren Platz jenseits allen weltfremd-verklärten Kitsches im konkreten Leben der Welt.“[6]

 

Die Verehrung des Augustus als göttlicher Gestalt hatte eine diesseitige Dimension, aber auch eine jenseitige. Der Dichter Ovid schrieb über den von ihm verehrten Kaiser: „Langsam nur möge jener Tag kommen und nach unserer Lebenszeit erst, an dem das erhabene Haupt des Augustus den Erdkreis, den es lenkt, verlässt, den Himmel betritt und denen, die zu ihm beten, auch abwesend gewogen ist.“[7] Nach seinem Tod wurde Augustus auf Betreiben seines Adoptivsohns und Nachfolgers Tiberius vom römischen Senat offiziell zum Gott erhoben.

 

Die Kontrastgeschichte dazu wird nicht nur von Lukas entfaltet, sondern auch von Markus. Darauf hat der Neutestamentler Martin Ebner in einem Zeitschriftenaufsatz hingewiesen. Markus, der keine Geburtsgeschichte aufgeschrieben hat, gestaltet die Kontrastgeschichte gerade an dem Punkt der Jesusgeschichte, der anschei­­nend den Tiefpunkt im Leben des Wanderpredigers bildete, die Kreuzigung durch die Römer. Ein römischer Hauptmann verkündet in dieser Szene: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ (Markus 15,39). Dazu schreibt Professor Martin Ebner: „Vor dem Hintergrund der … Usancen des Kaiserkultes bekommen diese Worte jedoch einen spezifischen Sinn. Der römische Hauptmann verleiht dem am Kreuz Gestorbenen posthum den Titel, der dem jeweils amtierenden Kaiser zusteht. Damit wird alles auf den Kopf gestellt: Der von einem Vertreter kaiserlicher Macht im Kriegsgebiet Palästina als angeblicher Unruhestifter und Aufrührer gegen die römische Herrschaft hingerichtete Jesus verdient in den Augen eines römi­­schen Centurio in Wahrheit den Titel, mit dem der römische Kaiser seine Stellung legitimiert.“[8] Dass Jesus in den Himmel entrückt wurde, wie Markus es be­richtet, setzt die Gestaltung einer Gegengeschichte zum römischen Kaiserkult fort. Die Gegenüberstellung von Kaiser und Jesus beschränkt sich nicht aufs Diesseits, sondern im Kern geht es um die Weltherrschaft in einem umfassenderen, auch transzendenten Sinne.

 

Lukas steht unter den Evangelisten mit seiner „Kontrastgeschichte“ also nicht allein da. Und er orientiert sich schon in seiner Darstellung von Jesu Geburt an den damaligen „Biografien“ berühmter Herrscher, allen voran Augustus. Dies zeigt sich auch darin, dass er lyrische Teile in seine Darstellung aufnimmt, wie sie damals in Kaiserverherr­lichungen üblich waren. Die Lieder der Maria und des Zacharias sowie die Ankündi­gungen der Engel verheißen, dass mit Johannes und Jesus zwei besondere, herausragende Menschen das Licht der Welt erblicken werden, von denen noch viel zu berichten sein wird. Dabei wird an Hymnen und Loblieder des Alten Testaments angeknüpft. Allerdings wird dabei – entsprechend dem Programm des Evangelisten – ein deutlich größeres Gewicht darauf gelegt, dass der Messias allen Völkern der Welt das Heil bringt.[9] Die Kenntnis der religiösen Traditionen des alten Israel und des Römischen Reiches eröffnet neue Perspektiven für das Verständnis der Geburts- und Kindheitsgeschichten Jesu im Neuen Testament.

 

Es gibt auffällige Parallelen zwischen den Darstellungen der römischen Geschichts­­schreiber und der Evangelisten. Jesus und Augustus zeigten bereits im Alter von zwölf Jahren ihre besonderen Fähigkeiten. Während Ersterer ein theologi­sches Gespräch im Tempel führte, hielt Letzterer seine erste Rede, eine Leichen­rede für seine verstorbene Großmutter.[10] Und zu beachten ist auch, dass mit bei­den Persönlichkeiten der Anspruch auf die Herrschaft über die Welt verbunden wird.

 

Interessanterweise hat auch das Hirtenmotiv der Weihnachtsgeschichte von Lukas eine Parallele in der Verehrung von Augustus und seines „Goldenen Zeital­ters“. Dazu schreibt Stefan Schreiber, Professor für Neues Testament an der Universität Augsburg, dass Hirtenidyllen zu einem eigenen Literaturgenre zum Lobpreis dieses Zeitalters wurden: „Die Form des Hirtenliedes vermittelt intuitiv eine Atmosphäre der Freude und des Jubels, die den Heilscharakter der Goldenen Zeit spiegelt.“[11] Und er sieht einen deutlichen Zusammenhang zur Geburtsgeschichte im Neuen Testament: „Wenn die Hirten in der Geburtsgeschichte des Lukas als Erste die Botschaft von der neuen Zeit der Freude und des Friedens, die mit dem Jesus­kind beginnt, empfangen, leuchtet kurz die seit augusteischer Zeit bekannte Idylle des Goldenen Zeitalters auf. Die Hirten, die ein einfaches, frommes Leben führen, sind die passenden Hörer der Heilsbotschaft. Das Gloria der Engel fällt bei ihnen auf fruchtbaren Boden. Nur ist es gerade kein römischer Kaiser, der die Friedenszeit bringt – sondern das neugeborene jüdische Jesuskind.“[12]

 

Stefan Schreiber fügt hinzu, dass in der parallelen Geburtsgeschichte des Evangelisten Matt­häus ebenfalls eine Konkurrenz aufgebaut wird, dieses Mal zwischen dem Klientel­könig Herodes und Jesus. Dass die Weisen oder Magier aus dem Morgenland dem König in Jerusalem von der Geburt eines neuen Königs berichten, be­unruhigt den Herrscher so sehr, dass er seine Ratgeber versammelt, um mehr über diesen Konkurrenten zu erfahren. Besonders beunruhigt haben muss den König das Bild des aufgehenden Sterns, von dem die Magier ihm laut Matthäus berichteten. Dazu schreibt Stefan Schreiber: „Der Stern war in hellenistischer Zeit allgemein als Symbol der Königs- und Herrschaftsikonographie bekannt und erlangte in der beginnen­den Römischen Kaiserzeit prominente Bedeutung … Auf römischen Münzprä­gungen und anderen Abbildungen ziert seitdem immer wieder ein Stern das Haupt des Kaisers, wie etwa bei Augustus oder Nero … Auch Herodes wusste das Symbol für seinen Herrschaftsanspruch zu verwenden. Sein Erschrecken über den Stern, von dem Mt 2,3 erzählt und der einen neuen König verheißt, verwundert somit nicht.“[13]

 

Ähnlichkeiten und Unterschiede

 

In Lukas Geburtsgeschichte gibt es neben Ähnlichkeiten auch große Unterschiede zur römischen Kaiserverehrung. Augustus nahm für die von ihm verkündete Friedenszeit göttlichen Beistand in Anspruch, vor allem die Nähe zur Friedensgöttin Pax. Aber auch der Kriegsgott Mars spielte für ihn eine wichtige Rolle, denn der Frieden des Augustus beruhte auf der militärischen Stärke Roms. In der Versuchungsgeschichte lehnte Jesus hinge­gen die politisch-militärische Beherrschung der Welt ab. Während Augustus einen Frieden verkündete, der auf militärischer Macht und der Beherrschung aller Völker durch Rom basierte, begegnet uns in den Evangelien des Neuen Testaments ein Jesus, der nicht der militärischen Stärke von Legionen vertraut, sondern auf einen Weg des Glaubens, der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit – ein Programm, das Maria in ihren Lobgesang bereits anklingen lässt.

 

Zu den Unterschieden gehört auch der Lebensstil von Augustus und Jesus. Der Hofchronist Sueton berichtete zwar, Augustus habe in einer bescheidenen Unterkunft gelebt, aber neuere archäologische Forschungen haben gezeigt, dass dies eine Legende ist. Sein Palast besaß eine Wohnfläche von 24.000 Quadratmetern, einschließlich der repräsentativen Räume und eines eindrucksvollen Apollo-Heilig­tums.[14] Bei Lukas hingegen wurde der Weltherrscher in einem Stall in Bethlehem geboren und führte das Leben eines Handwerkers und anschließend eines armen Wan­derpredigers.

 

Die Gegenüberstellung von Jesus und Augustus wäre allerdings verkürzt, wenn nicht im Blick ist, dass Jesus in der Darstellung von Lukas nicht nur eine „Konkurrenzgestalt“ zu dem römischen Kaiser darstellt, sondern dass die Geburtsge­schichte fest in der jüdischen Tradition verwurzelt ist. Sowohl die Eltern von Jo­hannes dem Täufer als auch die Eltern Jesu sind erkennbar gläubige Juden, Za­cha­rias ist sogar Pries­ter. Und in diesem Evangelium wie dem des Matthäus wird gro­ßer Wert darauf gelegt, die Abstammung Jesu und seiner Familie von den großen Führern und Königen der jüdischen Geschichte zu belegen. Die Beschneidung des Neugeborenen ist in diesem Kontext eine Selbstverständlichkeit. Des­halb gilt es zu beachten, dass in Jesu Geburtsgeschichte ein jüdischer „Herausforderer“ der römischen Kaiser das Licht der Welt erblickte. Der ganz andere König, der am Kreuz starb, entsprach zwar nicht dem, was viele Jüdinnen und Juden da­mals von einem Messias erwarteten, aber es war ein jüdischer Wanderprediger, der mit seiner Botschaft vom Reich Gottes die römischen Herrscher her­aus­for­derte.

 

Ein bewusstes Gegenmodell?

 

Es ist letztlich nicht zu beweisen, dass Lukas seine Geburtsgeschichte bewusst als Gegengeschichte zu den Geburts- und Kindheitsbeschreibungen sowie den Macht­­ansprüchen von Kaiser Augustus verfasst hat. Diese Annahme besitzt aber einen hohen Grad von Plausibilität. Dass Augustus mit dem Zensus in Verbindung gebracht wird, was historisch betrachtet unpräzise ist, gewinnt eine neue Bedeutung, wenn wir die Verknüpfung der Geschichten von Jesus und Augustus gleich zu Beginn des Lukasevangeliums als Teil des „Programms“ von Lukas verstehen, dem Herrschaftsanspruch des Kaisers in Rom einen anderen Weltherrscher entgegenzustellen. Allerdings war dies wirklich ein gänzlich anderer Herrschaftsanspruch, wie wir zum Beispiel in Lukas 22,25-26 lesen: „Er aber sprach zu ihnen: Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste, und der Vornehmste wie ein Diener.“

 

Selbst wenn man sich der These von der bewussten Komposition der ersten Kapitel des Lukasevangeliums als scharfem Kontrast zur Augustus-Präsentation nicht anschließen will, ist nicht zu übersehen, dass die Botschaften, die in dieser Geburtsgeschichte verkündet werden (zum Beispiel „Er stürzt die Mächtigen vom Thron“ im Magnifikat), einen schroffen Gegensatz zu den umfassenden Machtan­sprü­chen der römischen Kaiser bilden. Hierzu noch einmal Professor Stefan Schrei­ber: „Wenn Jesus der einzige legitime Weltherrscher ist, fehlt dem römischen Kai­ser die göttliche Legitimation. Die römische Herrschaft erscheint als faktisch zwar nicht zu leug­nendes, aus der Perspektive Gottes freilich illegitimes politisches System der Unterdrückung.“[15]

 

Es kann von daher nicht überraschen, dass die römischen Machthaber, als ihnen der konkurrierende Anspruch bekannt wurde, diesen zwar zunächst nicht sonderlich ernst nahmen, aber den „Anführer“ dieser Gruppe kreuzigten und später seine Anhänger verfolgten. Dass Jesus eine andere Form der göttlichen Herrschaft über die Welt verkündete als die Apologeten der römischen Kaiser, dürfte den Mächtigen in Rom zunächst entgangen sein und hätte sie vermutlich auch nicht sonderlich interessiert. Aber als die neue Bewegung mehr Unterstützung fand, änderte sich das. „Das Imperium schlägt zurück“, könnte man in heutiger Sprache formulieren, und das Imperium schlug gegen alle zurück, die sich seinem Allmachtsanspruch entgegenstellten. Aber auch mit brutaler Gewalt war die neue religiöse Bewegung nicht zu vernichten. Der Glaube an den einen Gott, der über allen irdischen Mächten steht, gab den ersten Generationen der Christinnen und Christen die Kraft, den Verfolgungen durch die römischen Herrscher standzuhalten.

 

Die Vorstellungen vom „Goldenen Zeitalter“ endeten nicht mit dem Tod von Augustus, sondern haben vor allem aufgrund der Werke von Horaz und Vergil und deren Lektüre in den Bildungseinrichtungen im ganzen Reich auch die folgenden Generationen stark beeinflusst.[16] Damit blieb die Konkurrenz zwischen den bei­den grundlegend unterschiedlichen Vorstellungen von der Zukunft der Welt bestehen. Zitieren wir hier noch einmal Stefan Schreiber, der als Fazit in einem Zeitschrif­tenbeitrag feststellt: „Wenn man die Hintergründe der einzelnen Motive in den Geburtsgeschichten kennt, die für jeden Hörer und jede Hörerin der Evan­ge­lien im 1. Jh. nC selbstverständlich waren, erhalten die seit Kindesbeinen bekann­ten Erzählungen auch heute … einen etwas anderen Klang – und die harmlose weih­nacht­liche Idylle klingt plötzlich ausgesprochen kritisch gegenüber den Mäch­tigen in Po­li­­tik und Gesellschaft.“[17]

 

Der ehemalige Bischof der Vereinigten Kirche der Philippinen, Erne R. Camba, erinnerte in einem Aufsatz daran, dass dieses wenig idyllische Bild auch im Markus­evangelium zu finden ist. Jesus hat nach dem Evangelium von Markus verkün­det, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist und es Zeit zur Buße und zum Glauben an das Evangelium ist (Markus 1,15). „Was Jesus in dieser Zeit tat, bestand darin, dem Königreich dieser Welt mit all seiner Korruption, Heuchelei, Ungerech­tigkeit und Sünde das Reich Gottes entgegenzustellen. Was Jesus tat, bestand darin, die Fundamente der sozio-ökonomischen und politisch-militärischen Strukturen der Welt zu erschüttern mit dem anbrechenden Reich Gottes. Dieses Reich Gottes stellt die Forderungen an uns, das zu tun, war rechtens ist, und zu enthüllen, was falsch und ungerecht ist.“[18]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Walter Schmithals: Weihnachten, Göttingen 2006, S. 64f.

[2] Vgl. Martin Koschorke: Jesus war nie in Bethlehem, Darmstadt 2007, S. 106

[3] Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, Stuttgart 2008, S. 32

[4] Vgl. Stefan Schreiber: Weihnachtspolitik – Lukas 1-2 und das Goldene Zeitalter, Göttingen 2009

[5] Ebenda, S. 67

[6] Claudio Ettl: „Der Retter ist geboren!“, in: Weihnachten, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2007, S. 23

[7] Zitiert nach: Martin Ebner: Mensch oder Gott, Der Kaiserkult und die christlichen Gemeinden, in: Isis, Zeus und Christus, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2002, S. 39

[8] Ebenda, S. 40

[9] Vgl. Stefan Schreiber: Weihnachtspolitik, a.a.O., S. 19ff.

[10] Vgl. ebenda, S. 65

[11] Stefan Schreiber: Das göttliche Kind – ein politisches Kind, in: Kindergötter und Gotteskind, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2010, S. 20

[12] Ebenda

[13] Ebenda, S. 22

[14] Zu den Ergebnissen der Ausgrabungen vergleiche: Kaiser Augustus wohnte gar nicht bescheiden, Die Welt, 17.6.2008

[15] Stefan Schreiber: Weihnachtspolitik, a.a.O., S. 80

[16] Vgl. ebenda, S. 35

[17] Stefan Schreiber: Das göttliche Kind – ein politisches Kind, a.a.O., S. 22

[18] Erne R. Camba: The new Roman Empire, Reformed World, 4/2006, S. 412