Matthäusevangelium

 

Wer der Verfasser des Matthäusevangeliums war, wissen wir nicht, und wir wissen nur sehr wenig über diesen Verfasser. Erst später wurde ihm der Name Matthäus zugeschrieben. Anlass für diese Namensgebung war für die alte Kirche vermutlich, dass der Verfasser des Evangeliums bei der Übernahme einer Zöllnergeschichte aus dem Markusevangelium den Namen des Zöllners von Levi in Matthäus änderte (vgl. Matthäus 9,9). Dass der Verfasser seinen Namen auf diese Weise ins Evangelium „geschmuggelt“ hat, gilt aber heute als unwahrscheinlich. Der Evangelist hat eine Reihe von Personen mit Namen versehen, die im Markusevangelium noch ohne Namen waren. Er hätte daher leicht einem „Unbe­kannten“ seinen eigenen Namen geben können, statt eine im Markusevangelium namentlich bekannte Person anders zu benennen. Bei der Benennung des Evan­ge­li­ums nach Matthäus könnte auch eine Rolle gespielt haben, dass man den Verfasser mit dem Jesusjünger Matthäus identifizierte.[1] Auch wenn unklar ist, ob der Verfasser wirklich Matthäus hieß, ist es sinnvoll, der Tradition zu folgen, und das Werk als Matthäusevangelium zu bezeichnen.

 

Es wird angenommen, dass das Evangelium in Syrien entstanden ist. Dafür spricht zum Beispiel, dass von „jenseits des Jordans“ (Matthäus 19,1) die Rede ist, wenn das Gebiet westlich des Jordan gemeint ist. Bei dem Verfasser des Evangeliums handelte es sich wahrscheinlich um einen gebildeten Judenchristen, denn er kannte das Judentum und die Hebräische Bibel sehr gut, und auch das „Sondergut“ in seinem Evangelium, also die Passagen, die nur in seinem Evangelium zu finden sind, deuten auf einen judenchristlichen Hintergrund hin.[2] Da beim Verfassen des Evangeliums der Tempel und die Stadt Jerusalem bereits zerstört waren, wird davon ausgegangen, dass es in der Zeit zwischen 80 und 90 n. Chr. entstanden ist. Die bereits erfolgte Ausgrenzung der Jesusanhänger durch die jüdischen Gemeinden und die beginnende Verfolgung durch die Mächtigen des Römischen Reiches nimmt Matthäus auch dadurch auf, dass er in seiner Kindheitsdarstellung Jesu einflicht, dass das Jesuskind und seine Eltern bereits gleich nach der Geburt verfolgt wurden.

 

Matthäus orientierte sich sowohl beim Aufbau seines Evangeliums als auch in vielen Textabschnitten stark am Markusevangelium, das früher entstanden und ihm be­kannt war. Bei Matthäus fehlt nur der In­halt von etwa 60 Versen des Mar­kus­evan­geliums gänzlich. Matthäus nahm vor allem dort Änderungen vor und fügte Abschnitte hinzu, wo dies für die Gemeindegruppen sinnvoll erschien, die er mit seinem Evangelium erreichen wollte. Dazu gehört auch die Aufnahme von Abschnitten über die Herkunft, die Geburt und die Kindheit Jesu. Die Botschaft Jesu fasste Matthäus in fünf großen Reden zusammen (Bergpredigt, Aussendung der Jünger, Gleich­nisrede, Gemeinderede und Endzeitrede).

 

Jesu Geburtsgeschichte bei Matthäus

 

Geografisches Zentrum des Lebens und Wirkens Jesu ist ähnlich wie bei Lukas das kleine Galiläa. Es ist in der Darstellung von Matthäus allerdings nicht die ursprüngliche Heimat von Jesu Familie, sondern Maria und Josef wohnen in Bethlehem, bevor sie nach Ägypten fliehen und sich nach der Rückkehr in Nazareth niederlassen. In Jesu Verkündigung kommen „alle Völker“ in den Blick. Der Weg des Wanderpredigers nach Judäa und in das religiöse Zentrum endet mit seiner Ermordung.

 

Der im Dezember 2011 verstorbene katholische indische Theologe George Keerankeri, der als Professor für Neues Testament am „Vidyajyoti College of Theology“ in Delhi unterrichtete, hat sich mit der Stellung der Geschichten von der Geburt Jesu im Rahmen des Evangeliums beschäftigt. Er kommt zum Ergebnis, dass die Geburtsgeschichten bei Matthäus wie auch bei Lukas „dadurch charakterisiert wer­den können, dass sie proleptische (in die Vergangenheit zurückreichende, d.Verf.) oder vorangestellte Zusammenfassungen der umfassenderen Evangelien sind, zu denen sie gehören. Viele der theologischen Themen, die das ganze Evangelium beherrschen, und ebenso Hinweise auf Episoden, die in späteren Geschichten entfaltet werden, finden sich bereits in diesen Geburtsgeschichten.“[3] Die Geburtsgeschichten bei Matthäus und Lukas sind für George Keerankeri „keine in sich selbst abgeschlossene Geschichten, sondern integrale Teile der Evangelien, zu denen sie gehören, von Anfang an in sie einbezogen als kohärente Elemente, die die Theologie und Perspektive des literarischen Ganzen zum Ausdruck bringen“.[4] Matthäus sind, so der indische Theologe, die Verortung Jesu in der jüdischen Geschichte, seine Einführung als der lang erwartete Messias und seine Bestimmung als Retter der Heiden besonders wichtig und deshalb klingen diese Themen bereits in der Geburts­geschichte Jesu an.[5]

 

Massive Angriffe auf das jüdische Volk

 

Angesichts des judenchristlichen Hintergrunds des Verfassers könnte überraschen, dass Matthäus so massive antijüdische Aussagen in sein Evangelium aufgenommen und sich derart deutlich vom Judentum seiner Zeit abgegrenzt hat, indem er zum Beispiel über „ihre Schriftgelehrten“ (Matthäus 7,29) schrieb. Als Grund wird angenommen, dass seine eigene frühchristliche Gemeinschaft im Konflikt mit der jüdischen Synagogengemeinde lebte und aus der Synagoge ausge­wie­sen worden war. Dieser Hinauswurf musste tief schmerzen, denn die judenchristliche Gemeinschaft, zu der Matthäus gehörte, war wahrscheinlich fest im Judentum verwurzelt und sah Jesus als Ausleger der Tora an. Einer der wichtigsten Streitpunkte zwischen jüdischen Synagogengemeinden und der Jesusbewegung war Ende des 1. Jahrhunderts, ob Jesus der angekündigte Messias war oder nicht. Nachzuweisen, dass die Jesusbewegung in der Tradition des Judentums stand und Jesus tatsächlich der Messias war, gehörte deshalb zu den zentralen Anliegen des Verfassers des Matthäusevangeliums. Dass der Stammbaum Jesu gleich am Anfang des Evangeliums steht, ist deshalb kein Zufall, ebenso wenig, dass an vielen Stellen Bezug genommen wird auf Texte der Hebräischen Bibel. Dass solche Verweise häufiger nicht heutigen wissenschaftlichen Maßstäben entsprechen, gilt es wahrzunehmen, ohne dass dadurch diese Verweise ihre Relevanz verlieren.

 

Immer wieder stellt Matthäus Verbindungen zwischen dem Ge­schehen im Leben Jesu und den Prophezeiungen der Hebräischen Bibel her. Gleich fünf Mal in sei­ner Geburtsgeschichte spricht Matthäus davon, dass das erfüllt sei, was der Herr durch die Propheten gesagt hatte. Wir dürfen uns die Verbindung aber nicht als einfache „Verheißung – Erfüllung“ vorstellen. Dazu schreibt Erich Zenger, emeritierter Professor für Exegese des Alten/Ersten Testaments an der Universität Mün­s­ter, in einem Zeitschriftenbeitrag über die Verheißungen als Brücke zwischen Altem und Neuem Testament: „Dass der biblische Gott seine Verheißungen erfüllt, bedeutet nicht, dass die Verheißungen damit erledigt sind und ihre Kraft erschöpft haben. Im Gegenteil: ‚Erfüllung’ einer Verheißung bedeutet (bereits im alttestament­lichen Sprachgebrauch) Bekräftigung, Besiegelung, Bewahr­heitung und ist so zugleich Fundament der Hoffnung auf weitere Erfüllungen einmal ergangener Verheißungen, da Verheißungen im Vergleich zu ihren Erfüllungen meist einen ‚Sinnüberschuss’ haben.“[6]

 

Matthäus warb in seinem judenchristlichen Kontext für die Heidenmission, also für den Schritt von einer auf ein Volk begrenzten Religionsgemeinschaft zu einer Gemeinschaft, die allen Menschen im großen Römischen Reich und darüber hinaus offen stehen sollte. Die kurz zuvor erfolgte Ausgrenzung durch die jüdischen Synagogengemeinden einerseits und das rasche Wachstum der heidenchristlichen Gemeinschaften andererseits hat die judenchristlichen Gemeinschaften in eine Rand­position gebracht, sodass sie letztlich ihre Bedeutung für das entstehende Chris­tentum verloren, aber dieser Prozess kam erst zum Abschluss, nachdem Matthäus sein Evangelium geschrieben hatte.[7]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Das Matthäusevangelium, www.wibilex.de, Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet, Deutsche Bibelgesellschaft

[2] Vgl. u. a. Hubertus Halbfas: Die Bibel, Düsseldorf 2001, S. 414

[3] George Keerankeri: Listen to the Spirit: The Gospel of Matthew, in: Vidyajyoti Journal of Theological Reflection. Nr. 69, Delhi 2005, S. 64

[4] Ebenda, S. 65

[5] Ebenda, S. 64f.

[6] Erich Zenger: „… damit sich erfüllte, was der Herr durch die Propheten gesagt hat“, in: Prophetie und Visionen, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2004, S. 32

[7] Vgl. hierzu u. a. Hubertus Halbfas: Die Bibel, a.a.O., S. 414f.