Johannesevangelium

 

Johannes hat zweifellos das Evangelium mit dem höchsten Reflexionsniveau geschrieben, bei dem die Einzelheiten des Lebensweges Jesu stärker in den Hintergrund treten als in den anderen Evangelien. Deshalb fehlt in diesem Evangelium auch eine anschauliche Geburtsgeschichte, wie wir sie bei Lukas finden. Aber der Evangelist geht dennoch gleich im ersten Vers seines Werkes auf die Geburt ein, indem er feststellt, dass das Wort Fleisch wurde. Hier klingt – wie auf ganz andere Weise bei Lukas – die zentrale Botschaft des Evangeliums in Form einer Ouvertüre an, und diese zentrale Botschaft prägt dann den weiteren Text. Der Prolog des Johannesevangeliums hat Theologen über Jahrhunderte immer wieder ins Grübeln gebracht.

 

Der Verfasser des Johannesevangeliums ist unbekannt. Es wird mittlerweile diskutiert, ob es sich um mehrere Autoren gehandelt haben könnte. Das Evangelium selbst enthält keine Verfasserangaben. In späteren Zeiten hat man es dem Apostel Johannes zugeschrieben, weil man den Verfasser mit einem „Jünger, den Jesus lieb­te“ identifizierte (vgl. Johannes 13,23 sowie Johannes 21,7 und 20). Aber dies wird heu­te ausgeschlossen, vor allem deshalb, weil der Jünger ein wahrhaft biblisches Alter hätte erreichen müssen, um das Evangelium etwa 70 Jahre nach dem Tode Jesu schreiben zu können. Möglich ist hingegen, dass der Verfasser des Evangeliums zu den Schü­lern eines der Evangelisten gehörte oder auf Quellen zurückgreifen konnte, die die erste Generation von Jesusanhängern hinterlassen hatte.

 

Es lässt sich auch nicht mehr eindeutig feststellen, wo das Evangelium entstan­den ist. Für möglich gehalten werden Ägypten, Kleinasien und Syrien. Geschrieben wurde das Evangelium vermutlich um das Jahr 100 n. Chr.[1] Es könnte damit das jüngste der vier Evangelien des Neuen Testaments sein. Teile der Abschrift des Evangeliums etwa aus dem Jahr 125 sind in Ägypten gefunden worden. Die Gemeinde, für die das Evangelium verfasst wurde, hatte wahrscheinlich judenchristliche Wurzeln und war vermutlich von der Synagogengemeinde ausgeschlossen worden, denn diese Thematik wird drei Mal im Evangelium aufgegriffen (Johannes 9,22; 12,42 und 16,2).

 

Der Bruch zwischen Judentum und dem entstehenden Christentum scheint zumindest im Lebensraum des Verfassers des Evangeliums vollzogen zu sein. Das kann erklären, warum der Evangelist an verschiedenen Stellen „die Juden“ erwähnt, denen Jesus und seine Anhänger gegenübergestellt werden. Wie traumatisch der Bruch gewesen sein muss, lässt sich daran erahnen, dass die Juden an einer Stelle als „Teufelssöhne“ bezeichnet werden. Andererseits wird in Vers 4,22 betont, dass das Heil von den Juden kommt, und es besteht auch kein Zweifel für Johannes, dass Jesus der Sohn des Gottes Israels ist. Das wurde in der Kirchengeschichte immer wieder ignoriert und das Johannesevangelium zur Rechtfertigung judenfeind­licher Aktivitäten herangezogen. Das Evangelium entstand an der Bruchstelle, als aus einer innerjüdischen Reformbewegung eine neue religiöse Gemeinschaft wurde, deren jüdische Wurzeln aber nicht zu bezweifeln sind.

 

Das Johannesevangelium, die Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes hatten mit hoher Wahr­scheinlichkeit unterschiedliche Verfasser, auch wenn man gewisse gemeinsame theologische Aussagen in verschiedenen dieser Schriften aus­machen kann, sodass man heute von der „johanneischen Schule“ spricht.[2] Kopfzerbrechen bereiten allen, die sich näher mit diesem Evangelium be­schäftigen, die vielen Brüche im heute vorliegenden Text. Aus diesen Brüchen könnte geschlossen werden, dass der ursprünglich in sich stimmige Text beim Abschreiben durchein­an­dergeraten ist oder dass später ver­­schiedene Einschübe vorgenommen wurden, die den „roten Faden“ im Evangelium zerstört haben. Vieles spricht für letztere An­nahme.[3] Weil es zwei Abschlussreden und zwei Buch­abschlüsse gibt und an ande­ren Stellen vorhandene Texte wiederholt und modifiziert worden sind, geht man davon aus, dass ein ursprünglicher Text später ein- oder mehrmals bearbeitet wurde.[4] Möglicherweise fanden die redaktionellen Bearbeitungen statt, um die Botschaft des Evangeliums einer heidenchristlichen Leserschaft verständlicher zu machen. Auffällig ist, dass an verschiedenen Stellen hebräische und aramäische Worte für eine nichtjüdische Leserschaft übersetzt und jüdische Traditionen erläu­tert werden.[5]

 

Besonderheiten des Johannesevangeliums

 

Johannes kannte wahrscheinlich die Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas, hat aber ihre Texte nicht übernommen, sondern die Inhalte neu gestaltet und um lange Passagen erweitert. Die großen Unterschiede in der Darstellung sind nicht zu übersehen. So hielt sich Jesus in der Darstellung von Johannes während seiner Zeit als Wanderprediger mehrfach in Jerusalem auf, und sein Wirken wird im Gegensatz zur Darstellung in den anderen Evangelien weitgehend nach Judäa verlegt. Auch Samarien kommt ausführlich vor, während Galiläa eine vergleichsweise geringe Rolle spielt. Johannes nahm einige Wundergeschichten in sein Evangelium auf, die den anderen Evangelisten unbekannt waren. Solche Wunderge­schichten bilden in diesem Evangelium den Kontext für Reden und Dialoge Jesu, die ein sehr viel größeres Gewicht haben als in den anderen Evangelien. Dies gilt vor allem für die Abschiedsreden Jesu.

 

Auffällig ist, dass sich in diesem Evangelium verschiedentlich Anknüpfungspunk­te an gnostisches Denken finden lassen. Die Gnostik ist durch das Denken in Gegensätzen geprägt. Der oder die Verfasser des Johannesevangeliums sind von diesem Denken beeinflusst, wobei schon im ersten Vers des ersten Kapitels deutlich wird, dass die Gegensätze durch göttliches Handeln überwunden werden und das Wort Fleisch wird. Walter Klaiber beschreibt dies in seiner Einführung in die Schriften der Bibel: „Der gnostischen Vorstellung, dass die materielle Welt und die körperliche Existenz ein Gefängnis für den göttlichen Funken in jedem Menschen sind, stellt das Johannesevangelium eine christliche Antwort entgegen: In Jesus von Nazareth ist Gottes offenbarendes Wort selbst Mensch geworden und lässt in einer heillosen Welt die Herrlichkeit der Gegenwart Gottes aufscheinen.“[6] Dass Jesus Mensch geworden ist, versteht Johannes ganz wörtlich, sodass er keine Probleme damit hat, nicht nur von Jesu Mutter, sondern auch von seinen Brüdern zu sprechen.

 

Johannes betont, dass Jesus vom Vater kommt und zu ihm zurückkehrt. Dazu schrieb der Schweizer Theologe Hans-Ruedi Weber: „Er ist der einziggeborene Sohn, der des Vaters Liebe und Willen kundmacht und erfüllt. Die anderen Evangelien enthalten drei Ankündigungen von Jesu zukünftigem Leiden und Tod. Johannes hingegen schreibt von den Ankündigungen von Jesu Erhöhung. Unter diesem grund­­legenden Aspekt wird die Leidensgeschichte erzählt: kein Gebetskampf in Gethsemane; Jesus trägt selbst das Kreuz und weist den Weg; kein Aufschrei der Gottverlassenheit. Jesus ist sich des Plans Gottes bewusst und bleibt der aus freiem Entschluss Handelnde bis zum Ende, wenn er durch Hingabe seiner selbst des Vaters Liebe und Willen erfüllt. Die Kreuzigung ist so die Erhöhung, der Beginn der Rück­kehr zum Vater.“[7] Die Betonung der Gottessohnschaft Jesu macht Johannes zu einem Vordenker der kirchlichen Trinitätslehre – und der noch stärkeren theologischen Trennung vom Judentum.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Theißen/Merz: Der historische Jesus, Göttingen 2001, S. 50

[2] Vgl. Franz Joseph Schierse, Einführung in das Neue Testament, Düsseldorf 2001, S. 119

[3] Vgl. Theißen/Merz: Der historisches Jesus, a.a.O., S. 49

[4] Vgl. hierzu: Hubertus Halbfas: Die Bibel, Düsseldorf 2001, S. 494ff.

[5] Vgl. Das Johannesevangelium, www.wibilex.de, Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet

[6] Herrmann/Klaiber: Die Schriften der Bibel, Stuttgart 1996, S. 214

[7] Hans-Ruedi Weber: Immanuel, Göttingen 1986, S. 98