Die Bibel immer wieder neu lesen

 

„Man hat also ein Leben lang zu tun, um über die Geschichte nachzudenken. Sie wechselt ihre Farben und ihr Gesicht und es bleibt doch immer die gleiche. Das letzte Mal mit seiner Mutter sie zu hören, das erste Mal mit seiner Frau, das erste Mal mit einem eigenen Kind, das erste Mal im Krieg. Und dann 1945, als alles vor­über war und ich mit Hunderten von Flüchtlingen in einer fremden Kirche, in einer fremden Stadt die Geschichte hörte, dieselbe Geschichte wie zu Hause, das es nun nicht mehr gab. Sentimentalitäten? Nun, warum nicht?“[1] Das schrieb der Theologe Heinrich Albertz 1981 in einem Buchbeitrag über die Weihnachtsgeschichte. Und ähnliche Erfahrungen werden auch viele andere Bibelleserinnen und -leser gemacht haben.

 

Es gibt für sie alle eine Grundentscheidung beim Lesen der Bibel: Verstehen wir das Alte/Erste und das Neue Testament wortwörtlich als von Gott in die Feder der Verfasser diktierten Text oder aber als einen Versuch von Menschen, das, was sie von dem großen Geheimnis des göttlichen Wirkens und Wollens verstanden haben und glauben, in Worte zu fassen. Im ersteren Falle ist das Neue Testament zwin­gend fehlerfrei und kann Satz für Satz als Darstellung dessen verstanden werden, was in den ersten Jahrzehnten des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung geschehen ist. Das erspart der Bibelleserin oder dem Bibelleser die manchmal quälende Frage, ob das gerade Gelesene wirklich Jesu Gedanken und Predigten wiedergibt oder vom Schreiber der Evangelien selbst mit einer bestimmten Intention in der vorliegenden Weise wie­dergegeben wurde. Allerdings muss man bei einem engen Verständnis der Texte der Bibel die ein­ander widersprechenden Darstellungen derselben Ereignisse in den vier Evange­lien, der Apostelgeschichte und den Briefen des Neuen Testaments ignorieren oder den Versuch unternehmen, so lange nach Argumenten zu suchen, bis für jeden Wi­derspruch eine mehr oder weniger überzeugende Erklärung gefunden ist.

 

In großen Teilen der römisch-katholischen und der evangelischen theologischen Wissenschaft in Deutschland hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass die Texte des Neuen Testaments von Menschen verfasst wurden, die das Wirken Jesu selbst nicht mehr erlebt hatten und auf (inzwischen verloren gegangene) Sammlungen von Worten und Taten Jesu sowie auf mündlich überlieferte Berichte angewiesen waren. Die einzelnen Texte des Neuen Testaments entstanden zudem im Blick auf jeweils unterschiedliche Leserschaften und mit recht unterschiedlichen Intentionen. Beides lässt sich heute nur noch zum Teil rekonstruieren. Keiner der Verfasser neutestamentlicher Texte hatte das Ziel, eine Biografie Jesu zu schreiben. Man kann sich dann der in der heutigen Theologie weit verbreiteten Formel anschließen: „Die Bibel ist nicht Gottes Wort, sie enthält Gottes Wort.“[2]

 

In der theologischen Beschäftigung mit biblischen Texten hatte im 20. Jahrhun­dert hierzulande die historisch-kritische Exegese eine zentrale Bedeutung. Exe­gese bedeutet, mithilfe philologischer und historischer Methoden den Versuch zu unternehmen, biblische Texte besser zu verstehen.[3] Historisch-kritisch ist eine solche Exegese, wenn sie sich intensiv mit dem historischen Kontext des biblischen Textes beschäftigt. Es gilt zu verstehen, in welchem Kontext sich das abspielte, was in den biblischen Texten beschrieben wird und in welcher Situation diejeni­gen gelebt haben, die diesen Text aufgeschrieben und später redaktionell verän­dert oder in einen neuen Zusammenhang gestellt haben. Berücksichtigt wird in der Exegese unter anderem, in welchen Textvarianten ein biblischer Text überliefert ist und welche Widersprüche und inhaltlichen Spannungen es gibt.

 

An dieser Methode ist kriti­siert worden, dass sie zu einer unübersehbaren Fülle von Hypothesen geführt hat. Joachim Vette schreibt in einem bibelwissenschaftlichen Beitrag zur blei­ben­den Bedeutung dieser Methodik trotz der vorgebrachten Kritik: „Dennoch hat die histo­risch-kritische Exegese einen Standard genauer und reflektierter Textanalyse vorgegeben, der auch weiterhin die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den biblischen Texten prägen wird.“[4]

 

Dahinter können wir schwerlich zurück, aber wir müssen uns mit Helmut Kremers, dem früheren Chefredakteur der kirchlichen Mo­nats­zeitschrift „Zeitzeichen“, dem Unbehagen vieler Christinnen und Christen stellen: „Kann man dann überhaupt noch eine Glaubenswahrheit erfassen und festhalten? Kann man noch ganz einfach in der Bi­bel lesen, kann man dem trauen, was man als spirituelle Stärkung erfährt, ohne erst einmal sich von der historischen Bibelwissenschaft belehren zu lassen, was wirklich gemeint war, in welchem hi­storischen Kontext der Text entstanden ist, kann man gar einzelne aus dem Kon­text gelöste Bibelsprüche meditieren?“[5] Der evangelische Theologe betont, dass wir heute in einer nachaufklärerischen Zeit leben, aber: „Wir wissen um die ‚Dialektik der Aufklärung’, die darin liegt, dass nach der vollendeten ‚Entzauberung der Welt’ der Umschlag in die Barbarei droht.“[6] Der aufgeklärte Mensch könne akzeptieren, dass viele Glaubensaussagen im strengen Sinne nicht erklärbar sind, ohne auf die Inspiration durch die Bibel zu verzichten: „Wenn wir uns der Vermutung öffnen, dass in der Bibel Gottes Wort enthalten ist, können wir uns zum Beispiel auch jenseits aller wissenschaftlichen Einordnungen und Erklärungen von einem Wort wie diesem treffen lassen: Denn der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. (2. Korinther 3,17)“[7]

 

Seit den 1980er Jahren ist in Deutschland intensiv an „sozialgeschichtlichen Bibelauslegungen“ gearbeitet worden, u. a. in der Zeitschrift „Junge Kirche“. Das Theologenpaar Luise und Willy Schottroff hat Pionierarbeit auf diesem Gebiet geleistet. Diese Aus­­­legungen haben den gesellschaftlichen Kontext zum Zeitpunkt der Entstehung der biblischen Texte und den Kontext der heutigen Leserinnen und Leser im Blick. Es wird vor allem nach den konkreten Lebensbedingungen und der Bedeutung des Glaubens im Alltag gefragt. Die sozialgeschichtlichen Bibelauslegungen berücksich­tigen Erkenntnisse des christlich-jüdischen Dialogs, der feministischen Theologie und der Befreiungstheologie.[8] Am Ende eines Aufsatzes zur sozialgeschichtlichen Bibelauslegung schreibt das Autorenpaar: „Jeder Satz über die Bibel ist ein Baustein für Befreiung, für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung – oder dagegen. Die hier notwendige Entscheidung ist auch eine Frage der historischen Methode.“[9]

 

Die Verfasser biblischer Texte haben die Spannungen und Widersprüche zwischen einzelnen Texten nicht übersehen. Das sind nicht erst die Erkenntnisse moderner Exegeten. Der Alttestamentler Jürgen Ebach hat sich beim Evangelischen Kirchentag 2007 in Köln mit dem Umgang mit solchen Widersprüchen in der Bibel beschäftigt: „Zuerst und vor allem: Man soll sie wahrnehmen, d. h. sie weder einebnen noch für einen Defekt halten und schamhaft verschweigen. Die Bibel als ganze bezeugt Erfahrungen von Menschen, die sie als Erfahrungen mit Gott deuten. Es gibt eben mehr als eine Form, Erfahrungen als Erfahrungen mit Gott zu deuten, ja die Mehrdeutigkeit oder auch Mehrdeutlichkeit ist geradezu eine Bedingung da­für, solche Erfahrungen aufzubewahren und weiterzugeben.“[10]

 

Dem „historischen Jesus“ auf der Spur

 

In der theologischen Wissenschaft ist in den letzten zwei Jahrhunderten versucht worden, mit unterschiedlichen Methoden herauszudestillieren, was tatsächlich zu Lebzeiten Jesu geschah und was er verkündet hat. Der „historische Jesus“ ist von manchen Autoren bis in akribische Details dargestellt worden, während andere zu der Auffassung gelangt sind, dass wir eigentlich fast nichts sicher über Jesu Leben sagen können. Zu den vielen offenen Fragen gehört zum Beispiel, ob und in wel­chem Umfang die so genannten apokryphen Schriften herangezogen werden kön­nen, wenn wir versuchen herauszufinden, was damals wirklich geschah und was Jesus gewollt und gesagt hat. Schon der Theologe und Arzt Albert Schweitzer hat vor einem Jahrhundert in seinem Buch „Leben Jesu Forschung“ festgestellt, dass wir keine Chance haben, jemals zu wissen, was sich damals wirklich ereignet hat und wer dieser Jesus war.[11] Es spricht viel dafür, dass Jesus an der Spitze einer jüdischen Erneuerungsbewegung stand, in der sich erst später gegen die Juden gerichtete Auffassungen durchsetzten. Wenn wir heute Weihnachten feiern, können wir dies im Bewusstsein tun, dass vor etwa zweitausend Jahren ein jüdisches Kind geboren wurde und in einer jüdischen Familie nach jüdischen Traditionen auf­gewachsen ist.[12]

 

Zunehmend setzt sich in der hiesigen Theologie auch die Einsicht durch, dass es nicht die eine Auslegung biblischer Texte gibt. Professor Werner Kahl, damals Studienleiter an der Missionsakademie in Hamburg, hat dies 2006 so formuliert: „Um das Verständnis eines biblischen Textes nach seiner Intention nahe kommen zu können, ist er aus unterschiedlichen Perspektiven und unter Anwendung einer Vielzahl methodischer Zugänge zu analysieren.“[13] Es gelte, nicht nur den historischen Kontext zu verstehen, der den Hintergrund für einen biblischen Text bildet, sondern auch die Intentionen der Verfasser dieser Texte und die Tatsache, dass die Interpre­tin­nen und Interpreten ihn aus einer je eigenen Lebens- und Verstehensweise lesen. „Die Ausleger und Auslegerinnen nehmen die Bibel jeweils unter einer bestimmten, nicht zu vernachlässigenden Perspektive in den Blick. Erst in der Zusammenschau ihrer Analysen werden wir der Mehrdimensionalität biblischer Texte ansichtig.“[14]

 

Vielfältige, aber keine beliebigen Auslegungen der Bibel

 

Nun mag es auf den ersten Blick einfach nur logisch klingen, dass man sich mit dem Kontext einer Geschichte, den Intentionen ihres Verfassers oder ihrer Verfas­serin und der Verstehensweise der Leserinnen und Leser beschäftigt. Aber die Konsequenzen sind gravierend. Während manche evangelikale Christen sich unter dem Slogan „Kein anderes Evangelium“ sammeln, wird bei der skizzierten Beschäftigung mit biblischen Texten deutlich, dass wir vielleicht noch in einer historisch-kriti­schen Analyse den Text und seinen Kontext mit einiger Zuverlässigkeit erfassen können, dass wir aber im Blick auf die Intentionen der Verfasserinnen und Verfasser nicht selten auf Mutmaßungen angewiesen sind. Und die unterschiedlichen Perspektiven der Leserinnen und Leser bedeuten dann endgültig, dass es „das“ Ver­­ständnis eines biblischen Textes nicht geben kann, auch nicht annäherungsweise. Es kann aus dieser Perspektive keine Hüter des Evangeliums geben, die es gegen ein „anderes“ Evangelium verteidigen, sondern das eine Evangelium kann sehr unterschiedlich gelesen und geglaubt werden.

 

Öffnet das nun einer Beliebigkeit Tür und Tor, kann jede und jeder die biblischen Texte nach eigenem Gusto lesen? Nein, kann die Antwort nur lauten. Es kommt auf ein verantwortliches Lesen und Interpretieren biblischer Texte an. Verantwortlich bedeutet, sich gründlich mit dem zu befassen, was wir über den historischen Kon­text eines biblischen Textes und die Intentionen der Verfasserin oder des Verfassers wissen, ebenso mit unterschiedlichen Auslegungen (und Übersetzungen!) dieses Textes zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen heutigen Kontexten. Das klingt nach Arbeit, auch wenn der Anspruch nicht lauten kann, jede und jeder Gläubige sollte erst einmal ein umfangreiches Theologiestudium absol­vieren, um biblische Texte besser zu verstehen. Gefragt ist aber eine Mündigkeit der Gläubigen, zu der es auch gehört, aus den gewonnenen Einsichten klare Kon­sequenzen für das eigene Leben und das eigene Engagement in Kirche und Gesellschaft zu ziehen. Vielleicht mag dies manchen Leserinnen und Lesern wie eine Vertreibung aus dem Paradies erscheinen, nachdem man einmal vom Baum der Er­kenntnis gekostet hat. Aber dies kann auch der Beginn einer spannenden Reise – und möglichst einer gemeinsamen Reise – sein, bei der die Bibel in ihren vielen Facetten und ihren vielen Interpretationen dennoch oder gerade deshalb zum Kom­pass für das eigene Leben wird.

 

Die feministische Theologin Claudia Janssen hat beim Evangelischen Kirchentag 2009 in Bremen die Bedeutung von Gespräch über biblische Texte und das anschließende Handeln so zum Ausdruck gebracht: „Die Antworten sind nicht einfach und unmittelbar in der Bibel zu finden, sondern werden in einem Lernprozess ent­wickelt. Zur jüdischen Praxis der Toraauslegung gehört das Gespräch – zwischen den Generationen, zwischen Lehrenden und Lernenden. Dahinter steht das Verständ­nis, dass in der jeweiligen Gegenwart immer neu herausgefunden werden muss, was das Wort Gottes bedeutet, wozu es auffordert, wozu es herausfordert. Das Wahrnehmen der Bibel wird hier aber nicht nur als Angelegenheit von Verstand und Herz beschrieben, sondern auch als Geschehen, das Konsequenzen im Le­ben hat … Zum richtigen Verständnis der Schrift gehört es, das, was ich verstan­den habe, auch zu tun: Tu das, und du wirst leben!“[15]

 

Die Bibel wird dann zum Kompass für das eigene Leben, wenn sich die Beschäftigung mit biblischen Texten nicht in wissenschaftlicher Analyse erschöpft. Am Anfang, im Zentrum und am Ende des Lesens und des Nachdenkens über das Gelesene kann der Glaube an den Gott stehen, der den Menschen einen Platz in seiner Schöpfung gegeben hat, und ebenso die Freiheit, einen Weg durch dieses Leben zu gehen, der hin zu ihm oder weg von ihm führen kann. Der Glaube an diesen Gott hängt nicht daran, dass wir an Details der Weihnachtsdarstellung bei Matthäus und Lukas glauben, nachdem Historiker längst herausgefunden haben, dass sie so nie stattgefunden haben. Im Gegenteil: Das Festhalten an der Annahme, die Bibel gebe das historische Geschehen genau so wieder, wie es vor zwei oder drei Jahrtausenden geschehen ist, kann den Weg zum Glauben geradezu verbauen. Ein solcher Umgang mit biblischen Texten kann zu Denkbarrieren führen, weil bestimmte Erkenntnisse ignoriert werden müssen. Aber Gott hat die Menschen mit den Fähigkeiten zum Denken und zum Fühlen ausgestattet. Er will nicht, möchte ich behaupten, dass wir den Verstand außen vor lassen, wenn wir die Bibel aufschlagen – die Gefühle allerdings auch nicht. Und warum sollte man diese Reise des Lesens und Verstehens biblischer Texte nicht mit der Weihnachtsgeschichte beginnen?

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Heinrich Albertz: Eine Geschichte – einfach und streng, in: Walter Jens: Frieden – Die Weihnachtsgeschichte in unserer Zeit, Stuttgart 1981, S. 28f.

[2] Zitiert nach: Helmut Kremers: Nicht vom Himmel gefallen, Die Bibel als heilige Schrift, Zeitzeichen, 4/2007, S. 39

[3] Zu den nachfolgenden Ausführungen vgl. Joachim Vette: Bibelauslegung, historisch-kritisch, Wissenschaftliches Bibellexikon, www.wibilex.de

[4] Ebenda

[5] Helmut Kremers: Nicht vom Himmel gefallen, Die Bibel als heilige Schrift, Zeitzeichen, 4/2007, S. 40

[6] Ebenda, S. 41

[7] Ebenda

[8] Vgl. Luise und Willy Schottroff: Gegen die Beliebigkeit, Junge Kirche 11/93, S. 596ff.

[9] Ebenda, S. 599

[10] Jürgen Ebach: Vom Umgang mit Widersprüchen in der Bibel, Dok. des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentages, Köln 2007, S. 3

[11] Vgl. Jörg Zink: Die historische Bibelkritik steckt in der Sachgasse, Publik-Forum Dossier „Abschied von der Bibel?“, Oberursel, S. X

[12] Vgl. zu dieser Diskussion u. a. Roman Heiligenthal: Die Rückkehr der Wunder. In den vergangenen Jahren hat die Theologie den historischen Jesus wieder entdeckt, Zeitzeichen, 2/2004, S. 48

[13] Werner Kahl: Die Bibel unter neuen Blickwinkeln, Bibel und Kirche, 3/2006, S. 169

[14] Ebenda, S. 170

[15] Claudia Janssen: Wie verstehen wir die Bibel „richtig”?, Dokumente, Deutscher Evangelischer Kirchentag, Bremen 2009, S. 2