Apokryphe Schriften

 

Dass es sie gibt, ist vielen regelmäßigen Gottesdienstbesucherinnen und -besu­chern bekannt, auch wenn sie in Predigten höchst selten vorkommen und noch seltener in Weihnachtsgottesdiensten. Und doch sind sie jedes Weihnachten präsent in der Weise, wie wir das Fest feiern und die Weihnachtskrippen gestalten. Ochs und Esel haben bei Lukas keinen Auftritt im Stall von Bethlehem, auch wenn viele sie sich mit vorstellen, wenn sie die Weihnachtsgeschichte dieses Evangelisten hören. Ochs und Esel sind durch „apokryphe“ Texte zu einem Teil unserer Weihnachtstraditionen geworden. Und nicht nur auf das Weihnachtsfest haben diese Texte einen großen Einfluss ausgeübt, sondern auch auf die Volksfrömmigkeit – und auf die Judenfeindlichkeit im Christentum. Was also sind diese apokryphen Texte oder auch apokryphen Evangelien?

 

Vereinfacht gesagt sind dies religiöse Texte aus den ersten Jahrhunderten der Christenheit, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden. Apokryph bedeutet im Griechischen „verborgen“, „versteckt“ oder „geheim“, und schon diese unterschiedlichen Bedeutungen lassen ahnen, wie vielfältig all jene Texte sind, die den „Aufstieg“ ins Neue Testament nicht geschafft haben. Verschiedene dieser Texte wurden im Laufe der frühen Kirchengeschichte als unzutreffend, unzuverlässig oder sogar gefährlich betrachtet und verbrannt, weil sie den vorherr­schenden Glaubensüberzeugungen der jungen Kirche widersprachen, manchmal so­gar diametral gegenüberstanden. Aber der Kanon des Neuen Testaments entstand nur schrittweise, und auch nach der Kanonisierung von Texten bis zum Ende des 3. Jahrhunderts wurde weiter heftig debattiert, welche Texte neben den vier Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, der Apostelgeschichte sowie den Briefen dazugehören sollten und welche nicht. Das gilt zum Beispiel für das Thomasevangelium.

 

Das, was Jesus getan und gepredigt hatte, war zunächst Jahrzehnte lang fast ausschließlich mündlich überliefert worden, auch wenn es  einzelne schriftliche Sammlungen mit Jesuszitaten gab. Es kann nicht verwundern, dass daraufhin nicht nur mehrere unterschiedliche Evangelien entstanden, sondern auch weitere Schrif­ten, in denen versucht wurde, das Geheimnis des Lebens Jesu und seiner Botschaft in Worte zu fassen. Auf mehreren Konzilen wurde in den ersten Jahrhunderten heftig debattiert, um zu gemeinsamen Glaubensüberzeugungen zu gelangen, und die, die sich hierbei durchsetzten, bestimmten dann auch, welche religiösen Schrif­ten den wahren Glauben zum Ausdruck brachten und welche nicht. Im 6. Jahrhundert waren etwa 60 Schriften im Umlauf, die von der Kirche als apokryph im Sinne von häretisch bewertet wurden.[1]

 

Verschollene judenchristliche Evangelien

 

Auch heute noch ist gut nachzuvollziehen, warum einzelne Texte über Jesus, sein Leben und seine Lehre nicht in das Neue Testament aufgenommen wurden. Man kann in verschiedenen Fällen im Nachhinein dankbar dafür sein, dass diese Texte nicht als göttliche Offenbarung angesehen wurden.[2] Das wird noch am Beispiel einiger Dar­stellungen der Kindheit Jesu in apokryphen Texten deutlich werden. Aber es gibt zum Beispiel auch mehrere judenchristliche Evangelien, die nicht zuletzt aufgrund der Konflikte zwischen judenchristlichen und heidenchristlichen Gemeinschaften nicht im heutigen Neuen Testament zu finden sind. Die judenchristlichen Gemeinschaften, die sich als Reformbewegung innerhalb des Judentums verstanden, hielten an einer jüdischen Lebensweise fest, feierten also zum Beispiel den Sabbat, praktizierten die Beschneidung und beachteten die Speisevorschriften.[3] Es dauerte aber nicht lange, bis die Jesusanhänger mit einem nichtjüdischen religiösen Hintergrund zu den bestimmenden Kräften in der neu entstehenden Re­li­gions­gemeinschaft geworden waren.

 

Gleichzeitig wurden die Judenchristen von ihren Mitjuden als Sektierer oder vom Glauben Abgefallene angesehen. Sie saßen, würden wir heute sagen, zwischen allen Stühlen. Je mehr diese judenchristlichen Gemeinschaften an den Rand der entstehenden Kirche gerieten, desto seltener wur­den ihre Schriften gelesen und verbreitet. Die judenchristlichen Evangelien lie­gen heute nicht mehr vollständig vor. Aus den Fragmenten und aus Zitaten in heidenchristlichen Texten ist erkennbar, dass diese Evangelien ein sehr viel posi­ti­veres Bild des Verhältnisses der zeitgenössischen Juden zu Jesus zeichnen. Es wird zum Beispiel berichtet, dass sich unter dem Kreuz Jesu viele Tausend Juden bekehrten.[4]

 

Heute geht man davon aus, dass es mindestens zwei judenchristliche Evangelien gab, das Hebräerevangelium und das Nazaräerevangelium, eventuell auch ein Ebionäerevangelium. Viele Zitate und Fragmente sind diesen Evangelien zugeordnet worden. Wie die übrigen Schriften der Jesusbewegung entstanden sie an unterschied­lichen Orten, weil die judenchristlichen Jesusgemeinschaften nicht nur in Judäa und Galiläa zu finden waren, sondern auch in vielen jüdischen Diasporagrup­pen in anderen Teilen des Römischen Reiches. Es wird angenommen, dass das He­bräerevangelium in Ägypten entstanden sein könnte, während der Ursprung des Nazaräerevangeliums in Syrien vermutet wird.[5]

 

Die meisten apokryphen Schriften sind deutlich später entstanden als die Paulusbriefe und die vier Evangelien, die ins Neue Testament aufgenommen wurden. Auch enthalten sie keine „geheimen“ Botschaften Jesu, sondern sind vor allem ein Versuch der Neuinterpretation der Botschaft Jesu. Wichtig war verschiedenen Autoren die­ser Texte, die Lücken in der Beschreibung die Kindheit und Jugend Jesu und auch Marias in den vier Evangelien des Neuen Testaments zu schließen.[6]

 

Die Beschäftigung mit den apokryphen Texten wird dadurch erschwert, dass sie sehr viel weniger erforscht und in die theologische Reflexion einbezogen worden sind als die Texte, die in das Neue Testament aufgenommen wurden. Auch die historisch-kritische Jesusforschung hat sich bisher fast ausschließlich mit den vier Evangelien des Neuen Testaments beschäftigt.[7] Die apokryphen Texte sind so etwas wie die „Schmuddelkinder“ der frühchristlichen Literatur geworden, mit denen sich nur einige wenige Fachleute näher beschäftigen. Das sollte sich ändern, argumentieren Gerd Theißen und Annette Merz in ihrem Buch „Der historische Jesus“ und schreiben: „Die Einsicht in die Notwendigkeit der Überschreitung der Kanongrenzen in der neutestamentlichen Exegese ist relativ jung. Sie gründet in der Erkenntnis, dass die kanonischen Schriften weder inhaltlich oder formal noch, was die Abfassungszeit betrifft, grundsätzlich von außerkanonischen frühchristlichen Schriften abzuheben sind.“[8]

 

Beim Umgang mit apokryphen Schriften ist es eine unzureichende Methode, alle Texte und Textpassagen beiseitezulegen, die heutigen Leserinnen und Lesern zu fantastisch erscheinen. Man müsste dann auch mit den kanonisierten Texten des Neuen Testaments auf diese Weise umgehen, und es bliebe dann nur ein Torso üb­rig. Die Jesusgeschichte auf ihren „rationalen“ Kern zu reduzieren, bedeutet letztlich, sie bedeutungslos zu machen. Das ist nun aber auch kein Grund, alle fantastischen Beschreibungen der apokryphen Schriften als Darstellungen dessen zu verstehen, was in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts tatsächlich geschehen ist. Wie auch bei Texten des Neuen Testaments handelt es sich um Glaubenszeugnisse, nicht um die exakte Darstellung historischer Ereignisse.

 

Es spricht daher viel dafür, sich ernsthaft mit den apokryphen Schriften zu beschäftigen, die uns noch zugänglich sind. Dass von verschiedenen Texten deutlich voneinander abweichende Fassungen erhalten sind und dass von anderen Texten nur nicht miteinander zusammenhängende Teile, also Fragmente, vorliegen,[9] erschwert den Umgang mit diesen Schriften. Aber durch die Beschäftigung mit den apokryphen Texten können wir zumindest zwei Dinge lernen: Wir erfahren mehr darüber, wie unterschiedlich die ersten Generationen der Jesusbewegung die Geschichte Jesu und seine Lehre verstanden und interpretiert haben. Und wir gewinnen eine große Hochachtung vor dem Bemühen der vier Evangelisten und der übrigen Verfasser des Neuen Testaments in seiner heutigen Form, die Heilsbotschaft von Jesus Christus zu verstehen und in Worte zu fassen.

 

Die „Kindheitsevangelien“ und ihre Wirkungen auf unser Verständnis von der Geburt und Kindheit Jesu

 

In unserem Zusammenhang sind vor allem die apokryphen „Kindheitsevangelien“ von Interesse. Diese Texte entstanden vermutlich vor allem deshalb, weil in den Gemeinschaften, die sich an Jesus orientierten, der Wunsch immer stärker wurde, mehr über Jesu Leben zu erfahren, je länger dieses Leben zurücklag und je deutlicher wurde, dass die erhoffte Rückkehr des Messias auf sich warten lassen würde. Die apokryphen Kindheitsevangelien sind vor allem ein Versuch, das Interesse an der Lebensgeschichte Jesu und seiner Familie zu befriedigen und zugleich mit dem Pro­blem fertig zu werden, dass Matthäus und Lukas deutlich voneinander abwei­chen­de Darstel­lungen der Geburt und frühen Kindheit Jesu in ihre Evangelien aufge­nommen ha­ben. In „Kindheitsevangelien“ wurde versucht, eine in sich schlüssige Darstellung der Geburt und Kindheit Jesu zu liefern und dabei die Berichte von Matthäus und Lukas aufzunehmen und neu zu ordnen.

 

Die Verfasser der apokryphen Schriften hatten das Problem, dass ihnen neben den Evangelien von Matthäus und Lukas allenfalls bruchstückhafte Berichte oder Legenden über das Leben von Jesus und seiner Familie vorlagen. Deshalb bedienten sie sich einer in der Antike weitverbreiteten Biografiemethode. Dass, was man über den erwachsenen Jesus wusste, wurde auch mit dem Kind und dem Heranwachsenden in Verbindung gebracht, sodass zum Beispiel das Jesuskind bereits Wunder vollbracht haben sollte. Ebenso wurde für Maria eine Kindheits- und Jugendgeschichte verfasst, die vermitteln wollte, wie die Mutter des Heilands aufgewachsen war. Diese Texte sagen sehr viel darüber aus, welche Glaubensüberzeugungen die Verfasser dieser „Kindheitsevangelien“ hatten. Aber mit dem Apokryphen-Fachmann Professor Hans-Josef Klauck muss man wohl konstatieren: „Hi­sto­risch zuverlässige Informationen, die unser Wissen um die Ursprünge Jesu bereichern würden, darf man von dieser Literatur nicht erwarten, nicht einmal in Ausnahmefällen.“[10]

 

Sollte man diese Texte also doch besser ganz ignorieren? Dagegen spricht allein schon, dass sie viel über die junge Christenheit erzählen, vor allem aber, dass sie eine große Wirkung in der Kirchengeschichte entfaltet haben, obwohl sie nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden. Da sind wir wieder bei Ochs und Esel, und dies ist nur eines von verschiedenen Beispielen aus der Wirkungsgeschichte dieser religiösen Texte. Die katholische Theologieprofessorin Mar­lis Gielen schreibt hierzu: „Im Verlauf der Frömmigkeitsgeschichte von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit hinein haben … die apokryphen Kindheitsüberlieferungen Literatur, Kunst und Musik sehr viel stärker angeregt und beeinflusst als die biblischen Kindheitsgeschichten.“[11] Aus diesem Grunde sollen nun einzelne Kindheitsevangelien kurz vorgestellt werden.

 

Protevangelium des Jakobus

 

Eine besonders interessante Geschichte hat das heute „Protevangelium des Jakobus“ genannte Werk.[12] Es entstand zwischen 150 und 200 n. Chr., wobei der Entstehungsort umstritten ist. Er kann in Ägypten, Syrien oder Kleinasien gelegen haben. Im 4. Jahrhundert war dieses Evangelium unter dem Titel „Geburt Marias“ bekannt, wobei der Untertitel „Offenbarung des Jakobus“ hinzugesetzt wurde. In einem Epilog stellt der Verfasser sich als Jakobus vor, womit vermutlich der Jesusbruder Jakobus gemeint sein sollte.[13] Dies ist eindeutig ein – in der Antike durchaus als legitim angesehener – Versuch, einem Werk dadurch eine größere Beach­tung zu verschaffen, dass man die Autorenschaft einer prominenten Persönlichkeit zusprach. Aber der Jesusbruder Jakobus hat dieses Evangelium schon deshalb nicht verfasst, weil er zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes bereits mehr als ein Jahrhundert tot war.

 

Den Namen „Protevangelium“ („Erst-Evangelium“) erhielt der Text im 16. Jahr­­hundert, weil damals irrtümlich angenommen wurde, es handele sich um den verloren gegangenen Anfang des Markusevangeliums, also des ältesten Evangeliums des Neuen Testaments. Anlass für die Vermutung bot die Tatsache, dass das Markusevangelium recht abrupt mit der Taufe Jesu einsetzt und eine Darstellung der Kindheit fehlt. Aber falls es jemals einen anderen Anfang des Markusevangeliums gegeben haben sollte, der apokryphe Text des Jakobus ist es jedenfalls nicht. Dagegen spricht viel, nicht zuletzt die Tatsache, dass der Text erst Jahrzehnte nach dem Markusevangelium entstanden ist.

 

Es gibt von dem Protevangelium etwa 140 Handschriften auf Griechisch, und das Werk ist aus den ersten Jahrhunderten auch in verschiedenen anderen Sprachen des östlichen Mittelmeerraums überliefert. Später kamen vor allem Abschriften im slawischen Raum hinzu, was auf eine große Wirkung des Protevan­geliums in die­sem Teil der Welt hinweist.

 

In den Kirchen des Westens wurde das Werk schon früh als häretisch angesehen und nicht in den Kanon des Neuen Tes­taments aufgenommen. Ein Grund dafür war, dass in diesem Text dargestellt wird, es habe sich bei den Brüdern Jesu um Kinder Josefs aus erster Ehe gehandelt. Das war und ist eine in den Ostkirchen geteilte Auffassung. Im Westen hingegen schloss man sich dem Kirchenvater Hieronymus an und war überzeugt, es habe sich um Vettern und Cousinen gehandelt. Eine Nebensächlichkeit? Offenbar nicht, denn in den heiklen Fragen rund um die Jungfrauengeburt und ihrer Konsequenzen wollte die Kirche eine verbindliche Lehrauffassung vertreten und daneben keine anderen Darstellungen dulden.

 

Anders als Matthäus und Lukas legte der Verfasser des Protevangeliums den Schwerpunkt seiner Darstellung nicht auf Jesus, sondern auf Maria.[14] Am Anfang des Evangeliums des Jakobus steht deshalb eine ausführliche Darstellung des Lebens von Maria und ihrer Eltern. Über den Mittelteil des Evangeliums schreibt Hans-Josef Klauck: „Im Kap. 11-21 unternimmt es den erstaunlich geschickt durchgeführten Versuch, die unterschiedlichen Erzählzyklen Lk 1-2 und Mt 1-2 zu einem geschlossenen Ablauf zu kombinieren.“[15] Zu den Erweiterungen in diesem Evan­ge­lium gehört eine ausführlichere Darstellung des Kindermordes in Bethlehem.

 

Die­ses Protevangelium hat auf die Christenheit der ersten Jahrhunderte einen großen Einfluss ausgeübt, und das wirkt bis heute nach. Dazu hat beigetragen, dass Motive aus diesem Evangelium in das Pseudo-Matthäusevangelium (siehe unten) aufgenommen wurden und auf diesem Wege Eingang in viele christliche Legenden und Tradi­tionen gefunden haben.

 

Zu den größten Wirkungen des Jakobustextes gehört es, Josef zu einem alten Mann gemacht zu haben. Bei Matthäus und Lukas findet sich kein Hinweis, der die Behauptung rechtfertigen könnte, Josef sei bei der Geburt Jesu bereits ein alter Mann gewesen. Bei Jakobus hingegen wird Josef mit diesen Worten zitiert: „Ich bin ein alter Mann und habe Söhne.“ Das hat all jene Theologen und auch viele christliche Künstler inspiriert, die einen betagten Josef als will­kommenen Beleg für die These von der Jungfrauengeburt ansahen. Der greise Jo­sef, so die Botschaft, konnte gar nicht der Vater Jesu sein.

 

Das Protevangelium des Jakobus hat viele christliche Künstler inspiriert. Anfang des 14. Jahrhunderts malte der berühmte Florentiner Maler Giotto die Arenakapelle in Florenz mit 39 Fresken zum Leben Jesu aus. Für die Ereignisse vor der Geburt Jesu wählte der Künstler die Darstellung im Evangelium des Jakobus aus. Zu erwäh­nen ist zum Beispiel ein Fresko, das Joachim und Anna, in dieser Tradition die Eltern Marias, vor der Goldenen Pforte zeigt, wo die „unbefleckte Empfängnis“ auf wunderbare Weise stattgefunden haben sollte.[16]

 

Auch in der orthodoxen Kunst bildet das Jakobusevangelium eine wichtige Grundlage für die Darstellung der Geschehnisse vor der Geburt Jesu. Auf vielen Ikonostasen, den Bildwänden, die in orthodoxen Kirchen das Kirchenschiff und den Altarraum voneinander trennen, hat das Bild von der „Verkündigung an Maria“ einen prominenten Platz. Und auch hier wird an das Protevangelium des Jakobus angeknüpft. Es wird dargestellt, wie ein Engel Maria erscheint. Der Theologe und Kunsthistoriker Herbert Fendrich schreibt über die Bildmotive: „Das Ambiente ist hoheitlich-feierlich, die Gewänder festlich. Aber in dieser sakralen Atmosphäre gibt es ein Element, das kaum zu passen scheint: Maria hält in der einen Hand ein rotes Wollknäuel, mit der anderen führt sie einen Faden.“[17] Maria, die in der Überlieferung des Protevangeliums den Tempelvorhang webte, hat einen festen Platz in der orthodoxen Ikonografie.

Kindheitserzählung des Thomas

 

Diese Erzählung ist in mehreren deutlich voneinander abweichenden Textver­sionen überliefert, und nicht einmal der Name des Verfassers, der im einleitenden Teil genannt wird, stimmt in den verschiedenen Versionen überein. Die Zu­ordnung zu Thomas, einem der zwölf Jünger Jesu, soll der Schrift eine höhere Au­torität geben, aber Thomas scheidet als Verfasser aus, weil der Text erst Ende des 2. Jahrhunderts verfasst wurde. Die apokryphe Schrift beschreibt vor allem Episoden aus der Kindheit Jesu zwischen dem fünften und zwölften Lebensjahr. Es ging dem Verfasser offenbar darum, die Lücke in der Darstellung der Kindheit Jesu zwischen der Geburt und frühen Kindheit und dem Besuch des Tempels im Alter von zwölf Jahren zu schließen, die die Evangelisten Matthäus und Lukas hinterlassen hatten.

 

Nicht zuletzt wegen der verschiedenen Textversionen wirft dieser Text bis heute viele Fragen auf. Es gibt zum Beispiel die Hypothese, dass es sich ursprünglich um einen gnostischen Text gehandelt haben könnte, die gnostischen Gedanken aber bei einer orthodoxen Bearbeitung eliminiert wurden, sodass vor allem die er­zählenden Teile übrig geblieben sind.[18] Bemerkenswert ist, dass das Kind in diesem Evangelium „jähzornig, bösartig und arrogant“ (so der Apokryphen-Fachmann Hans-Josef Klauck) auftrat.[19] Diese Darstellung des Jesuskindes war ein wesentlicher Grund dafür, dass die Verantwortlichen der Kirchen diese apokryphe Schrift bekämpften, die den­noch im Kirchenvolk bis ins Mittelalter populär blieb.

 

Pseudo-Matthäusevangelium

 

Dieses Kindheitsevangelium zählt nur noch mit Einschränkungen zu den apokryphen Schriften der ersten Christenheit, denn es ist nach neueren Erkenntnissen erst zwischen 600 und 625 n. Chr. entstanden.[20] Eine Annahme über die Entstehung dieser Schrift lautet, dass sie das Ergebnis von Spannungen zwischen kirchenlei­tenden Personen und dem Kirchenvolk darstellt. Das Pseudo-Matt­häus­evan­gelium nahm die im Volk beliebten Geschichten aus den älteren apokry­phen Kindheitsevangelien auf, allerdings ohne die Passagen, die bei der Kirchen­hierarchie Anstoß erregt hatten.[21]

 

Ein wichtiges Thema dieses Evangeliums ist die Beweisführung, dass Maria vor, während und nach der Geburt Jesu eine Jungfrau war. Es wird berichtet, Maria habe vor der Geburt Jesu ein Gelöbnis der Jungfräulichkeit abgelegt. Die Geschichten dieser apokryphen Schrift haben im Mittelalter eine sehr große Wirkung besessen, vor allem, nachdem sie in die Sammlung „Legenda aurea“ des Jacobus von Voragine aufgenommen wurde, die eine große Verbreitung fand und der eine große Glaubwürdigkeit zugesprochen wurde.[22]

 

Weitere Kindheitsevangelien

 

Das „Arabische Kindheitsevangelium“ entstand im 6. Jahrhundert in Syrien. Es nahm Motive aus den bereits erwähnten Kindheitsevangelien auf und fügte eigene, sehr fantasievolle Geschichten hinzu. Dazu gehört zum Beispiel die Legende, dass die Magier als Geschenk eine Windel Jesu in ihre Heimat Persien mitnahmen, die sich als wunderkräftig erwies. Erwähnenswert ist auch, dass in der Darstellung dieses Evangeliums Jesus bereits als Kleinkind in Ägypten die beiden Räuber traf, mit denen zusammen er später gekreuzigt wurde. Auch Judas Iskariot trat in diesem Evangelium bereits während der Kindheit Jesu auf, und es ließ sich schon ahnen, welche Rolle er später übernehmen würde. Auch eine Heilungsgeschichte weist bereits auf das spätere Geschehen hin.[23]

 

Das „Lateinische Kindheitsevangelium“ entstand erst zwischen dem 7. und 9. Jahr­hundert und zeichnet sich vor allem durch eine eigenständige Darstellung der Ge­burt Jesu aus.[24] Erwähnt werden soll schließlich die „Geschichte von Joseph dem Zimmermann“, die in koptischer Sprache vorliegt und frühestens Ende des 4. Jahrhunderts in Ägypten verfasst wurde. Der oft an den Rand gedrängten Josef wird hier auf diese Weise gewürdigt: „Josef aber war ein gerechter Mann (und) pries Gott in allen Werken; und er ging nach auswärts, indem er im Zimmermannshandwerk arbeitete mitsamt seinen zwei Söhnen, wobei sie von ihrer Hände Arbeit nach dem mosaischen Gesetz lebten.“[25] Diese positive Bewertung Josefs verdanken wir, wenn wir dem Verfasser vertrauen, Jesus selbst, der sie seinen Jüngern kurz vor seinem Tod am Ölberg erzählte. Ein deutlich erkennbares Grundmotiv der Schrift ist es, die Jungfräulichkeit Marias auch nach der Geburt Jesu zu begründen. Josef, erfahren wir hier, war Witwer mit Kindern, als die Verbindung mit Maria zustande kam.

 

Die apokryphen Texte waren nicht für den Gottesdienst zugelassen, aber sowohl in der christlichen Kunst als auch in der Volksreligiosität zeitigten sie eine große Wirkung. Franz-Josef Ortkemper führt dies in einem umfangreichen Zeitschriftenbeitrag auch auf Defizite in der Kirche zurück: „Die apokryphen Evangelien spiegeln die Frömmigkeitsgeschichte der ersten Jahrhunderte. Sie spiegeln sicher auch Defizite einer oft zu abstrakten kirchlichen Lehre. In den ersten Jahrhunderten tob­ten die christologischen Kämpfe, die sich in immer größere, normalen Menschen kaum noch zugängliche Abstraktionen verwickelt haben. Kein Wunder, dass im Ge­gensatz dazu solche Erzählungen gefragt waren.“[26]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Theo K. Heckel: Wann ist eine christliche Schrift „kanonisch“?, in: Apokryphe Evangelien, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2007, S. 43

[2] Vgl. u. a. Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, Stuttgart 2008, S. 60f.

[3] Vgl. Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, Stuttgart 2002, S. 53

[4] Vgl. Annette Merz: Viele Gemeinden – viele Evangelien, Verborgene Evangelien, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2007. S. 23

[5] Vgl. Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, a.a.O., S. 53ff.

[6] Vgl. u. a. Judith Hartenstein: Macht, Übermut und sonderbare Wunder, in: Kindgötter und Gotteskind, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2010, S. 11ff.

[7] Vgl. Theißen/Merz: Der historische Jesus, Göttingen 2001, S. 37

[8] Ebenda, S. 40

[9] Vgl. Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, a.a.O., S. 35ff.

[10] Ebenda, S. 88f.

[11] Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, Stuttgart 208, S. 54

[12] Zur Geschichte des Evangeliums vgl. Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, a.a.O., S. 89ff.

[13] Vgl. Inhaltsangabe des Protevangeliums des Jakobus, in: Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 35

[14] Vgl. Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, a.a.O., S. 55

[15] Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, a.a.O., S. 90

[16] Vgl. Herbert Fendrich: Ein Kuss, ein Tor und die unbefleckte Empfängnis, in: Verborgene Evangelien, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2007, S. 58

[17] Herbert Fendrich: Purpurfaden und Goldenes Tor, in: Verborgene Evangelien, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2007, S. 56

[18] Vgl. Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, a.a.O., S. 101

[19] Vgl. ebenda, S. 104

[20] Vgl. ebenda, S. 105

[21] Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, a.a.O., S. 58

[22] Vgl. Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, a.a.O., S. 108

[23] Vgl. ebenda, S. 108

[24] Vgl. ebenda, S. 108

[25] Vgl. Franz-Josef Ortkemper: Was die Evangelien nicht erzählen, Welt und Umwelt der Bibel,3/2007, S. 13

[26] Ebenda, S. 17