Jesus und seine Umwelt im Spiegel des Neuen Testaments

 

Um sich genauer mit den Berichten über die Geburt und Kindheit Jesu befassen, ist es sinnvoll, mehr über die einzelnen Evangelien und auch die apokry­phen Schriften zu erfahren. Wer hat sie wann verfasst? Welche Menschen soll­ten mit diesen Texten angesprochen werden? Was wollten die einzelnen Evan­ge­listen vor allem weitergeben? Welchen Ort hat die Geburt Jesu in der jeweiligen Komposition?

 

Dass wir heute in unseren Neuen Testamenten vier Evangelien lesen, ist keineswegs selbstverständlich. Es gab im ersten und zweiten Jahrhundert eine ganze Anzahl von Schriften, in denen versucht wurde darzustellen, wer Jesus war und vor allem, was er gelehrt hatte. In durchaus kontroversen Debatten wurde von den Kirchenvätern und Konzilien festgelegt, welche dieser Schriften in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen werden sollten. Dass sich die Verantwortlichen der jungen Kirche für die vier Evangelien entschieden, hatte gute Gründe, wie in dem Abschnitt über die apokryphen Schriften deutlich wird. Die Zahl vier war übrigens kein Zufall, denn Irenäus von Lyon, der großen Einfluss auf die Kanonbildung hatte, begründete diese Zahl der Evangelien um das Jahr 180 damit, dass es vier Himmelsrichtungen gibt, ebenso vier Menschen, mit denen Gott Bundesschlüsse eingegangen ist (Adam, Noah, Moses und Jesus), und vier himmlische Gestalten in der Offenbarung (Löwe, Stier, Adler und Mensch).[1] Neben den vier Evangelien gehören zum Neuen Testament bekanntlich die Apostelgeschichte, eine ganze Reihe von Briefen und die Offenbarung des Johannes. Dass die heutigen 27 Schriften zum Neuen Testament gehören, hat das Konzil von Trient erst im Jahre 1546 lehramtlich entschieden, auch wenn in den Jahrhunderten vorher schon ein Einvernehmen bestand, welche Schriften in den Kanon gehörten und welche nicht.[2]

 

Drei der Evangelien weisen große Übereinstimmungen auf, sodass viele Passagen nebeneinander gelesen werden können. Die Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas werden deshalb seit Ende des 18. Jahrhunderts als „synoptische Evangelien“ bezeichnet, denn Synopse bedeutet im Griechischen „Zusammenschau“. Das Markusevangelium ist der älteste dieser Texte und lag den Verfassern von Matthäus- und Lukasevangelium offenkundig vor, als sie unabhängig voneinander ihre Evangelien schrieben.. Das Johannes­evangelium weist am wenigsten Übereinstimmungen mit den drei anderen Evan­gelien auf, ist aber nicht unabhängig von ihnen entstanden.

 

Zu den grundlegenden Einsichten zu allen neutestamentlichen Schriften gehört, dass sie vom Hellenismus ihrer Zeit beeinflusst waren. Schon der Begriff „euangelion“, Evangelium, ist ein griechisches Wort und bedeutet „frohe Botschaft“. Bekanntlich hat die hellenistische Kultur das Judentum in den letzten beiden Jahrhunderten vor der Geburt Jesu beträchtlich verändert. Jesus selbst predigte ver­mut­lich ein eher ländlich geprägtes bodenständisches Evangelium, aber schon Pau­lus hat es so gedeutet und vermittelt, dass es anderen Menschen gut nahezubringen war, darunter den Griechen, vor allem aber vom Hellenismus beeinflussten Dias­porajuden und Angehörigen anderer Völker. Besonders im Johannesevangelium kann griechisches Gedankengut identifiziert werden, angefangen mit dem ersten Vers, dass das logos, das Wort Gottes, in Jesus Christus zu Fleisch wurde.[3]

 

Es ist unmöglich, die hellenistischen Anteile an den Evangelien fein säuberlich zu schei­den und zu versuchen, zum jüdischen Evangelium zurückzukehren. Dazu waren das Judentum zu Lebzeiten Jesu und später das Christentum zu intensiv von hel­lenistischen Vorstellungen beeinflusst. Aber sie bewahrten ihren Charakter als Ju­den­tum und daneben später auch als Christentum, die wie alle lebendigen Reli­gionen zu allen Zei­ten von anderen Kulturen und Religionen beeinflusst worden sind. Nur Religionen auf isolierten Inseln oder in abgelegenen Urwaldgebieten waren weitgehend immun gegenüber solchen Einflüssen. Und wenn man sich hierzulande auf jüdisch-christliche Traditionen beruft, muss deutlich sein, dass diese Tra­ditionen aus vielen Quellen gespeist wurden. Wenn wir im Neuen Testament lesen, sollten wir uns der hel­lenistischen Einflüsse bewusst sein, ohne darüber die vorherrschend jüdischen Wur­zeln zu vernachlässigen.

 

Die Vielfalt biblischer Darstellungen: Reichtum oder Chaos?

 

Um die Vielfalt von Darstellungen und Positionen in der frühchristlichen Literatur zu verstehen, müssen wir uns bewusst sein, dass diese Vielfalt auch ein Ausdruck und ein Ergebnis der komplexen religiösen und kulturellen Situation im Römischen Reich war. Homogenisierungsversuche der „Zentrale“ des Reiches in Rom standen die Widerstandskraft und die Vitalität lokaler Kulturen und Religionen gegenüber, und dies gilt besonders für das Judentum und das entstehende Christentum. Das, was Jesus gelebt und verkündet hatte, breitete sich im ersten Jahrhundert und mehr noch im zweiten Jahrhundert rasch in diesem „globalen“ Kultur- und Religionsraum aus und wurde an unterschiedlichen Orten unterschiedlich verstanden und ausgelegt.

 

Jesus lebte und wirkte vor allem in der jüdischen Welt Galiläas und dort wiederum vor allem in ländlichen Gebieten. Das war seine Welt, und das spiegelt sich zum Beispiel in seinen Gleichnissen wider. Aber nicht zuletzt durch die Missionsreisen des Paulus fasste die Botschaft Jesu schnell im griechisch-römischen Kulturraum Fuß, zunächst vor allem in der jüdischen Diaspora, aber bald auch unter Menschen, die in der Welt der griechischen und römischen Götter und Philosophie zu Hause waren.[4] Diesen Menschen wurde die Botschaft des Wanderpredigers in Galiläa so vermittelt, dass sie diese auf ihrem eigenen kulturellen und religiösen Hintergrund verstehen konnten. Danach wurden sie selbst zu Missionaren und In­terpreten der neuen religiösen Gedanken und fassten sie auf eine Weise in Worte, dass ihre Mit­menschen sie verstanden und annehmen konnten.

 

Die neuen Gläubigen bemühten sich, ihre eigene Kultur und religiösen Traditionen mit dem in Verbindung zu bringen, was sie von Jesus von Nazareth und seiner Botschaft gehört hatten. Die überall entstehenden Gemeinden hatten allenfalls losen Kontakt miteinander, und nach der Zerstörung von Jerusalem 70 n. Chr. fehlte der entstehenden Religionsgemeinschaft ein alle verbindendes religiöses Zen­trum. Paulus hatte durch seine Sammlung für die Heiligen in Jerusalem noch zum Ausdruck gebracht, dass in dieser Stadt, in der Jesus gestorben war, der Ausgangs- und Orientierungspunkt der verstreuten religiösen Gemeinschaft lag. Aber nach der Vertreibung der meisten Juden einschließlich der Jesusanhänger aus Jerusalem und nach dem Tod von Paulus und Aposteln fehlte sowohl örtlich als auch personell ein solches Zentrum. Dazu entwickelten sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte Rom und dann auch Konstantinopel/Byzanz. Aber in der Phase, als die Jesusgeschichten aufgeschrieben wurden, bestand die Jesusbewegung aus einer größeren Zahl nebeneinander existierender Gruppen, die ein sehr unterschiedli­ches Verständnis davon hatten, wer Jesus war und was er gelehrt hatte. Annette Merz schreibt in dem Zeitschriftenbeitrag „Viele Gemeinden – viele Evangelien“ hierzu:

 

„Bereits wenige Jahre nach Jesu Tod kam die christliche Bewegung in die heidnischen Küstenstädte Palästinas, nach Kleinasien und in die Mittelmeerstaaten. Da das im jüdischen Krieg zerstörte Jerusalem schon gegen Ende des 1. Jh. bedeu­tungslos geworden war, verbreitete sich das Christentum ausgehend von mehre­ren Zentren, deren jeweilige kulturelle und historische Prägung Einfluss aus­übte auf die Auslegung der Traditionen. Cäsarea maritima, Antiochia in Syrien, Ephe­sus in Kleinasien, Philippi und Korinth in Griechenland, Alexandria in Ägyp­ten, Rom in Italien.“[5]

 

Diese entstehende Vielfalt können wir beim Leser der Paulusbriefe, der Evangelien und der übrigen Texte des Neuen Testaments rasch erkennen. Ohne die „Heimischwerdung“ (oder Inkulturation) des Evangeliums in allen Regionen des kulturell und religiös sehr vielfältigen Römischen Reiches wäre das Christentum nicht so rasch zu einer „Weltreligion“ geworden. Aber bald war immer schwerer zu erkennen, was Jesus selbst gelehrt hatte und was die Gläubigen rund ums Mittelmeer daraus gemacht hatten. Und als dieser Glaube auch in der germanischen Welt und in Irland heimisch wurde und später in allen Teilen der Welt, da entstand jene ungeheure Vielfalt des Christentums und der christlichen Glaubensüberzeugungen, die wir heute als Beliebigkeit brandmarken oder als Reichtum preisen können. Die­ser Prozess der Veränderung durch seine Heimischwerdung in unterschiedlichen Kulturen lässt sich sehr gut am Beispiel der Weihnachtsberichte erkennen.

 

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Hubertus Halbfas: Die Bibel, Düsseldorf 2001, S. 357

[2] Vgl. Franz Joseph Schierse: Einführung in das Neue Testament, Düsseldorf 2001, S. 27

[3] Vgl. Stephan Schade: Griechisch durch und durch, Publik-Forum, 15/2007, S. 58f.

[4] Vgl. Jörg Zink: Die Urkraft des Heiligen, Freiburg 2003, S. 183ff.

[5] Annette Merz: Viele Gemeinden – viele Evangelien, in: Apokryphe Evangelien, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2007, S. 20