Jesu Geburt bei Matthäus

 

Matthäus 1,18-25 Bibeltext

 

In der Geburtsgeschichte im Matthäusevangelium schildert der Evangelist, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger war. Aber das hatte ganz reale Folgen in der irdischen Welt. Wenn ihr „Fehltritt“ bekannt werden sollte, drohte ihr die öffent­liche Steinigung. Unter Kaiser Au­gustus war Ehebruch zu einem Straftatbestand ge­worden, und auch nach jüdischem Verständnis war dies ein schweres Verge­hen.[1] Deshalb dauerte die Verlobungszeit in der damaligen jüdischen Gesellschaft häufig ein ganzes Jahr, eine Zeit, in der die Braut bei ihren Eltern wohnen blieb, und erst wenn sicher war, dass sie zum Zeitpunkt der Verlobung nicht durch einen anderen Mann schwanger geworden war, wurde geheiratet. Man ahnt, in welchen Schwierigkeiten das junge Mädchen steckte, als es während der Verlobungszeit schwanger wurde, wie wir bei Matthäus lesen.[2]

 

Als Marias Verlobter Josef die Schwangerschaft bemerkte, beschloss er, keine Schande über sie zu bringen und ohne großes Aufsehen mit einem Scheidebrief die Verbindung zu lösen. Er wollte auf diese Weise eine Bloßstellung der jungen Frau in aller Öffentlichkeit vermeiden.[3] Aber dazu kam es nicht, erfahren wir in der Erzählung des Evan­gelisten Matthäus. Josef erschien ein Engel im Traum und verkündete, er solle sich nicht fürchten, sondern Maria, seine Frau, zu sich nehmen, „denn was sie em­pfan­gen hat, das ist von dem Heiligen Geist“ (Matthäus 1,20). Maria werde einen Sohn gebären, dem Josef den Namen Jesus geben sollte. Damit sollte die Prophe­zeiung in Jesaja 7,14 erfüllt werden, dass eine junge Frau oder Jungfrau einen Sohn gebären werde, der den Namen Imma­nuel erhalten sollte, was „Gott mit uns“ bedeutet. Nach diesem Traum, berichtet Matthäus, nahm Josef Maria zu sich, berührte sie aber nicht, bis sie das Kind gebar, dem Josef den Namen Jesus gab. Jesus wurde nach Matthäus in Bethlehem in Judäa geboren zur Zeit des Königs Herodes.

 

Die genauen Umstände der Geburt Jesu beschreibt Matthäus nicht. Bei ihm gibt es weder Stall noch Krippe, weder Hirten noch Engelscharen, was erklärt, warum Lukas bei der Auswahl des Weihnachtsevangeliums immer die erste Wahl ist. Eine ausgearbeitete Geburtsgeschichte war für Matthäus entbehrlich, nur ein hal­ber Vers berichtet von diesem Ereignis. Matthäus war die Empfängnis durch den Heiligen Geist wichtig, ebenso die Abstammung Josefs von David, die Verheißung, die mit dem Propheten Jesaja und mit dem Namen Jesus verknüpft wird, und die Geburt in Bethlehem.

 

Es fällt auf, dass Maria in dieser Geburtsgeschichte stärker am Rande steht als bei Lukas. Ihr erscheint kein Engel, sie hat keine Begegnung mit Elisabeth und ist auch mit keinem Lobgesang zu vernehmen. Dafür übernimmt Josef eine deutlich wich­tigere Rolle. Ihm erscheint ein Engel, er trifft die Entscheidung, Maria nicht zu verstoßen und er gibt Jesus den Namen. Dadurch, dass in Matthäus Darstellung die Fami­lie in einem Haus (vgl. Matthäus 2,11) in Bethlehem lebt, als das Kind geboren wird, braucht Josef nicht mit seiner Verlobten die beschwerliche Reise von Galiläa nach Judäa zu unternehmen.

 

Allerdings musste Matthäus seinen Leserinnen und Le­sern erklären, wie die Familie nach der Geburt nach Nazareth gelangte, denn dass Jesus von Nazareth in diesem Ort aufwuchs, war im ersten Jahrhundert allge­mein bekannt und konnte vom Verfasser eines Evangeliums nicht igno­riert werden. Matthäus hat deshalb den Kindermord in Bethlehem und die Flucht nach Ägyp­ten in sein Evangelium aufgenommen, an deren Ende die Familie sich nach Nazareth begab. Johannes der Täufer kommt in der Geburtsdarstellung von Matthäus über­haupt noch nicht vor, während Lukas die Ankündigung seiner Geburt, die Schwan­gerschaft seiner Mutter und seine Geburt kunstvoll mit der Jesusgeschichte verknüpft hat.

 

Die Unterschiede zwischen den Geburtsdarstellungen von Matthäus und Lukas sind augenfällig. Mit Thomas Söding, Professor für Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum, sind aber auch die Gemeinsamkeiten der beiden Texte zu beachten: Jesu Mutter heißt in beiden Evangelien Maria, Maria und Josef sind verlobt, Josef entstammt dem Haus Da­vid, er ist nicht der leibliche Vater Jesu, Maria ist Jungfrau, ein Engel kündigt die Geburt des Kindes an und fordert dazu auf, ihm den Namen Jesus zu geben, die Schwangerschaft beruht auf dem Wirken des Heiligen Geistes und Jesus wird als Messias Israels angekündigt.[4]

 

Dafür, dass die beiden biblischen Ge­schich­ten mit großer Wahrscheinlichkeit unabhängig voneinander ent­standen, sind die Gemeinsamkeiten beträchtlich, und viel spricht dafür, dass Professor Södings Einschätzung richtig ist, dass beide Evangelisten auf frühe mündliche Überlieferungen zu­rückgreifen konnten. Es dürfte in den ersten Gemein­den auch einige Jahrzehnte später bekannt gewesen sein, dass Jesu Mutter den Namen Maria trug, zumal sie nach der Überlieferung von Johannes der Urgemeinde in Jerusalem angehört hatte. Außerdem ist der Name Maria im Markusevangelium zu finden, das wahrscheinlich den Evangelisten Matthäus und Lukas vorlag.

 

Auch der Name des Vaters war in den Geschichten über Jesus offenbar bekannt. Dass die Familie in Nazareth gelebt hatte, war sicher überliefert worden, wurde das Kind doch in seiner Zeit als Wanderprediger als Jesus von Nazareth bezeichnet. Es war damals üblich, zur Unterscheidung von Menschen mit einem häufigen Namen wie Jesus den Wohnort an den Namen anzufügen, vor allem am Wohnort selbst auch den Namen des Vaters oder der Mut­ter. So fragten die Bewohner von Nazareth beim Auftritt des Wanderpredigers Jesus in seinem Heimatort, ob er nicht Marias Sohn sei (Markus 5,3) oder der Sohn des Zimmermanns (Matthäus 13,55) oder Josefs Sohn (Lukas 4,22).

 

Die Vorstellung von der Jungfrauengeburt wurde vermutlich bereits einige Jahr­zehnte nach Jesu Hinrichtung in den Kanon der Glaubensüberzeugungen der ersten christlichen Gemeinschaften aufgenommen und war deshalb sowohl Matthäus als auch Lukas bekannt. Zudem standen beide vor der Aufgabe, die Glaubensüberzeugung zu verteidigen, dass Jesus gegen allen äußeren Anschein tatsächlich der erwartete Messias war, wozu es sich als notwendig erwies, schon in Zusammenhang mit der Geburt zu belegen, dass die Verheißungen der Hebräischen Bibel mit Jesus in Erfüllung gegangen waren.

 

Menschliche Schuld und göttliche Liebe

 

Der Reformator Johannes Calvin hat in einer Auslegung des ersten Kapitels des Matthäusevangeliums seine theologischen Überzeugungen pointiert zusammenge­fasst. Er schreibt über die in Vers 21 angekündigte Rettung der Menschen von den Sünden durch den Erlöser Jesus: „Daß in Christus das Heil ist, bedeutet also, daß das ganze menschliche Geschlecht dem Untergang verfallen ist … Der Engel bezeugt, wir seien verloren und lägen in der Verdammnis, weil wir durch unsere Sünden von dem Leben geschieden sind. Daraus erkennen wir die Verdorbenheit und Verkehrtheit unserer Natur; schuldlose und zu rechtem Wandel tüchtige Leute brauchten ja keinen Erlöser. Aber wir alle ohne Ausnahme bedürfen seiner Gnade. Folglich sind wir Knechte der Sünde und ermangeln wahrer Gerechtigkeit.“[5] Hier fällt das zutiefst negative Menschenbild auf, jedenfalls aller Menschen, die noch nicht erlöst sind. Damit stand Johannes Calvin damals nicht allein, auch in der ka­tholischen Kirche und bei Martin Luther finden wir solche Überzeugungen, wobei es unterschiedliche Auffassungen dazu gab, wie die Menschen den Weg zur Erlösung finden konnten.

 

Manche Denker der Aufklärung haben diesem negativen Verständnis vom Men­schen ein positives Verständnis der Natur des Menschen entgegengesetzt, bis hin zu den berühmten „edlen Wilden“. Erst durch negative gesellschaftliche Einflüsse komme der Mensch von seinem wahren Charakter und seiner wahren Bestimmung ab. Beide Positionen haben die Neuzeit stark mitgeprägt. Die Betonung der Sündhaftigkeit des Menschen hat über Generationen Selbstzweifel genährt, beson­ders dann, wenn die Sündhaftigkeit stark auf die Sexualität bezogen wurde. Umgekehrt hat das Bild vom eigentlich guten und edlen Menschen den Individualismus und auch die Individualisierung und Privatisierung des Glaubens gefördert. Der „edle Wilde“, der seinen Weg durch den Dschungel der Welt geht, bedarf anscheinend der Erlösung nicht.

 

Aber es muss nicht bei diesen Alternativen bleiben. Wir müssen uns mit unserer Schuld und Sünde auseinandersetzen und können sie nicht auf Dauer verdrängen, ohne Opfer dieser Verdrängung zu werden. Aber wir müssen, sind heute viel Christinnen und Christen überzeugt, nicht gleich die ganze Sündhaftigkeit der Menschheit seit Adam und Eva auf unsere Schultern laden. Man kann die Verheißung, dass uns Christus von unseren Sünden befreit, als Zusage verstehen, dass da einer ist, der uns mit der Schuld und dem Fehlverhalten nicht allein lässt, wenn sie schwer auf uns lasten. Die Liebe Gottes macht das, was wir angerichtet haben, nicht ungeschehen, aber wir können weiterleben in dem Vertrauen auf einen liebenden und gnädigen Gott. Das ist eine der Verheißungen der Weihnachts­geschichte, wie sie Matthäus uns überliefert hat.

 

Die Reformatoren Johannes Calvin und Martin Luther haben den Christinnen und Christen ihrer Zeit Antworten auf die existenziellen Glaubensfragen gegeben und einen Weg aus der Angst vor der ewigen Verdammnis, wie sie im Spätmittelalter und in der Zeit des Übergangs zur Neuzeit weit verbreitet waren. Fast ein halbes Jahrtausend später haben viele Gläubige andere existenzielle Fragen und Ängste. Die meisten von ihnen glauben nicht mehr daran, dass Adam und Eva die ersten Menschen waren und dass mit einem Fehltritt der beiden die Sünde auf die Welt gekommen ist. Wir sollten nicht den Versuch unternehmen, auch ohne diese beiden Hauptpersonen den Glauben an die seit Anfang der Menschheit bestehende Erbsünde neu zu beleben. Heute suchen Menschen die Antworten auf die Frage, wie sie mit eigener Schuld umgehen und wie gesellschaftliche Übel beseitigt werden kön­nen. Die Befreiung von der Sünde kann in unserer Zeit neu verstanden werden, wird zur Grundlage für ein Leben im Vertrauen auf einen Gott, der alle Tränen abwischt und vor dem die Herrschaft des Unrechts keinen Bestand hat. Mit der Geburt des Kindes in Bethlehem, wie es von den Evangelisten beschrieben wird, und der Geburt jedes Kindes beginnen das Wunder des Lebens und die Verheißung Gottes für alle Men­schen und jeden einzelnen Menschen immer wieder neu.

 

Ein jüdisches Kind verheißt das Heil

 

Johannes Calvin hat seiner Auslegung des 1. Kapitels des Matthäusevangeliums den Titel „Das Heil kommt von den Juden“ gegeben. Damit nimmt der Reformator die Verheißung in Vers 21 ernst, dass Jesus sein Volk retten wird. Er schreibt hierzu: „Der Engel nennt die Juden das Volk Christi, weil er ihnen zum Haupt und König verordnet war; weil jedoch in der Folgezeit die Heiden dem Geschlecht Abrahams eingepflanzt werden sollten, erstreckt sich diese Heilsverheißung ohne Unterschied auf alle, die durch den Glauben zu dem einen Leib der Gemeinde hinzugetan werden.“[6] Das Problem dieser Ausweitung der Verheißung des Engels auf die Heiden besteht darin, dass das Heil nun allen zugesprochen wird, die sich durch ihren Glauben dem Leib der Gemeinde angeschlossen haben, womit zweifelsohne die christ­liche Gemeinde oder Kirche gemeint ist. Aber was ist mit all den Juden, die sich nicht zu Christus bekennen? Diese Frage hat reformierte und andere evange­lische Christinnen und Christen spätestens seit dem Holocaust intensiv beschäftigt, und es setzt sich die Auffassung durch, dass das jüdische Volk nicht vom Heil „enteignet“ und es nur der Kirche zugesprochen wurde. Das Heil kommt nicht nur von den Juden, sondern es bleibt bei ihnen und wird – so die christliche Überzeu­gung – auch all denen zugesprochen, die Christus als den ansehen, der den Weg zu diesem Heil weist.

 

Bei Johannes Calvin (wie bei Martin Luther) finden wir erschreckende Sätze über die jüdischen Mitmenschen. Dies zeigt sich auch in seiner Auslegung der Weih­nachtsgeschichte von Matthäus. Für christliche Theologen war es immer wieder ein Problem, wie die von Matthäus angeführte Weissagung von Jesaja (siehe Vers 22) ausgelegt werden kann, wie also der alttestamentliche Text, der sich auf einen anderen Zusammenhang bezog, durch die Geburt Jesu „erfüllt“ worden ist. Johannes Calvin nimmt die jüdische Kritik an der christlichen Auslegung des Jesaja-Wortes zum Anlass für wütende antijüdische Angriffe: „Aber die Juden haben sie (gemeint ist die Weissagung, d. Verf.) verdreht und darin ebenso blinden, albernen wie un­gerechten Haß gegen Christus und die Wahrheit bezeugt.“[7]

 

Und einige Sätze spä­ter lesen wir: „Das sind wahrlich würdige Feinde Christi, die Gott mit dem Geist der Verblendung und Verstocktheit betört hat.“[8] Nach solchen Angriffen auf die Juden betonte Johannes Calvin über den Propheten Jesaja: „Wir müssen also beachten: Daß der Prophet die Ungläubigen zum Bund ganz allgemein zurückruft, ist eine Art Tadel dafür, dass sie (gemeint sind die Juden, d. Verf.) kein besonderes Zeichen zuließen.“[9] Johannes Calvin war überzeugt: „Erst mit Christi Kommen im Fleisch gewann der Name Immanuel seine volle Bedeutung. Daraus folgt, daß die Ge­meinschaft Gottes mit den Vätern noch nicht die vollkommene Gemeinschaft war, und ebenso, daß Christus der im Fleisch geoffenbarte Gott ist.“[10]

 

Hier sind wir nun zu einem entscheidenden Punkt in der Argumentation des Reformators gekommen. Die Gemeinschaft Gottes mit dem jüdischen Volk wird nicht infrage gestellt, aber sie war nach diesem Verständnis nicht vollkommen. Die vollkommene Gemeinschaft ist für Johannes Calvin mit Christus auf die Welt gekommen. Daraus folgt konse­quen­terweise, dass diejenigen, die sich dieser Gemeinschaft mit Christus verwei­gern, vom Weg zur vollkommenen Gemeinschaft mit Gott ab­kommen. Wenn Johannes Calvin den gläubigen Juden vorwarf, verstockt zu sein, entspringt dies der Überzeugung, dass sie nicht wahrnehmen und akzeptieren woll­ten, dass die Verheißungen des Alten Testaments, ja das ganze Alte Testament, allein auf Jesus hinführen. Eine solche Position lässt sich als Konfrontationskurs ge­genüber dem Judentum verstehen, denn die jüdischen Gläubigen mussten die Auffassungen des Reformators als Versuch verstehen, ihren überlieferten Glauben zur Vorstufe zum Christentum zu machen und sie selbst zu störrischen Menschen, die nicht einsehen wollten, dass nur in Jesus Christus der Weg zum Heil ist.

 

Interessant ist Johannes Calvins Position in einem zentralen Streitpunkt zwi­schen Juden und Christen, der Frage der Jungfrauengeburt. Anders als Martin Luther gestand er „den Juden“ zu, dass der Jesajatext mit „junge Frau“ und nicht mit „Jung­frau“ übersetzt werden kann. Er gestand sogar zu, dass die Übersetzung als junge Frau „den Buchstaben nach durchaus richtig ist“. Der Sache nach handele es sich aber unumstößlich darum, „daß der Prophet hier von wunderbarer, ungewöhn­licher Geburt berichtet“.[11] Johannes Calvin verweist darauf, dass in dem Jesaja-Text von keinem Mann der jungen Frau die Rede sei, den Männern also in die­sem Fall das Recht, „das sie von Natur sonst besitzen“, genommen wurde. Deshalb hätten die Propheten an dieser Stelle ein großes Wunder Gottes gepriesen, das die Gläubigen aufmerksam und ehrfürchtig bedenken sollten. Und wieder folgt ein An­griff auf „die Juden“: „Die Juden entweihen das unwürdig, indem sie von gewöhnlicher Schwangerschaft sprechen. In Wirklichkeit aber ist sie von der verborgenen Kraft des Geistes gewirkt.“[12]

 

So vehement der Reformator die Geburt Jesu durch eine Jungfrau verteidigte, so wenig festgelegt war er in der Frage, ob Maria immer eine Jungfrau blieb. Er betonte in seiner Auslegung, dass sich dies „aus den Worten der Evangelisten nicht entschei­den“ ließe. Und er gelangte zur Überzeugung: „Nur Neugierige und Streitsüchtige werden wegen dieser Frage Streit anfangen und hartnäckig auf ihren Meinungen beharren.“[13] Wer sich an Johannes Calvin orientiert, kann also getrost und ohne Bedenken von dem Gedanken Abschied nehmen, Maria sei ewig Jungfrau geblieben. Aber ebenso ist es möglich, an dieser Vorstellung festzuhalten. Diese evangelische Freiheit sollten wir schätzen und bewahren.

 

Und wir können heute an das Wunderbare der Geburt Jesu glauben, auch wenn wir uns dazu keine Jungfrauengeburt vorstellen. Bei Matthäus werden Jungfrauengeburt und die Abstammung von David über die Ahnenreihe von Josef dadurch in Einklang gebracht, dass Josef dem neugeborenen Kind den Namen Jesus gibt und es damit adoptiert. Wenn wir auf die antike Vorstellung der Jungfrauengeburt verzichten, können wir aber Josef auch ohne Adoption als den Vater Jesu wahrnehmen.

 

In Bethlehem geboren

 

Bethlehem, nach dem Alten Testament der Geburtsort Davids, ist in beiden Evan­gelien der Geburtsort Jesu, weil die Verfasser an Micha 5,1 und 3 anknüpfen wollten: „Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist … Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des Herrn und in der Hoheit des Namens des Herrn, seines Gottes. Und sie werden sicher woh­nen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde.“ Zu ergänzen ist: Nicht nur zur Zeit des Propheten Micha, sondern auch zur Zeit der Geburt Jesu war Beth­lehem ein politisch völlig unbedeutender Ort.[14]

 

Der katholische Theologe Thomas Hieke schreibt zu den „Anknüpfungspunkten“ an den Ort Bethlehem in der Geburtsgeschichte: „Es ist weder ein zwingender Beweis, dass Jesus der Messias ist, noch wird unterstellt, die Micha-Prophetie denke bei ihrer Entstehung schon an Jesus. Matthäus setzt vielmehr den Glauben an die Bot­schaft voraus, dass Jesus der verheißene Messias ist, und sucht dazu nach möglichen Interpretationen in den alten Schriften. Und wieder ist die zentrale Aussage nicht die historische (der Geburtsort). Die moderne Fragestellung, wo der historische Jesus geboren ist, geht an der Intention dieser Texte vorbei. Für sie ist nämlich … eine Aussage über die Bedeutung Jesu entscheidend: Er ist der Hirt des Gottesvolkes.“[15]

 

Eugen Drewermann, ebenfalls katholischer Theologe, hat zur Geburt Jesu in dem unbedeutenden, kleinen Ort Bethlehem geschrieben: „Nicht ob du ein Jude bist oder ein Römer oder ein Samaritaner ist das Entscheidende, meinte Jesus, sondern was für ein Mensch du bist, einzig das zählt. In der ‚Weihnachts’-Geschichte des Lukas und Matthäus hat sich diese Überzeugung Jesu in dem Bild von der Geburt in Bethlehem niedergeschlagen. Nicht in der Kaiserstadt Rom, nicht in dem Re­gie­rungssitz von Jerusalem, einzig in der ‚Königsstadt Davids’ soll der ‚Retter’ zur Welt gekommen sein. Nie hat sich Jesus für einen ‚König’ nach der Art derer ausgegeben, von denen die Geschichtsbücher voll sind; nie ist er als der ‚Messias’ aufgetreten; er wollte allein, dass Gott in den Herzen der Menschen ‚herrscht’ durch die Macht seiner Liebe. Doch eben damit brachte er die politische ‚Ordnung’ ins Wanken; eben damit untergrub er den scheinheiligen Pakt von Thron und Altar …“[16]

 

Allerdings, heute sind auch in der theologischen Wissenschaft die Zweifel groß, dass Jesus tatsächlich in Bethlehem geboren wurde. Rudolf Pesch, katholischer Pro­fessor für Neues Testament, schreibt in einem Buch über die matthäische Weihnachtsgeschichte: „Die exegetische Diskussion weist eindeutig in die Richtung der Annahme, dass Jesus in Na­za­ret zur Welt kam.“[17] Wir können, will ich hier anfügen, dennoch an dem Gedanken festhalten, dass Matthäus und Lukas zu ihrer Zeit gute Gründe hatten, von einer Geburt Jesu in Bethlehem zu erzählen, vor allem zur Bekräftigung, dass der Mes­sias tatsächlich geboren war und zwar wie angekündigt in der Stadt Davids. Damals, inmitten von Unsicherheit und Anfeindungen, bedurfte die kleine Gemeinschaft der Jesusbewegung der Vergewisserung, dass der von den Römern hinge­richtete Jesus tatsächlich der Messias war. Wir können die alten Geschichten heute so weitererzählen, wie sie damals aufgeschrieben wurden. Aber wir wissen, dass wir nicht daran glauben müssen, dass Jesus tatsächlich in Bethlehem geboren wur­de. Auch ein Jesus, der in Nazareth im kleinen Haus einer Zimmermannsfamilie geboren wurde, kann für uns der Christus sein, der uns den Weg zum Glauben an den einen Gott weist.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Karin Lehmeier: Von der unheiligen zur heiligen Familie, Junge Kirche, 6/2002, S. 59f.

[2] Vgl. Dietrich Eberling: Josef und die Weihnachtsbotschaft – Eine Auslegung von Mt 1,18-25, zu finden auf www.feg-rhein-sieg.de

[3] Vgl. Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, Stuttgart 2008, S. 43f.

[4] Vgl. Thomas Söding: Zur Traditionsgeschichte der „Kindheitsgeschichten“, als pdf-Datei: http://www.kath.ruhr-uni-bochum.de/imperia/md/content/nt/nt/kindheit.pdf

[5] Johannes Calvin: Christnacht – Matthäus 1,1-25: Das Heil kommt von den Juden, auf www.reformiert-info.de; gedruckt erschienen in: Johannes Calvin: Auslegung der Heiligen Schrift, Die Evangelienharmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag 1966, S. 58ff.

[6] Ebenda

[7] Ebenda

[8] Ebenda

[9] Ebenda

[10] Ebenda

[11] Ebenda

[12] Ebenda

[13] Ebenda

[14] Vgl. Bethlehem, in: Auf den Spuren von Jesu, Teil 1, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2006, S. 51

[15] Thomas Hieke, „Wie es geschrieben steht“, in: Weihnachten, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2007, S. 35

[16] Eugen Drewermann: Der Traum von Bethlehem, Publik-Forum, 24/96, S. 26

[17] Rudolf Pesch: Die matthäischen Weihnachtsgeschichten, Paderborn 2009, S. 23