Jesu Darstellung im Tempel

 

Lukas 2,22-39 Bibeltext

 

Wir lesen im Lukasevangelium, dass Maria und Josef das Jesuskind in den Tempel in Jerusalem brachten, um „ihm den Herrn darzustellen“ und ein Opfer darzubrin­gen. Diese Darstellung des erstge­bo­re­nen Sohnes hatte eine feste Tradition im Judentum, war aber nicht an den Tempel gebunden. Die Evangelien enthalten unterschiedliche Angaben darüber, wie oft Jesus den Tem­pel in Jerusalem besucht hat. Lukas berichtet als Einziger davon, dass Jesu Eltern das kleine Kind in den Tempel brachten und das Dankopfer darboten. In Lukas Ab­folge der Jesusgeschichte geschah dies auf dem Rückweg von Bethlehem nach Na­za­reth. Dass Maria und Josef sich mit einem Taubenopfer begnügten, ist als Beleg für ihre Armut zu verstehen, denn nur, wer zu arm war, ein Lamm zu opfern, durfte Tauben opfern (vgl. 3. Mose 12,6ff.).

 

Als Maria und Josef mit ihrem Kind im Tempel eintrafen, nahm der fromme Sime­on das Kind in die Arme und segnete es und seine Eltern. Im Tempel war auch die Prophetin Hanna, die hoch betagt war. Sie war Witwe und diente Gott Tag und Nacht durch Fasten und Beten und als sie Jesus sah, pries sie ihn. Simeon knüpft in seinem Lobpreis an Jesaja an, wo Israel als „Licht der Heiden“ (Jesaja 42,6 und 49,6) gepriesen wird. Hervorzuheben ist hier, dass der Heiland und das auser­wählte Volk in einer engen Beziehung stehen und das „Licht der Heiden“ nicht auf einen Messias losgelöst vom Volk Israel übertragen werden kann. Die feministische Theologin Claudia Janssen schreibt hierzu: „Das Heil für die Men­schen aus den Völkern setzt also voraus, dass in Jesus der Messias Israels zur Welt gekommen ist und mit ihm und seinem Auftreten die messianische Heilszeit anbricht … Das Kom­men des Messias und der Anbruch des Reiches Gottes gelten auch uns, aber da­durch ist Israel als Heilsträgerin nicht abgelöst.“[1]

 

Zu diesem Ergebnis sind auch die Menschen in Solentiname in Nicaragua gekommen, als sie in den 1970er Jahren gemeinsam mit Ernesto Cardenal über die­sen biblischen Text sprachen:

 

Alejandro: - Das Licht soll auch für die leuchten, die nicht zum Volk Israel gehören. Israel ist das auserwählte Volk, das allen vorangeht. Darum ist die Geburt des Messias eine Ehre für Israel, aber in Wirklichkeit sollen alle befreit werden, die ganze Welt.

 

Ich (Ernesto Cardenal) sage: - Einige Zeilen vorher wurde gesagt, der alte Simeon habe die Befreiung Israels erwartet; jetzt mit dem Kind auf dem Arm spricht er davon, dass die Befreiung Israels für alle Welt gemeint ist.

 

Und Julio: - Israel war ein armes und unterdrücktes Volk. Es war so etwas wie ein Elendsviertel, wie heute Acahualinca in Managua. Aber ein Befreier, der die Leute aus den Elendsvierteln befreit, muss danach notwendigerweise das ganze Land befreien, nicht nur diese Elendsviertel.

 

Ich: - Durch die Armen wollte er später alle anderen befreien; die Armen würden die Befreiung der anderen sein … So war es auch mit Israel. Gott wählte dieses unter­drückte Volk aus, um später durch dieses Volk auch alle anderen Völker der Erde zu befreien.“[2]

 

Die Prophetin Hanna erkennt Gott im kleinen Kind

 

Von Hanna ist kein Lobpreis überliefert, aber das bedeutet nicht, dass ihr nur eine Nebenrolle in dieser Geschichte zukommt. Claudia Janssen schreibt hierzu: „Ihr Name, ihr Prophetinnentitel, ihr Alter, ihre Herkunft, ihr ehelicher Status und ihre besondere Frömmigkeit werden aufgeführt. Sie steht in der Öffentlichkeit, ihr Titel weist auf religiöses und politisches Wirken hin. Sie spricht nicht nur zu den Eltern, sondern zu der Menge derer, die auf die Befreiung Jerusalems warten.“[3]

 

Hanna steht im Lukasevangelium in der Tradition der großen Prophetinnen, von denen in der Hebräischen Bibel berichtet wird. Eine herausragende Bedeutung hat die Prophetin Mirjam, die in den Mosesgeschichten eine wichtige Rolle einnimmt. Die evangelische Theologin Klara Butting schreibt über diese Prophetin: „Mirjam steht als Repräsentantin der Prophetie neben den beiden Männern Mose und Aaron, die in diesem Nebeneinander Tora und Kult repräsentieren.“[4] Mirjam war keine leise Prophetin im Hintergrund, die den Männern das Feld überließ. In 2. Mose 15,20 lesen wir: „Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen.“ Auch von der Prophetin Debora ist in der Hebräischen Bibel die Rede, die den Widerstand gegen die Kanaanäer in Gang brachte, und von der Prophetin Hulda, die in der Zeit kurz vor dem babylonischen Exil den Willen Gottes verkündete.[5] Klara Butting kommt aufgrund der Beschäftigung mit diesen und anderen Prophetinnen zum Ergebnis: „Ohne diese Prophetinnen ist Prophetie in Israel nicht denkbar und nicht erzählbar.“[6]

 

Die Prophetin Hanna erkannte in einem kleinen Kind den Heiland, wo andere einen mächtigen König erwarteten, der die Römer aus dem Land vertreiben würde. Angelika Scholte-Reh, Pastorin im Rheinland, hat über das Geschehen im Tempel so gepredigt: „Gott kommt in unsere Welt. Hanna erwartet Gott sehenden Auges, offenen Herzens. Wer wie Hanna, die hochbetagte Prophetin, mit Gottes Kommen in unserer Welt rechnet, der kann die Zeichen erkennen. Gott kam allerdings nicht mit Macht und Gewalt, wie viele erwartet hatten. Vielmehr kam Gott als kleines Kind, von seiner Mutter liebevoll im Arm gehalten, vom Vater freundlich umsorgt, ganz auf die Menschen um ihn angewiesen. In diesem kleinen Menschenwesen begegnet Hanna Gott, dem Barmherzigen und Mächtigen, dem Liebevollen und Gnädigen.“[7]

 

Das bedeutet nun nicht, dass Lukas hier eine unpolitische Botschaft verkündet. Hierzu noch einmal die evangelische Theologin Claudia Janssen: „In der Darstellung Hannas sind zwei Ebenen mit­einander verbunden: Auf der ersten repräsentiert sie durch ihren Gottesdienst und ihre Gebetspraxis eine Frömmigkeit, die als Kritik am priesterlichen Missbrauch der Macht und der Ausbeutung der Gläubigen zu verstehen ist. Sie wird zum Gegenbild zu den Hohepriestern und der übrigen Tempelhierarchie, die sich in Kooperation mit den Römern bereichern. Ihre Beschreibung bringt implizit zum Ausdruck: Im Tempel soll Gott gedient werden, nicht den Römern. Auf der anderen Seite bedeutet das Festhalten an der zentralen Bedeutung des Tempels auch nach seiner Zerstörung – die ja bei der Abfassung des Evangeliums bereits geschehen ist –, dass die Jesusbewegung ganz deutlich in Zusammenhang der anderen jüdischen messianischen Befreiungsbewegungen verstanden wer­den muss, die am Tempel als zentralem Ort jüdischer Identität festhalten. Hier erwarten sie das endzeitliche Heilshandeln Gottes.“[8]

 

Für den chinesischen Theologen Chen Zemin, der viele Jahre am Theologischen Seminar in Nanjing unterrichtet hat, ist dieser Abschnitt der Bibel vor allem eine hoffnungsvolle Geschichte: „In dieser Geschichte von Gottes Kommen auf die Welt wird noch etwas Wunderbares sichtbar: Alte Menschen erfahren Trost. Simeon und Hanna waren fromme Israeliten, die ihr Leben lang auf diesen Tag gewartet hatten. Lange vor der Ankunft des Heilands liebten und ehrten sie ihn schon. Nun, da sie an der Schwelle des Todes stehen, gewährt Gott ihnen die kostbare Gnade des Trostes. Ihre Augen dürfen den Heiland sehen … Der Glaube von Hanna und Simeon erhielt das verdiente Geschenk. Gott, verleihe auch uns solchen Glauben, der die Weite deines Lichtes fassen kann, und wenn bittere Erfahrungen uns mit voller Wucht tref­­fen, gib uns Vertrauen und Kraft.“[9] Die bitteren Erfahrungen, die hier anklingen, sind für diesen Theologen wahrscheinlich auch die Erfahrungen chinesischer Christinnen und Christen in den ersten Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft in ihrem Land. Es war eine Zeit, in der sie wie Hanna und Simeon nie die Hoffnung auf das Kommen des Heilands aufgegeben haben.

 

Auch für Frauen in Mankweng im Norden Südafrikas ist der Bibelabschnitt über Hanna eine Ermutigung. Im Gespräch mit der Theologin Gloria Kehilwe Plaatjie haben sie Hanna als eine Prophetin wahrgenommen, die dieses Amt so ausführen konnte wie Männer ihr Prophetenamt. Sie sind also überzeugt, dass Gott sowohl Frauen als auch Männer für diese Aufgabe beruft. Interessant ist die folgende Feststellung von Gloria Kehilwe Plaatjie über die Beschäftigung der Frauen aus einfachen Verhältnissen mit diesem biblischen Text: „Sie sehen in der Prophetin keine Frau der Antike, weit entfernt von ihrem eigenen Leben, sondern vielmehr ein ausgezeichnetes Rollenmodell, das sie dazu inspiriert, Gott mit großer Leidenschaft nachzufolgen. Sie sehen die Prophetin Hanna als eine Frau, ‚die andere Frauen darin stärkt und dazu ermutigt, ihr Leben in der Gemeinschaft nach Gottes Willen zu führen’.“[10]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Claudia Janssen: Hanna – Prophetin der Befreiung, Junge Kirche, 12/96, S. 687

[2] Ernesto Cardenal: Das Evangelium der Bauern von Solentiname, Wuppertal 1980, S. 53

[3] Claudia Janssen: Hanna – Prophetin der Befreiung, a.a.O., S. 687

[4] Klara Butting: Prophetinnen auf der Spur, in: Prophetie und Visionen, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2004, S. 34

[5] Vgl. ebenda, S. 35f.

[6] Ebenda, S. 37

[7] Angelika Scholte-Reh: Die Prophetin Hanna, in: Mieke Korenhof (Hrsg.): Mit Eva predigen, Düsseldorf 1996. S. 64

[8] Claudia Janssen: Hanna – Prophetin der Befreiung, Junge Kirche, 12/96, S. 688

[9] Chen Zemin: „Ehre sei Gott in der Höhe“, Eine Weihnachtsmeditation, NM – Nordelbische Mission, 6/99, S. 10f.

[10] Gloria Kehilwe Plaatjie: Towards a Post-apartheid Black Feminist Reading of the Bible: A Case of Luke 2:36-38, in: Musa W. Dube (Hrsg.): Other Ways of Reading, African Wo­men and the Bible, Genf 2001, S. 133