Einführung

 

 „Die Ware Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht“, erinnert der Schweizer Theologe und Schriftsteller Kurt Marti. Auch viele Menschen, die einen anderen oder gar keinen religiösen Glauben haben, feiern Jahr für Jahr Weihnachten und dies zur Freude der Betreiber von Kaufhäusern und Einkaufszentren. In einer glo­ba­len Wirtschaft ist Weihnachten längst zum wichtigsten Konsumfest geworden. Zu keiner Zeit im Jahr wird so viel Umsatz gemacht wie in den Wochen vor Weihnachten, und wenn es heißt, die Erwartungen des Handels seien in diesem Jahr übertroffen worden, herrscht große Freude.

 

Und doch ist Weihnachten mehr als ein globales Konsumfest. Die Geschichte von der Geburt des Kindes in einem Stall rührt auch nach zwei Jahrtausenden viele Millionen Menschen an. Maria und Josef, das Jesuskind, die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland sind Hauptfiguren in einer Geschichte, die schon viele Mal erzählt worden ist. Und immer wieder wird diese Geschichte in der aktuellen eigenen Situation ganz neu gehört und verstanden. Und da Maria in der Geburtsge­schichte ihr aufrührerisches Mag­nifikat nicht wiederholt und Jesus seine unbe­que­men Botschaften noch nicht verkünden kann, wird die weihnachtliche Har­mo­nie nicht gestört.

 

Wenn dann die Kerzen am großen Weihnachtsbaum in der Kirche strahlen, Kinder gebannt auf die Krippe schauen und die Geschichte vorgelesen wird, wie sie Lu­kas aufgeschrieben hat, dann stehen alle im Bann des Geschehens in Bethlehem. Am nächsten Tag kommen dann vielleicht Zweifel. Ist diese schöne Geschichte nur ein wunderbares Märchen? Hat sich das, was anrührend von Lukas und Matthäus beschrieben wurde, tatsächlich vor 2.000 Jahren so zugetragen? Bibelfeste Christinnen und Christen wissen, dass es Widersprüche zwischen den Geburtsge­schich­ten bei Matthäus und Lukas gibt. Sind Maria und Josef in Bethlehem zu Hause ge­we­sen, wie im Matthäusevangelium vorausgesetzt wird, oder haben sie sich auf die mühevolle Reise von Nazareth nach Bethlehem gemacht, wie Lukas es darstellt? Sind sie nach der Geburt des Kindes nach Ägypten geflohen, um dem Kindermord zu entgehen, so Matthäus, oder über Jerusalem auf direktem Weg in ihren Heimat­ort Nazareth zurückgekehrt, wie uns Lukas überliefert hat? Viele Christinnen und Christen setzen sich solchen Fragen gar nicht erst aus, halten sie für nebensächlich angesichts des Heilsgeschehens im Stall von Bethlehem. Die Bibel ist Gottes Wort und dies Wort für Wort, warum sollten kleingläubige Christen versuchen, Widersprü­che zu erkennen? Andere Gläubige bleiben bei ihren Fragen – und gar zu oft blei­ben sie mit diesen Fragen allein.

 

Und die Pastoren und Pastorinnen, die in der hektischen Vorweihnachtszeit ihre Weihnachtspredigt vorbereiten, irgendwann zwischen Seniorenweihnachtsfeier, letz­­ter Kirchenvorstandssitzung des Jahres und dem Kauf von Geschenken für die ei­genen Kinder, wie lesen sie die Weihnachtsgeschichte? Im Studium haben die meis­­ten von ihnen die historisch-kritischen Erkenntnisse zu den biblischen Texten kennengelernt. Sie haben erfahren, wie viele Widersprüche es im Neuen Testament gibt, warum viele Texte „legendarisch“ sind und dass gerade die Weihnachtsge­schich­­te dazu gehört. Aber bei der Formulierung der Weihnachtspredigt scheint all das nicht viel zu helfen. Zwischen „Stille Nacht“ und Krippenspiel, in der überfüll­ten Kirche, mit all den Menschen, die nur dieses eine Mal im Jahr in die Kirche kom­men, da scheint nicht der richtige Zeitpunkt zu sein, die theologischen Erkenntnisse über die Weihnachtsgeschichte zu verbreiten. Und wer weiß überhaupt, was damals wirklich geschah? Daher wird auch in diesem Jahr in vielen Kirchen auf eine Weise gepredigt, als hätte es nie eine neuere theologische Wissenschaft und nie eine Erforschung des antiken Palästina gegeben. Und wenn der Pastor auf der Kanzel in der festlich geschmückten Kirche steht, vor sich die vielen erwartungsvollen Gottesdienstbesucher, dann schil­­­dert er das Geschehen in Bethlehem so, als hätte ihn nie ein Zweifel geplagt, was sich damals zugetragen hat.

 

So oder so ähnlich geht es alle Jahre wieder, und wenn es den Predigern und Predigerinnen dann auch noch gelingt, ohne gar zu sehr anzuecken einige Bezüge zum heutigen Leben herzustellen, dann können sie sicher sein, dass viele Gottesdienstbesucher ihnen am Ausgang fest die Hand drücken und sich für diese schöne Weihnachtspredigt bedanken. Warum sollte es nicht so bleiben? Hilft ein „aufge­klärtes“ Verständnis des Geschehens von vor zwei Jahrtausenden den Menschen wei­ter? Gar eine „Entmythologisierung“? Ist Weihnachten der richtige Zeitpunkt, der Ge­meinde das „zuzumuten“, was wir heute über Entstehung und Kontext der Texte der Bibel wissen. Der bekannte Re­li­gionspädagoge Hubertus Halbfas hat vor einigen Jahren in einem Vortrag diagnostiziert: „Die herrschende Kluft zwischen gesicherten theologischen Forschungsergebnissen und heutigem Glaubensverständnis ist riesig.“[1]

 

Auf diesen Seiten soll der Versuch unternommen werden, das, was wir wissen können, in Verbindung zu bringen, mit dem, was wir glauben dürfen. Der christliche Glaube hängt nicht an der Frage, ob Kaiser Augustus wirklich eine reichsweite Volkszählung an­geordnet hat. Und auch nicht an der Flucht nach Ägypten. Wenn wir lernen, dass diese Volkszählung in dieser Form nie stattgefunden hat und mit hoher Wahrscheinlichkeit die Familie Jesu nicht nach Ägypten flüchten musste, wenn wir uns intensiv mit dem beschäftigen, was wir heute über die Welt wissen, in der Jesus aufgewachsen ist, dann kann uns das die Augen öffnen für die wirklichen Geheimnisse der Geburt Jesu. Das jedenfalls soll in diesem Buch versucht werden.

 

Diese Darstellung soll eine Hilfe für alle sein, die die biblische Weihnachtsgeschichte neu und besser verstehen wollen. Es geht nicht um Beweise dafür, dass sich nicht alles so zugetragen hat, wie es die Evangelisten berichten, das ist schon oft genug bewiesen worden. Und es geht auch nicht darum, die Leserinnen und Leser ratlos in einem Trümmerhaufen sezierter und zerstörter biblischer Geschichten und Bilder zu­rückzulassen. Ich habe vielmehr versucht, das zusammenzutragen, was wir heu­te über das Weihnachtsgeschehen, seinen Kontext und seine Wirkungsge­schich­­te wissen. Auf diesem Hintergrund wird dann die Weihnachtsbotschaft neu leuch­ten für Menschen, die vom Baum der Erkenntnis genascht haben und doch wie die Kinder vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum stehen möchten.

 

Die Weihnachtsgeschichte als verheißungsvoller Anfang

 

Die Geschichten von der Geburt Jesu im Neuen Testament, vor allem bei Lukas, sind ein Prolog für die Heilsbotschaft, die in den weiteren Texten des Neuen Testaments entfaltet wird. Wie in einer Ouvertüre klingen hier bereits die Motive an, die das ganze Werk bestimmen. Es ist beeindruckend, wie viele Themen in den bei­den Geburtsgeschichten von Matthäus und Lukas bereits angesprochen werden. In einer Zeit, in der der jü­di­sche Versuch, eine regionale Großmacht zu werden, gescheitert war, in der viele Gläubige auf einen religiösen und gesellschaftlichen Neuanfang hofften, in der Jesus als der erhoffte Messias von den Römern als Terrorist gekreuzigt worden war, in der die kleinen Gruppen der Jesusanhänger zutiefst verun­sichert waren und ihnen Verfolgung drohte, haben die Evangelisten das verstreute Wissen über das Leben und die Botschaft dieses Jesus zu klug gestalteten Evangelien komponiert. Und dies gilt besonders auch für die Darstel­lungen über die Geburt und Kindheit Jesu bei Matthäus und Lukas.

 

Die Aufgaben, vor denen die Evangelisten und Briefschreiber standen, waren gewaltig. Es galt, sich in die jüdische Traditionslinie zu stellen, Jesus als den in der Hebräischen Bibel angekündigten Heiland zu verkünden, dabei jüdische und nichtjüdische Gläubige einzubeziehen – und eine überzeugende Alternative zur Willkürherrschaft der Kaiser des Römischen Reiches zu entfalten, die unerträglich für die Menschen in Palästina geworden war. Die Verfasser haben das, was sie von Jesus und seinen Predigten und Gleichnissen wussten, nicht nur überliefert, sondern so aufgeschrieben und zu Evangelien zusammengefügt, dass die Menschen da­raus Hoffnung und Mut geschöpft haben, inmitten einer Welt von Un­recht, Machtmissbrauch und Gewalt den Weg Jesu mitzugehen. Frieden auf Er­den verkünden die Engel in der Weihnachtsgeschichte, und dieser Frieden der Bibel ist der umfassende Friede Gottes. So wie Josef auf das vertraute, wovon er geträumt hatte, vertrauten die ersten Gemeinden der Jesusanhänger auf die göttlichen Ver­heißungen, wie sie in den Evangelien nachzulesen waren. Diese Gläubigen mach­ten sich wie Maria und Josef auf den Weg und ließen sich selbst durch die bru­tale Verfolgung durch die römischen Herrscher und ihre Schergen nicht davon abbringen.

 

Jesu Geburt und Kindheit in den apokryphen Schriften

 

Wenn wir uns mit der Geburt und Kindheit Jesu beschäftigen, lohnt es sich, zusätzlich zu den Evangelien auch die sogenannten „apokryphen Schriften“ in den Blick zu nehmen, also die Texte frühchristlicher Autorinnen und Autoren, die die Jesusgeschichte oft ganz anders erzählt haben als Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.

 

Diese Texte sind aus unterschiedlichsten Gründen nicht in den Kanon der Schrif­ten des Neuen Testaments aufgenommen worden. Aber mehrere apokryphe Schriften, in denen die Geburt und Kindheit Jesu fanta­siereich entfaltet wurde, waren bis ins Mittelalter weit verbreitet und haben viel zu dem beigetragen, was heute Weihnachten geglaubt und wie dieses Fest gefeiert wird. Ohne diese Schriften hätten Ochs und Esel keinen Platz im Stall in Bethlehem gefunden (bei Lukas fehlen sie noch!). Und ohne diese Schriften wäre Josef bei der Geburt des Jesuskindes nicht als alter Mann dargestellt geworden, um nur zwei Beispiele zu nennen. Es ist also sinnvoll, den Einflüssen dieser apokryphen Schrif­ten auf unser Weihnachtsverständnis nachzuspüren. Und einige dieser Texte zeichnen sich durch eine poetische Schönheit aus und sind lesenswert, auch wenn sie keine historischen Tatsachen wiedergeben.

 

Die Geburt eines jüdischen Kindes

 

Es gilt, ernst zu nehmen, dass die Weihnachtsgeschichte eine Geschichte jüdischer Menschen in einer religiös geprägten jüdischen Gesellschaft ist. Es ist deshalb für das Verständnis von Weihnachten und der übrigen Jesusgeschichte unverzichtbar zu ergründen, welche religiösen Entwicklungen und Konflikte es im Judentum zu Lebzeiten Jesu gab und welche Positionen Jesus in dieser Situation vertrat. Dabei ist auch zu berücksichtigen, in welchem Kontext die Gläubigen seine Botschaft nach zwei oder drei Generationen verstanden und die Evangelisten sie aufgeschrie­ben haben. Die Schriften des Neuen Testaments sind stark davon beeinflusst, wie sich bis zum Ende des 1. Jahrhunderts das Verhältnis der Jesusbewegung zur Mehr­heit des Judentums entwickelt hatte. Der Tempel in Jerusalem war damals bereits zerstört, und das Judentum musste ohne ein religiöses Zentrum neue Formen des Zusammenhalts finden. Da konnte eine „Sekte“ wie die Jesusbewegung nur stören, zumal diese auch Nichtjuden in ihre Gemeindegruppen aufnahm.

 

Die Jesusbewegung betonte umso stärker ihre Verwurzelung im Judentum und wollte nachweisen, dass Jesus wirklich der von allen erwartete Messias war, der von Gott zum jüdischen Volk und zu allen Völkern gesandt worden war. Nur auf diesem Hintergrund sind einerseits die vielen Verweise auf alttestamentliche Bibelstellen und andererseits die Angriffe auf „die Juden“ in einigen neutestamentlichen Texten zu verstehen. Deshalb soll im ersten Teil dieses Internetangebots auch dargestellt werden, in welchem Kontext und mit welchen Intentionen die Evangelisten ihre Schriften verfasst haben und an welche Leserschaft sie sich wandten. Und für das Verständnis der weiteren Texte ist es dann auch hilfreich zu erfahren, wie diese biblischen Texte in verschiedenen Regionen und Traditionen des Christentums gelesen werden.

 

Im Angesicht der globalen Macht

 

Um mehr von Jesus, seiner Geburt und seiner Botschaft zu verstehen, ist es erhellend, den politischen, sozialen und religiösen Kontext kennenzulernen, in dem das Neue Testament entstanden ist. Erfreulicherweise ist das Wissen über den Alltag in Galiläa und Judäa zur Lebenszeit Jesu und auch zu Lebzeiten der Verfasser der Texte des Neuen Testaments in den letzten Jahrzehnten deutlich gewachsen und ermöglicht ein sehr viel klareres Bild von der damaligen Welt und vor allem von dem Weltreich, das von Rom aus beherrscht wurde.

 

Sehr spannend ist der Vergleich der biblischen Darstellungen der Jesusge­schichte mit den Heilsankündigungen, die über Kaiser Augustus und das mit ihm angebrochene „Goldene Zeitalter“ verbreitet wurden. Das Römische Reich befand sich unter Augustus in seiner Blüte und war für damalige Verhältnisse eine glo­bale Macht. Dem umfassenden Machtanspruch der römischen Kaiser stellten die Evan­gelisten den Anspruch Gottes entgegen, der wirkliche Herrscher der Welt zu sein. Der arme Wanderprediger, den die Römer als Aufrührer ans Kreuz geschlagen hat­ten, wurde von den Evangelisten als Sohn Gottes, des Herrn der Welt, prokla­miert, der alle irdischen Mächte überdauert und überwindet. Diese mutige Verkündigung des Evangeliums lässt sich vielleicht nur noch mit der Situation vergleichen, in der einige jüdische Gelehrte im Exil in Babylon die Bücher Mose ver­fassten und gegen die politisch Mächtigen ihrer Zeit den einen Gott als den Herrn über die ganze Welt verkündeten. Das Reich der Babylonier, wissen wir heute, ging unter, das Rö­mi­sche Reich auch. Haben diejenigen, die den einen Gott verkünden, doch recht behalten?

 

Wenn wir das Leben Jesu, sein Handeln und seine Verkündigung vor dem Hintergrund der damaligen „Globalisierung“ betrachten, also der Durchdringung aller Lebensbereiche durch die römischen Herrscher, können wir besser verstehen, was uns Jesus in der heutigen Zeit der Globalisierung zu sagen hat. Dazu müssen wir allerdings möglichst genau verstehen, wie das damalige globale System funk­tionierte, wie es sich auf Galiläa auswirkte und welche Ähnlichkeiten und Unterschiede zur heutigen Globalisierung bestehen. Der Bischof der damaligen Landeskirche Meck­lenburg, Hans-Jürgen Abromeit, ist 2010 in einer Weihnachtspredigt zum Ergebnis gekommen: „In der Analyse unterscheidet sich die Welt heute nicht so sehr von der Welt zur Zeit des ersten Weihnachtsfestes im römisch besetzten Palästina der Zeitenwende, wie wir meinen. Prekäre und überfordernde Lebensbedingungen für eine zunehmende Zahl von Men­­schen haben auch die Zeitgenossen von Maria, Joseph und den Hirten und die Menschen unter der Herrschaft von Kaiser Augustus geprägt. Auch Jesu Eltern gehörten zu den ‚Armen vom Lande’ … Gott kommt in unsere Welt. Stellen wir uns zu ihm und lassen zuerst uns selbst verändern. Dann fordert Gottes Kommen uns her­aus, für gerechte Verhältnisse zu kämpfen, Frieden zu suchen, uns der Schwachen anzunehmen und die gute Nachricht von Versöhnung und Neuanfang weiter zu sa­gen.“[2]

 

Biblischen Geschichten auf der Spur

 

Auf der Grundlage des Wissens über das damalige Judentum, seine römischen Beherrscher, die jüdischen Antworten auf diese Gewaltherrschaft und die neutestamentlichen Texte können wir uns anschließend mit den einzelnen Abschnitten der Weihnachtsgeschichte beschäftigen, mit der Ankündigung der Geburten von Johannes und Jesus, mit den Stammbäumen, mit der Geburt Jesu, mit den Hirten und den Magiern ... Für diese Beiträge wurden viele Fak­ten und Analysen zusam­mengetragen, die helfen können, die biblischen Geschich­ten in ihrem Kontext zu verstehen und die Bedeutung dieser Geschichten für unser heutiges Leben zu er­kennen.

 

Wichtig war mir dabei, einzubeziehen, wie Christinnen und Christen aus unterschiedlichen Kulturen und kirchlichen Traditionen in aller Welt die einzelnen Abschnitte des Neuen Testaments zu Geburt und Kindheit Jesu lesen und interpre­tie­ren. Das ist nur in einer Auswahl möglich, aber dennoch wird hoffentlich deutlich, wie bereichernd es ist, Teil einer welt­weiten christlichen Gemeinschaft zu sein und sich von anderen Mitgliedern dieser Gemeinschaft beschenken zu lassen mit Einsichten und Erkenntnissen zu bibli­schen Geschichten. Vordergründig mag auf diese Weise eine verwirrende Vielfalt entstehen, aber bei näherem Hinsehen erkennen wir, dass wir die Bibel mit ganz anderen Augen neu wahrnehmen, wenn wir erfahren haben, wie andere Chris­tinnen und Christen sie lesen.

 

Das Weihnachtsgeheimnis in Theologie, Kunst und Literatur

 

In der zweiten Hälfte dieses Internetangebots begeben wir uns auf die Spuren der Wir­kung der Weihnachtsgeschichte und der Weihnachtsgeschichten, also der einzigartigen Zuwendung Gottes zu seiner Welt. Das wunderbare Geschehen bei der Geburt Jesu hat Menschen seit der Gründung der ersten Gemeinden beschäf­tigt. An Beispielen aus mehr als eineinhalb Jahrtausenden wird gezeigt, wie Theologen und Theologinnen, Malerinnen und Maler, Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieses Geheimnis und die Bedeutung der Geburt Jesu verstanden und inter­pretiert haben. Diese Weihnachts-Lesereise durch die Jahrhunderte kann uns dabei helfen, zu einem eigenen Weihnachtsglauben zu gelangen. Überliefert sind aus der Frühzeit der Christenheit und dem Mittelalter allerdings leider fast ausschließlich Texte und Kunstwerke von Männern. Je weiter wir uns der Gegenwart nähern, desto mehr Frauen konnten berücksichtigt werden.

 

Spannend ist, wie die Weihnachtsdarstellungen aller Jahrhunderte immer auch die jeweils aktuellen politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse und Kon­­flikte ihrer Zeit widergespiegelt haben. Die Heilsbotschaft der Weihnachtsgeschichte wurde immer neu in Beziehung zur jeweils eige­nen Situation gesetzt. Das war schon bei dem Kirchenvater Augustinus so, der den beginnenden Nie­dergang des Römischen Reiches theologisch verarbeitet hat, nachdem die christ­lichen Gemeinden gerade erst erleichtert und wie ein Wunder erlebt hatten, dass die Herrscher dieses Reiches die Verfolgung beendet hatten und das Christentum zu einer anerkannten und geschätzten Religion geworden war. Franz von Assisi und Martin Luther haben zu ihrer jeweiligen Zeit damit zu kämp­fen gehabt, diese Kirche zu erneuern und sich in diesem Zusammenhang auch mit dem Verhältnis dieser Kirche zu den Mächtigen auseinandergesetzt. Das hat auch Konsequenzen für ihr Verständnis von Weihnachten gehabt. Wie die Weihnachtsgeschichte mit der eigenen politischen und sozialen Situation in Verbindung gebracht wird, zeigen besonders eindrucksvoll die Gemälde von Pieter Bruegel. An­ge­sichts der brutalen Un­ter­drückung der Niederlande durch die Habsburger Herr­scher und ihre Truppen hat der Maler die Volkszählung, die Anbetung der Könige und den Kindermord als Er­eig­nisse in seiner Hei­mat dargestellt.

 

In den Weihnachtsdarstellungen der Neuzeit wird eine zunehmende Orientierungssuche deutlich, nachdem alte Gewissheiten verloren gegangen waren. Ende des 18. Jahrhunderts war Matt­hias Claudius noch überzeugt, dass die Beschreibungen der Geburt des Jesuskin­des ganz genau das wiedergaben, was in Bethlehem geschehen war, aber schon zu seinen Lebzeiten nahmen besonders unter Gelehrten die Zweifel daran zu. Es begann eine geistliche Suche danach, wie wir zu einem neuen Weihnachtsglauben gelangen können, der Erkenntnisse über die Entstehung der Weihnachtsge­schich­ten im Neuen Testament ernst nimmt und mit einem Erwachsenenglau­ben ver­bindet. Der Schriftsteller The­o­dor Storm aus Husum, berühmt geworden durch seinen „Schimmelreiter“, hat zeitlebens mit dem Glauben ge­rungen, und dass ihm das derart schwer fiel, lag sicher auch an der Enttäuschung über die Kirche seiner Zeit.

 

Das Schwinden des Weihnachtsglaubens und seine Verkümmerung zu Konven­tionen und Ritualen hat Thomas Mann in seinen Romanen „Buddenbrooks“ und „Zauberberg“ meisterhaft und bedrückend dargestellt. Im Laufe des 20. Jahrhun­derts haben dann so unterschiedliche Theologen und Theologinnen wie Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Karl Rahner, Uta Ranke-Heinemann und Dorothee Sölle um ein neues Verständnis des Glaubens und eben auch der Weihnachtsgeschichte gerungen. In umfangreichen dogmatischen Texten, mit einem provokanten Buch unter dem Titel „Nein und Amen“ oder mit poetischen Texten – immer wieder wurde die Weihnachtsgeschichte zu einem Kristallisationspunkt des theologischen Denkens. Und das mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Das Bild vom heutigen Verständnis der Weihnachtsgeschichte wird noch vielfältiger, wenn Christinnen und Christen aus dem Süden der Welt zu Wort kommen wie Leonardo Boff aus Brasilien und James Massey aus Indien.

 

Und wie haben Schriftstellerinnen und Schriftsteller die neueren theologischen Debatten um das Weihnachtsgeschehen und die heutige Weise, Weihnachten zu feiern, in ihren Werken aufgenommen und verarbeitet? Es lohnt sich, in Texte der Schweizer Schriftsteller Kurt Marti und Peter Bichsel hineinzuhören und sie im Rah­men ihrer Biografien und ihrer Beschäftigung mit Glaubensfragen zu verstehen. Am Ende der Darstellungen des Weihnachtsglaubens und seiner Wandlungen im Laufe der Jahrhunderte steht nicht zufällig die Familie Hoppenstedt, wie sie Loriot genial dargestellt hat. Hier ist nichts mehr übrig von den christlichen Inhalten des Weihnachtsfestes. Gemütlich soll das Fest sein, hoffen die Eltern Hoppenstedt, aber der Weg dahin führt in ein Weihnachtschaos. Am Ende explodiert ein Spielzeug-Atom­kraftwerk, und die El­tern werden von einem Karton- und Weihnachtspapierberg begraben. Aber ein Bankrott birgt auch die Chance zu einem Neuanfang in sich, und deshalb bleibt die Hoffnung auf ein Weihnachten, bei dem die Geburt dessen ge­feiert wird, der dieser Welt einen neuen Anfang zusagte und sie ermutigte, sich auf einen Weg zu machen, der zum Reich Gottes führt.

 

Weihnachten jenseits der Kommerzialisierung

 

Schließlich werde ich versuchen zu entfalten, wie heute Weihnachten geglaubt und gefeiert werden kann. Die biblische Weihnachtsgeschichte, die heutigen Verständnisse des Wunders der Geburt Jesu, die Übertragung dieses Gesche­hens auf das eigene Leben und die gnadenlose Kommerzialisierung dieser „Story“ – all das hat Einfluss auf die Weihnachts“kultur“ gehabt. Das wahre Weihnachten er­weist sich aber als erstaunlich widerstandsfähig gegen die Versuche ei­ner totalen Kommerzialisierung. Das Fest zur Erinnerung an die Geburt Jesu ist wei­­terhin mehr als eine Verkaufsschlacht, gepaart mit einigen sentimentalen Lie­dern und ge­fühlvollen Augenblicken.

 

Damit das so bleibt, ist es wichtig, immer neu darüber nachzudenken und zu sprechen, welche Richtung wir in der Nachfolge Jesu einschlagen wollen. Die Christinnen und Christen sind häufig vom Weg Jesu abgekommen. Dieser Weg war ganz anders, als viele ihn erwartet hatten und heute erwarten. Immer aufs Neue sind die Kirchen der Versuchung erlegen, sich mit den Mächtigen zu arrangieren und Teil des herrschenden Machtsystems zu werden. Dass Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert den christlichen Glauben und die christliche Kirche in seine Politik der Vereinheitlichung und Stabilisierung des römischen Weltreichs einbezog, hat der Kirche nicht gut getan, wissen wir heute. Aber auch die heutigen Kirchen ste­hen vor der Aufgabe, ihr Verhältnis zu den politisch und wirt­schaftlich Mäch­tigen in der Nachfolge Jesu zu gestalten. Vielleicht für manche überraschend bieten gerade die biblischen Texte über die Geburt und Kindheit eine klare Orientierung für das Christsein und Kirchesein in der heutigen Welt.

 

Für mich selbst war die Beschäftigung mit dieser Thematik eine Reise zu den Wurzeln und Grundlagen des eigenen Glaubens – und zu einem „erwachsenen“ Glauben, der das Staunen und die Frömmigkeit des „kindlichen“ Glaubens bewahrt. Ich möchte Sie mit diesem Buch zu einer Weihnachtsreise mitnehmen. Es geht nicht nur um Maria, Herodes und das Römische Reich, sondern dieses Buch soll auch eine Einladung zu einem Glauben sein, der wissenschaftliche Erkenntnisse nicht beiseite schiebt, son­dern als Hilfe versteht, um dem Leben und der Botschaft des Jesus von Nazareth näher zu kommen. Neu entdecken können wir, dass die Weihnachtsgeschichten des Neuen Testaments für die ersten Christinnen und Christen Geschichten voller Hoffnung waren – und dass sie dies bis heute geblieben sind.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1]    Zitiert nach: Peter Rosien: Hatte Jesus einen Nachnamen, in: „Die Jesus-Erzähler“, Publik-Forum Dossier, Oberursel 2007, S. IV

[2]   Hans-Jürgen Abromeit: „Keiner soll verloren gehen“, Predigt am Heiligabend 2010 im Dom zu Greifswald, S. 3