Ein „Wunder“ des fünfjährigen Jesus

 

„Als dieser Knabe Jesus fünf Jahre alt war, spielte er nach einem Wolkenbruch an der Furt des Baches, und die vorbeifließenden Wasser leitete er in Teiche zusam­men und machte sie sofort rein; mit dem bloßen Wort erteilte er ihnen Befehl. Und er bereitete sich weichen Lehm und bildete darauf zwölf Sperlinge. Es war aber Sab­bat, als er das tat. Auch viele andere Kinder spielten mit ihm. Als ein Jude sah, was Jesus am Sabbat beim Spielen tat, ging er sofort weg und machte dessen Vater Josef Meldung: ‚Siehe, dein Junge ist am Bach. Er nahm Lehm und formte zwölf Vögel; damit hat er den Sabbat entweiht.’ Als nun Josef an den Tatort gekommen war und (die Sache) in Augenschein genommen hatte, fuhr er ihn an: ‚Warum tust du am Sabbat, was man nicht tun darf?’ Jesus aber klatschte in die Hände, rief die Sperlinge an und sagte zu ihnen: ‚Fort mit euch!’ Und die Sperlinge entfalteten ihre Flügel und flogen mit Geschrei davon. Als das die Juden sahen, staunten sie; sie machten sich davon und erzählten ihren Oberen, was sie Jesus hatten tun sehen.“[1]

 

Haben Sie diese Geschichte noch nie in einem Gottesdienst gehört, schon gar nicht in der Weihnachtszeit? Das ist nicht verwunderlich, denn sie steht in dem „Kindheitsevangelium des Thomas“ (nicht zu verwechseln mit dem Thomasevan­ge­lium), also einer der sogenannten apokryphen Schriften, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden. Dieses Kindheitsevangelium wurde noch im Mittelalter in vielen Teilen Europas gelesen – und trug dazu bei, dass es zu Anfeindungen und Pogromen gegen die jüdische Minderheitsbevölkerung kam. Mit der Ausbreitung dieser und ähnlicher judenfeindlicher Texte aus der entstehenden Christenheit in ganz Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika wurde auch weit entfernt von Palästina und in viel späteren Zeiten Unheil angerichtet.

 

Der Text ist in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Zunächst einmal ist er – wie das ganze Kindheitsevangelium – ein Beleg dafür, wie groß das Bedürfnis in der entstehenden Christenheit war, mehr über Jesus zu erfahren. Man wollte wissen, wie er aufgewachsen war und was er vor der Zeit vor seinem öffentlichen Wirken gesagt und getan hatte. Um diese Lücke in den Evangelien zu schließen, entstanden Legen­den und Legendensammlungen. Dabei wurde das, was man über das spätere Wir­ken Jesu wusste, auf die Kindheit und Jugend zurückprojiziert. In dem ausge­wähl­ten Text wurde gezeigt, dass die Natur schon dem Kind Jesus untertänig war und dass er Wunder vollbringen konnte, indem er aus Lehm lebendige Sperlinge werden ließ. Dass dies zwölf Sperlinge waren, kann als Vorwegnahme der Aussendung der zwölf Jünger interpretiert werden.

 

Dass Jesus später mit religiösen Gelehrten darüber diskutierte, wie der Sabbat zu heiligen sei und was an diesem Tag getan werden durfte und was nicht, bildete offenkundig den Hintergrund dafür, dass bereits der fünfjährige Jesus im Kindheitsevangelium in einen Sabbat-Konflikt geriet – und ihn souverän meisterte. Die For­mulierung, dass sich „ein Jude“ bei seinem Vater beschwerte, lässt völlig außer Acht, dass sowohl Josef als auch Jesus selbst Juden waren. Und die gegen Juden ge­richtete Darstellungsweise wird noch verstärkt durch die Schlusssätze, in denen „die Juden“ staunten und sich an ihre Oberen wandten. Damit wird eine Verknüp­fung zu dem Vorwurf hergestellt, die führenden Juden in Jerusalem hätten den späteren Tod Jesu zu verantworten.

 

Ein Wunder „mit Gottes Erlaubnis“

 

Zur Wirkungsgeschichte dieses Abschnitts aus dem Kindheitsevangelium des Thomas gehört, dass Anklänge im Koran zu finden sind. In Sure 3,49 lesen wir: „Jesus spricht: ‚Ich komme zu euch mit einem Zeichen von eurem Herrn: Ich schaffe euch aus Ton etwas wie eine Vogelgestalt, dann blase ich hinein und es wird zu einem Vogel mit Gottes Erlaubnis.’“[2] Auffällig ist, dass Jesus in der Thomas-Dar­stellung durch die Kraft seines Wortes wirkt, im Koran hingegen hervorge­hoben ist, dass er mit einem „Zeichen von eurem Herrn“ kommt und aus dem Ton „mit Gottes Erlaubnis“ einen lebendigen Vogel macht. Während sich apokryphe Schrif­ten wie das Kindheitsevangelium des Thomas zur Aufgabe gemacht hat­ten, die Göttlichkeit Jesu sichtbar werden zu lassen, ist die Ausrichtung des Koran genau umgekehrt: Es geht darum, die Größe Gottes zu betonen, in dessen Auftrag Jesus als Prophet wirkte.[3] Hans-Christoph Goßmann, Pastor an der Jerusalem-Kirche in Ham­burg, sieht in diesem Punkt grundlegende Unterschiede zwischen Chris­­tentum und Islam: „Während Jesus nach islamischem Glauben Gesandter Gottes ist, ist nach christlichem Glauben in seiner Person Gott selbst Mensch geworden …“[4]

 

Im Koran wird an mehreren weiteren Stellen an das Kindheitsevangelium des Thomas angeknüpft, wobei die Darstellung nun der islamischen Grundüberzeu­gung entspricht, dass Jesus keine seinshafte Einheit mit Gott bildet, sondern „Knecht Gottes“ ist. In einem Zeitschriftenbeitrag zeigt der Religionswissenschaftler Karl Prenner am Beispiel der Sperlinge aus Lehm diesen Unterschied: „Liegt den außerkanonischen Kindheitsevangelien die Tendenz der Volksfrömmigkeit zugrunde, Jesus und Maria zu vergöttlichen, so will der Koran mit der motivlichen Bezugnahme auf diese Evangelien vielmehr die Größe Gottes und sein Wir­ken zum Ausdruck bringen.“[5]

 

Zur Strafe als Baum verdorrt

 

 Auch der Abschnitt des Kindheitsevangeliums, in dem darüber berichtet wird, dass der achtjährige Jesus dafür sorgte, dass aus einem Weizenkorn eine große Ernte wurde,[6] ist als Vorwegnahme späterer Ereignisse anzusehen. Ähnliche Ten­denzen lassen sich auch in weiteren Abschnitten des Kinderevangeliums des Tho­mas finden. Dies gilt besonders für die Geschichte, wie Jesus sich beim Spielen über den Sohn eines Schriftgelehrten ärgerte und diesen zur Strafe wie einen Baum verdorren ließ. Dies war wahrscheinlich eine Rückprojizierung einer Begebenheit, die Matthäus im 21. Kapitel berichtet (und die sich auch im Markusevangelium findet): Vor seinem Einzug in Jerusalem kam Jesus an einem Feigenbaum vorbei, der nur Blätter und keine Früchte hervorgebracht hatte. Jesus ließ den Baum verdorren, ein Zeichen seiner Macht, die auch den Jüngern zugesprochen wurde, wenn sie nicht zweifelten. Der Verfasser des Kindheitsevangeliums wollte also zeigen, dass Jesus bereits als kleines Kind über diese alles verändernde Macht verfügte. Diese Allmacht Jesu sollte auch dadurch zum Ausdruck gebracht werden, dass er die Eltern des verdorrten Kindes erblinden ließ, weil sie sich bei Josef über Jesu Verhalten beklagten. Gleich zwei Mal heißt es in dem Kindheitsevangelium: „Woher stammt dieser Knabe? Jedes Wort von ihm ist vollendete Tat.“[7]

 

Allerdings kommt diese „Tatkraft“ Jesu durch ein vollkommen menschenfeindliches Verhalten zum Ausdruck, das nicht zu dem passt, was andere Evangelien über Jesus berichten. Es ist außerdem ein in hohem Maße unwahrscheinliches Geschehen. Man ahnt, wie groß der Hass mancher Jesusanhänger auf „die Juden“ ge­wesen sein muss, dass solche Geschichten verfasst und überall im Römischen Reich verbreitet wurden.

 

Das Kindheitsevangelium enthält noch weitere Wundergeschichten, und in einem Fall holte Jesus ein verstorbenes Kind ins Leben zurück. In einer anderen Geschichte heilte er den Fuß eines jungen Mannes. Auch der Biss einer Schlange in die Hand des Jesusbruders Jakobus wurde zum Anlass für ein Wunder. Jesus, berichtet Thomas, blies auf die Bisswunde, und sofort wurde Jakobus wieder ge­sund. Solche Beispiele dienen als Belege dafür, dass Jesus schon als Kind Wunder vollbracht hat und Gottes Sohn ist. Dies wird besonders deutlich in der Aussage eines Lehrers des Jesuskindes: „Dieses Kind ist nicht erdgebunden … Vielleicht ist es sogar vor Erschaffung der Welt gezeugt worden.“[8] Es kann nicht verwundern, dass die Lehrer diesem Kind nichts Neues vermitteln konnten und resigniert ihre Tätigkeit einstellten.

 

Fantastievoll und von großer Wirkung

 

Nicht nur das Kindheitsevangelium des Thomas hat trotz – oder wegen? – fantasievoller und fantastischer Geschichten eine große Wirkung in der Kirchengeschichte gehabt, sondern auch andere apokryphe Schriften. Zur Wirkungsgeschichte des Pseudo-Matthäusevangeliums und seiner Geburtsdarstellung schreibt Franz-Josef Ortkemper: „Dieses apokryphe Evangelium verlegt die Geburt in eine Höhle, was vor allem auf den Ikonen der Ostkirche eine große Nachwirkung hatte. Später wurde das Pseudo-Matthäusevangelium in die Legenda Aurea, die bekannteste Legen­densammlung des Mittelalters, übernommen und hatte daher eine unglaubliche Wirkungsgeschichte.“[9]

 

In einem anderen apokryphen Text, „Josef, der Zimmermann“, wird der Versuch unternommen, zu erklären, warum Jesus Geschwister hatte, aber Maria eine Jungfrau war und blieb. Der Verfasser dieses Textes, der um das Jahr 400 in Ägypten lebte, begründet dies damit, dass Josef schon Vater von vier Kindern war, bevor seine erste Frau starb. Erst danach lernte der Witwer Maria kennen und verlobte sich mit ihr. Mit einer apologetischen Zielsetzung wurde also eine neue Familiengeschichte konstruiert.[10]

 

Man mag über solche Beschreibungen lächeln, aber sie sind nicht nur wegen ihrer Wirkungen im Laufe der Kirchengeschichte wichtig, sondern auch, weil sie Ausdruck einer schon im zweiten Jahrhundert vielfältig gewordenen Christenheit sind, die sich – wenn auch durch kleine Gruppen und Gemeinden – über viele Teile des Römischen Reiches ausgebreitet hatte. Das hat sich in den Schriften niedergeschlagen, die heute zum Neuen Testament zählen, und ebenso in allen Schriften, die aus unterschiedlichsten Gründen lediglich in die apokryphe Kategorie aufgenommen wurden. Diesen Prozess hat Annette Merz beschrieben:

 

„Da das im jüdischen Krieg zerstörte Jerusalem schon gegen Ende des 1. Jh. bedeutungslos geworden war, verbreitete sich das Christentum ausgehend von mehreren Zentren, deren jeweilige kulturelle und historische Prägung Einfluss ausübte auf die Ausgestaltung der Traditionen. Die wichtigsten waren Cäserea maritima, Antiochia in Syrien, Ephesus in Kleinasien, Philippi und Korinth in Griechenland, Alexandria in Ägypten, Rom in Italien. Gerade in abgelegenen Gegenden konnten sich eigene Traditionen entwickeln und über lange Zeit gegen den ab dem 3. Jh. spür­baren Trend zur Vereinheitlichung erhalten.“[11] Deshalb verbietet es sich, einen Teil dieser Schriften zu ignorieren, nur weil sie im Laufe eines längeren Prozesses nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Kindheitsevangelium des Thomas, 2,1-5, zitiert nach: Franz-Josef Ortkemper: Was die Evangelien nicht erzählen, in: Verborgene Evangelien, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2007, S. 10

[2] Zitiert nach: Karl Prenner: Geboren unter einer Palme, in: Apokryphe Evangelien, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2007, S. 63

[3] Vgl. ebenda

[4] Hans-Christoph Goßmann: Die Geburt Jesu, Ihre Bedeutung für die Menschen in Christentum und Islam, Nordelbische Mission, Dezember 1998, S. 7

[5] Ebenda, S. 63

[6] Vgl. Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, Stuttgart 2008, S. 122

[7] Zitiert nach: Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, Stuttgart 2008, S. 101

[8] Zitiert nach ebenda, S. 101f.

[9] Franz-Josef Ortkemper: Was die Evangelien nicht erzählen, a.a.O., S. 14

[10] Ebenda, S. 13

[11] Annette Merz: Viele Gemeinden – viele Evangelien, in: Verborgene Evangelien, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2007, S. 20