Die Hirten auf dem Felde: Die Armen stehen im Zentrum

 

Lukas 2,8-20 Bibeltext

 

„Auf der Suche nach lohnenden Weideplätzen sind Hirten mit ihren Herden stän­dig unterwegs. Tags glüht die Sonne brennend heiß … Die sternklaren Nächte sind oft bitterkalt. Es ist eine harte Existenz mit eigenen Regeln und Gesetzen. Hirten müssen sich selbst schützen, ihre Rechte selber verteidigen. Untereinander kämp­fen sie um Wasserstellen für ihre Tiere. Mit den Landbesitzern leben sie in Fehde, immer wieder gibt es Anlass zu Streit. Den Bewohnern fester Siedlungen sind sie nicht geheuer, gelten als Betrüger, als räuberisch und gewaltbereit. Ihr Wort zählt nicht vor Gericht. So leben sie am Rande der Gesellschaft, abseits der Zivilisation, fast wie Ausgestoßene.“[1] Mit diesen Sätzen beschreibt der evangelische Theologe Martin Koschorke die Situation der Hirten im antiken Palästina. Dass der Evan­gelist Lukas den Hirten trotzdem eine wichtige Rolle in seiner Weihnachtsgeschichte überträgt, ist kein Zufall. Dazu schreibt der britische Theologieprofessor Martin For­ward in seinem Jesus-Buch: „Die Geschichte des Lukas hebt die Stellung Jesu als an den Rand der Gesellschaft gedrängtes Opfer hervor und spiegelt damit das Thema des Evangeliums vom Mit-Leiden Jesu mit den Armen und Schutzlosen wider.“[2]

 

Der Kaiser wird – ob freiwillig oder gezwungenermaßen – von den unterdrück­ten Völkern rund um das Mittelmeer gepriesen, das Kind in der Krippe von einer kleinen Schar armer Hirten.[3] Im „Bibelreport“ der Deutschen Bibelgesellschaft hat Jürgen Simon herausgestellt, dass die Hirten zu den Armen der damaligen Gesellschaft gehörten, die die Herden nicht besaßen: „Die Hirten in neutestamentlicher Zeit sind daher meist zur untersten sozialen Schicht zu zählen. Sie sind Sklaven oder Tagelöhner, die am Rande der Gesellschaft leben, denn ihre Arbeit ist mit viel Gestank verbunden … Hirten müssen also draußen bleiben vor den Toren der Stadt bei ihren Herden, sind sozial ausgegrenzt. Davon geht auch Lukas aus. Das Besondere seines Weihnachtsevangeliums ist, dass die Engel gerade diesen Ausge­grenzten die frohe Botschaft verkünden.“[4]

 

Diese Menschen führten ein Leben voller Gefahren, und wenn der Engel ihnen verkündete „Fürchtet euch nicht!“, war dies wohl nicht nur dem Erschrecken über das Erscheinen des Boten Gottes geschuldet. Wer in einer prekären Situation lebt, für den kann alles Neue eine existenzielle Bedrohung bedeuten. Das kann dazu führen, jede Veränderung zu fürchten und sich stattdessen mit dem Status quo abzufinden, wie ungerecht und entwürdigend er gerade für die Ärmsten auch sein mag. Aus diesem Grunde gehört es zu den wunderbaren Ereignissen in der Weihnachtsge­schichte, dass die Hirten sich tatsächlich auf den Weg gemacht haben. Sie waren die ersten, sagt Lukas uns, die die Verheißung Jesu von einem Neuanfang hörten und die denen vorangingen, die dann später mit Jesus aufgebrochen sind.

 

Die Geschich­te von den Hirten ist, wie man heute formulieren würde, eine Mutmach­ge­schichte, die auch nach zwei Jahrtausenden weiterhin Menschen dazu veranlasst, aufzubrechen und den Verheißungen zu vertrauen, die die Engel und später dann Jesus verkündet und die Evangelisten für uns aufgeschrieben haben. Die evange­lische Theologin Margot Käßmann hat einige Tage vor dem Weihnachtsfest 2000 in einer An­dacht über die Hirten – und uns – gesagt: „Ich glaube, dass Gott am Werk ist, wenn Men­schen plötzlich von Hoffnung erfüllt werden. Wenn mitten in der Hoff­nungs­losigkeit dieser kleine Vogel Hoffnung wach wird. Hoffnung, dass mein Leben doch Sinn hat … Wir warten auf Weihnachten. Wir warten auf Hoffnung.“[5]

 

Die Hirten in Lukas Geburtsgeschichte, die als erste und einzige die Botschaft der Engel hörten, hatten nicht nur einen niedrigen ökonomischen und sozialen Status, son­dern wur­den von strenggläubigen Juden auch aus religiösen Gründen verachtet, weil sie bei ihrer Berufsausübung die strengen Regeln der Tora nicht einhalten konnten. Und doch waren sie geradezu prädestiniert, die Botschaft der Engel zu hören, erklärt uns Jörg Zink: „Die Nacht ist für einen Nomaden voller Leben. Sie ist voll von Lichtern und Schatten, von fremden Stimmen und Lauten, sie ist eine Welt von Träumen und Visionen. Die Welt eines Beduinen ist so viel weiter und so viel lebendiger, wie auch der Sternenhimmel über ihm mehr Sterne hat als der unsere. Er lebt immer wachsam … So ist es sinnvoll, dass sie (die Hirten) bei Lukas in der Rolle von Menschen erscheinen, die unter dem nächtlichen Himmel stehen, dort Worte hören und Erscheinungen wahrnehmen, die wir für Märchen halten müssen. Sie stehen da als Menschen, die sich einer Wirklichkeit öffnen, die für andere unerreichbar, verborgen bleibt.“[6]

 

Die Botschaft der Engel gilt nicht nur den Hirten, es war und ist eine Botschaft für die Menschheit und in besonderer Weise für die Armen der Welt. Alle sind eingeladen, zur Krippe im Stall zu kommen, niemand ist ausgeschlossen, der sich nicht selbst ausschließt. Den Hirten wird also stellvertretend für alle Menschen die Frohe Botschaft verkündet, und sie machen sich stellvertretend auf den Weg durch die Dunkelheit zum Stall mit dem Kind darin. Diese Einladung an alle gilt jenseits des tatsächlichen historischen Geschehens in Bethlehem. Es lässt sich sogar sagen, dass wir gerade dann, wenn wir diese Geschichte nicht als Tatsachenbericht lesen, die Heils­botschaft für die ganze Menschheit umso klarer erkennen können. Dass berichtet wird, dass die Hirten nach der Begegnung mit Jesus und seiner Familie in den Alltag zurückkehrten und Gott lobten und priesen, kann als Ermutigung verstanden wer­den, auch unsere Erfahrungen der Begegnung mit Jesus und seiner Heilsbotschaft in den Alltag zurückzutragen und dort als Christinnen und Christen zu Boten der befreienden Botschaft zu werden, die von Jesus ausgeht.

 

Die Engel verkündeten die Ankunft des Messias mit einer Wortwahl, die an die Proklamation eines Königs erinnert. Die „große Freude“ gilt nicht nur den Hirten, sondern „allem Volk“. Diese Botschaft taten sie den Eltern Jesu kund. Der bekannte Theologe Fulbert Steffensky hat diesen Aufbruch der Hirten als eines der Wunder der Weihnachtsgeschichte bezeichnet. „Die stumm gemachten Hirten sprechen. Es kommt Bewegung in sie … und sie preisen und loben Gott. Die Armen stehen auf – das ist das Wunder.“[7]

 

Dass die Hirten statt eines prächtig gekleideten Königs ein kleines, in Windeln gewickeltes Kind in der Krippe vorfanden, ließ bereits erkennen, dass dieser König nicht als mächtiger Herrscher durch sein irdisches Leben schreiten würde, sondern als einfacher Handwerker und dann als armer Wanderprediger. Lukas verarbeitete also schon in der Geburtsgeschichte die Erfahrung der Gläubigen, dass Jesus nicht gekommen war, um als mäch­tiger Feldherr und König die Römer mit Gewalt und göttlicher Unterstützung zu vertreiben und dass er dennoch von diesen Römern als Aufrührer hingerichtet worden war.

 

Lernen von den Hirten

 

Martin Luther hat zur Wahl der Hirten als ersten Zeugen der Geburt des Messias festgestellt: „… es mussten die armen Hirten, die auf Erden nichts waren, würdig sein, solch große Gnad und Ehre im Him­mel zu haben. Wie gut sehr verwirft doch Gott, was hoch ist! Und wir toben und rasen nach nichts als eitler Höhe, auf dass wir ja nicht im Himmel zu Ehren kommen.“[8]

 

Für den Reformator Johannes Calvin ist die Geschichte von den Hirten auch eine Geschichte, die zu eigener Bescheidenheit mahnt. Der Glaube der Hirten sei so groß gewesen, dass er alles überwunden hat, und so seien die Christen verpflichtet, bei ihnen in die Schule zu gehen. Wir sollten uns an den höchsten König halten, dem alle Herrschaft im Himmel und auf Erden gegeben ist: „Diese Mahnung haben wir wahrhaftig nötig, denn für die von Stolz und Einbildung Besessenen und für die, die sich für weise halten, ist die Lehre des Evangeliums doch bloß Anstoß.“[9]

 

Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen hat am Heiligabend 2006 die Hirten in den Mittelpunkt ihrer Predigt gestellt und hervorgehoben: „Zu wenig haben wir von der Kraft und Dynamik und Aufbruchsbereitschaft der Hirten von Bethlehem, die hinter sich lassen, was ihnen wichtig und kostbar ist, und sich aufmachen zum Stall, mitten aus der Arbeit heraus, mitten in die Nacht. Die den Worten der Engel trauen und gehorchen mehr als allem sonst. Ich glaube, wir alle brauchen viel mehr geistliche Neugier, Interesse für das, was Gott uns sagt, einen viel festeren Glauben an den guten Hirten Jesus von Nazareth, der – so ist uns gesagt – keinen und keine aus seinem Blick verliert.“[10]

 

Die Geburtsgeschichte im Stall mit den Hirten ist heute vor allem für die Armen im Süden der Welt eine Ermutigung, wie in diesen Sätzen des indischen Theologen und Verfechter der Dalit-Rechte James Massey deutlich wird: „Gott wurde tatsächlich in Jesus Christus am Weihnachts­tag zu einem der Ärmsten unter den Armen. Er tat dies für die Armen, die Un­terdrückten und all jene, die ohne Gerechtigkeit und Hoffnung leben, um ihnen ihre menschliche Identität und Würde zurückzugeben.“[11]

 

Raphael L. Mbesere, damals Evangelist der Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias in der Arusha-Diözese, hat 1995 über die Freude, die Weihnachten für die Hirten und uns alle auslöst, geschrieben: „Die eigentliche Weihnachtsfreude kommt aus der Hoffnung, dass der Heiland gekommen ist, um den Menschen ihr Lebensziel zu zeigen und die Gnade Gottes zu schenken.“[12]

 

Der katholische kenianische Kardinal John Njue hat 2008 in einem Pastoralbrief erläutert, warum die Hirten eine derart wichtige Rolle in der Geburtsgeschichte haben. Der Erzbischof von Nairobi schrieb: „Von seiner Geburt an hat Jesus sich dafür entschieden, unter den Niedrigsten und Untersten der Gesellschaft zu leben: den Sün­dern, den Ausgestoßenen, denen, die am meisten leiden, und denen, denen alles zum Leben fehlt. Sie, und nicht die ‚Gerechten‘, sind diejenigen, die bangend das befreiende und rettende Wort Gottes erwarten. Jesus wird weiterhin bei diesen Men­schen sein. Er wird ihre einfache Sprache sprechen, wird ihre Gleichnisse und ihre Parabeln verwenden. Er wird ihre Freuden und ihre Leiden teilen; wird ihre Partei ergreifen gegen alle, die sie in der Gesellschaft isolieren wollen. Die Armen, die Unwissenden und die Verzweifelten erkennen ihn sofort und heißen ihn mit Freude willkommen, denn Jesus kommt, um sie grundlegend zu verändern, damit sie ihre Situation verbessern können.“[13]

 

Der Erzbischof forderte die Gläubigen in seinem Weihnachtsbrief zu Mitleid und zu Mitgefühl auf. Das Mitgefühl „ermöglicht es dem Feuer der Liebe, die Leidenschaft für Gerechtigkeit in uns zu entfachen. Diese Leidenschaft treibt uns an, nicht bei einem Bedauern stehen zu bleiben, sondern nach einer So­li­darität zu streben, die alles grundlegend verändert und die mit unse­rer eigenen fortdauernden Umkehr beginnt.“[14] Gerade im Süden der Welt, wo das Unrecht und die Kluft zwischen Arm und Reich besonders krass sichtbar sind, ist vielen Chris­tinnen und Christen bewusst, dass einzelne mildtätige Gaben nicht ausreichen, um das Leben der Armen, der heutigen „Hirten“ zu verbessern, sondern dass es darum geht, aus dem Glauben heraus für Gerechtigkeit und grundlegende gesellschaftliche Veränderungen einzutreten.

 

Die heutigen „Hirten“

 

Dass gerade die Hirten die Botschaft der Engel von der Geburt des Heilands hör­ten, wie es Lukas in seiner Weihnachtsgeschichte überliefert hat, ist auch in unse­rer heutigen Welt von Bedeutung. Das erkennen auch immer mehr Christinnen und Christen in wirtschaftlich reichen Ländern. Der nordelbische Bischof Gerhard Ul­rich hat am 24. Dezember 2010 in einer Predigt im Schleswiger Dom über die Verheißung für die Hirten gesagt: „‚Fürchtet Euch nicht’, ruft der Engel den Hirten zu, denen, die im Dunkel sitzen, die nicht wissen, wohin sie gehören und die sich nichts zutrauen. Sie lassen sich treffen von der frohen Botschaft, kommen auf die Beine, gehen hin zum Stall und von dort wieder in den Alltag zurück. Sagen weiter, was sie gesehen haben: Da ist einer, der will, dass alle gleichermaßen teilhaben an dem Reichtum dieser Welt; da ist einer, der nicht will, dass Völker mit Gewalt beherrscht und Menschen in die Flucht geschlagen werden; da ist einer, der nicht will, dass Menschen von der Hand in den Mund leben; da ist einer gekommen, der eintritt für die Schwachen und Elen­den.“[15] Bischof Ulrich ist überzeugt, dass Gott uns hilft, „den Mund aufzutun, einzutreten für Gerechtigkeit, aufmerksam zu machen auf den Graben zwischen Reich und Arm“.[16]

 

Zwei Jahre vorher, in einer Weihnachtspredigt 2008, hatte Bischof Ulrich die Folgen der weltweiten Finanzkrise mit deutlichen Worten benannt: „Das soziale Netz wird brüchig und immer mehr Menschen haben damit zu tun, ihrem Leben eine Linie zu geben. Solidarität wird zur unbekannten Vokabel.“[17] In der Krise seien die materiellen Werte „abgestürzt und ins Taumeln geraten“. In dieser Situation sei die Zusage des Engels an die Hirten „Fürchtet euch nicht“ haltbar und verlässlich. Weil die Hirten nicht in den dunklen Höhlen der Seele hocken geblieben seien, sondern sich mit der unrealistisch erscheinenden Botschaft auf den Weg gemacht hätten, deshalb hätten sie mitten in der Nacht das Licht, die Wärme und die Liebe entdeckt.[18]

  

Friede auf Erden

 

Wenden wir uns nun einer wichtigen Ankündigung der Geburtsbeschreibung von Lukas zu und zwar der Ankündigung des Friedens auf Erden durch die Engel. Der Bischof der damaligen Pommerschen Kirche, Hans-Jürgen Abromeit, hat in seiner Weihnachtsbotschaft 2004 das Kind in der Krippe als Zeichen des Friedens gedeutet: „… Gott selbst hat sich für diesen sanften, friedlichen Weg entschieden. Das Zeichen dafür ist das Kind, der Gottessohn in der Krippe. Ein Zeichen dafür, dass an die Stelle einer Kultur der Gewalt die Kraft einer Kultur des Friedens treten kann. Davon können wir uns immer wieder inspirieren lassen.“[19]

 

Die Ankündigung des Friedens kann als Gegenbild zu den Ansprüchen des Römischen Reiches verstanden werden. Die Epoche, die der Ausweitung des Römischen Reiches auf den ganzen Mittelmeerraum folgte, gilt unter Historikern als eine relativ friedliche Phase der Geschichte dieses Imperiums und wird als Zeit der „pax romana“ bezeichnet. Aber dieser Ausdruck entsprach nur der Wahrnehmung der Mäch­tigen im damaligen Rom und der Beurteilung jener späteren Historiker, die Geschichte als Geschichte der Mächtigen verstanden und präsentiert haben. Aus der Sicht der „kleinen Leute“, und das war der allergrößte Teil der Bevölkerung von Judäa und Galiläa, stellte sich die Lage ganz anders dar. Auch diese Menschen werden es begrüßt haben, dass nach vielen Jahren der Kriege und Bürgerkriege die akute Kriegsgefahr gebannt zu sein schien. Aber sie konnten – anders als spätere Historiker – nicht wissen, dass nun eine Zeit des relativen (!) Friedens angebrochen war. Zu oft hatten sie schon erlebt, dass sich die militärischen Gewichte zwischen den Großmächten in ihrem Teil der Welt über Nacht veränderten und ein neuer Krieg begann. Und in der Tat brachen in Palästina immer wieder Gewalt und Kriege aus.

 

Wie bei der heutigen globalen „Weltordnung“ gab es auch im Römischen Reich eine ideologische Ebene der Auseinandersetzung. Die offizielle religiös verbrämte Ideologie des „Friedens“ durch Beherrschung hat Livius, ein Parteigänger des Au­gus­tus, so formuliert: „Die Himmlischen wollen, dass mein Rom Haupt der Welt sei; daher mögen die Römer die Kriegskunst pflegen, und sie sollen wissen ... dass keine menschliche Macht ihnen widerstehen kann.“[20] Der Preis der „pax romana“ war die bedingungslose Unterwerfung unter das Diktat der Mächtigen in Rom und der von ihnen eingesetzten lokalen Autoritäten. Wer sich dem nicht fügte, so erlebte es mehrfach die jüdische Bevölkerung, der wurde gnadenlos niedergemetzelt.

 

In einem Buchaufsatz aus dem Jahre 1981 hat Reiner Bohley, damals Rektor des Kirchlichen Proseminars Naumburg in der DDR, den Frieden der herrschenden Römer beschrieben: „Dieser Frieden bedeutete Gewalt gegen alle Völker, die nicht eingegliedert waren in das Reich, Gewalt gegen die Sklaven, Gewalt gegen jeden, der nicht den Nacken beugen wollte. Was doch nur auf gewaltsamer Befrie­dung beruht, soll nicht als Frieden gepriesen werden.“[21] Auch die Leute, die Jesus folgten, standen vor der Frage, wie sie sich gegenüber dieser globalen Macht verhalten soll­ten. In der zugespitzten Zeit des Wirkens Jesu war ein Ausweichen vor einer Posi­tions­bestimmung und Parteinahme nicht möglich.

 

Dorothee Sölle hat 1990 in einer Bibelauslegung der Weihnachtsgeschichte bekannt: „Ich begriff reichlich spät, was die Gewaltherrschaft des Imperium Romanum für die Leute in den unterworfenen Provinzen wirklich bedeutete. Bis zu diesem Zeitpunkt hielt ich ahnungslos an meinen humanistischen Illusionen über die pax romana fest, ich hielt sie für eine Art Rechtsstaat plus weltoffenem Handelssystem und grandioser Architektur. Ich hatte Geschichte nur mit der Brille der Sie­ger zu lesen gelernt. Dass die pax Christi gerade denen gilt, die von der pax roma­na nichts zu erwarten hatten, gab mir einen neuen Schlüssel für die Weihnachtsge­schichte wie für das ganze Neue Testament.“[22]

 

Wir müssen uns bewusst sein, dass in der Zeit, als das Lukasevangelium verfasst wurde, von dem „römischen Frieden“ kaum noch etwas übrig geblieben war. Der jüdische Aufstand war brutal niedergeschlagen und der Tempel in Jerusalem im Jahre 70 zerstört worden. Auch andernorts im Römischen Reich kam es immer wieder zu Kämpfen. Der evangelische Theologe Jörg Zink schrieb zur Friedenssehnsucht an­gesichts des Unfriedens in der Welt: „Das Wort vom ‚Frieden’ war zur Zeit des Lukas noch aktueller als zu der Zeit der Geburt Jesu. Es war nicht eine stille Hoff­nung, die sich darin ausdrückte, es war der Verzweiflungsschrei jener Epoche, in der Lukas sein Evangelium schrieb.“[23]

 

Dem „Frieden“ der Mächtigen wurde von Jesus die Hoffnung und Erwartung eines wirklichen Friedens entgegengestellt. Das hat das bra­si­lianische „Zentrum für biblische Studien“ („Centro des Estudos Biblicos – CEBI“) Mitte der 1990er Jahre in einem Arbeitsheft „Zur Ökonomie des Gottesrei­ches“ so herausgestellt: „Die Engel verkündigen ‚Friede auf Erden den Menschen, die Gott liebt!’. Das Wort Frieden hat eine große Bedeutung. Für die Bibel bedeutet Frieden harmonische zwischenmensch­liche Beziehungen, die aus einer gerechten, geschwisterlichen Gesellschaft hervorgehen. Ein solcher Frieden widerspricht der Pax Romana, dem obersten Ziel der Kaiser von gestern und heute. Ihre Art von ‚imperialem Frieden’ ist nur ein Friede für die Paläste. Für die Hütten bedeutet er Versklavung, Unterdrückung und Massaker … Der wahrhaftige Frieden kann nur aus dem Zusammenleben von Menschen hervorgehen, die sich von Gott geliebt wis­sen und deshalb an einer Gesellschaft arbeiten, in der Gott erfahren werden kann.“[24]

 

Ein friedliches Weihnachten mitten in einem brutalen Krieg

 

Manchmal entsteht auf wunderbare Weise Frieden und sei es nur ein Frieden für kurze Zeit. „Wie zwei blutrünstige Monster liegen sich die Armeen gegenüber. Längst schon ist die Kriegseuphorie der ersten Tage verflogen – und jeder Gedanke an ein rasches Ende, alle Hoffnungen auf einen baldigen Sieg, sind auf beiden Seiten im Kanonendonner verklungen.“[25] Mit diesen Worten hat Pastor Richard Hölck in einer Weihnachtspredigt in der Christuskirche in Hamburg-Wandsbek 2003 die Situation in der Weihnachtszeit 1914 an der Westfront beschrieben. Aber dann erklang irgend­wo an der Front in Flandern auf deutscher Seite das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht!“. Die Soldaten in den Schützengräben auf der anderen Seite hörten das Lied, ließen sich davon berühren, und bald wurden auf beiden Seiten Kerzen angezündet und Schilder mit Aufschriften wie „Frohe Weihnacht“ und „Merry Christmas“ hochgehalten, auch das Schild „we not fight – you not fight“.

 

Was dann geschah, hat Pastor Hölck in seiner Weihnachtspredigt so geschildert: „Es ist die Geschichte von dem kleinen Frieden im großen Krieg. Die Soldaten legen plötzlich auf beiden Seiten ihre Waffen nieder. Erst zögerlich, dann immer be­wuss­ter. Am Tage zuvor haben sie noch um jeden Zentimeter Boden gekämpft, mit ihrem Blut die Erde getränkt – nun treffen sich die Soldaten friedlich und freundschaftlich im Niemandsland.“[26] Die Soldaten sangen Weihnachtslieder und feierten gemeinsam Weih­nachten, beer­digten zusammen die Toten, erzählten sich von der Heimat und den Familien. „Ein unglaublicher Friede. Ein Wunder der Neuzeit. Wie eine Illusion, ein großer Traum der Menschheitsgeschichte, der einmal nur in der Geschichte aller Kriege in Erfüllung ging und Wirklichkeit wurde. Als hätte Gott selbst seine Hand im Spiel gehabt – und vielleicht war es auch so.“[27]

 

Das Wunder dauerte nur einige wenige Tage. Die Heeresleitungen auf beiden Seiten waren über diesen weihnachtlichen Frieden aufs Höchste beunruhigt, drohten mit Er­­­schießungen und zwangen die Soldaten, wieder gegeneinander zu kämpfen. Beim Weih­nachtsfest 1915 wurde mit der Todesstrafe für alle gedroht, die sich mit den Feinden verbrüdern würden. Diesmal blieb das Weihnachtswunder aus. Es wurde weiter geschossen und weiter gestorben. Der Friede auf Erden, mit Heeresleitun­gen ist er nicht zu erreichen. Der Historiker Michael Jürgs hat in dem Buch „Der kleine Frieden im großen Krieg“[28] die Geschichte von dem wunderbaren Frieden über die Schützengräben hinweg und seine brutale Beendigung beschrie­ben. Das „Wunder von Flandern“ ist in die Geschichte eingegangen, als überzeu­gen­des Beispiel dafür, dass die Verkündigung der Engel vom Frieden auf Erden in unseren Tagen Wirklichkeit werden kann.

 

Auch im Süden der Welt, wo häufig Krieg und Bürgerkrieg das Leben noch schwieriger machen, ist die Friedensbotschaft in Lukas Weihnachtsgeschichte in besonderer Weise eine Hoffnungsgeschichte und eine Geschichte des Vertrauens auf Gott. Joy Evelyn Abdul-Mohan, Pastorin der Presbyterianischen Kirche in Trinidad und Tobago, hat diese Gedanken zum Frieden auf Erden formuliert: „Wir Menschen können wahren Frieden nicht so herstellen, wie wir Waren und Rohstoffe herstellen. Die einzige Macht, die wahren Frieden schaffen kann, ist Gott. Daher rufen wir nach einem tieferen und dauerhafteren Frieden. Den haben die Engel verkündet, einen Frieden, den die Welt nicht geben kann und den die Welt nicht wegnehmen kann. Ein Frieden des Verstandes und der Seele, der nur möglich wird durch den Messias, den Heiland Jesus Christus … Die Suche nach wahrem Frieden beginnt in jedem einzelnen Menschen. Wenn solcher Frieden im Leben jedes Einzelnen zu Hause ist, dann kann Hoffnung entstehen für Frieden unter allen Menschen in der Welt, besonders unter denen, die marginalisiert und zerbrochen sind.“[29]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Martin Koschorke, Jesus war nie in Bethlehem, Darmstadt 2007, S. 120

[2] Martin Forward: Jesus, Eine Biografie, Freiburg 2000, S. 64

[3] Vgl. zu diesem Zusammenhang: Claudio Ettl: „Der Retter ist geboren!“, Weihnachten, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2007, S. 22f.

[4] Jürgen Simon: Hirten und Bauern, Arbeit in der Landwirtschaft, Bibelreport, 2/2003, S. 4f.

[5] Margot Käßmann: Weihnachten zieht weite Kreise, Hannover 2004, S.44

[6] Jörg Zink: Zwölf Nächte, Freiburg 1994, S. 84f.

[7] Fulbert Steffensky: Zweifel – und Zweifel am Zweifel, in: Walter Jens (Hrsg.): Frieden – Die Weihnachtsgeschichte in unserer Zeit, Stuttgart 1981, S. 37

[8] Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Göttingen 1951, S. 191

[9] Johannes Calvin: Christnacht – Matthäus 1,1-25: Das Heil kommt von den Juden, auf www.reformiert-info.de; gedruckt erschienen in: Johannes Calvin: Auslegung der Heiligen Schrift, Die Evangelienharmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag 1966, S. 58ff.

[10] St. Michaelis, Hamburg, Predigten, Bischöfin Maria Jepsen, 24.12.2006

[11] James Massey: Christmas, The North India Church Review, Dezember 1998, S. 1

[12] Raphael L. Mbesere: Der Erlöser ist geboren, Nordelbische Mission, 8/1995, S. 3

[13] John Njue: They will call him Emmanuel, Pastoral Letter, Nairobi 2008

[14] Ebenda

[15] Gerhard Ulrich: Predigt über ein Gemälde aus dem Bilderzyklus „Das Leben Christi“ von Emil Nolde, Schleswig 2010, zu finden auf der Website www.nordelbien.de

[16] Ebenda

[17] Gerhard Ulrich: Reichtum dieser Welt kein tragfähiges Band für alle Menschen, Predigt am 24.12.2008, Bericht und Auszüge aus der Predigt sind zu finden auf der Website www.ekd.de

[18] Vgl. ebenda

[19] Hans-Jürgen Abromeit: Gott will eine Kultur des Friedens, Weihnachtsbotschaft 2004, zu finden auf der Website www.kirche-mv.de

[20] Zitiert nach: Klaus Schmidt: Welche Weltordnung? Die Pax Romana aus der Sicht ihrer Nutznießer und Opfer, Junge Kirche, 4/92, S. 209

[21] Reiner Bohley: Verwandlung von Furcht in Freude, in: Walter Jens: Frieden, Stuttgart 1988, S. 165

[22] Dorothee Sölle, Sozialgeschichtliche Bibelauslegung zum Weihnachtsevangelium, Junge Kirche, 11/1990, S. 640

[23] Jörg Zink: Zwölf Nächte, a.a.O., S. 81

[24] Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Kapital, Lateinamerikanische Bibelwerkstatt zur Ökonomie des Gottesreiches, Berichte-Dokumente-Kommentare der Missionszentrale der Franziskaner, Nr. 97, 2005, S. 28f.

[25] Richard Hölck: Predigt über Jesaja 9,1, Hamburg, 24.12.2003, zu finden in der Predigtdatenbank von www.predigtpreis.de

[26] Ebenda

[27] Ebenda

[28] Michael Jürgs: Der kleine Frieden im großen Krieg, Gütersloh 2003, 352 S.

[29] Joy Evelyn Abdul-Mohan: The longing of humanity and the peace of God, Reformed World, 1/2003, S. 12f.