Die Geburt Johannes des Täufers und der Lobgesang des Zacharias

 

Lukas 1,57-80 Bibeltext

 

Als der Sohn von Elisabeth und Zacharias geboren wurde, freuten sich die Nach­barn und Verwandten mit Elisabeth, berichtet Lukas. Und als der Junge beschnitten wurde, stellte sich die Frage nach dem Namen. Und anders als in der Tradition üblich, wurde kein Name aus der Verwandtschaft gewählt, sondern der zur Sprachlosigkeit verurteilte Zacharias schrieb auf, dass der Sohn Johannes heißen sollte. Von Stund an konnte Za­charias wieder sprechen, und das Erstaunen der Menschen in der Umgebung wurde noch größer, als Zacharias einen Lobgesang anstimmte. Zacharias brachte in seinem Loblied die Sehnsucht nach einer Erlösung aus der Hand der Feinde durch Gott zum Ausdruck, damit das Volk ihm dienen könnte in Heiligkeit und Gerechtigkeit ein Leben lang. Der Lobgesang des Zacharias ist tief im jüdischen Glauben und in jüdischen Heils­erwar­tungen verwurzelt. Es geht um die Erlösung des jüdischen Volkes, und mit Ver­weis auf David wird an das befreiende Handeln Gottes in der Geschichte dieses Volkes erinnert. In einer Auslegung des Textes schrieb Angela Langner, Pfarrerin in Leipzig und Mitglied des Vorstandes von „Studium in Israel“: „Die Davidstradition wird hier durch den Zusammenhang des Textes nicht nur aktualisiert (vgl. Stammbaum Jesu), sondern messianisch verstanden.“[1] Es könne in Predigten „eine klare Verbindungslinie zwischen Christentum und Judentum aufgezeigt werden“.[2]

 

Der bekannte evangelische Theologe Helmut Gollwitzer hat empfohlen, die ganze Weihnachtsgeschichte unter der Überschrift des Anfangs des Lobgesangs von Za­charias zu lesen: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk.“ Für das Wort „erlöst“ in der Lutherbibel wählt Helmut Gollwitzer das Wort „befreit“. Es geht im weiteren Lukasevangelium um den Besuch Gottes bei seinem Volk: „Königskinder in der Welt werden mit Böllerschüssen begrüßt, der hier aber, in einer anderen Stadt Davids, draußen in der Provinz, in einem Elendsnest, in Flüchtlingskind, ein Findelkind … völlig proletarisch. Die ganze grausame Realität seiner Zeit spiegelt sich hier …“[3] Ein solches Verständnis des Lobgesangs des Zacha­rias und der Geburt Jesu hat Konsequenzen für unseren heutigen Glau­ben, war Hel­mut Gollwitzer überzeugt: „Die Geburtsgeschichte und die ganze Le­bens­geschichte Jesu sagen: Wenn du wissen willst, wie Gott kommt, dann darfst du nicht nach oben schauen, dann musst du nach unten schauen. Wenn du es wirklich wissen willst, dann musst du dorthin schauen, wo verachtete Winkel sind, wo margi­nali­siert wird, wo ausgestoßen wird, zu den schlimmsten untersten Ecken, da un­ten ist Gott. Getreten, machtlos, liebend kommt er von ganz da unten her.“[4]

 

In dem Lobgesang wird angeknüpft an das Versprechen, das Gott gegenüber Ab­raham und mit ihm auch dem ganzen jüdischen Volk gemacht hatte. In Zei­ten der Not, der unerträglich gewordenen römischen Herrschaft, wird Gott von Za­charias beschworen, sein Volk aus der Hand seiner Feinde zu erlösen. Dem Sohn Johannes wird prophezeit, dass er den Weg des Herrn bereiten wird, und dann werde das göttliche Licht denen erscheinen, die in Finsternis und im Schatten des Todes sitzen. Der Evangelist Lukas hat Johannes den Täufer ganz eindeutig so in die Heilsgeschichte eingeordnet, dass er den Weg für Jesus bereitete. In seinen pa­rallelen Geschichten über die Ankündigung der Geburten und über die Geburten von Johannes und Jesus lässt er keinen Zweifel aufkommen, dass Jesus im Zentrum steht und das Licht aus der Höhe ist. Ob Johannes der Täufer sich tatsächlich als Wegbereiter Jesu verstanden hat, ist historisch nicht zu klären, kann aber bezweifelt werden. Dass Jesus zu seinen Schülern gehörte und von ihm getauft wurde, bevor er sich selbst als Wanderprediger auf den Weg über die staubigen Straßen Galiläas machte, ist sehr wahr­­scheinlich.

 

Im ersten Jahrhundert gab es eine intensive Erwartung des Messias, wie Pinchas Lapide in seinem Buch „Der Jude Jesus“ dargestellt hat. Und von diesem Messias wurde ganz konkret erwartet, das Volk aus der Hand der Feinde zu erlösen.[5] Es ist aus dieser Perspektive zu einfach, den Lobgesang des Zacharias nur so deuten zu wollen, dass Johannes zum Wegbereiter Jesu als Messias werden sollte. Pinchas Lapide jedenfalls betont, dass Jesus diese Erwartungen an den Messias nicht erfüllt hat, „noch versprach er je, sie zu erfüllen“.[6] Unbestreitbar ist, dass Jesus den weit verbreiteten Erwartungen nicht entsprach, sich an die Spitze einer Aufstandsbe­wegung zu stellen, um mit Gottes Hilfe die Römer aus dem Land zu vertreiben. Das versuchten wie dargestellt einige andere jüdische Prediger zu seinen Lebzeiten und danach, die sich selbst zum Messias erklärten und ihre Anhänger in aussichtslose Aufstände führten, die tödliche Folgen für Tausende hatten.[7] Jesus hat sich ausdrücklich von solchen messianischen Bewegungen distanziert und vor ihnen gewarnt.

 

Die Rezeption eines verheißungsvollen Textes

 

Martin Luther sah – wie die katholische Kirche – Johannes als Wegbereiter Jesu an. Aus diesem Grunde setzte er sich dafür ein, das von den Katholiken gefeierte Johannesfest beizubehalten, „besonders wegen der Schwärmer, die nur wollen einreißen und zer­brechen“. Luther fuhr fort: „Aber dabei lassen wir’s bleiben, dass wir keinen anderen Mittler kennen als Christus.“[8] Christus allein sei Gottes Lamm für alle Sün­den und deshalb der einzige Mittler. Luther ging noch einen Schritt weiter: „Wir haben Johannis Fest behalten, nicht um Johannes willen, sondern es ist ein Christus-Fest wie Ostern und Himmelfahrt.“[9] Dass vom Engel über Johannes gesagt wurde, er werde viele bekehren, machte ihn für Luther zum Vorbild für alle Prediger: „Da macht der Engel den Johannes auf Gottes Befehl im Mutterleib zum Pfaffen … Das ist der Dienst am Wort. Er soll ein solcher Pfaff werden, dass er nicht in den Wind predige, sondern ‚viele bekehre’. Da ist viel davon zu predigen. Das vornehm­ste Amt auf der Welt ist das Predigtamt. Darum feiern wir auch, weil Johannis Amt eins ist, das den Menschen hilft von Sünden, Welt, Satan und führt sie zum Reich Gottes.“[10]

 

Auffällig ist, dass sich heutige Befreiungstheologinnen und -theologen im Süden der Welt recht selten auf den Lobgesang des Zacharias bezogen haben. Dies ist besonders augenfällig im Vergleich zum Lobgesang der Maria. Das liegt sicher vor allem daran, dass es Zacharias sehr viel dezidierter als Maria um die Befreiung des jüdischen Volkes ging und er die göttlichen Verheißungen auf dieses Volk bezog.

 

Im „Evangelium der Bauern von Solentiname“ hat Ernesto Cardenal festgehalten, wie einfache Bäuerinnen und Bauern in Nicaragua in den 1970er Jahren über die­sen Text nachgedacht haben. Die Formulierung „ihm dienen unser Leben lang ohne Furcht in Heiligkeit und Gerechtigkeit“ löste dieses Gespräch aus:

 

Alejandro: - Gott muss man aus Liebe und nicht aus Angst dienen. Wir müssen ganz für ihn da sein, aber ohne Angst. Und auch vor den Menschen sollen wir keine Angst haben. Wir dürfen nicht aus Angst vor den Menschen aufhören, Gott zu dienen und ganz für ihn da zu sein.

 

Felipe: - Hier wurde gesagt, Gott würde uns von unseren Feinden und allen, die uns hassen, befreien. Ich glaube, das bedeutet auch, dass wir uns von den Lehren unserer Feinde befreien sollen und dafür die Lehren Christi annehmen. Unsere Feinde sind die, die uns ausbeuten, nicht wahr? Und wir müssen uns von ihren Leh­ren und von unserer Angst vor ihnen befreien.

 

Donaldo: - Gott ohne Angst dienen, meine ich, heißt seinen Nächsten lieben und ihm dienen – ohne Angst vor den anderen, vor der Obrigkeit zum Beispiel …

 

William: - Ich glaube, beides geht Hand in Hand, die Liebe und die Furchtlosigkeit. Je mehr man liebt, desto weniger Angst hat man.“[11]

 

An diesem Gesprächsabschnitt fällt auf, wie stark die Verheißung des Zacharias für das jüdische Volk seiner Zeit von den Menschen in Solentiname ganz unmittelbar auf die eigene Situation bezogen wird. Es geht um die eigene Befreiung, die ei­gene Furchtlosigkeit und die eigene Nächstenliebe. Diese ganz unmittelbare Übertra­gung biblischer Texte auf die eigene Situation ist in Gemeinden und Kirchen im Süden der Welt häufig anzutreffen. Und in einer Situation wie in Nicaragua in den 1970er Jahre, als Ausbeutung und Unterdrückung immer kras­sere Formen annahmen, sprachen die biblischen Verheißungen die Menschen sehr di­rekt an. Sie fanden sich und ihre Situation in diesen Texten wieder. Dies ist ein Be­leg dafür, dass es nicht nur auf der Makroebene gewisse Ähnlichkeiten zwischen den damaligen und den heutigen globalen Verhältnissen gibt, sondern dass auch die Situation der Opfer von Ausbeutung und Unrecht, ihre Wahrnehmung und ihre Hoffnungen große Ähnlichkeiten aufweisen und eine Identifikation ermöglichen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Angela Langner: 1. Sonntag im Advent: Lk 1,67-79, in: Wolfgang Kruse (Hrsg.): Predigtmedi­tationen im christlich-jüdischen Kontext, Neuhausen 2000, S. 2

[2] Ebenda, S. 3

[3] Helmut Gollwitzer/Pinchas Lapide: Ein Flüchtlingskind, Auslegungen zu Lukas 2, München 1981, S. 30

[4] Ebenda, S. 31

[5] Pinchas Lapide: Der Jude Jesus, Düsseldorf und Zürich 2001, S. 29

[6] Ebenda

[7] Vgl. Ebenda, S. 31ff.

[8] Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Göttingen 1950, S. 48

[9] Ebenda

[10] Ebenda, S. 55

[11] Ernesto Cardenal: Das Evangelium der Bauern von Solentiname, Wuppertal 1980, S. 36