Die Geburt Jesu im Protevangelium des Jakobus

 

In den Kindheitsevangelien, also den apokryphen frühchristlichen Texten, die nicht ins Neue Testament aufgenommen worden sind, wird die Geburtsgeschichte selbst­­verständlich ebenfalls dargestellt und ausgeschmückt. Das Protevangelium des Jakobus knüpft bei der Beschreibung der Geburt Jesu an die Darstellung von Lukas an und erweitert sie. Während der Reise von Josef und der werdenden Mutter Maria nach Bethlehem fügt der Verfasser dieses Evangeliums ein drama­tisches Ereignis ein: Am Himmelsgewölbe und auf der Erde erstarrt alles für einen Augenblick. Jakobus berichtet über das Geschehen: „Und ich blickte hinab auf die Erde und sah eine Schüssel stehen und die Arbeiter um sie herum sitzen mit ihren Händen in der Schüssel. Aber die Kauenden kauten nicht, und die etwas aufhoben, hoben nichts auf, und die etwas zum Mund führten, führten nichts zum Munde, son­dern aller Augen blickten nach oben.“ [1] Die Vögel erstarrten am Himmel, wird uns von Jakobus berichtet, die Men­schen unterbrachen ihr Tun, und Böcke tranken nicht weiter. Der Augenblick des Innehaltens ging vorüber, und dann ging alles wie­der seinen Gang. In heutiger Sprache würden wir vielleicht sagen, dass Jakobus uns vermitteln will, dass die Welt angesichts der bevorstehenden wunderbaren Geburt des Jesuskindes die Luft anhielt.

 

Die Beschreibung der Geburt Jesu diente Jakobus dazu zu bekräftigen, dass Maria vor, während und nach der Geburt eine Jungfrau war – ein Hinweis darauf, dass die Jungfrauengeburt von Anfang der Kirchengeschichte an von Nichtchristen und auch von manchen Christen angezweifelt wurde und ausführlich begründet wer­den musste. Die Darstellung der Geburt Jesu im Protevangelium des Jakobus war wahrscheinlich auch ein Versuch, sich gegen den Vorwurf zur Wehr zu setzen, die Geburt Jesu sei das Ergebnis einer Beziehung von Maria zu einem römischen Legio­när gewesen.

 

Als Nachweis der Jungfräulichkeit Marias führte Jakobus zwei Hebammen in die Geburtsgeschichte ein. Die erste Hebamme erlebte eine wunderbare Geburt und berichtete der später hinzukommenden zweiten Hebamme Salome davon: „Salome, Salome, ich habe dir ein nie da gewesenes Schauspiel zu berichten: Eine Jungfrau hat geboren, was doch ihre Natur nicht zulässt.“[2] Salome aber zweifelte (wie spä­ter der Apostel Thomas nach der Auferstehung Jesu): „Wenn ich nicht meinen Fin­ger hinlege und ihren Zustand untersuche, werde ich nicht glauben, dass eine Jungfrau geboren hat.“[3] Tatsächlich legte sie ihren Finger hin zur Untersuchung des Zustands von Maria. Erschrocken stellte sie fest, dass Maria tatsächlich Jungfrau war und erkannte, dass sie Gott versucht hatte. Ihre Hand fiel, wird von Jakobus berichtet, vom Feuer verzehrt von ihr ab. Die Geschichte von der ungläu­bigen Sa­lome hatte, so die beruhigende Nachricht, doch noch ein gutes Ende. Denn als sie bereute, um Heilung flehte und das Kind berührte, wurde sie wieder gesund. Nur eine fromme Legende? Immerhin hat sie einen pro­mi­nenten Platz in der frühen Kirchenkunst gefunden. Auf dem Elfenbein-Prunkstuhl von Bischof Maxi­mian in Ravenna aus dem 6. Jahrhundert wird dargestellt, wie die junge Mutter Ma­ria auf einem Bett liegt und eine Frau ihr ihre schlaffe Hand hinstreckt, zweifellos eine künstlerische Umsetzung der Salome-Geschichte des Jakobus.[4]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Protevangelium des Jakobus; zitiert nach: Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, Stuttgart 2008, S. 117

[2] Zitiert nach: Herbert Fendrich: Purpurfaden und Goldenes Tor, in: Verborgene Evangelien, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2007, S. 57

[3] Ebenda

[4] Vgl. Franz-Josef Ortkemper: Was die Evangelien nicht erzählen, in: Verborgene Evangelien, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2007, S. 10ff. und Herbert Fendrich: Purpurfaden und Goldenes Tor, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2007, S. 57