Krippe und Kreuz

 

Maria Jepsen, bis 2010 Hamburger Bischöfin, hat dafür plädiert, der Krippe in der Theologie mehr Beachtung zu schenken. Die Ereignisse in Bethlehem seien zwar zum größten Fest der westlichen Welt, wenn nicht der Welt, geworden: „Theologisch aber scheint Weihnachten, gemessen an Karfreitag und Ostern, eher ein Fest minderen Ranges zu sein ... Für Weihnachten bleibt, so gesehen, aber nur Platz drei übrig, als sträubten sich Theologen gegen die Verständlichkeit und Eingängigkeit des fröhlicheren Bethlehemgeschehens.“[1] Maria Jepsen formuliert pointiert: „Die Krippe ist populär, das Kreuz elitär.“

 

Mich hat diese Aussage daran erinnert, dass in vielen Darstellungen der Geburt Jesu in der christlichen Kunst das Kreuz mit aufgenommen wurde, um deutlich zu machen, dass Jesu Weg von der Krippe ans Kreuz ge­führt hat. Damit haben die Künstler die Vorbehalte vieler Theologen gegen ein gar zu fröhliches Fest um die Krippe aufgenommen und das Kreuz wie einen mahnenden Zeigefinger in die Kom­position ihrer Werke einbezogen. Dabei wird ein bestimmtes Verständ­­­­nis vom Kreuz immer gleich mitgedacht: Jesus ist für unsere Sünden gestorben. Das ist die vorherrschende Kreuzestheolo­gie, aber nicht die einzige. Das kann hier nur an­gedeutet werden. Möglich ist auch, dass Jesus nicht um unser aller Sünden und aller zukünftigen Sünden willen brutal hingerichtet wurde, sondern weil seine Botschaft der Liebe und der Befreiung vom damaligen politischen und vielleicht auch reli­gi­ösen Establishment als aufrührerisch angesehen wurde.

 

Der Weg von der Krippe zum Kreuz ist aus einem solchen Verständnis heraus ein Lebensweg, der geprägt ist von der Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Diesen hoffnungsvollen Weg haben die Herrschenden brutal beendet. Wir feiern zu Weihnachten aus dieser Perspektive die Geburt eines Menschen, der viele Jahre ein Leben als Kind armer Leute und dann als Handwerker geführt hat, bevor er sich zuerst Johannes dem Täufer anschloss und dann als Wanderprediger durch Galiläa zog, um seine Botschaften voller Hoffnung und Verheißungen zu verkündigen und mit einer kleinen Anhängerschar vorzuleben. Das Kreuz ist dann das Symbol des abrupten und brutalen Endes dieses Weges. Anders als im Apos­toli­schen Glaubensverständnis nehmen wir auf diese Weise das ganze Leben Jesu in den Blick, nicht nur seinen Anfang und sein Ende.

 

Zurück zu Maria Jepsen. Sie hat für ihre These zu Krippe und Kreuz überzeu­gende Belege gefunden: „Anders als das Kreuz ist die Krippe, lexikonauf, lexi­kon­­ab, kein theologi­sches Stich­wort. Ich finde, wir sollten uns auch theologisch unbe­­fangen der Krippe nä­hern … Beth­lehems Zeichen als Zeichen der Christenheit! Ob die Kirchenge­schich­te dann friedlicher verlaufen wäre? Ob dann auch einer hätte sagen mögen: In hoc signo vinces – in diesem Zeichen wirst du siegen? In Beth­lehem geht es nicht um Sieg, sondern um Hilfe, Freundlichkeit. Jedenfalls hätte man Gott in Gedanken unwillkürlich weniger mit Tod als mit Leben verbunden.“ Diese Überlegungen der Hamburger Bischöfin stießen in evangelikalen Kreisen auf hef­tigen Widerspruch bis hin zum Blasphemievorwurf, und es wurde ihr unterstellt, sie wolle das Kreuz abschaffen.[2]

 

Ganz ähnlich wie Maria Jepsen formulierte hingegen der Hamburger Theologe und Autor Klaus Eulenberger: „Den Theologen ist die verbreitete Weihnachtsseligkeit immer ein wenig verdächtig. Sie argwöhnen, die Empfänglichkeit für das Krip­pen­kind sei ein Ausdruck sozusagen irregeleiteter Religiosität; nicht die Krippe, son­dern das Kreuz sei doch das ‚wahre’ christliche Symbol.“[3] Die Theologin Eli­sa­beth Moltmann-Wendel hat ihre Kritik an einer allein auf das Kreuz fixierten Theologie so formuliert: „Protestanten haben immer gleich zu der Krippe auch das Kreuz gesetzt. Fast haben sie damit die Krippe unwirksam gemacht – nur damit die Menschen nicht vergessen, dass sie Sünder sind und dass sie erlöst werden müssen.“[4]

 

Die enge Verbindung von Krippe und Kreuz ist auch in der weltweiten Ökumene weit verbreitet, selbst wenn sie manchmal in so schöne Worte gefasst wird, wie Wang Weifan (China) dies in einer Meditation getan hat: „Erstes Lächeln auf dem kleinen Gesicht. Wie ähnelt es jetzt dem ersten Menschen der Welt ... Ein Lächeln der Liebe und des Gehorsams, für den mühsamen Weg bis ans Kreuz.“[5] Immerhin, hier kommt der mühsame Weg in den Blick, nicht nur das schreckliche Ende.

 

Abschließend möchte ich zu bedenken geben, dass die enge Verknüpfung von Krippe und Kreuz auch die Funktion haben kann zu verhindern, dass die Verheißungen der Geburtsgeschichte einschließlich des Magnifikats als Auftrag zu einer realen Umgestaltung dieser Welt zugunsten der Armen und der bedrohten Schöpfung „missverstanden“ werden könnten. Mit der Verknüpfung von Geburt und Kreuzigung Jesu werden Leiden und Tod betont, wobei häufig der Gedanke mitklingt, Jesus sei für unsere Sünden gestorben. Es wäre aber auch möglich, die Verbindung von Geburtsgeschichte Jesu und seiner Auferstehung herauszustellen und damit den Aufbruch zum Reich Gottes zu betonen, das schon mitten in dieser Welt beginnt und weit darüber hinausreicht. Hier soll nicht das Leiden Jesu in seiner Bedeutung herabgestuft werden, aber dieses Leiden war ein Schritt auf dem Weg zu einer Auferstehung, die als Zeichen dafür verstanden werden kann, dass Jesus nicht nur einer von vielen Wanderpredigern war, sondern den Weg gewiesen und vorgelebt hat, der die Hoffnung auf ein Leben schafft, wie es im Lobgesang der Maria bereits angekündigt wurde. Diese Hoffnung ist zusammengefasst in der Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Maria Jepsen: Das Kind, das die Welt bewegt, Publik-Forum, 24/1999, S. 31

[2] Johanna Jäger-Sommer: Das Geheimnis der Geburt, Publik-Forum, 24/2005, S. 34

[3] Klaus Eulenberger: Das „richtige Kind“ muss in der Krippe liegen, Publik-Forum, 24/96, S. 53

[4] Zitiert nach: Johanna Jäger-Sommer: Das Geheimnis der Geburt, a.a.O., S. 36

[5] Wang Weifan: Ihr werdet finden das Kind ..., Aktuelle China-Nachrichten, 31/1998, S. 5