Ein Anlass zur Umkehr und zum Engagement zugunsten der Armen

 

Der evangelische Theologe Martin Koschorke schreibt in seinem Jesus-Buch über die Bedeutung des Weihnachtsgeschehens bis heute: „Weihnachten feiert die Ankunft des Göttlichen in der Welt. Zugleich erfahren wir, wie Gott sich seine Welt vorstellt. Sie ist überraschend, ganz anders, als wir Menschen sie eingerichtet haben. Mit Weihnachten kommt Gottes ‚Reich’ – in heutiger Sprache wird man wohl eher sagen: Gottes Gegenwart oder Gottes Wirklichkeit – in unser Leben. Die menschlichen Vor­stellungen von Gott werden radikal umgekehrt. Das hat Folgen: Eine ganze Reihe menschlicher Spielregeln wird infrage gestellt.“[1] Wenn Gott „unsere Welt auf den Kopf“ stellt, hat das für Martin Koschorke konkrete Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Wenn Gottes Liebe auf die Welt kommt, dann verändert sich diese Welt, auch wenn es politisch Mächtigen seit Kaiser Konstantin gelungen ist, die christliche Religion dafür zu missbrauchen, der eigenen Machtausübung eine re­li­giöse Rechtfertigung zu verleihen. Es bleibt für den evangelischen Theologen dabei: „Im Angesicht von Gottes Gegenwart fallen menschliche Hierarchien in sich zusammen.“[2]

 

Die damalige Hamburger Bischöfin Maria Jepsen stellte kurz vor Weihnachten 2007 ebenfalls die Verbindung zwischen dem Kind in der Krippe, dem erwach­se­nen Jesus und den heutigen sozialen Fragen heraus: „Das Kind in der Krippe ist später ja der erwachsene Jesus. Heiligabend ist ein Geburtstag, den wir feiern, an dem wir aber auch daran erinnert werden, dass Glaube die Wirklichkeit nicht ausblendet und dass Gott da anfassbar ist, wo Menschen in Armut und Elend leben.“[3] Im Blick auf die Kinder sagte die Bischöfin in einer Weihnachtspredigt: „Kinder dürfen kein Armutsrisiko bedeuten, brauchen unser aller Schutz, nicht nur zu Weihnachten.“[4] Wenn wir von der Bibel lediglich die Geburtsgeschichte kennen würden, wie sie Lukas überliefert hat, wüssten wir sehr viel von Gottes Willen, ist Maria Jepsen überzeugt: „Und wir wüssten, allein aus diesen paar Zeilen, die Art auch, wie er sich in die menschliche Geschichte, in unser Leben einmischen will. Absolut gewaltlos. Absolut unerhaben. Absolut herrschaftslos und absolut unbedrohlich. In Windeln gewickelt ein Kind, das in einer Krippe liegt. Das ist der Anfang eines Weges Gottes auf Erden.“[5]

 

Die Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter besuchte regelmäßig am Heiligabend die Gefangenen in einem Frauengefängnis und sagte dazu 2002: „An Weih­nachten denken wir besonders an die, die oft vergessen werden. Gefangene brauchen Zuwendung und Aufmerksamkeit, um nach der Haftzeit den Weg wieder zurück in die Gemeinschaft zu finden.“[6] Auf Weihnachtsgeschenke verzichtet die Bischöfinnenfamilie, erzählte sie 2003 einem Journalisten: „Das macht Weihnachten stressarm, und es bleibt mehr übrig für Brot für die Welt und andere Bedürftige.“[7]

 

Ganz ähnlich wie die Lübecker Bischöfin hat sich am 23. Dezember 2010 auch Andreas von Malzahn, der Landesbischof von Mecklenburg, geäußert. Er hob in einer Weihnachtsbotschaft hervor, dass Gott im Abseits der Weltgeschichte zur Welt gekommen ist und dass ihm die Menschen am Rande am Herzen liegen: „Das ruft Christen in besonderer Weise zur Verantwortung und Parteinahme für die Benachteiligten unserer Zeit: für Kinder, deren soziale Herkunft ihnen noch immer bestimmte Bildungswege verschließt; für alte Menschen, die vereinsamen; für Soldaten, die in Kampfeinsätzen traumatisiert wurden; für Haftentlassene, die es schwer haben, ‚draußen’ wieder Fuß zu fassen und eine Arbeit zu finden; für Frauen, Männer, Kinder, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind; für Menschen, die am Rande ihrer Kraft arbeiten und sich vom Leben überfordert fühlen. Wo wir uns zu Nächsten dieser Menschen machen, ist Gott uns nahe.“[8]

 

Auf eine andere Verhaltensänderung zu Weihnachten drängt Rainer Hagencord, der Leiter des Instituts für Theologische Zoologie in Münster. Der katholische Theologe forderte im Dezember 2010 in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa, weniger Fleisch zum Weihnachtsessen zu servieren: „Ich bin empört darüber, wie sehr der Fleischkonsum als globales Problem verharmlost wird.“[9] Er fügte hinzu: „Die Kirche spricht zwar immer von der Bewahrung der Schöpfung, aber Puten, Hühner, Schweine, Rinder tauchen dabei nicht auf.“[10]

 

Ökumenische Kritik am heutigen „Imperium“

 

Die Missstände in aller Welt, von denen auch in vielen Überlegungen und Predigten zu Weihnachten die Rede ist, erfordern ein Umdenken und ein verändertes Handeln jedes einzelnen Menschen. Es müssen aber auch Strukturen verändert werden, die immer neu Unrecht und Elend schaffen. Der Reformierte Weltbund hat dies bei seiner Generalversammlung 2004 in Accra mit großer Mehrheit so formuliert: „Als Wahrheits- und Gerechtigkeitssuchende, die sich die Sichtweise der Macht­­losen und Leidenden zu Eigen machen, sehen wir, dass die gegenwärtige Welt-(Un)Ordnung auf einem außerordentlich komplexen und unmoralischen Wirt­­schaftssystem beruht, das von einem Imperium verteidigt wird. Unter dem Begriff ‚Imperium’ verstehen wir die Konzentration wirtschaftlicher, kultureller, politischer und militärischer Macht zu einem Herrschaftssystem unter der Führung mächtiger Nationen, die ihre eigenen Interessen schützen und verteidigen wollen.“[11]

 

Angesichts dieser globalen Situation hat der Reformierte Weltbund die Notwen­digkeit des eigenen Bekennens hervorgehoben: „Wir glauben, dass die Integrität unseres Glaubens auf dem Spiel steht, wenn wir uns gegenüber dem heute geltenden System der neoliberalen wirtschaftlichen Globalisierung ausschweigen oder untätig verhalten.“[12] Die reformierten Kirchen aus aller Welt im Refor­mier­ten Weltbund sagten deshalb 2004 Nein zur „gegenwärtigen Weltwirtschaftsord­nung“ und zu einer „Kultur des unbändigen Konsumverhaltens, der konkurrierenden Gewinnsucht und zur Selbstsucht des neoliberalen globalen Marktsystems oder jedes anderen Systems, das von sich behauptet, es gäbe keine Alternativen.“[13]

 

Stattdessen wird in der Erklärung der Glaube zum Ausdruck gebracht, dass die Menschen berufen sind, sich für Gott und gegen den Mammon zu entscheiden und auf die Seite der Opfer der Ungerechtigkeit zu stellen. Eine Kernaussage der Erklä­rung lautet: „Indem wir unseren Glauben gemeinsam bekennen, schließen wir einen Bund im Gehorsam gegen Gottes Willen. Wir verstehen diesen Bund als einen Akt der Treue in gegenseitiger Solidarität und verlässlichen Bindungen. Was uns verbindet, ist der gemeinsame Einsatz für wirtschaftliche und ökologische Gerech­tigkeit, sowohl in unserem uns allen gemeinsamen globalen Kontext als auch in unserem jeweiligen regionalen und lokalen Umfeld.“[14]

 

Der Heidelberger Theologe Ulrich Duchrow, der sich seit vielen Jahren für ein stärkeres Engagement der Kirchen gegen wirtschaftliche Unrechtsstrukturen einsetzt, hat die Debatte und Beschlüsse von Accra bewertet: „Kirche kann sich – wie in der Bibel bezeugt – an die Seite Gottes stellen, indem sie ihren Ort an der Seite der arm Gemachten und der gefährdeten Schöpfung findet und so für das ‚Leben in Fülle’ eintritt. Wenn sie es tut, wird der Geist Gottes erfahrbar – wie in Accra.“[15]

 

Was das konkret bedeuten kann, hat René Krüger, Präsident der Theologischen Hochschule ISEDET in Argentinien, 2005 in einem Aufsatz so formuliert: „Heute ist es die Aufgabe der Kirche, ein Zentrum der Möglichkeiten für eine alternative Gesellschaft und des Widerstandes zu sein und nicht einfach eine Institution, die Linderung oder ein Schmerzmittel anbietet. Es ist entscheidend, in der Lage zu sein, den Schmerz und den Bedarf genau zu erkennen und deren Ursachen aufzudecken – zu beklagen und anzuklagen, öffentlich zu sagen, dass Gott ein solches System nicht will – und eine alternative Gemeinschaft aufzubauen, die durch Solidarität ge­kennzeichnet ist. Ein solcher Widerstand ist allerdings nur möglich, wenn man den Gegenstand genau erkennt, gegen den der Widerstand sich richtet.“[16] Es geht für René Krüger also darum, das heutige Imperium zu analysieren und zu durchschauen, um ihm dann als Kirche überzeugende Alternativen entgegenzustellen.

 

Die Imperiumskritik und der „Bund für wirtschaftliche und ökologische Gerech­tigkeit“ von Accra wurden zum Ausgangspunkt einer lebhaften und vielfältigen Debatte über heutige Imperiumsstrukturen und das Engagement für ein anderes Wirtschaften und Leben. Diese Debatte beschränkte sich nicht auf die Mitgliedskirchen des Reformierten Weltbundes, sondern ist zum Beispiel auch im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) und im Luthe­ri­schen Weltbund (LWB) geführt worden. Ein Kristallisationspunkt der lutheri­schen Imperiumsdiskussion war eine Tagung in San Diego/USA im November 2007, bei der die LWB-Veröffentlichung „Being the Church in the Midst of Empire: Trini­tarian Reflections“[17] (Kirche sein inmitten imperialer Machtstrukturen: Trinitarische Reflexionen) vorgestellt und diskutiert wurde.

 

Der US-amerikanische Theologe und Hochschullehrer Jack Nelson Pallmeyer hat in einem der Aufsätze des Bandes reflektiert, was es bedeutet, im Zentrum des heutigen Imperiums zu leben. Er ist zu diesem Ergebnis gekommen: „Christinnen und Christen, die im Zentrum des Imperiums leben, müssen sich mit einem beun­ruhi­genden Widerspruch auseinandersetzen: Vierundachtzig Prozent aller Erwach­se­nen in den USA bezeichnen sich als Christen; Jesus lehrte, Feinde zu lieben, und rief seine Anhänger dazu auf, Frieden zu schaffen; und die heutigen USA sind das am stärksten militarisierte Imperium in der Menschheitsgeschichte und sind allein für die Hälfte aller Militärausgaben der Welt verantwortlich. Als Bürgerinnen und Bür­ger müssen wir die Republik anstelle des Imperiums wählen. Als Christinnen und Christen müssen wir uns zwischen dem Glauben an das Imperium und der Nachfolge des Beispiels Jesu entscheiden.“[18]

 

Es wäre zu einfach, sich als Christinnen und Christen in Deutschland als nicht betroffen anzusehen, weil unser Land nicht das Zentrum des heutigen globalen Imperiums darstellt. Als Bürgerinnen und Bürger der größten europäischen Wirtschaftsmacht haben wir eine große Mitverantwortung dafür, wie sich das globale System politischer und wirtschaftlicher Macht entwickelt, das in der Zeit Jesu als Imperium bezeichnet wurde und das in der ökumenischen Diskussion der letzten Jahre erneut als Imperium identifiziert worden ist. Rose Wu, die als Hongkonger Theologin ebenfalls in einem der regionalen Zentren des Imperiums lebt, hat ihren Landsleuten 2006 in einem Brief geschrieben: „Als Mitglieder der Kirche Christi, die danach streben, gläubig dem zu folgen, was er gelehrt hat, stehen wir vor der Her­ausforderung, ob wir uns für Gott entscheiden oder für das Imperium derer, die die Macht besitzen. Angesichts unserer menschlichen Natur ist uns be­wusst, dass es immer eine Versuchung für uns ist, das Imperium und nicht Gott zu wählen, weil das Imperium uns Sicherheit und Privilegien zu geben scheint.“[19]

 

Weihnachten sollten wir deshalb nicht nur an das damalige römische Imperium und seine Repräsentanten wie Augustus und Herodes denken, sondern auch an das, was heute politisch und wirtschaftlich Mächtige auf diesem Planeten anrichten. Wenn wir uns Weihnachten für Gott entscheiden, hat das gravierende Folgen für unser Engagement in der Gesellschaft. Mit der Geburt Jesu hat etwas Neues begonen, und wir sind eingeladen, uns mit ganzem Herzen und ganzem Verstand an diesem Neuen zu beteiligen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Martin Koschorke: Jesus war nie in Bethlehem, Darmstadt 2007, S. 100

[2] Ebenda, S. 110

[3] „Weihnachten ist auch immer ein Nachhausekommen“, Gespräch mit Maria Jepsen und Werner Thissen, Hamburger Abendblatt, 24.12.2007

[4] Weihnachten ist nicht nur ein Märchen, Hamburger Abendblatt, 24.12.2007

[5] Maria Jepsen: Das Kind, das die Welt bewegt, Publik-Forum, 24/1999, S. 30

[6] Landesregierung Schleswig-Holstein, Pressemitteilung, Justizministerin Lütkes und Bischöfin Wartenberg-Potter besuchen JVA Kiel, 19.12.2002

[7] Gefängnisbesuch und Geschenkeverzicht für Brot für die Welt, epd-Nord, 19.12.2003

[8] Andreas von Malzahn: Weihnachten – etwas von Gott erkennen, 23.12.2010, zu finden auf www.kirche-mv.de

[9] Theologe fordert: Weniger Fleisch zum Weihnachtsessen, Deutsche Presse Agentur, 18.12.2010, u. a. veröffentlicht von www.focus.de

[10] Ebenda

[11] Reformierter Weltbund: Bund für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit, Erklärung der 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes, Accra 2004, die reformierten, update 04.3, S. 23f.

[12] Ebenda, S. 24

[13] Ebenda, S. 25

[14] Ebenda, S. 27

[15] Ulrich Duchrow: Das Wunder von Accra, Zeitschrift Entwicklungspolitik, 17/2004, S. 33

[16] René Krüger: The biblical and theological significance of the Accra Confession: a perspective from the south, Reformed World, 3/2005, S. 233

[17] Karen L. Bloomquist (Hrsg.): Being the Church in the Midst of Empire: Trinitarian Reflections, Minneapolis 2007

[18] Jack Nelson-Pallmeyer: Faith and Empire: Some Biblical Perspective, in: Karen L. Bloomquist (Hrsg.): Being the Church in the Midst of Empire, a.a.O., S. 53f.

[19] Rose Wu: God or the Empire, Hong Kong Christian Institute, Newsletter, June 2006, S. 3