Berechtigte Furcht vor dem brutalen Herrscher von Judäa

 

Matthäus 2,19-23

 

Erst nach dem Tod von König Herodes kehrten Josef, Maria und Jesus aus Ägyp­ten zurück, lesen wir im Matthäusevangelium. Wie viele heutige politische Flüchtlinge warteten sie auf einen günstigen Zeitpunkt, zurück in die Heimat zu reisen. Aber damals wie heute besteht die Unsicherheit, ob der Tod eines Despoten schon aus­reichend Veränderungen bewirkt oder ob ein neuer Herrscher mit den gleichen Methoden re­giert wie sein Vorgänger. Als Josef hörte, wie brutal der Hero­dessohn Archelaus (oder Archelaos) in Judäa regierte, fürchtete er sich. Im Traum befahl Gott ihm, nach Galiläa zu ziehen. Die Familie folgte dieser Anweisung und ließ sich in Nazareth nieder. Wie bei Lukas kam die Familie also schließlich in Nazareth an. Das war unabdingbar, denn im ersten Jahrhundert war unter den Jesus­anhängern bekannt, dass Jesus in Nazareth aufgewachsen war.

 

Die Furcht vor Archelaus, die Matthäus in seine Geschichte eingeflochten hat, war durchaus berechtigt, denn dieser Herodessohn ist als besonders brutaler Herr­scher in die jüdische Geschichte eingegangen. Er stand ursprünglich bei der Erbfolge nicht auf einem der oberen Plätze, aber nachdem Hero­des drei seiner Söhne ermorden ließ, konnte sich Arche­laus Hoffnungen auf den Königsthron machen. Er berief sich auf das letzte Tes­tament von Herodes, in dem er als neuer König vorgesehen war. Allerdings entwickelten mehrere seiner Brüder und Halbbrüder eben­falls große politische Ambitionen, vor allem Antipas, der in einem früheren Tes­­tament als Herodeserbe genannt worden war.

 

Es gelang Archelaus nach dem Tod seines Vaters, sich in Jeru­salem als neuer Herr­scher zu etablieren. Er übte von Anfang an, berichtet der antike jüdische Historiker Flavius Josephus vermutlich zutreffend, eine solche Schreckens­­herrschaft aus, dass er sehr rasch äußerst verhasst war. Noch bevor er in Rom überhaupt als Herrscher von Judäa bestätigt worden war, kam es bereits zu Unruhen, unter anderem durch dessen Ankündigung der Ab­setzung des Hohepriesters. Diese Unruhen in Jerusalem ließ Archelaus blu­tig niederschlagen, wobei 3.000 Menschen ums Leben gekommen sein sollen.[1] Die gewaltsamen Konflikte wurden umgehend in Rom bekannt und bestä­tigten die Befürch­tung, dass es nach dem Tod von Herodes zu Auseinanderset­zun­gen in seinem Königreich kommen würde.

 

Der Streit der Herodessöhne

 

Archelaus war nicht der Einzige, der zur Bestätigung seiner Ansprüche nach Rom reiste, sondern auch seine Brüder Antipas und Philipp sahen sich als legitime Nachfolger des toten Königs und bean­spruchten das ganze Erbe oder doch wenigstens Teile davon. Dass die drei Herodessöhne mit getrennten Delegationen und je eigenen Vorstellungen in Rom eintrafen, machte auf den römischen Kaiser einen denkbar schlech­ten Eindruck. Dazu reiste auch noch eine Dele­ga­tion aus der jüdischen Bevölkerung mit dem Vor­schlag an, der Kaiser mö­ge das Land direkt regieren.

 

Diese Delegation aus der jü­dischen Bevölkerung hat übrigens mit hoher Wahrscheinlichkeit Eingang in das Neue Testament gefunden. Bei Lukas lesen wir in einem Gleichnis im 19. Kapitel: „Ein Mann von edler Herkunft zog in ein fernes Land, um ein Königtum zu erlangen und dann zurückzukommen. Der ließ zehn seiner Knech­te rufen und gab ihnen zehn Pfund und sprach zu ihnen: Handelt damit, bis ich wie­der­komme! Seine Bürger aber waren ihm feind und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche.“ Das Ende des Abschnitts lässt Schlimmes befürchten, denn der Herrscher verkün­dete: „Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrsche, bringt her und macht sie vor mir nieder.“

 

Dass die drei Herodessöhne und ihre Berater einander vor Augustus verun­glimpf­ten, konnte den Kaiser nur noch mehr alarmieren. Zudem erreichten ihn Be­richte, dass es in Jerusalem und anderen Gebieten Palästinas nach der Abreise der Delegationen zu weiteren Unruhen gekommen war.[2] Unter den Umständen konn­te Archelaus froh sein, überhaupt noch mit der Herrschaft über Judäa, Samarien und Idumäa betraut zu werden, einem besonders großen und wichtigen Teil des väterlichen Erbes. Allerdings ernannte Augustus ihn nicht wie erhofft zum König, sondern verlieh ihm lediglich den deutlich niedrigeren Status als Ethnarch, was sich mit „Herrscher des Volkes“ übersetzen lässt. Dass Augustus den Herodessohn Ar­che­laus nicht „in die Wüste“ schickte, lag vielleicht auch daran, dass dieser in seiner Kindheit eine Bildung in Rom erhalten hatte und daher Anlass zur Hoffnung bestand, dass er die griechisch-römische Kultur und Lebensweise in seinem Herrschaftsgebiet för­dern würde. Auch die beiden anderen angereisten Brüder erhiel­ten Teile des väterlichen Erbes, sodass Augustus einem von den Herodessöhnen an­­ge­führten Aufstand gegen die Römer vorbeugte.

 

Dass Archelaus nicht wie erwartet als König aus Rom zurückkehrte, bedeu­tete einen beträchtlichen Gesichtsverlust. Zudem wurde seine Legitimität als jüdi­scher Herrscher dadurch geschmälert, dass er später die Witwe eines Halbbruders hei­ratete, was der Tora widersprach (3. Mose 18,16). Wenn Archelaus danach noch irgendwelche Sympathien in der Bevölkerung besessen haben sollte, verspielte er sie durch zahlreiche willkürliche Maßnahmen wie die Absetzung des Hohepriesters. Dass er die einzige Stadt, die er gründete, nach sich selbst benannte, spricht nicht für einen souveränen Umgang mit der Macht.

 

Nach einem Jahrzehnt Herrschaft war Archelaus so verhasst, dass eine gemein­same Delegation der Bevölkerung aus Judäa und Samarien 6 n. Chr. nach Rom reis­te, um sich über diesen Herrscher zu beschweren. Dass die beiden in ständigem Kon­flikt miteinander lebenden Bevölkerungsgruppen eine gemeinsame Delegation ent­sandten, lässt ah­nen, wie groß der Leidensdruck gewesen sein muss. Augustus hörte sich die Beschwerden an, bestellte Archelaus nach Rom, ließ ihn verhören und schickte ihn in die Verbannung nach Gallien, wo er zwölf Jahre später starb. Dieses Verhalten des Kaisers mag auf den ersten Blick überraschen.

 

Warum reagierte Augustus auf die Vorwürfe der Bevölke­rung und ließ seinen Vasallen fallen? Der Grund ist einleuchtend: Zwar regierte Rom mit harter Hand, aber das Imperium war nur zusammenzuhalten, wenn ein Gebiet nach der Eroberung „befriedet“ wurde und blieb, wenn also Aufstände nach Möglichkeit vermieden wurden. Solche Auf­­stände banden Truppen und beeinträchtigten die ökonomische Ausbeutung der betreffenden Provinz zum Vorteil der Me­tropole des Reiches. Ein Vasall, der solche unsicheren Verhältnisse verursachte, wur­de in die Wüste geschickt – oder eben nach Gallien. Eine Gewaltherrschaft ohne ra­ti­onale militärische und politische Stra­tegie störte die wirksame Verwaltung des Welt­reiches und die Nutzung der Wirtschaftskraft der abhängigen Gebiete zum Wohle Roms.

 

Hier muss einschränkend gesagt werden, dass diese Darstellung des Sturzes des Herodessohns allein auf den Angaben von Flavius Josephus beruht, und dass es Thesen gibt, der Sturz von Archelaus könnte andere Gründe gehabt haben. Un­strittig ist, dass Archelaus seinen Posten verlor, dass man sein Vermögen konfiszierte und dass sein bisheriges Herrschaftsgebiet an den römischen Statthalter in Syrien übertragen wurde. Bei der inneren Verwaltung und in der Rechtsprechung gestanden die Römer dem Hohen Rat und den Hohepriestern eine bedeutende Rolle zu. Die Hohepriester wurden nun aller­dings vom römischen Statthalter ein- und abge­setzt.

 

Der erste für Judäa zuständige syri­sche Statthalter war Sulpicius Qui­ri­nius, der eine Nebenrolle in der Weih­nachts­geschichte des Lukas zugewiesen bekam. Er ließ 6 und 7 nach Christus eine Volkszählung in den von ihm verwalteten Gebieten durch­führen, die die Grundlage für die Besteuerung der Bürger bilden sollte. Bei Lu­kas wird sie irrtümlich in die Regierungszeit des Herodes verlegt und als reichsweiter Zensus dargestellt. Für den von Qurinius angeordneten Zensus, verbunden mit einer Steuerschätzung, musste auch nicht ein jeglicher in seine Heimatstadt reisen, schon gar nicht von Nazareth nach Bethlehem, denn Na­za­reth in Galiläa gehörte gar nicht zu den Gebieten, die dem Statthalter unterstellt waren.[3]

 

Zwei Jahrzehnte später regierte Pontius Pilatus als Vertreter des Kai­sers in Jerusalem – und erhielt einen bedeutenden, wenn auch nicht schmeichelhaf­ten Platz im christlichen Glaubensbekenntnis. Archelaus hat im Neuen Testament nur eine kleine Rolle zugewiesen bekommen, und dass er überhaupt namentlich vorkommt, verdankt er wie erwähnt der Tatsache, dass Matt­häus erklären musste, warum Joseph, Maria und Jesus von Ägypten aus nicht nach Bethlehem zurückkehrten, wo sie in der Darstellung dieses Evangelisten vor der Flucht gelebt hatten, sondern sich in Nazareth niederließen.

 

Auch heute kommt es oft vor, dass nach dem Tod eines Despoten im Volk die Hoffnung entsteht, die politischen Verhältnisse könnten sich positiv verändern und sich dann nur zu rasch zeigt, dass der Sohn des Despoten mindestens genauso bru­tal herrscht wie sein Vater, sich dabei aber als wesentlich unfähiger erweist. Weil man in den Zentren der Macht solche Probleme zur Genüge kennt, können solche Despotensöhne nicht mit allzu viel Wohlwollen und Unterstützung rechnen. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, werden solche Herrscher fallen gelassen und ersetzt.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Manuel Vogel: Herodes, Leipzig 2002, S. 273f.

[2] Vgl. ebenda, S. 277ff.

[3] Manuel Vogel: Herodes der Große und seine Dynastie, in: Jürgen Schefzyk/Wolfgang Zwickel (Hrsg.): Judäa und Jerusalem, Leben in römischer Zeit, Stuttgart 2010, S. 57f.