Die Flucht nach Ägypten

 

Matthäus 2,13-15 Bibeltext

 

Nachdem die drei Magier oder Weisen wieder abgereist waren, berichtet Matthäus, erschien Josef im Traum ein Engel und forderte ihn auf, mit seiner Familie die Flucht zu ergreifen. Josef ließ keine Zeit verstreichen, sondern brach noch in der Nacht mit Maria und dem Kind auf nach Ägypten. Der Akzent in der Darstellung des Matthäusevangeliums liegt nicht auf der Flucht, sondern auf der Rückkehr in die Heimat. Es geht ihm in dieser Erzählung vor allem um die Beglaubigung des Heilsgeschehens, das von Jesu ausging, durch die Hebräische Bibel: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb und rief meinen Sohn aus Ägypten.“ (Hosea 11,1) In der griechischen Version des Alten Testaments ist an dieser Stelle nicht von „Sohn“ die Rede, sondern es wird das Wort „Kinder“ verwendet, was deutlich macht, dass es um das Volk Israel und seinen Exodus aus Ägypten geht.[1] Das bedeutet nun aber nicht, dass in der Konzeption des Matthäusevangeliums nur irrtümlich dieser Anknüpfungspunkt an die Hebräische Bibel gewählt wurde. Sehr bewusst wollte der Verfasser des Evangeliums das Heilsgeschehen, das mit dem Sohn Gottes verbunden war, in die Tradition der Befreiungstradition des Exodus stellen.

 

Der evangelische Theologe Jörg Zink hat betont, dass Ägypten für die Juden in Palästina nicht irgendein Land war: „Wenn die Menschen der Bibel das Wort Ägypten hörten, stiegen uralte Erinnerungen auf. Erinnerungen an eine Flucht vor dem Hunger, der die Vorfahren dieses Volkes in die Sklaverei trieb, aus der tödlichen Freiheit in die gesicherte Knechtschaft. Danach aber traten sie aus der Knechtschaft in eine gefahrvolle Freiheit hinaus. Und diese Geschichte von Flucht, Sklaverei, Auf­bruch, Freiheit und Hei­matsuche wurde zum leitenden Bild für die lange Geschichte dieses Volkes und zu einer Chiffre auch für den Weg, den wir Menschen im guten Fall zurücklegen auf der Suche nach uns selbst.“[2]

 

Die Flucht von Maria, Josef und dem Jesuskind nach Ägypten muss als Fall von politischem Exil verstanden werden, betont der srilankische Theologe Tissa Balasuriya in seinem Maria-Buch. Die Angehörigen der Familie lebten als Flüchtlinge in Ägypten und erlebten die Probleme, die viele unterprivilegierte Menschen noch heute als Flüchtlinge in reichen Ländern erleben. „In dieser Zeit musste die heilige Familie ungeduldig auf ihre Rückkehr nach Palästina, ihr Heimatland, warten. Deshalb musste sie sich im Blick auf die Ereignisse in der Heimat auf dem Laufenden halten und auf einen günstigen Zeitpunkt für die Heim­kehr warten. Ihr Exil stand dabei in Beziehung zu einem politischen Faktor. Sie wartete klugerweise auf den Tod von Herodes, um in der Lage zu sein, in ihr Heimatland zurückzukehren.“[3]

 

Auch die kleine Gemeinde auf der nicaraguanischen Insel Solentiname hat sich zusammen mit dem Theologen und Dichter Ernesto Cardenal mit der Geschichte von der Flucht nach Ägypten und vom Kindermord be­schäftigt. Die Bäuerinnen und Bauern haben die biblische Geschichte vom brutalen König Herodes ganz direkt in Beziehung gesetzt zu ihren eigenen Erfahrungen mit der Herr­schaft des Diktators Samoza in den 1970er Jahren. Eine Frau sagte deshalb im Gespräch über den biblischen Text: „Ja, genauso geht es auch heute zu. Jeder, der für die Befreiung der Unterdrückten kämpft, ist auch ein Christus, und dann tritt ein Herodes auf, und wir erleben in unserem heutigen Alltag die ganze Geschichte Jesu von Neuem. Und es werden noch mehr Herodesse kommen, denn immer, wenn einer da ist, der für die Befreiung kämpft, ist auch einer da, der ihn töten will.“[4] Und ein junger Mann fügte hinzu: „Herodes war der Samoza jener Gegend, und als er hörte, dass dieses Kind geboren war, zog er gegen die Kinder los. Kaum nehmen sie irgendwo ein Anzeichen der Befreiung wahr, tun sie, was damals Herodes tat.“[5]

 

Wenn sich die Palme neigt

 

Wir finden eine andere Version des Geschehens nach der Abreise der Magier im Protevangelium des Jakobus, also in einer der apokryphen Schriften der jungen Christenheit, die nicht in das Neue Testament aufgenommen wurden. Der Verfasser schreibt, dass das Jesuskind in der Ochsenkrippe versteckt worden ist. Die Flucht nach Ägypten findet in seinem Evan­gelium nicht statt. Den wahrscheinlichen Grund kennt man inzwischen: Kritiker der jungen Jesusbe­wegung hatten behauptet, Jesus hätte in Ägypten das Magierhandwerk erlernt und so die Grundlage für seine Auftritte als Wundertäter gelegt.[6] Während Jesus gut versteckt in der Krippe lag, wird im Protevangelium dargestellt, gerieten andere Kinder in Gefahr, darunter auch der kleine Johannes, der später als Johannes der Täufer bekannt wurde. Er wurde auf eine wunderbare Weise gerettet, wird uns berichtet. Seine Mut­ter flüchtete mit ihm ins Gebirge, fand aber kein Versteck. Da rief sie voller Angst: „Berg Gottes, nimm mich, die Mutter samt dem Kinde, auf!“ Diese Bitte wurde umgehend erhört: „Und sofort spaltete sich der Berg und nahm sie auf. Und jener Berg ließ für sie ein Licht hindurchscheinen; ein Engel des Herrn war nämlich mit ihnen und behütete sie.“[7]

 

Zacharias, der Vater von Johannes und in dieser Darstellung der Hohepriester im Tempel in Jerusalem, wurde mehrmals verhört, um zu erfahren, wo sich sein Sohn befand. Er verweigerte die Aussage und wurde daraufhin auf Befehl von König Herodes ermordet, was eine göttliche Rachedrohung nach sich zog. Das ganze Volk, steht am Ende dieses Berichts, trauerte drei Tage um Zacharias. Wir können die­se Darstellung als Legende bezeichnen, aber wie im Bericht von Matthäus wird auch hier deutlich, wie brutal die Herrschaft von König Herodes noch Generationen später in Erinnerung geblieben war.

 

Eine anrührende Geschichte steuert der Verfasser des Pseudo-Matthäus­evan­geli­ums zur Flucht nach Ägypten bei. Hier wird erzählt, dass Löwen und Leo­parden der kleinen Reisegruppe den Weg wiesen: „Aber als Maria die Löwen und Leoparden und allerhand Arten von wilden Tieren um sie herumlaufen sah, wurde sie zuerst von heftigem Schrecken erfasst. Da schaute ihr das Jesuskind mit fröhlicher Miene ins Gesicht und sprach: ‚Fürchte dich nicht, Mutter, denn sie kom­men nicht, um dir Leid zu tun, sondern in Eile kommen sie, dir und mir zu gehorchen.’ Mit diesen Worten nahm er die Furcht aus ihren Herzen.“[8] Die wilden Tiere waren nicht nur friedlich gegenüber den Menschen, sondern auch gegenüber den Tieren, die diese Gruppe begleiteten, also Ochsen, Eseln, Packtieren, Schafen und Widdern. Der von Jesaja vorhergesagte Friede unter den Tieren fand hier bereits am Anfang der Jesusgeschichte statt.[9] In Jesaja 11 Verse 6 und 7 lesen wir: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder.“

 

Berühmt geworden ist die Geschichte der Palmen im Pseudo-Matthäusevan­ge­lium, die so fantastisch schön ist, dass sie hier vollständig wiedergeben werden soll: „Am dritten Tag ihrer Reise, während sie weiterzogen, traf es sich, dass die selige Maria von der allzu großen Sonnenhitze in der Wüste müde wurde, und als sie einen Palmbaum sah, sagte sie zu Josef: ‚Ich möchte im Schatten dieses Baumes ein wenig ausruhen.’ So führte Josef sie denn eilends zur Palme und ließ sie vom Lasttier herabsteigen. Als die selige Maria sich niedergelassen hatte, schaute sie zur Palmkrone hinauf und sah, dass sie voller Früchte hing. Da sagte sie zu Josef: ‚Ich wünschte, man könnte von diesen Früchten der Palme holen.’ Josef aber sprach zu ihr: ‚Es wundert mich, dass du dies sagst; denn du siehst doch, wie hoch diese Palme ist, und (es wundert mich), dass du (auch nur) daran denkst, von den Palmfrüchten zu essen. Ich für meinen Teil denke eher an den Mangel an Wasser, das uns in den Schläuchen bereits ausgeht, und wir haben nichts, womit wir uns und die Lasttiere erfrischen können.’

 

Da sprach das Jesuskind, das mit fröhlicher Miene in seiner Mutter Schoß saß, zur Palme: ‚Neige, Baum, deine Äste, und mit deiner Frucht erfrische meine Mutter.’ Und alsbald senkte die Palme auf diesen Anruf hin ihre Spitze bis zu den Füßen der seligen Maria, und sie sammelten von ihr Früchte, an denen sie sich alle labten. Nachdem sie alle ihre Früchte gesammelt hatten, verblieb sie aber in gesenkter Stel­lung und wartete darauf, sich auf den Befehl dessen wieder aufzurichten, auf des­sen Befehl sie sich gesenkt hatte. Da sprach Jesus zu ihr: ‚Richte dich auf, Palme, werde stark und geselle dich zu meinen Bäumen, die im Paradies meines Vaters sind. Und erschließe unter deinen Wurzeln eine Wasserader, die in der Erde verbor­gen ist, und die Wasser mögen fließen, damit wir aus ihr unseren Durst stillen.’ Da richtete sie sich sofort auf, und eine ganz klare, frische und völlig helle Wasserquelle begann an ihren Wurzeln zu sprudeln. Als sie aber die Wasserquelle sahen, freuten sie sich gewaltig, und sie löschten ihren Durst, sie selber, alle Lasttiere und alles Vieh. Dafür dankten sie Gott.“[10]

 

Die Wanderung in der glühenden Hitze war weiterhin mühsam, erfahren wir aus diesem apokryphen Evangelium, und daher verkürzte Jesus kurzerhand die weitere Reise auf einen Tag, und bald traf die Reisegesellschaft in der ägyptischen Stadt Hermopolis ein. Als Maria und das Jesuskind dort einen großen Tempel betraten, fielen sämtliche 365 Götzenbilder auf den Boden und zerbrachen. Das geschah, erfahren wir, damit erfüllt werde, was Jesaja im 1. Vers des 19. Kapitels prophezeit hatte: „Dies ist die Last in Ägypten: Siehe der Herr wird auf einer schnellen Wolke fahren und über Ägypten kommen. Da werden die Götzen Ägyptens vor ihm beben, und den Ägyptern wird das Herz feige werden in ihrem Leibe.“ Schon das Jesuskind, so die Botschaft dieses Evangeliums, hat die Prophezeiung Jesajas erfüllt, ein Beweis dafür, dass schon das Kind mit göttlicher Vollmacht und Kraft handelte.

 

„Ägypten“ holte die Menschen immer wieder ein

 

Wie wird die Flucht nach Ägypten in der Ökumene verstanden? Der verstorbene hoch ange­sehene südafrikanische Theologe Wolfram Kistner, der eine wichtige Rolle im kirch­lichen Engagement gegen die Apartheid einnahm, hat bei der Natio­nal­kon­ferenz des Südafrikanischen Kirchenrates 1987 eine Bibelarbeit über diese Flucht nach Ägypten gehalten, und dabei u. a. ausgeführt: „Ich meine, dass wir die­sen Text im Kontext der wiederholten und immer wieder auftretenden Erfahrung Israels in­ter­pretieren müssen, dass Ägypten ihm mit ins verheißene Land gefolgt ist. Jeder Versuch, die Ketten Ägyptens loszuwerden, schlug letztendlich fehl. Die Befreiung eines Volkes von Sklaven, die Jahwe durch Moses bewirkt hatte, wurde von eben diesem Volk zunichte gemacht. Jahwe musste mit der Befreiung von Neuem beginnen.“[11]

 

Wir müssen uns hier bewusst machen, dass Wolfram Kistner diese Bibelarbeit hielt, als das Apartheidregime äußerlich noch intakt war, aber sich die Zeichen dafür mehrten, dass der „Exodus“ aus dem Rassismus bald erfolgen würde. Der weitsichtige Theologe Wolfram Kistner warnte davor, dass mit dem Ende des Unrechtsregimes die innere Gefangenschaft in Hass und Ausbeutung nicht beendet sein würde, sondern dass die Gefahr bestand, dass es unter den veränderten politischen und sozi­alen Verhält­nissen zu neuen Unrechtsstrukturen kommen würde und dass Befreite zu neuen Unterdrückern werden könnten. Wolfram Kistner leitete aus den Erfah­rungen in biblischen Zeiten Einsichten für unsere heutige Zeit ab:

 

„Wenn wir uns die Geschichte des Volkes Jahwes im Alten Testament vergegenwärtigen, kommen wir zu dem Schluss, dass die immer wiederkehrende Erfahrung ‚Ägypten’ möglicherweise einen allgemeinen Zug menschlicher Geschichte widerspiegelt. Immer wieder hat es sich gezeigt, dass Unterdrücker einen verborgenen Sieg bei den Unterdrückten erringen, und die Unterdrückung weitergeht, nachdem der Unterdrücker selbst schon besiegt und seiner Macht beraubt ist. Es gelingt den Unterdrückern, den Unterdrückten ihren Stempel aufzudrücken. Nach der Befrei­ung wenden die neuen Machthaber dieselben Methoden des Hasses gegen ihre Geg­ner an, die sie noch von ihren Unterdrückern kennen. Sie verlassen sich auf die Pflege von Feindbildern. So geht die Befreiung, die sie erlangt haben, verloren und wird durch neue Unterdrückung ersetzt. Indem Matthäus die Botschaft Jahwes ‚Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen’ aufnimmt, macht er deutlich, dass in Jesus eine neue Befreiung gekommen ist. Der endlose Kreislauf von Unterdrückung, Befreiung und erneuter Unterdrückung ist durchbrochen worden.“[12]

 

Diese Bibelarbeit lässt erkennen, dass der Matthäustext über die Flucht von Maria, Josef und Jesus nach Ägypten in Verbindung mit Texten aus dem Alten Tes­ta­ment eine Reihe von Fragen aufwirft, die relevant sind, selbst wenn die Flucht historisch vermutlich nie stattgefunden hat. Es wird deutlich, wie der Kreislauf von Unterdrückung, Befreiung und erneuter Unterdrückung beendet werden kann. In der Nachfolge Jesu solche Kreisläufe zu stoppen, gehört zu den wichtigen Aufgaben der einzelnen Christinnen und Christen und ihrer Kirchen. In Ländern, die von Unter­drückung befreit wurden, erfordert dies, die Arbeit der neuen politisch und wirtschaftlich Mächtigen kritisch zu begleiten, Missstände öffentlich zu machen und sich neuem Unrecht entgegenzustellen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Thomas Hieke, „Wie es geschrieben steht“, in: Weihnachten, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2007, S. 35

[2] Jörg Zink: Lichter und Geheimnisse, Stuttgart 2000, S. 126

[3] Tissa Balasuriya: Mary and Human Liberation, Colombo 1980, S. 126

[4] Ernesto Cardenal: Das Evangelium der Bauern von Solentiname, Wuppertal 1980, S. 300

[5] Ebenda, S. 302

[6] Vgl. Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, Stuttgart 2002, S. 96; Matthias Hoffmann: „Ich verteidige dich bei Jesus, dem Gott der Hebräer“, in: Das römische Ägypten, Welt und Umwelt der Bibel, 1/2010, S. 35

[7] Zitiert nach: Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, Stuttgart 2008, S. 119

[8] Zitiert nach: ebenda, S. 124

[9] Vgl. Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, a.a.O., S. 107

[10] Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, a.a.O., S. 124f .

[11] Wolfram Kistner: Hoffnung in der Krise, Wuppertal 1988, S. 136

[12] Ebenda, S. 137f.