Die Abstammung Jesu nach Matthäus

 

Matthäus 1,1-17 Bibeltext

 

Die Abstammung Jesu von Abraham und David war dem Evangelisten Matthäus wichtig, weil er nachweisen wollte, dass Jesus tatsächlich der Messias war – obwohl und gerade weil er ein ganz anderer Messias war, als die meisten Jüdinnen und Juden ihn erwar­tet hatten. Matthäus stellte einen Stammbaum Jesu deshalb bewusst an den Anfang seines Evangeliums. Er beginnt mit Abraham, und den Schluss bildet Josef als Mann der Maria. Dieser Stammbaum soll den menschlichen Ursprung Jesu deutlich machen, während die anschließende Verkündigungserzählung den göttlichen Ur­sprung erkennbar werden lässt. Der geistbewirkte Ursprung Jesu bildet dabei die Grundlage dafür, dass die menschliche Abstammung ihren Sinn bekommt und beglaubigt wird, dass der Messias des Volkes Israel geboren wurde.[1] Beide Erzählstränge werden durch Vers 16 zusammengehalten, in der Jesus als Christus ge­nannt wird: „Jakob zeugte Josef, den Mann Marias, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus.“

 

Dass Matthäus Abraham an den Anfang des Stammbaums stellte, kann als Hinweis darauf gedeutet werden, dass das jüdische Volk nichtjüdische Wurzeln hatte. Erst nachdem Gott einen Bund mit Abraham geschlossen hatte, besiegelte dessen Beschneidung das Judesein. Abraham stammte also aus einem fremden Volk und überschritt die Schwelle zur jüdischen Identität. Und Abraham wurde von Gott zu­gesagt: „… in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1. Mose 12,3). Mit Abraham verbindet sich daher eine Heilszusage für die ganze Menschheit. Für Matthäus stand Jesus an der Schwelle von einer auf sein Volk kon­zen­trier­ten Heilszusage, wie sie Jahrhunderte lang betont worden war, zu einer dezidierten Ausweitung der religiösen Verheißung auf Angehörige anderer Völker, auch wenn damit Gottes Erwählung des Volkes Israel keinesfalls ersetzt wird.

 

Die Betonung der Rolle von Nichtjuden in der jüdischen Geschichte durch Mat­thäus ist kein Zufall. Er lebte gegen Ende des 1. Jahrhunderts wahrscheinlich in einer judenchristlichen Gemeinde in Syrien, die nach Orientierung suchte. Einerseits wurden die Juden, die sich zu Jesus bekannten, von der übrigen jüdischen Gemeinschaft ausgegrenzt und aus den Syna­gogen ausge­schlossen. Andererseits mussten die judenchristlichen Gemeinden erleben, dass die hei­­denchristliche Bewegung, die vor allem von Paulus ausging, eine beträchtliche Zahl von Menschen erreichte.

 

Matthäus sprach sich in dieser Situation für eine Öff­nung der judenchristlichen Gemeinden auch für Heiden aus und sein Evangelium ist auch als ein Werben für diesen Gedanken zu verste­hen. Der katholische Theologe Markus Lau beschreibt diese Ausrichtung des Matthä­usevan­geli­ums so: „Matthäus steht mit seinem Evangelium für eine offene, zur Integration heid­ni­scher Jesusanhänger bereite Gemeinde. Für eine solche Heidenmission wirbt Matt­häus an vielen Stellen seiner Erzählung – auch in der Kindheitsgeschichte.“[2] Der indische Theologe James Massey ist ebenfalls überzeugt, dass Matthäus durch den bewussten Beginn seiner Genealogie mit dem Noch­nicht­juden Abraham „einen Weg gefunden hat, Jesus Christus als die rettende/befreiende Hoffnung aller Völker der Welt zu präsentieren“.[3]

 

Es lohnt sich, hier kurz innezuhalten und einen Blick auf die „heilige Mathe­ma­tik“ des Stammbaums von Matthäus zu werfen. Ich folge dabei der Argu­men­tation von Martin Koschorke.[4] Matthäus hat danach seine Ahnentafel entlang dreier großer Ereignisse der Geschichte Israels und der heiligen Zahl 7 geordnet. Die ersten 2 X 7 Generationen beginnen mit Abraham. Bei weiteren 2 X 7 Gene­rationen steht die Glanzzeit Israels unter König David im Zentrum. Es folgen 2 X 7 Generationen in der Zeit nach dem Ende der babylonischen Gefangenschaft. Und mit Jesus beginnt am Ende die 7. Gene­ra­tionenreihe.

 

Blicken wir hier auch kurz auf die „heilige Mathematik“ beim Stammbaum des Evangelisten Lukas. Er beginnt die Auflistung mit Jesus selbst und ist nach 6 X 7 Generationen bei König David angelangt, nach weiteren 2 X 7 Gene­rationen bei Abraham und nach noch einmal 3 X 7 Generationen bei Adam. Lukas lässt Jesus als den Erstgeborenen der 12. Reihe von jeweils 7 Generationsreihen auf die Welt kommen und verbindet so kunstvoll die heiligen Zahlen 7 und 12. Die Geschichte der Menschheit, die mit Adam begonnen hat, erreicht nach dieser Darstellung mit Jesus ihre Vollendung. Diese kunstvolle „heilige Mathematik“ sollte es verbieten, aus den Auflistungen auf die tatsächliche Abstammung Jesu schließen zu wollen. Dass zwei unterschiedliche Abstammungsreihen im Neuen Testament zu finden sind, zeugt davon, wie wichtig es den beiden Evangelisten war, Jesu Wurzeln in der Heilsgeschichte herauszustellen, die unlösbar mit dem Volk Israel verbun­den ist.

 

Vier Frauen im Stammbaum

 

Interessanterweise sind auch vier Frauen in den Stammbaum im Matthäusevangelium aufgenommen worden: Tamar, Raheb, Rut und die Frau des Uria (Batseba). Die aramäische Frau Tamar heiratete einen der drei Söhne des jüdischen Mannes Juda. Als dieser starb, ehelichte sie den Traditionen folgend den zweiten Sohn. Als auch dieser verstarb, zögerten Juda und seine Frau, nun den dritten Sohn mit Tamar zu vermählen, weil sie fürchteten, er werde ebenfalls sterben. Tamar griff in dieser Situation zu einer List. Sie verkleidete sich als Prostituierte, lauerte ihrem Schwiegervater auf und verführte ihn. Als Pfand hinterließ er der vermeintlichen Prostituierten sein Rollsiegel und seinen Stab. Aber als er beide gegen einen Ziegen­bock auslösen wollte, fand er die Frau nicht wieder. Als Tamar dann ein Kind aus dieser kurzen Beziehung erwartete, konfrontierte sie den Schwiegervater mit seinem Handeln und seinen Pfändern. Er stimmte nun notgedrungen zu, dass Ta­mar seinen dritten Sohn heiraten konnte. Einzelheiten dieser Geschichte stehen im 38. Kapitel des 1. Buches Mose.

 

Raheb war die Frau, die in Jericho zwei Kundschafter der Israeliten versteckte, als diese ausspähen wollten, wie die Stadt zu erobern war. Nach der Erstürmung der Stadt wurde sie daraufhin verschont, lesen wir im Alten Testament. Rut gehörte dem Volk der Moabiter an, das östlich des Toten Meers lebte. Sie heiratete in zweiter Ehe einen israelitischen Mann. Die vierte Frau, deren Namen Matthäus nicht erwähnt, Batseba, war Israelitin, aber sie heiratete den Hetiter Uria und wurde dadurch nach jüdischem Verständnis zur Nichtisraelitin.

 

Der Hamburger Theologe Klaus Eulenberger hat in einem Rundfunkbeitrag die Aufnahme dieser vier Frauen im Stammbaum so gedeutet: „Matthäus will sagen: Ohne diese vier ‚fremden’ Frauen, die die Kontinuität der Geschlechter Israels unterbrechen, wäre der Messias Israels nie geboren worden. Historisch ist das ohne Be­deutung. Der Stammbaum ist kunstvoll, aber auch künstlich arrangiert und könn­te ganz anders aussehen. Theologisch ist er hoch aufgeladen. Bevor alles beginnt, will der Autor dieses Evangeliums schon deutlich machen, dass der Messias nicht nur für Israel, sondern für die ganze Welt von Bedeutung ist.“[5] Das wird bei Matthäus nach der Geburt Jesu durch den Auftritt der drei Magier noch einmal bekräftigt.

 

Martin Luther interpretierte diese Bibelstelle gänzlich anders und vertrat die Auf­­fassung, dass der Evangelist Matthäus „vier Weiber anzeigt, die da sehr berüch­tigt sind“.[6] Warum sind sie in die Auflistung aufgenommen worden? „Das ist da­rum geschehen, weil sie Sünder gewest sind und weil Christus auch in dem großen Geschlecht hat wollen geboren werden, darin Huren und Buben sind, wo­mit er anzeigt, welche Liebe er zu den Sündern hegt.“[7] Es stellt sich die Frage, warum alle vier Frauen als sehr berüchtigt angesehen werden sollen. Tamar könnte vielleicht als „berüchtigt“ bezeichnet werden, weil sie bei ihrer List als Prostituierte auf­trat. Raheb war – zumindest aus Sicht der Israeliten – keineswegs nur berüchtigt, denn sie half laut biblischer Überlieferung dabei, Jericho zu erobern. Auch bei den an­deren beiden Frauen sind Zweifel an der Behauptung angebracht, dass sie berüchtigt waren. Zudem ist zu bedenken: Männer, die in der Auflistung vorkommen, waren keineswegs „Unschuldslämmer“. Wenn es nur da­rum gegangen wäre, sündige Menschen aufzunehmen, hätte es der vier Frauen wahr­lich nicht be­durft.

 

Die koreanische Theologin Park Kyung-ni hat sich Anfang der 1990er Jahre in einem Buchaufsatz mit der Aufnahme der Frauen in Jesu Stammbaum durch Matthäus beschäftigt und ist zu gänzlich anderen Überzeugungen gelangt als Martin Luther. Sie schreibt: „Die Genealogie Jesu hält ganz eindeutig all die Frauen in Erinnerung, die von der patriarchalen Gesellschaft zu Opfern gemacht wurden. Schon die bloße Erwähnung der Könige und der Fortführung ihrer Sukzession durch Frauen, widersprach der Tradition des als wunderbar angesehenen männlichen Rechts auf Sukzession.“[8] Jesus war in Matthäus Stammbaum der Nachkomme der Könige, aber eben auch dieser Frauen. In einem heilsgeschichtlichen Sinne spiegelt dies nach der Überzeugung der koreanischen Theologin das Leben Jesu wider, der für die ausgebeuteten Menschen und für die Frauen eingetreten ist. Sie fährt fort: „Deshalb bringt diese Genealogie den Sinn der Befreiung zum Ausdruck, die Jesus bewirkt hat, und ist ein Urteil für alle ungerechten Herrscher.“[9] Das hat eindeutige Konsequenzen für das heutige Christsein in der Welt: „Die Genealogie von Jesus und der Jesusbewegung, die die historische Wurzel unseres Glaubens ist, fordert von uns, dass wir Widerstand leisten gegen alle Formen von Ungleichheit, Unterdrückung und Vorurteilen.“[10]

 

Der Stammbaum und Josef

 

Als Problem erwies sich für Matthäus, dass in seiner Stammbaumdarstellung der neugeborene Jesus über Josef zu den Nachfahren von Abraham und David zählte, Josef aber nicht der leibliche Vater des Jesuskindes sein sollte. In Vers 25 des 1. Kapitels seines Evangeliums fand Matthäus eine Lösung für dieses Problem. Da­durch, dass Josef dem Neugeborenen den Namen gab, adoptierte er ihn nach jüdischem Verständnis.[11]

 

Der katholische Theologe Willibald Bösen betont die Bedeutung dieses Ereignisses so: „Mit der Adoption sichert Josef seinem Pflegekind … die Zugehörigkeit zum Stamme Davids, dem ehrenvollsten Israels, aus dem der Mes­sias, der Heilskönig, geboren werden sollte (2. Sam 7,12ff.). Was für uns heute ohne große Bedeutung ist, war für das Judentum der Zeitenwende die unabdingbare Voraussetzung für einen messianischen Anspruch. Jesus erfüllt sie dank Jo­sef.“[12] Hier sei aber daran erinnert, dass die Schwierigkeit der Abstammung Jesu vom Stamm David erst entsteht, wenn man die Vorstellung von der Jungfrauengeburt übernimmt. Da­ran bestehen aber erhebliche Zweifel. Ver­ständ­lich wird in jedem Fall, warum Matthäus die Adop­tion durch die Namensgebung in sein Evan­­gelium aufgenommen hat.

 

Unterschiedliche Verständnisse vom „Sohn Gottes“

 

Ein entscheidender Punkt für die Interpretation der Abstammungsreihen ist das Verständnis davon, in welchem Sinne Jesus der Sohn Gottes war. Der Theologe Martin Koschorke hat sich in seinem Buch „Jesus war nie in Bethlehem“ ausführlich mit dem Thema der Gottessohnschaft Jesu beschäftigt. Ein Ausgangspunkt seiner Überlegungen lautet: „In der ältesten Schicht der Jesusworte lässt sich kein Text finden, in dem Jesus sich selbst als Gottes Sohn in dem Sinne bezeichnet, wie die ersten Christen die Anrede verstanden. In dem Titel Sohn Gottes begegnen wir der Überzeugung und dem Bekenntnis der jungen Christengemeinde.“[13] In wich­tigen alten Handschriften des Lukasevangeliums fehlte der Titel „Sohn Gottes“ und wurde möglicherweise erst später in das Evangelium eingefügt, erläutert Koschorke.

 

Der Evangelist Markus hat die Gottessohnschaft Jesu in Verbindung mit der Taufe Jesu im Jordan hergestellt. Nach der Taufe sagte eine Stimme aus dem Him­mel, lesen wir in Markus 1,11: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Martin Koschorke versteht diesen Satz streng im jüdischen Familienrecht verankert. Wenn jemand sagt, dies ist mein Sohn, so ist dies eine Beglaubigung und hat nichts mit der biologischen Abstammung oder einer geheimnisvollen Geburt zu tun. In diesem Falle lautet die Mitteilung nach Auffassung Koschorkes: „Jesus ist Gottes Sohn, weil Gott durch ihn handeln und sprechen will.“[14]

 

Für die jüdischen Leserinnen und Leser des Markusevangeliums war damit die Gottesbeziehung von Jesus geklärt. Aber zur Zeit der Niederschrift des Evangeliums gehörten bereits viele Gläubige den Gemeinschaften der Jesusbewegung an, die nicht im Judentum, sondern in der griechischen Kultur zu Hause waren. Und aus dem griechischen Den­ken heraus entstanden Fragen, die über mehrere Jahrhunderte lang heftige De­batten auslösten. Noch einmal Martin Koschorke: „Die Fragen: Ist Jesus Gott gleich oder ihm nur ähnlich? Und wenn er als Gottes Sohn göttlicher Natur ist, wie kann er dann zugleich Mensch sein?, haben Konzile beschäftigt, Rechtgläubige und Ket­zer produziert, Kirchenspaltungen geschaffen.“[15]

 

Die Öffnung für Menschen anderer Kulturen und Gesellschaften hat das entste­hen­de Christentum davor bewahrt, zu einer innerjüdischen Sekte zu werden, und hat den Weg zu einer Weltreligion geöffnet, ist Martin Koschorke überzeugt. Aber der Preis war hoch, denn die Konsequenz waren heftige innerkirchliche Kon­flikte. Die großflächige Ausbreitung einer zunächst sehr kleinen religiösen Gemeinschaft führte also schon früh zu Auseinandersetzungen über das rechte Verständ­nis der zentralen Glaubensfragen, und da­zu ge­hörte zweifelsohne die Gottessohnschaft Je­su. Aber, muss man im Rückblick wohl sagen, diese Konflikte wurden nicht selten auf eine Weise ausgefochten, die derjenigen in der damaligen Politik (und nicht nur der damaligen Politik) recht ähnlich war. Dazu Martin Ko­schorke: „Dabei ging es um Wahrheit und Rechthaberei, um Macht und Einfluss, Rivalität und persönliche Eitelkeiten, Politik und Geld, Vorherrschaft und Unterwerfung.“[16]

 

Jörg Zink: Der „Gottes Sohn“ als Bevollmächtigter

 

Der Abstammungsreihe bei Matthäus (und auch bei Lukas) kommt eine eigene Bedeutung zu, wenn wir dem evangelischen Theologen Jörg Zink folgen. Dazu müssen wir etwas ausholen. In seinem Buch „Die Urkraft des Heiligen“ entwickelt Zink ein Verständnis von dem Begriff „Sohn Gottes“, das deutlich von herkömmlichen dogmatischen Vorstellungen abweicht. Jörg Zink erinnert daran, dass schon mehr als ein Jahrtausend vor der Geburt Jesu auf dem erst­geborenen Sohn die besondere Hoffnung lag, „er könnte der Messias, der Erlö­ser Israels sein“.[17] Wichtig in der weiteren Argumentation Jörg Zinks ist dann, dass im antiken Orient durch die Anerkennung des Vaters „Du bist mein Sohn“ ein Verhält­nis von Vater und Sohn entstand. Es war zunächst, so Zink, ein Rechtsverhält­nis und erst in zweiter Linie eine Blutsverwandtschaft.[18] Der Begriff „Sohn“ wurde in vielen Beziehungen verwendet, ohne dass eine Blutsverwandtschaft bestand, zum Beispiel zwischen Lehrer und Schüler. Die Formulierung „Sohn Gottes“ ist in der Bibel und in der jüdischen Tradition häufiger zu finden. Jörg Zink erwähnt zum Beispiel den Psalm 89, in dem es in Vers 28 heißt: „Und ich will ihn zum erstge­borenen Sohn machen, zum Höchsten unter den Königen auf Erden.“ Der evangelische Theologe erläutert: „Der Sohn ist hier also der Bevollmächtigte, der im Auftrag Gottes regiert, der Stellvertreter, an dem die Menschen sich orientieren sollen, wenn sie wissen wollen, wer Gott sei und was Gott von ihnen wolle.“[19]

 

In der antiken Welt machte ein König häufig einen tüchtigen Mann zu seinem „Sohn“, der als sein Stellvertreter tätig wurde, solange dieser König regierte. Der „Sohn“ sprach zum Beispiel in seinem Auftrag im Lande Recht. In diesem Sinne versteht Jörg Zink die Aussage des Johannes, „und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist“ (Johannes 5,27). Der Bevollmächtigte, der „Sohn“, saß im antiken Thronsaal zur Rechten des Herrschers. Daran wird nach Auffassung von Jörg Zink angeknüpft, wenn im Neuen Testament davon gesprochen wird, dass Jesus zur Rechten Gottes sitzt. Er schließt aus seiner hier nur in Kurzform wiedergegebenen Argumentation: „Für uns darf klar sein, dass das Wort ‚Sohn’ den Rang beschreibt, den Jesus für uns hat, seine Bedeutung, seinen Auftrag, seine Vollmacht, und dass wir die skurrile Vorstellung, Gott habe, allein und ohne eine Frau, einen Sohn zur Welt gebracht, mit Gelassenheit weglegen dürfen.“[20]

 

Als Beleg dafür, dass es um den Titel „Sohn“ ging und nicht eine leibliche Abkunft von Gott, sieht Zink die Abstammungsreihen an, die Matthäus und Lukas auflisten und die die wirklichen Vorfahren Jesu deutlich machen sollen. „Erst in späterer Zeit, als das Evangelium den Menschen des griechisch-römischen Kulturkreises er­klärt werden musste, begann man den Titel ‚Sohn’ misszuverstehen und deutete ihn im Sinne von leiblicher Geburt und Abkunft.“[21]

 

Jörg Zinks Interpretation der Bezeichnung „Sohn Gottes“ werden all diejenigen erfreut aufnehmen, die schon immer Probleme mit der Trinitätslehre von Vater, Sohn und Heiligem Geist hatten. Sie können sich nun mit Jörg Zink auf einen der angesehensten deutschen Theologen unserer Zeit berufen. Andere werden hinge­gen die Grundlagen ihres Glaubens infrage gestellt sehen und darauf beharren, dass Jesus nicht ein „Sohn“ Gottes im Sinne eines Stellvertreters ist, sondern der „Got­tessohn“ im umfassenden Sinne. Beide berufen sich auf Aussagen im Neuen Testament, und beide sollten respektieren, dass es in der Kirche mehr als ein Verständnis von Gott und mehr als ein Verständnis der Beziehung Gottes zu Jesus gibt.

 

Es kann nicht überraschen, dass Jörg Zink mit seinen Vorstellungen von Jesus auch zu einem anderen als dem vorherrschenden Verständnis von Weihnachten kommt: „Wenn wir irgendwo verstehen konnten, wie Gott liebt, dann in der Liebe dieses Jesus zu den Ärmsten dieses Landes. Wenn die Worte der ‚Beauftragten’, der ‚Bevollmächtigten’ jemals Sinn hatten, dann bei ihm. Nicht, weil er so viel vom göttlichen Glanz an sich gehabt hätte, sondern weil er so sehr Mensch war. Wir reden von ‚Menschwerdung’ und feiern diese ‚Menschwerdung Gottes’ in unserem Weihnachtsfest. Aber dieses Wort ist missverständlich. Es wäre genauer, wenn wir von einer Erscheinung Gottes redeten. Denn das Wort Menschwerdung meint ja nicht, Gott hätte sich in einen Menschen ‚verwandelt’, so dass in der Hütte in jenem Dorf nun Gott selbst am Tisch gesessen hätte. Es meint ja etwas von dem Aufblitzen der Göttlichkeit Gottes in jener Stunde. Es meint die Erfahrung, dass plötzlich Gottes Gegenwart spürbar, hörbar, erkennbar wurde für die Menschen, die da versammelt waren. Das Wort ‚Offenbarung’ meint ein solches plötzliches Aufscheinen Gottes vor den Augen von Menschen.“[22]

 

Da ist es nur konsequent, dass Jörg Zink die Glaubensaussage, Maria sei eine Jungfrau gewesen, für „durchaus entbehrlich“ hält, „und niemand muss befürchten, er werde zum Ungläubigen oder zum Ketzer, wenn er diesen Satz im Credo nicht mitspricht“.[23] Es ist deutlich: Das andere Verständnis von „Sohn Gottes“ hat weitreichende Konsequenzen nicht nur für den „Weihnachtsglauben“, sondern für den christlichen Glauben insgesamt. Mit diesen beunruhigenden, aber vielleicht auch hoffnungsvollen Gedanken im Kopf können wir die Beschäftigung mit der Weih­nachtsgeschichte fortsetzen und sollten diese theologische Position Jörg Zinks nicht aus dem Blick verlieren.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, Stuttgart 2008, S. 41

[2] Markus Lau: „Mit der Geburt Jesu Christi war es so …“, Weihnachten, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2007, S. 20

[3] James Massey: Current Challenges and Church Response, Delhi 1998, S. 42

[4] Vgl. Martin Koschorke: Jesus war nie in Bethlehem, Darmstadt 2007, S. 45ff.

[5] Klaus Eulenberger: Das Fest, bei dem alles dabei ist, Glaubenssachen, NDR Kultur, 25.12.2009, S. 5

[6] Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Göttingen 1951., S. 15

[7] Ebenda

[8] Park Kyung-ni: Genealogy and Women, in: Asian Women’s Resource Centre for Culture and Theology: Women of Courage, Asian Women Reading the Bible, Seoul 1992, S. 158

[9] Ebenda, S. 159

[10] Ebenda, S. 162

[11] Vgl. Hubertus Halbfas: Die Bibel,  Düsseldorf  2001. S. 418

[12] Willibald Bösen: Nur ein Heiliger für den Seitenaltar, Bibel heute, 1/2008, S. 12

[13] Martin Koschorke: Jesus war nie in Bethlehem, a.a.O., S. 66

[14] Ebenda, S. 68

[15] Ebenda, S. 69

[16] Ebenda

[17] Vgl. Jörg Zink: Die Urkraft des Glaubens, Stuttgart 2003, S. 103

[18] Vgl. ebenda

[19] Ebenda, S. 106

[20] Ebenda, S. 109

[21] Ebenda, S. 108

[22] Ebenda, S. 156

[23] Ebenda, S. 158