Die Abstammung Jesu nach Lukas

 

Lukas 3,23-38 Bibeltext

 

Der Stammbaum Jesu war Lukas wichtig, denn es galt nachzuweisen, dass Jesus von David abstammte, sollte doch der Messias aus dem Hause Davids kommen. Das war auch der Grund dafür, dass schon Paulus am Anfang des Römerbriefes über Jesus schrieb: „… der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch“ (Rö­mer 1,3) Heute weiß man, dass Paulus an dieser Stelle eine Formel von Jesusanhängern übernommen hat, die älter als sein Römerbrief ist.[1] Der Verweis auf die Abstammung Jesu ist also nicht unbedingt ein Beleg für das Interesse von Paulus an dem „historischen Jesus“, sondern eher ein Hinweis darauf, dass schon der ersten und zweiten Generation der Jesusanhänger dessen Abstammung von David wichtig war. Diese Abstammung wurde offenbar von den Juden angezweifelt, die der neuen Bewegung ablehnend gegenüberstanden, und das war damals die große Mehrheit der jüdischen Bevölkerung.

 

Der Evangelist Johannes berichtet von unterschiedlichen Auffassungen über Jesus im Volk: „Etliche nun aus dem Volk, die diese Worte hörten, sprachen: Dieser ist wahrhaftig der Prophet. Andere sprachen: Er ist der Christus. Wieder andere sprachen: Soll der Christus etwa aus Galiläa kommen? Sagt nicht die Schrift: Aus dem Geschlecht Davids und aus dem Ort Bethlehem, wo David war, kommt der Christus? So entstand seinetwegen Zwietracht im Volk.“ (Johannes 7,40-43) Kein Wunder also, dass die Jesusanhänger nachweisen wollten, dass Jesus in Bethlehem geboren worden war und von David abstammte. Mit der Herkunft von David sollte aber nicht nur der Messiasanspruch bekräftigt werden, sondern es ging auch darum, Jesus in die Tradition des Bundes Gottes mit seinem Volk zu stellen. Die Verfasser der Evangelien waren bemüht, Jesus in die Traditionslinie der Könige und Propheten des Volkes Israel zu stellen und zugleich die Öffnung der religiösen Jesusbewegung hin zu Menschen aus anderen ethni­schen und kulturellen Traditionen zu begründen.

 

Lukas liefert einen zeitlich weiter zurückreichenden Stammbaum als Matthäus und geht bis zu Adam zurück. Wenn Adam der erste Mensch war, muss hier eingewendet werden, stammen alle Menschen von ihm ab, die Abstammung Josefs von Adam hilft also nicht weiter bei dem Nachweis, dass Jesus der erwartete Messias ist. Aber die Abstammung von Adam ist ohnehin mythologisch zu verstehen, nicht im Sinne eines historisch nachweisbaren Stammbaums. Uta Ranke-Heinemann hat die Stammbäume in 1. Chronik 3,5ff. und bei Matthäus und Lukas nebeneinander gestellt und kommt zum Ergebnis, dass die großen Unterschiede die Annahme verbieten, die neutestamentlichen Genealogien seien als Abbildung realer Verwandtschaftsbeziehungen zu verstehen.[2]

 

Für Martin Luther stammen Maria und Josef beide von David ab

 

Der Reformator Martin Luther hat sich auf ganz eigene Weise mit der Abstammung Jesu von David auseinandergesetzt. Zunächst einmal stellte er die Ju­den in den Mittelpunkt derer, die am überlieferten Stammbaum Jesu zweifelten. 1543 schrieb Martin Luther: „Ja, hier stößt man mit den Juden zusammen. Sie wollen den Jesum nicht zum Messias haben, darum stacheln sie uns also mit ihren giftigen lächerlichen Stachelworten von Joseph und Maria. Denn da liegt ihnen nicht viel dran, ob Maria sei vom Hause David oder nicht … Die Schälke und falschen Mäuler wissen wohl, dass, wenn Jesus Messias ist, nicht mehr zu fragen ist, ob Maria vom Hause David sei.“[3] Für Martin Luther stand fest, dass Maria von David abstammen musste, und er las die Stammbäume des Neuen Testaments so, dass diese Überzeugung bestätigt wurde.

 

Martin Luther nahm die Unterschiede in den beiden neutestamentlichen Stamm­­bäumen durchaus wahr, aber für ihn war entscheidend, dass er beim Großvater Josephs eine Übereinstimmung konstatierte. Mattat oder Matthes wird zur zentralen biblischen Gestalt in Luthers Argumentation („Diesen Matthes lasst uns wohl merken, an dem lieg’s.“[4]). Und nun kommt der spannende Punkt in der Argumentationskette: „Denn weil der Messias in Matthes Hause ist und aus Matthes Hause kommen muss, so hat der Evangelist damit klar und hell genug beweiset, dass beide, Maria und Joseph, nicht allein von dem Stamm Juda und dem Hause David sein müssen, son­dern auch aus einem Hause, nämlich dem des Matthes, des Großvaters Josephs, weil aus Matthes Haus Messias kommen muss. Ist aber Messias in Matthes Haus, so ist seine Mutter gewisslich auch drinnen, indem sie als Jungfrau den Messias gebären soll aus Matthes, Davids, Abrahams Haus.“[5]

 

Martin Luther war überzeugt, dass sowohl Maria als auch Josef zu den Enkelkindern von Matthes zählten und damit beide von David abstammten. Der Reformator sah es als erwiesen an, „dass Maria und Joseph eines Stammes und Geblüts sind, weil sie eines Großvaters Enkel, zweier Brüder Kinder sind …“[6] Der Refor­mator fügte hinzu: „Es war aber durch Mose in diesem Volke zugelassen, dass Geschwisterkinder sich zur Ehe nehmen konnten.“[7] Von dieser Argumentation über­zeugt, schrieb Martin Luther: „… ist gewiss, dass Maria vom Hause Davids ist mit Joseph“.[8]

 

Die offenkundige Schwäche dieser Argumentation ist allerdings, dass sich in den Evangelien nicht den geringsten Hinweis darauf findet, dass Maria die Enkelin von Matthes war. Zweifelsohne hätte die Aufnahme dieser Information die Argumentation der Evangelisten Matthäus und Lukas sehr viel überzeugender erscheinen las­sen. Es wäre ein Leichtes für sie gewesen, mit einem Halbsatz oder Satz über die Abstammung Marias und Josefs vom gleichen Großvater die Widersprüche im Blick auf Jungfrauengeburt und Abstammung Jesu zu beseitigen. Wozu der ganze Aufwand mit einer langen Auflistung von Vorfahren, wenn dann am Ende ein ganz entscheidender Punkt unerwähnt bleibt? Luther hat daher mit seiner Argumentation, Maria und Josef seien Cousine und Cousin gewesen, keinen großen Einfluss auf die weitere Rezep­tion der Weihnachtsgeschichte gehabt.

 

Es irritiert weiterhin viele Christinnen und Christen, dass beide Evangelisten Ver­wandtschaftslinien aufgebaut haben, die auf Josef zuliefen, der nach der Überlieferung der beiden Evangelien gar nicht der leibliche Vater des Jesuskindes sein sollte. Die Abstammung Jesu aus dem Hause David wird aus diesem Grunde von vielen Theolo­gen nicht biologisch verstanden, sondern sie erfolgte nach ihrer Auffassung rechtlich durch die Annahme des Kindes durch Josef, der nicht das Weite suchte, sondern wie ein Vater handelte. Schwierig bleibt diese Konstruktion dennoch. Zwei sich widersprechende Stammbäume, die beide offenkundig nicht als historische Dar­stellung der Abstammung Josefs zu verstehen sind, und auf Josef zulaufen, der aber nicht der Vater Jesu sein soll, das klingt wenig überzeugend.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Theißen/Merz: Der historische Jesus, Göttingen 2001., S. 183

[2] Vgl. Uta Ranke-Heinemann: Nein und Amen, München 1994, S. 97f.

[3] Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Göttingen 1950, S. 3

[4] Ebenda, S. 5

[5] Ebenda

[6] Ebenda, S. 6

[7] Ebenda

[8] Ebenda, S. 7