Der zwölfjährige Jesus im Tempel

 

Lukas 2,41-51 Bibeltext

 

Der biblische Text über den zwölfjährigen Jesus ist eine „legendäre Erzählung“. Das hat Helmut Jaschke, Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, in der Zeitschrift „Bibel heute“ des Katholischen Bibelwerkes hervorgehoben.[1] Es ist aber durchaus wahrscheinlich, dass Maria und Josef mit ihrem Sohn (und ihren anderen Kindern) eine oder mehrere Pilgerreisen zum Passahfest zum Tempel in Jerusalem unternommen haben, wie es alle frommen jüdischen Familien in Galiläa taten. Dass Jesus schon mit zwölf Jahren an der Pilgerreise teilgenommen haben soll, bekräftigt, dass seine Familie und er fromme Leute waren. Ein Junge galt erst mit dreizehn Jahren als religionsmündig und damit als Bar Mizwa, als Sohn der Pflicht. Von da an waren – und sind – jüdische Jungen an das religiöse Gesetz gebunden.[2]

 

Jesus wuchs in einem Galiläa auf, das durch eine Glaubensvielfalt geprägt war, wobei in den Städten die griechisch-römische Götterwelt unübersehbar präsent war, während die ländlichen Gebiete sehr viel stärker vom Judentum bestimmt wa­ren. Die Wall­fahrten nach Jerusalem waren ein zentraler Bestandteil religiösen jü­di­schen Lebens in Galiläa. Dass Jesu Eltern besorgt waren, als sie ihren Sohn beim Passahfest in Jerusalem vor der Rückkehr in die Heimat aus den Augen verloren, ist also nur zu verständlich. Bei 100.000 und mehr Menschen, die sich beim Fest durch die engen Straßen und Gassen von Jerusalem schoben, dürfte es häufiger vorgekommen sein, dass Fami­lien auseinandergerissen wurden und sich nur mühevoll wiederfinden konnten.

 

Jesu Eltern fanden ihren Sohn nicht unter den zurückreisenden Menschenmas­sen und kehr­­ten deshalb nach Je­­rusalem zurück, um ihn dort zu suchen, be­richtet Lukas. Als sie ihn endlich im Tempel entdeckt hatten, wurden sie von Jesus brüsk zurückgewiesen. Es ging Lukas nicht darum, mit dieser Erzählung Jesus als aufsässig gegenüber den Eltern er­scheinen zu lassen, und so fügte er im näch­sten Vers hinzu, dass Jesus nach der Rückkehr in den Hei­matort Nazareth seinen El­tern untertan war. Lukas wollte mit seiner Erzählung herausstellen, dass sich Jesus schon in der Kindheit als Gottessohn verstand und dass ihm die religiösen Lehrer bereits zuhörten und über ihn staunten. Ver­wundern muss, dass Ma­ria und Josef die Aussage Jesu nicht verstanden, dass er „sein muss in dem, was meines Vaters ist“. Hatten sie das wunderbare Geschehen vor und bei Jesu Geburt bereits wieder vergessen? Die katholische Theologieprofessorin Marlis Gielen hat eine andere Erklärung: „Die Spannung zur Verkündigungserzählung ist unübersehbar. Beide Erzähl­einheiten wur­den daher ursprünglich wohl kaum zusammen überliefert.“[3]

 

Das Passahfest im Tempel

 

Das Passah- oder Pessachfest, bei dem die Geschichte um den zwölfjährigen Jesus stattgefunden haben soll, wurde und wird in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten gefeiert, also an den Aufbruch aus der Sklaverei in die Freiheit. Über den Ursprung des Festes lesen wir im 12. Kapitel des Buches Exodus (2. Mose). In diesem Abschnitt der Bibel wird geschildert, dass der Pharao sich weigerte, das Volk Israel in die Freiheit ziehen zu lassen. Gott bestrafte die Ägypter daraufhin mit zwölf Plagen. Als zehnte Plage wurde angekündigt, dass alle Erstgeborenen der ägyp­tischen Familien in einer Nacht getötet werden sollten. Um die eigenen Kinder vor diesem Schicksal zu bewahren, sollte jede israelitische Familie am Abend ein Lamm schlachten und die Pfosten und die Schwelle der Tür mit ihrem Blut bestrei­chen. Die Israeliten sollten das Fleisch des Lammes anschließend essen, um sich zu stärken. Gott sprach zu Moses und Aaron: „Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den Herrn, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.“ (2. Mose 12,14)

 

Als die zehnte Plage über die Ägypter hereinge­brochen war, hören wir weiter, rief der Pharao die israelitischen Führer Moses und Aaron zu sich und forderte sie auf, das Land mit ihrem Volk und all ihrer Habe zu verlassen. Die Ägypter drängten die Israeliten aus dem Lande, denn sie fürch­teten, sonst alle des Todes zu sein. Die Israeliten brachen so eilig auf, dass sie den rohen Teig, der noch nicht durchsäuert war, in ihren Backschüsseln mit sich nah­men. Auf dem Zug aus Ägypten aßen die Israeliten dieses ungesäuerte Brot.

 

Neben den Opferlämmern gehört daher auch ungesäuertes Brot zu jedem Passahfest. Nach dem Bau des Tempels in Jerusalem wurde das Fest vermutlich etwa im Jahre 622 v. Chr. in der Herrschaftszeit von König Joschija zu einer nationalen religiösen Veranstaltung gemacht. Zu dieser Zeit war das Nord­reich bereits untergegangen, und König Joschija versuchte, das Nationalbewusstsein zu stärken und die Bedeu­tung des Tempels in Jerusalem hervorzuheben. Aus dem bisherigen Familienritus wurde deshalb eine religiöse Feier im zentralen reli­gi­ösen Heiligtum der Hauptstadt.[4] Der französische Theologieprofessor Jacques Briend schreibt über die reli­gi­öse Bedeutung dieser Feier: „Für jeden Juden war es wichtig, wenigstens einmal in seinem Leben das Pessach in Jerusalem zu feiern, um so in aller Form dankbar dessen zu gedenken, was Gott für ihn beim Auszug aus Ägypten Großes getan hatte.“[5]

 

Die Bedeutung des Passahfestes spiegelt sich auch an anderen Stellen in den Evangelien wider. Im Johannesevangelium ist dieses Fest sogar bei fünf Gelegenheiten in die Jesusgeschichte eingeflochten worden. Bei Lukas steht Galiläa im Mit­tel­punkt des öffentlichen Wirkens Jesu, aber zum „Fest der Ungesäuerten Brote“ reiste er nach Jerusalem und wurde dort von Judas verraten, berichtet der Evangelist (Lukas 22,1ff.). Liest man die Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas, kann argumentiert werden, dass das Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern ein Passah­mahl war, während bei Johannes das Abendmahl vorher stattfand. Die Frage, ob das Abendmahl ein Passahmahl war, muss hier offen bleiben, aber es spricht viel dafür, dass es zwischen dem jüdischen Passahfest und dem christlichen Osterfest enge Verbindungen gibt.[6] Auf jeden Fall dürfte es zur wohldurchdachten Dramaturgie des Lukasevangeliums gehören, dass Jesus schon als Kind beim Passahfest als Lehrender im Tempel auftritt, also gewissermaßen seine Verkündigung bereits beginnt, um dann am Ende seines Lebens in diesen Tempel zurückzukehren, in das Haus seines Vaters.

 

Wallfahrten nach Jerusalem

 

Die Wallfahrten jüdischer Familien von Galiläa zum Tempel in Jerusalem wurden dadurch erleichtert, dass zur antiken „Globalisierung“ ein Ausbau der Straßen gehörte, der von den Herrschern des Römischen Reiches systematisch betrieben wur­de. Sie ließen größere Steine entfernen, Mulden zuschütten und wichtige Fernstraßen pflastern. Zwar wurde in den Straßenbau vorwiegend für rasche Trup­­penbewegungen und den Fernhandel investiert, aber auch für die einfache Be­völ­kerung war es nun leichter möglich, größere Entfernungen zurückzulegen. Man reiste meist in Pilgergruppen, um die Gefahren von Überfällen oder anderer Unbill zu vermindern. Der direkte Weg von der Südgrenze Galiläas nach Jerusalem war kaum mehr 100 Kilometer lang und ließ sich in etwa vier bis fünf Tagen zu Fuß bewältigen. Allerdings musste man Samarien durchqueren, und das Verhältnis zwischen Juden und Samaritern war gespannt. Nicht selten kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen.

 

Samarien war das Zentrum des 721 v. Chr. von den Assyrern eroberten Nordreiches. Ein Teil der Bevölkerung wurde nach der Besetzung verschleppt, und dafür kamen Siedler aus anderen Teilen des Assyrischen Reiches ins Land. Die Folge war eine Vermischung der Bevölkerungsgruppen und auch der Religionen. Deshalb er­kannten die führenden Juden des Südreiches, nachdem sie aus dem babylonischen Exil zu­rückgekehr­t waren, die jüdischstämmigen Bewohner Samariens nicht mehr als Mit­glieder des jüdischen Volkes an. Ihnen wurde verweigert, sich am Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem zu beteiligen. Daraufhin machten die Samariter den Berg Garizim zu ihrem heiligen Berg. Demgegenüber wurden die Juden in Galiläa weiterhin als Teil des jüdischen Volkes anerkannt. Dieser Konflikt wirkte zu Lebzeiten Jesu noch nach, und es gab häufig Spannungen zwischen Juden und Samaritern.[7]

 

Viele Pilger aus Galiläa zogen es deshalb vor, entlang dem Jordan und durch die Wüste nach Jerusalem zu reisen und so die Durchquerung Samariens zu vermeiden. Aber diese Reise war mühevoll und nicht ungefährlich. Jesus erzählt im Gleichnis vom barmherzigen Samariter davon, wie ein Reisender zwischen Jericho und Jerusalem unter die Räuber fiel und nackt und schwer verletzt zurückgelassen wurde (vgl. Lukas 10,25ff.). Die Wallfahrt nach Jerusalem war wahrlich keine Vergnügungsreise. Dazu schreibt Willibald Bösen in seinem „Galiläa“-Buch:

 

„Die Strapazen einer solchen Reise, selbst wenn man nur aus dem nahen Galiläa und nicht aus dem fernen Mesopotamien, Griechenland oder Italien anreist, sind groß. Zu den täglichen Mühen, die die Wanderung auf steinigen und staubigen Stra­ßen mit sich bringt, kommen Hunger und Durst, Hitze und Regen, Unbequemlichkeiten vor allem in nur provisorischen Nachtquartieren; denn die wenigen Herbergen (vgl. Lk 10,34), die man voraussetzen darf, können dem Ansturm zu den Wall­fahrtszeiten nicht genügen.“[8] Allerdings herrschte dennoch unter den Pilgern eine heitere und fröhliche Stimmung.

 

Der zwölfjährige Jesus von großer Weisheit

 

Kehren wir noch einmal zu der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus zurück. Es gibt eine zweite Beschreibung davon, wie er im Tempel lehrte. Wir finden sie im apokryphen Kindheitsevangelium des Thomas. Sie erweitert die Darstellung des Lukasevangeliums deutlich. Am Ende des Gesprächs, lesen wir bei Thomas, preisen die Schriftgelehrten die Jesusmutter Maria mit diesen Wor­­ten: „Selig bist du unter den Frauen, denn Gott hat die Frucht deines Leibes ge­segnet. Denn eine solche Herrlichkeit, eine solche Tüchtigkeit und Weisheit haben wir noch nie gesehen oder gehört.“[9]

 

Die Worte dieses Lobes erinnern an die Worte, mit der Elisabeth die werdende Mutter pries (vgl. Lukas 1,42). Vor allem aber sollen die Sätze belegen, dass Schriftgelehrte schon den zwölfjährigen Jesus ob seiner Herrlichkeit und Weisheit gepriesen haben. Jesus, soll mit dieser Kindheitsgeschichte gezeigt werden, war den Schriftgelehrten schon damals weit überlegen. Diese postulierte Überlegenheit über die religiösen Vertreter des Judentums wird in einem anderen Text des Kindheitsevangeliums in eine krasse antijüdische Rich­tung verstärkt, wenn beschrieben wird, wie Jesus jüdische Kinder in Schweine verwandelte.[10]

 

Jesu Bildungsweg

 

Über den Bildungsweg des Kindes Jesus wissen wir nichts Verlässliches. Dass es in dem kleinen Dorf Nazareth eine Schule gab, ist sehr unwahrscheinlich, wohingegen in Städten in Galiläa unter griechischem Einfluss einzelne Schulen eröffnet worden waren. Wenn es in Nazareth eine Synagoge gegeben haben sollte, hat Jesus dort wahrscheinlich eine religiöse Bildung erhalten. In jedem Fall können wir davon ausgehen, dass Jesus vor allem von seinen Eltern gelernt hat. Als Erwachsener konnte er lesen und vermutlich auch schreiben. In verschiedenen Streitgesprächen finden wir seine Aussage: „Habt ihr nicht gelesen ...“

 

Es kann auch davon ausgegangen werden, dass Jesus als Handwerker, der an verschiedenen Orten arbeitete, zwar keine formale Bildung, aber doch viele Einsichten und Erkenntnisse über seine Gesellschaft gewonnen hat. Und schließlich kann angenommen werden, dass er in der Zeit bei Johannes dem Täu­fer seine religiöse Bildung erweitern konnte.[11] Nichts deutet darauf hin, dass Jesus eine formale theologische Ausbildung erhielt, und deshalb wunderten sich, berichtet Johannes in seinem Evangelium, die Zuhörerinnen und Zuhörer über einen Lehrvortrag Jesu im Tempel: „Wie kennt dieser die Schrift, wenn er es doch nicht gelernt hat?“ (Johannes 7,15)

 

In keinem der Evangelien des Neuen Testaments ist die Rede davon, dass Jesus geheiratet hat. Wenn er tatsächlich unverheiratet blieb, dürfte dies zu Rückfragen seiner Eltern und vielleicht zu innerfamiliären Spannungen geführt haben. Davon geht jedenfalls der srilankische katholische Theologe Tissa Balasuriya aus: „Maria wird sich aber gefragt haben, warum Jesus kein Leben als verheirateter Mann führte. Sie könnte sich selbst oft gefragt haben, wie es Mütter im Orient noch heute tun, ob sie eine Ehe für Jesus ‚arrangieren’ sollte. Sie musste versuchen zu verstehen, warum Jesus es bis in seine dreißiger Jahre vorzog, unverheiratet zu bleiben. Sie wird mit ihm über ihre Sorge gesprochen haben, was aus ihm werden sollte, wenn sie nicht mehr leben würde. Sie muss den Wunsch gehabt haben, eigene Enkelkinder zu haben.“[12] Mit solchen Fragen haben wir die Kindheit und Jugend Jesu verlassen und nähern uns dem Punkt in seinem Leben, wo er beschloss, sich von Johannes taufen zu lassen und bald darauf als Wanderprediger durch die Dörfer und Kleinstädte von Galiläa zu ziehen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Helmut Jaschke: Er tat, was der Engel ihm befohlen hatte, Bibel heute, 1/2008, S. 14

[2] Vgl. Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, Stuttgart 2008, S. 39

[3] Ebenda, S. 40

[4] Vgl. Jacques Briend: Vom Weidewechsel zum Tempelfest, in: Ostern und Pessach, Welt und Umwelt der Bibel, 2/2006, S. 21

[5] Ebenda

[6] Vgl. Clemens Leonhard: Ostern – ein christliches Pessach?, in: Ostern und Pessach, Welt und Umwelt der Bibel, 2/2006, S. 23ff.

[7] Vgl. Samaria – Konflikte aus alter Zeit, in: Auf den Spuren Jesu, Teil 1, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2006, S. 38f.

[8] Willibald Bösen: Galiläa, Stuttgart 1998, S. 257

[9] Zitiert nach: Hans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien, Stuttgart 2008, S. 103

[10] Vgl. ebenda, S. 104

[11] Vgl. hierzu Gerd Theißen/Annette Merz: Der historische Jesus, Göttingen 2001, S. 318f.

[12] Tissa Balasuriya: Mary and Human Liberation, Colombo 1990, S. 129