Das Kind voller Weisheit

 

Lukas 2,40 Bibeltext

 

Dass Jesus in einer armen Familie aufgewachsen ist, ist weitgehend unbestritten. Aber was bedeutete Armut damals konkret. Das hat Luise Schottroff, die sich in­ten­siv mit der Sozialgeschichte des ersten Jahrhunderts beschäftigt hat, anschau­lich beschrieben: „Jesus trat inmitten der Armen Palästinas auf, er war einer von ihnen. Er lebte in einem Land, dessen Wirklichkeit auf jeder Seite unserer Evan­gelien deutlich sichtbar ist. Die Menschen hungern – nichts anderes sagt das bib­lische Wort ‚arm’ –, sie leiden an den Krankheiten der Armen: Lepra, Infek­tionen der Augen, verkrüppelte Glieder, Kinder wachsen ohne Eltern auf, Mädchen sind gezwungen, als Dirnen ihr Brot zu suchen, Familienverhältnisse werden brüchig. Alles Elend des Volkes ist im Bild vom armen Lazarus zusammengefasst, der krank und bet­telnd vor der Tür des Reichen liegt, und die Hunde lecken seine Geschwüre ...“[1] Nein, mit den Bildern von Jesu Kindheit auf vielen idyllischen Bildern hatte die tatsächliche Kindheit des Kindes von Maria und Josef wohl nicht viel zu tun. Jesus wuchs als Armer unter Armen auf, und wenn er später von den Armen sprach, dann wusste er, wovon er redete.

 

Martin Luther hat sich gegen eine Verklärung der Kindheit Jesu gewandt und am 25. Dezember 1519 gepredigt: „Du sollst wissen, Christus ist auch wahrhaftig ein unwissend Kind und grad so töricht, wie wir als Kinder sind, wie Paulus bezeugt (Phil. 2,6f.): ‚Welcher ob er wohl in göttlicher Gestalt war, war er gleich wie ein andrer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden.’“[2] Erst später hätte Je­sus an Alter, Jahren und Weisheit zugenommen, wie Lukas es berichtet hat. An an­de­rer Stelle schreibt Martin Luther über das neugeborene Kind, der Heiland sei als „ganz erbärmliches Kind“ geboren, „das noch mehr als ein ander Menschenkind der menschlichen Hilfe bedarf“.[3]

 

Wenn Maria das Jesuskind schlägt

 

Dass Jesus ein Kind wie andere Kinder war, hat den Maler Max Ernst zu seinem berühmten Bild „Die Jungfrau züchtigt den Jesusknaben vor drei Zeugen“ inspiriert. Das Gemälde aus dem Jahre 1926 ist – nicht nur auf den ersten Blick – für viele Betrachter schockierend. Maria schlägt das nackte Jesuskind auf den Po, und der Rötung der Pobacken nach zu urteilen hat sie schon einige Male zugeschlagen. Wäh­rend Maria noch ihren Heiligenschein trägt, hat ihr Sohn seinen verloren, und er ist zu Boden gefallen.

 

Weder Mutter noch Kind wenden den Betrachtern den Blick zu. Dieses Gemälde hat wenig mit den frommen Marienbildern gemein, die viele Jahrhunderte lang die kirchliche Kunst geprägt hatten. Maria trägt noch die Farben rot und blau, die in der christlichen Malerei häufig für die Mutter Jesu gewählt worden sind, aber nur der Heiligenschein macht deutlich, dass es sich hier wirklich um eine Darstellung Marias handelt. Und sanftmütig ist diese Maria auch nicht, sondern sehr erbost. Durch ein Fenster beobachten drei Personen die Szene. Abgebildet sind Max Ernst und seine beiden französischen Künstlerfreunde André Breton und Paul Éluard. Sie beobachten mit deutlicher Distanz die Erziehungsmethoden der Jesusmutter, mischen sich aber nicht ein. Die drei abgebildeten Künstler gehörten damals zu den führenden Vertretern des Surrealismus und hatten sich auch als Kritiker der Kirche als Säule der alten Gesellschaftsordnung einen Namen gemacht.

 

Als das Gemälde 1926 erstmals ausgestellt wurde, gab es heftige Proteste. Max Ernst hat sich 1970 in einem „Spiegel“-Interview über die Reaktionen auf das Gemälde geäußert: „Als ich es in Paris ausstellte, hatte es tatsächlich eine Schockwir­kung. Die Franzosen sind doch alle sehr katholisch, selbst wenn sie ungläubig sind, nicht wahr? So eine Gotteslästerung konnten sie nicht zulassen; und zwar bestand die Lästerung nicht darin, dass der kleine Jesusknabe verhauen wird; schockierend war nur, dass der Heiligenschein herunterrollt.“[4] Als das Gemälde danach in Köln ausgestellt wurde, waren die Reaktionen eher noch heftiger. In der Erinnerung von Max Ernst hat sich dort Folgendes zugetragen: Bei einer katholischen Versamm­lung hielt ein Repräsentant des Erzbischofs eine Rede über den Sittenverfall, an deren Ende er erklärte: „Der Maler Max Ernst ist aus der Kirche ausgeschlossen, und ich rufe die Versammlung auf zu einem dreimaligen ‚Pfui’“. Nachdem alle drei Mal Pfui gerufen hatten, sei er ausgeschlossen worden, äußerte Max Ernst in dem Interview.[5] Der Erzbischof von Köln soll die Schließung der Ausstellung mit dem heftig kritisierten Gemälde erzwungen haben.

 

Es gibt viele Interpretationen des berühmten Werkes. Wollte der Künstler die Gewalt darstellen, die Religionen innewohnt? Ging es ihm darum, die heilige Familie als ganz „normale“ Familie mit alltäglichen Konflikten und Auseinanderset­zun­gen darzustellen? Diese Auffassung hat Ursula Zeh 2010 in einem katholischen Bei­trag der Reihe „Abendgedanken“ des Südwestfunks vertreten. Das Bild erlaube es, „sich vorzustellen, dass es in der Familie von Jesus wie in jeder normalen Familie zugegangen ist … Dieses Bild einer Maria, die auch einmal die Beherrschung verliert, und eines Jesusknaben, dessen Heiligenschein auf den Boden gefallen ist, for­dert dazu heraus, das Bild einer ‚idealen Familie’ zu überprüfen und unerreichbar hohe Ansprüche zu relativieren.“[6]

 

Das Gemälde kann auch als Auseinandersetzung mit dem Gewaltpotenzial der christlichen Religion interpretiert werden. Oder war das Gemälde (auch) eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit, in der Max Ernst für seinen Vater, einen Lehrer und Hobbymaler, Modell stehen musste für einen Engel in Weiß oder für ein kitschiges Jesuskind? Diese Rolle schützte ihn nicht vor Strafen: „Obwohl ich das Jesuskind war, bin ich von meiner Mutter, die das Modell für die Madonna abgab, versohlt worden.“[7] War sein Gemälde eine Auseinandersetzung mit solchen Erfahrungen, wollte der Maler sich damit von seinen streng katholischen Eltern abgrenzen? Jeden­falls soll sein Vater entsetzt über das Gemälde seines Sohnes gewesen sein.

 

Der Maler Max Ernst gehörte zu den Dadaisten und Surrealisten, die unter den Nationalsozialisten als „entartet“ verschmäht und verfolgt wurden. Zwei Werke von Max Ernst wurden in die berüchtigte Ausstellung „Entartete Kunst“ in München im Jahre 1937 aufgenommen. Er selbst lebte zu dieser Zeit in Frankreich und konnte nach der deutschen Invasion in die USA fliehen, wo er zu einem wichtigen Repräsentanten des Surrealismus wurde. 1953 kehrte er nach Frankreich zurück, wo er 1976 starb. Sein Gemälde „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“ befand sich lange Zeit in Privatbesitz und gehört seit 1984 dem Museum Ludwig in Köln. Häufig wird das Gemälde als Illustration von Beiträgen über Gewalt gegen Kinder in der Kirche und in der Gesellschaft herangezogen. Tut man damit dem Maler und auch der Jesusmutter Maria Unrecht?

 

Jesus und seine Geschwister

 

Jesus war kein Einzelkind. Markus zählte im 6. Kapitel seines Evangeliums vier Brüder Jesu auf und erwähnte auch „seine Schwestern“. Jesus muss also in der Darstellung von Markus neben seinen Brüdern mindestens zwei Schwestern gehabt haben. Markus konnte diese Geschwister unbefangen erwähnen, weil das Thema der Jungfrauengeburt noch nicht sein Thema war und in seinem Evangelium nicht vorkommt. Vielleicht hätte sich die Jungfrauengeburt noch mit dem Gedanken verbinden lassen, dass Maria und Josef später weitere Kinder hatten. Aber schon im Protevangelium des Jakobus, einer einflussreichen apokryphen Schrift aus dem 2. Jahrhundert, wurde die folgenschwere Behauptung der ewigen Jungfräulichkeit Ma­rias aufgestellt.

 

Da man den Jesusbruder Jakobus und die anderen Geschwister Jesu nicht aus der Welt schaffen konnte, wurde vom Verfasser des Protevangeliums erklärt, es handele sich um Kinder Josefs aus erster Ehe, eine Argumentation, die bis heute weit verbreitet ist, für die es aber außer bei Jakobus keinen historischen Beleg gibt und auch das nur, wenn man die sehr fantasievolle Schrift als historische Quelle ansehen will. Mit einem Text zu argumentieren, der aus theologischen Grün­den nicht ins Neue Testament aufgenommen wurde und der deutlich mehr als ein Jahrhundert nach Jesu Tod entstand, ist eine schwache Argumentation. Dies umso mehr, als es schwerfallen würde, viele andere Aussagen in dieser Schrift als wahr und historisch präzise anzusehen.

 

Wie viele Fragen war auch die Abstammung der Geschwister Jesu in der frühen Kirche heftig umstritten. Deshalb debattierten Christen in den ersten Jahrhunderten darüber, ob Jesus echte Brüder gehabt hatte. Der berühmte Kirchenvater Hieronymus griff im 4. Jahrhundert in diesen Streit ein. In seiner Übersetzung der Bibel aus dem Hebräischen ins Lateinische verwandelte er die Geschwister Jesu in Cousins und Cousinen. Er berief sich dabei auf seine Autorität als Sprachenkenner. Das hebräische Wort „ach“ könne sowohl Bruder als auch Neffe oder Vetter bedeuten. In der griechischen Übersetzung der Bibel sei „ach“ mit „adelphos“, also Bruder, übersetzt wor­den und das hätte zu der Annahme geführt, Jesus habe Brüder gehabt, obwohl es in Wirklichkeit Vettern waren.

 

Das Wort des Gelehrten und Übersetzers hatte über viele Jahrhunderte großes Gewicht in der Christenheit. Aber seine Argumentation in diesem Punkt hält der genauen Überprüfung nicht stand. Der Neutestamentler Daniel Marguerat zeigt in einem Aufsatz auf, dass sich die Behauptungen des Kirchenvaters semantisch schwerlich aufrechterhalten lassen.[8] Wenn in den grie­chischen Texten des Neuen Testaments das Wort „adelphos“ die Rede ist, sind immer die leiblichen Brüder Jesu gemeint. Das passt zwar nicht zu manchen dog­matischen Vorstellungen, ist aber sprachlich und auch von den Zusammenhängen her eindeutig, wie man in dem erwähnten Aufsatz im Detail nachlesen kann.

 

Jakobus, „des Herrn Bruder“ (vgl. Galater 1,19), hatte in der Jerusalemer Urgemeinde eine herausgehobene Position, und dazu trug sicher bei, dass er Jesu Bru­der war. Ihn im Nachhinein zum Cousin oder Neffen zu machen, nur weil dies besser zu eigenen theologischen Vorstellungen passt, steht im Gegensatz zu den Tex­ten des Neuen Testaments, die nicht den geringsten Hinweis darauf geben, dass es sich um Neffen gehandelt haben könnte. Wenn zum Beispiel in der Apostelge­schichte (1,14) dargestellt wird, dass der allerersten Gemeinde neben den Aposteln, „Maria, die Mutter Jesu, und seine Brüder“ angehörten, macht es absolut keinen Sinn, daraus Neffen zu machen, nur weil Jesus keine Brüder gehabt haben soll. Es spricht deshalb viel dafür, dass Jesus mit einer ganzen Reihe von Geschwistern aufgewachsen ist, dass einer seiner Brüder die Leitung der ersten Gemeinde in Jerusalem übernahm und dass dieser die Verkündigungsarbeit fortsetzte, die Jesus begonnen hatte.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Luise Schottroff: Das Evangelium der Armen, in: Walter Jens (Hrsg.): Frieden, Stuttgart 1981, S. 55

[2] Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Göttingen 1950, S. 12

[3] Ebenda, S. 34

[4] „Die Frommen riefen dreimal Pfui“, Gespräch mit Max Ernst, Der Spiegel, 9/1970. S. 158

[5] Vgl. ebenda, S. 159

[6] Ursula Zeh, Abendgedanken, 23.7.2010, Kirche im SWR, www.kirche-im-swr.de

[7] Zitiert nach: Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen, www.wikipedia.org

[8] Vgl. Daniel Marguerat: Auf Kollisionskurs mit der Jungfrauengeburt?, in: Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 23ff.