Nazareth

 

Daran, dass Jesus in Nazareth aufge­wachsen ist, können keine ernsthaften Zweifel bestehen. Das wird an zwei Dutzend Stellen im Neuen Testament belegt, und wenn man nicht bezweifeln will, dass Jesus überhaupt gelebt hat, kann als gesichert angesehen werden, dass Nazareth sein Hei­matort war. Es hätte zum Beispiel für Johannes keinen Grund gegeben, in seinem Evangelium auf die Abstammung aus Nazareth einzugehen, wenn dies nicht glaubwürdig bezeugt worden wäre. Wir lesen aber schon im ersten Kapitel des Evangeliums eine kriti­sche Frage von Nathanael: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ (Johannes 1,46). Und Nikodemus bekam zu hören: „Aus Galiläa steht kein Prophet auf.“ (Johannes 7,52) Gerd Theißen und Annette Merz schreiben in ihrem Standardwerk „Der historische Jesus“ als Fazit ihrer Beschäftigung mit der Geburt und Kindheit Jesu: „Jesus stammt aus Nazareth. Die Verlagerung des Geburtsortes nach Beth­lehem ist das Ergebnis religiöser Phan­tasie und Vorstellungskraft. Weil der Messias nach der Schrift in Bethlehem gebo­ren werden musste, wurde Jesu Geburt dorthin verlegt.“[1]

 

Nazareth war zu Lebzeiten Jesu ein winziges Dorf, so unbedeutend, dass es außerhalb neutestamentlicher Quellen höchst selten erwähnt wurde. Bis ins 19. Jahrhundert gab es sogar Zweifel, ob dieses Dorf in der Antike überhaupt existiert hatte. Aber dann führten archäologische Grabungen zum Erfolg, und wir wissen heute Einiges über diesen kleinen Ort, der schon 2000 v. Chr. besiedelt war. Im Jahre 2009 wurden die Fundamente eines kleinen bescheidenen Hauses mit zwei Zimmern aus der Zeit Jesu gefunden, zu dem eine Regenwasserzisterne gehörte. Scher­ben von Kalkgefäßen deuten auf jüdische Bewohner des Hauses hin, denn diese Gefäße galten als rituell besonders rein. In Nazareth wurden bereits früher jüdische Gräber gefunden.[2] Das Heimatdorf Jesu lag in einem kleinen Talkessel im galiläischen Hochland, ohne Straßenanbindung und ohne große wirtschaftliche Be­deutung. Immerhin führten einige Kilometer entfernt wichtige römische Handels- und Heerstraßen vorbei, und die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes hatten Kontakte zur Welt des Römischen Reiches und sei es nur als Steuerzahler.[3]

 

Wie lebte man damals in Nazareth? Sabine Bieberstein, Professorin für das Neue Testament der Universität Eichstätt-Ingolstadt, hat die Häuser des Dorfes aufgrund der vorliegenden archäologischen Funde beschrieben: „Dicht aneinandergebaut, zum Teil wie verschachtelt, lagen sie, zumeist wohl einstöckig, ohne erkennbare Ordnung eng an den Hang angeschmiegt, wobei die rückwärtigen Teile dieser Gebäude zum Teil natürliche Höhlen des Hanges nutzten, zum Teil aber auch als Höhlen in den Hang hineingehauen waren. All dies deutet auf ein ärmliches Dorfbild hin, in dem repräsentative Gebäude völlig fehlten. Die Evangelien erwähnen zwar eine Synagoge – was als durchaus glaubwürdig angesehen werden kann –, doch fehlt von einer solchen bislang jedes archäologische Zeugnis. Doch dürfte es sich dabei ohnehin um einen einfachen Versammlungsraum gehandelt haben.“[4]

 

Die Dorfbevölkerung von etwa 400 Einwohnern[5] führte – wie die Bewohner aller Dörfer in Galiläa – einen ständigen Kampf ums Überleben. Die Felder waren klein und die Steuern und Abgaben hoch, sodass viele Bauern darauf angewiesen waren, sich zusätzlich als Landarbeiter zu verdingen oder ein Handwerk auszuüben. Selbst damit war nur ein Leben in bitterster Armut möglich.[6] Das galt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch für Josef, Maria und ihre Kinder. Wie alle Kinder armer Familien wird Jesus früh in Landwirtschaft und väterlichem Handwerks­betrieb mitgearbeitet haben. Wenn Jesus später von Gottes besonderer Zuwen­dung zu den Armen sprach, dann war Armut kein abgehobener theologischer Begriff, sondern beruhte auf einem jahrzehntelangen Leben als Armer unter Armen in Nazareth. Jesus wurde als Armer zu einem Hoffnungsträger der Armen in seiner Gesellschaft, und seine oft radikalen Aussagen zu Armen und Reichen sind auf diesem Hintergrund zu sehen. Für alle, die sich an den Großen der Welt orientierten, galt aber: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?“

 

Nazareth heute

 

Nazareth besteht heute aus zwei Städten, dem historischen Ort Nazareth und der neueren israelischen Stadt Nazareth-Illit. Nazareth hat etwa 75.000 Einwohner, Nazareth-Illit etwa 40.000. Das arabisch geprägte Nazareth ist heute die größte Stadt mit einer nichtjüdischen Bevölkerung innerhalb der Grenzen Israels von 1948. Hier stellen die Muslime inzwischen mit etwa 70 % deutlich die Mehrheit, während 1918 noch etwa zwei Drittel der damals etwa 8.000 Einwohner Christen waren. Nach 1948 ist die Stadt stark gewachsen durch die Zuwanderung von Menschen, die aus anderen Orten des neuen Staates Israel vertrieben worden waren. Ende der 1990er Jahre kam es zu Spannungen zwischen der muslimischen und der christlichen Bevöl­kerung von Nazareth, als eine große Moschee unmittelbar neben der Verkündigungsbasilika gebaut werden sollte. Die eventuell schon auf das 4. Jahrhundert zurückgehende Kirche erinnert an den Ort, wo der Erzengels Gabriel der jungen Frau Maria erschien, und zählt neben der Geburtskirche in Bethlehem und der Gra­bes­kir­che in Jerusalem zu den bedeutendsten christlichen Pilgerstätten. 2002 verbot die israelische Regierung den Weiterbau an der Moschee und ließ im folgenden Jahr die Fundamente zerstören, wogegen Hunderte Muslime protes­tier­ten.[7] 2009 rief der Papst bei einem Besuch in Nazareth zur Beendigung der Streitigkeiten zwi­schen den Angehörigen der beiden Religionsgemeinschaften auf.[8] Aber leider ist es auch in den letzten Jahren immer wieder zu Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften gekommen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Gerd Theißen/Anette Merz: Der historische Jesus, Göttingen 2001, S. 158

[2] Vgl. Nazareth: Erstmals Wohnhaus aus der Zeit Jesu gefunden, Welt und Umwelt der Bibel, 2/2010, S. 67

[3] Zur Geschichte Nazareths siehe u. a.: Willibald Bösen, Galiläa, Freiburg 1998, S. 97ff.

[4] Sabine Bieberstein: Wie lebten Maria und ihre Familie in Nazaret?, in: Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 19

[5] Vgl. u. a. Cay Rademacher: Der historische Jesus, in: Judäa und Jerusalem, a.a.O., S. 82

[6] Vgl. u. a. Wolfgang Stegemann: Die Jesusbewe­gung als Armenbewegung Galiläas, Jesus der Ga­li­läer, Welt und Umwelt der Bibel, 2/2002, S. 40ff.

[7] Vgl. Israelische Bulldozer zerstören Moschee-Fundament, Spiegel-Online, 1.7.2003

[8] Vgl. Benedikt: Lasst ab von den Streitigkei­ten, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.5.2009