Bethlehem

 

Bethlehem bedeutet im Hebräischen „Haus des Brotes“. Die Stadt kann auf eine mindestens 3000-jährige Geschichte zurück­blicken, denn die ersten archäologischen Funde reichen bis in die Eisenzeit zurück. In der Antike wurde der kleine Ort vor allem von Hirten bewohnt. Der berühmteste von ihnen hieß nach biblischer Überlieferung David, wurde in seinem Heimatort durch den Propheten Samuel gesalbt und stieg später zum König von Israel mit Sitz in dem etwa 8 Kilometer nördlich gelegenen Jerusalem auf. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts v. Chr. erhielt Bethlehem eine Befestigung und war wegen seiner Lage auf einem Höhenrücken (800 Meter über dem Meer) ein durchaus wehrhafter Ort. Allerdings konnte Bethlehem sich im Schat­­ten Jerusalems nie zu einer größeren Stadt entwickeln. Als sich nach dem babylonischen Exil einige der Zurückgekehrten in Bethlehem niederließen, blühte der Ort etwas auf und wurde sogar im Buch Micha mit verheißungsvollen Worten erwähnt (Micha 5,1). Bekanntlich haben sich Matthäus und Lukas an diesem Vers orientiert, als sie von Jesu Geburt in Bethlehem berichteten.

 

Im Neuen Testament wird Bethlehem nach der Geburtsgeschichte nur noch als Ort des schrecklichen Kindermordes unter König Herodes erwähnt, vor dem Maria und Josef mit ihrem neu geborenen Kind rechtzeitig nach Ägypten fliehen konnten. In den Berichten der Evangelien ist nirgends erwähnt, dass Jesus jemals nach Beth­lehem zurückgekehrt ist, was sich allein schon daraus erklärt, dass sein öffentliches Wirken nach der Darstellung der Mehrzahl der Evangelien auf Galiläa kon­zen­triert war.

 

Gegen Ende des 1. Jahrhunderts soll es erste Angehörige der neu entstehenden Glaubensgemeinschaft in Bethlehem gegeben haben.[1] Der jüdische Bar-Kochba-Aufstand in den Jahren 132 bis 135 war für ein römisches Heer der Anlass, den kleinen Ort zu verwüsten. Während jüdische Fami­lien vertrie­ben wurden, siedelten sich hier Menschen aus anderen Teilen des Römi­schen Rei­ches an, darunter ehemalige Soldaten. Die Reste eines Aquädukts und ei­nes Tempels für den Fruchtbarkeitsgott Adonis erinnern an diese Zeit der römi­schen Besied­lung.

 

Fast zwei Jahrtausende Kirchengeschichte

 

Aus den Evangelien von Matthäus und Lukas war den christlichen Gemeinden seit Ende des 1. Jahrhunderts Bethlehem als Ort der Geburt Jesu bekannt. Aber die Verfolgungen durch die römischen Herrscher und die Tatsache, dass Bethlehem zu einer römischen Siedlung geworden war, verhinderten zunächst, dass eine nen­nens­werte Zahl von Pilgern dorthin zog. Das änderte sich im 4. Jahrhundert grundlegend. Nachdem der römische Kaiser Konstantin aus der verfolgten Christenheit eine privilegierte Religionsge­meinschaft gemacht hatte, setzten sich die Gläubigen dafür ein, am Ort der Geburt Jesu eine Kirche zu errichten. Im Jahre 324 besuchte Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin, den kleinen Ort in Palästina, um die Stelle aufzusuchen, an der Jesus geboren wurde. An dem Platz, an dem nach Helenas Erkundi­gungen das Jesuskind in einer Höhle/Grotte zur Welt gekommen war, ließ sie eine Kirche erbauen, die 339 fertiggestellt wurde.

 

Diese Kirche befand sich genau an der Stelle, wo heute die Geburtskirche steht. Die Geburt in einer Höhle wird nicht von Matthäus und Lu­kas überliefert, wohl aber im Protevangelium des Jakobus,[2] ein Hinweis darauf, wie groß die Wirkung der apokryphen Schriften in den ersten Jahrhun­derten war. Die von Helena identifizierte Grotte ist der einzige über­lieferte Ort der Geburt Jesu, und eine ganze Reihe christlicher Konfessionen teilt sich heute die Geburtskirche, um der Grotte möglichst nahe zu sein, in der der Heiland der Tradition nach zur Welt kam. Leider hat das Nebeneinander unterschied­lichster Konfessionen, die sorgsam ihre historischen Ansprüche auf Teile der Geburtskirche verteidigen, immer wieder zu Konflikten geführt.

 

Die Kirche blieb nicht der einzige Ort der Anbetung und des Gebets, sondern in der Nähe entstanden bald auch mehrere Klöster. In einem der Klöster von Bethle­hem ließ sich der später berühmte „Kirchenvater“ Hieronymus nieder und über­setzte die bis dahin auf Griechisch vorliegende Bibel ins Latein. Seine „Vulgata“ sorg­te dafür, dass nun auch Gläubige im Westen des Römischen Reiches, die des Grie­chischen nicht mächtig waren, die Bibel lesen konnten. Einer dieser Gläubigen war Augustinus von Hippo in Nordafrika.

 

Vom 7. Jahrhundert an kamen unruhige Zeiten auf Bethlehem und das übrige Palästina zu. Zunächst eroberten die Perser das Land, dann muslimische Araber. Es blieben aber Christinnen und Christen in dem kleinen Ort wohnen, der von 1099 an eine neue Bedeutung gewann, als Kreuzfahrer Jerusalem und seine Umgebung eroberten. Am Weihnachtstag 1100 wurde in Bethlehem Balduin I. zum ersten König des christlichen Königreiches Jerusalem gekrönt.[3] Bethlehem erhielt in diesem kurz­­lebigen Königreich den Status einer Bischofsstadt und wurde durch eine star­ke Befestigung geschützt. Aber nach der Vertreibung der Kreuzfahrer verlor der Ort seine Bedeutung wieder, und nachdem die Osmanen Bethlehem erobert hatten, ließen sie alle Befestigungen schleifen.

 

Die heutigen palästinensischen Christinnen und Christen berufen sich auf eine ständige christliche Präsenz in Bethlehem seit der Aussendung des Heiligen Geistes an Pfing­sten.[4] Die Christinnen und Christen des Ortes mussten sich in den letzten fast 2.000 Jahren immer wieder auf neue politische Herrscher, auf das Zusammenleben mit Menschen ande­ren Glaubens und auf das Miteinander verschiedener christ­­licher Konfessionen auf engstem Raum einrichten. Die griechisch-orthodoxe Kirche ist die älteste und größte christliche Gemeinschaft, die in Bethlehem präsent ist. Fast so alt ist die syrisch-orthodoxe Gemeinde.

 

Erste armenische Pilger sollen bereits im 4. Jahrhundert nach Bethlehem gekommen sein, und bis heute gibt es eine kleine armenische Gemeinde in der Stadt. Im 17. Jahrhundert entstand durch die römisch-katholische Missionsarbeit in Palästina die griechisch-katholische Kir­che. Mittlerweile gibt es außerdem eine große römisch-katholische Gemeinde in Bethlehem. Die evangelisch-lutherische Kirche in Bethlehem hat ihre Wurzeln erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Heute ist die evangelische Weihnachtskirche das reli­gi­öse Zentrum der Bethlehemer Gemeinde. Vor allem durch den Bethlehemer Pastor Mitri Ra­heb ist sie auch in Europa bekannt.

 

Ein Leben, umgeben von Mauern und Checkpoints

 

Erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts wuchs das Interesse an Bethlehem wieder. Nach der Bildung des Staates Israel 1948 gehörte die Stadt zur jordanisch regierten West­­­bank. 1967 eroberten israelische Truppen auch Bethlehem, und hier wie im üb­rigen Westjordanland formierte sich immer wieder Widerstand gegen die israelische Besatzung. Sie wurde umso stärker, je mehr jüdische Siedlungen in der Umgebung der Stadt errichtet wurden.

 

1995 wurde Bethlehem zu einem Teil des palästinensischen Autonomiegebietes, also jenes Teils des Westjordanlandes, der von einer selbst gewählten palästinensischen politischen Führung verwaltet wird. Allerdings blieben die Gebiete rund um Bethlehem unter israelischer Verwaltung, und der Bau von neuen großen jüdischen Siedlungen führte dazu, dass die Stadt bald ganz von Siedlungen umgeben war. Seit dem Bau von Mauern und anderen Sperranlagen rund um die palästinensischen Sied­lungsgebiete im Westjordanland ist Bethlehem eine eingeschlos­sene Stadt. Die Einwohner können die Stadt nur verlassen, wenn sie Checkpoints der israelischen Armee passieren.

 

Ein ökumenisches Programm für die Menschen in Beth­lehem

 

Eine Initiative, um den Alltag der palästinensischen Bewohnerinnen und Bewohner in Bethlehem (und anderen Orten der Westbank) wenigstens etwas zu er­leichtern, ist das EAPPI-Programm des Ökumenischen Rates der Kirchen. EAPPI steht für „Ecumenical Accompaniment Programme for Palestine and Israel“. Dieses Programm besteht seit 2002 und hat das Ziel, die Menschenrechtslage in den palästinensischen Gebieten zu beobachten, zu dokumentieren und den Menschen praktische Hilfe zu leisten. Dazu werden ökumenische Begleiterinnen und Begleiter in das Konfliktgebiet entsandt. An dem Programm beteiligen sich in Deutschland u. a. das Evangelische Missionswerk in Solidarität (früher Evangelisches Missionswerk in Südwestdeutschland) und das Berliner Missionswerk.

 

Auf der Website des deutschen Netzwerkes des EAPPI-Programms habe ich das nachfolgende Zitat von George Handal, eines 65 jährigen katholischen Christen in Bethlehem, aus dem Jahre 2017 gefunden, der direkt neben einem der israelischen Checkpoints wohnt: „Unter Besatzung zu leben bedeutet, viele Dinge zu verlieren. Freiheit und offenes Gelände, auf dem man sich bewegen kann. Man kann nicht arbeiten, wo man möchte und reisen können wir nur unter schwierigen Bedingungen. Mit meinem Auto kann ich nicht mehr nach Israel und Jerusalem fahren und sogar nach Jordanien zu reisen bereitet viele Probleme. Ich sehe leider kaum eine Hoffnung für mich oder kommende Generationen, dass sich daran etwas ändert. Israel wird in der Westbank bleiben, daran arbeiten sie 24 Stunden am Tag, indem sie zum Beispiel die Siedlungen ausbauen. Wir erwarten uns mehr Hilfe von anderen Ländern, bisher haben alle immer nur geredet, aber es müssen Taten folgen. Für mich als Christ ist es besonders bedrückend, dass viele meiner Glaubensbrüder und -schwestern aufgrund dieser deprimierenden Besatzungssituation emigrieren. Die Geburtsstadt Jesu ohne uns Christen, das darf doch nicht sein!“[5]

 

Ein Licht des Friedens aus Bethlehem

 

Jedes Jahr besuchen etwa 50.000 Gläubige Bethlehem in der Weihnachtswoche. Aber die Zahl der Christinnen und Christen, die in der Stadt leben, nimmt ständig ab. Von den 30.000 Einwohnern sind nur noch etwa 8.000 palästinensische Christinnen und Christen.[6] Längst vorbei die Zeit, wo es eine christliche Bevöl­ke­rungs­mehrheit in dem Ort gab. Viele der heutigen Christinnen und Christen verfügen über eine gute Schulbildung und stellen desto schmerzlicher fest, dass es kaum beruflichen Perspektiven für sie in dem von Mauern eingeschlossenen Beth­lehem gibt und schon gar nicht für ihre Kinder.

 

Bethlehem – Stadt des Friedens? Seit 1986 wird jedes Jahr in der Adventszeit ein Friedenslicht in der Geburtsgrotte in Bethlehem angezündet und per Flugzeug nach Wien gebracht. Von dort aus bringen Pfadfinderinnen und Pfadfinder dieses Licht in verschiedene Länder der Welt von Argentinien bis zur Ukraine. In Hamburg brachten die Pfadfinder in der Vorweihnachtszeit 2011 dieses Licht, das den Frieden in der ganzen Welt verbreiten soll. Das Motto der Aktion lautet: „Licht verbindet Völ­ker“.[7] Kathrin Moosdorf, Vorsitzende des Rings Deutscher Pfad­fin­de­rinnen­ver­bände, erläuterte dieses Motto so: „Das Friedenslicht erinnert uns daran, dass Frie­den nicht überall auf der Welt selbstverständlich ist – es ermahnt uns, für Men­schen einzustehen, die unter Krieg und Verfolgung leiden.“[8]

 

Wie wichtig ein solches Friedenslicht gerade in Bethlehem selbst ist, wird aus den Worten von Jadallah Shihadeh, dem früheren lutherischen Pfarrer von Beit Jala, deutlich. In einer Meditation zum Weihnachtsfest schrieb er 2009: „Während viele unsere Glau­bensgeschwister überall in Europa und Amerika in den Kirchen und Wohnstuben Bethlehem lebendig werden lassen und so an Gottes segensreiches Handeln erinnern, stellt sich die Situation in Bethlehem und seinen Nachbarstädten Beit Jala und Beit Sa­hour anders dar. Unser Leben ist eingeschränkt, unsere Hoff­nung ist hinter Mauern begraben – Segen macht sich hier nicht breit.“[9] Der Pfarrer, der das Begegnungs- und Versöhnungszentrum „Abrahams Herberge“ in Beit Jala aufgebaut hat, fügte eine Bitte an die Christinnen und Christen in Deutschland hin­zu: „Besuchen Sie das Heilige Land, damit die Menschen hier wieder Hoffnung bekommen und wieder daran glauben können, dass Bethlehem auch in Bethlehem zu finden ist.“[10]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Mitri Raheb/Fred Strickert: Bethlehem 2000, Heidelberg 1998, S. 24

[2] Vgl. Barbara Schmitz: Bethlehem, Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet, www.wibilex.de

[3] Vgl. ebenda

[4] Vgl. Mitri Raheb/Fred Strickert: Bethlehem 2000, a.a.O., S. 45

[5] Zitiert nach: http://www.eappi-netzwerk.de/besatzung-muss-ein-ende-haben-6/#more-2411

[6] Vgl. Liva Haensel: Der besetzte Stern: Weihnachten in Bethlehem, www.evangelisch.de 23.12.2011

[7] Vgl. Licht verbindet die Völker, Evangelische Zeitung, 11.12.2011

[8] Zitiert nach: Hanno Terbuyken: Das Friedenslicht: Eine Flamme, die Völker verbindet, www.evangelisch.de 10.12.2011

[9] Jadallah Shihadeh: Bethlehem ist überall – auch in Bethlehem?, Im Lande der Bibel, 3/2009, S. 5

[10] Ebenda