Johannes der Täufer

 

Wer sich mit dem Leben von Johannes dem Täufer beschäftigt, muss sich auf ein Puzzle ein­lassen, denn die Angaben über ihn sind ver­streut im Neuen Testament sowie in einem kurzen Abschnitt bei dem jüdischen Geschichts­schrei­ber in römischen Diensten Flavius Josephus zu finden. Den neutestamentlichen Berichten ist gemeinsam, dass Johannes der Täufer nur in Zusammenhang mit der Geschichte Jesu von Interesse ist, wobei die Überlegenheit Jesu immer wieder deutlich herausgestellt wird.[1] Wir besitzen keine Zeugnisse von Johannes dem Täufer selbst oder von seiner Anhän­gerschaft. Das erschwert es, ein klares Bild vom Leben und von der Lehre dieses Predigers zu gewinnen.

 

Der Schweizer katholische Theologe Die­ter Bauer hat in einem Zeitschriftenbeitrag darauf hingewiesen, dass wir nicht nur wenig über Johannes wissen: „Zum anderen sind aber auch die Erzählungen in den Evangelien selbst teilweise legendarisch (wie die Geburtsgeschichte des Täu­fers in Lk 1,5-25, 39-80) oder bereits so stark von den Interessen der frühkirchli­chen Gemeinde bestimmt, dass der ‚ursprüngliche Johannes’ nur noch im Hinblick auf Jesus von Nazaret Interesse findet.“[2] Aber auch wenn vieles in den Evangelien über Johannes Legende sei, dürfe man nicht von vornherein ausschließen, „dass dort auch historische Erinnerungen verwoben sind“.[3]

 

Nach Lukas war der Vater von Johannes der Priester Zacharias, und die Familie lebte im Bergland von Judäa, wo Maria die Johannes-Mutter Elisabeth besuchte. Da Johannes nach dieser Überlieferung aus einer Priesterfamilie stammte, war seine Verkündigung in besonderer Weise ein Affront gegenüber dem, was im Tempel als Theologie ver­kündet und gelehrt wurde.

 

Am Anfang des Lukasevangeliums wird erwähnt, dass die Geburtsankündigung von Johannes zur Zeit von König Herodes stattfand. Dieser starb 4 v. Chr., sodass man annehmen kann, dass Johannes etwa 5 oder 4 v. Chr. geboren wurde. Genauer lässt sich das nicht sagen. Das öffentliche Wirken von Johannes begann, berichtet Lukas am Anfang des 3. Kapitels seines Evangeliums, im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberias. Das könnte 27 n. Chr. gewesen sein, zu einer Zeit, als Johannes etwa 35 Jahre alt war. Vielleicht wichtiger als diese Zeitangaben sind bei Lukas die Verweise auf Herodes und Tiberias sowie in Zusammenhang mit Tiberias auch auf den Statthalter Pontius Pilatus und die Herodessöhne, die im römischen Auftrag Palästina und angrenzende Gebiete regierten.

 

Wie in der Geburts­ge­schichte Jesu werden auch bei Johannes solche Bezüge von Lukas nicht nur her­gestellt, um eine zeitliche Einordnung der Ereignisse zu ermöglichen, sondern auch, um deutlich zu machen, dass Gott der Herr der Geschichte ist, der durch Jesus und Johannes angesichts der brutalen Herrschaft der Römer – wie schon früher in der Geschichte des jüdischen Volkes – in das Geschehen eingreift. Er tut es dieses Mal allerdings auf die Weise, dass er den Menschen eine Botschaft der Hoffnung verkünden lässt von dem Reich Gottes, das kommen wird und schon beginnt.

 

Johannes ging in die Wüste (vermutlich auf der östlichen Seite des Jordan, nach Peräa, wo Herodes Antipas herrschte, ein Sohn von König Herodes) und predigte dort, erfahren wir am Anfang des Markusevangeliums. Und dies wird von Markus als Erfüllung von Prophezeiungen der Hebräischen Bibel verstanden, dass ein Prediger in der Wüste den Weg des Herrn bereiten wird. Johannes der Täufer, berichtet Markus, trug ein Gewand aus Kamelhaaren und ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig. Die Bekleidung des Predigers ist nicht zufällig, hat Zephanja Kameeta, damals lutherischer Pastor und spätere Bischof in Namibia, Anfang der 1980er Jahre in einer Bibelarbeit betont: „Sie soll uns im Geiste in die Geschichte eines der Pionier-Botschafter Jahwes an die Kinder Israels zurückversetzen: Elia, der im Gehorsam vor Gott die Grundfesten der gottlosen Religion und Israels falsches Vertrauen erschütterte (2. Könige 1,2-18). Indem er Elia in un­seren Text hineinbringt, drückt der Evangelist aus: Der Jahwe, der Elia aus­sandte, ist derselbe, der Johannes den Täufer sendet. Sie haben dieselbe Botschaft und dasselbe Ziel: zu pflanzen und auszureißen, abzubrechen und aufzubauen, wegzuwerfen und zu sammeln, zu töten und wieder zu erwecken. Wenn wir heute diesen Text lesen, wird uns klar, dass Gottes Heilsgeschichte noch nicht zu Ende ist.“[4]

 

Der Hinweis, dass Johannes sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte, erinnerte Zephanja Kameeta an den Zug des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit, als die Menschen in der Wüste viele Entbehrungen auf sich nehmen mussten. Und deshalb sagte der namibische Theologe über Johannes: „Er war ein Mensch auf dem Exodus zum Königreich Gottes. Das ist das Wesen eines Pro­pheten.“[5] Als er dies schrieb, wurde seine Heimat noch vom Apartheidregime Südafrikas beherrscht, und daher bezog er das pro­phe­tische Zeugnis von Johannes ganz konkret auf diese Situation: „Der Herr ruft uns, hinauszugehen auf die Straßen und Plätze, den Menschen die gute Botschaft von Frieden und Gerechtigkeit zu verkündigen. Wir sollen umkehren und uns erneuern lassen, damit wir seine wahren Botschafter werden können.“[6]

 

Die Botschaft des Predigers in der Wüste

 

Im Zentrum der Verkündigung von Johannes des Täufers stand der Ruf zur Umkehr, weil das Gericht Gottes nahe bevorstehe. Matthäus und Lukas haben eine Gerichtspredigt überliefert (Matthäus 3,7ff. und Lukas 3,7ff.). Rettung vor dem zornigen Gericht Gottes versprach der Prediger durch die Taufe.

 

Diese Botschaft wurde von vielen gern aufgenommen, die in der Gesellschaft als besonders sün­dig galten wie zum Beispiel Zöllner, Prostituierte und Soldaten. Von den Zöll­nern erwartete Johannes: „Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!“ (Lukas 3,13) Johannes nahm also die Zwänge ernst, unter denen die Men­schen standen, die für die römischen Herrscher und ihre lokalen Vasallen arbeiteten, und erwartete von ihnen nichts Unmögliches, wohl aber, die Ausbeutung der Bevölkerung auf das not­wendigste Maß zu beschränken. In ähnlicher Weise sagte Johannes den Soldaten: „Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!“ (Lu­kas 3,14) Von allen Gläu­­bigen erwartete Johannes, dass sie ihre Kleidung und ihr Essen mit denen teilten, die nichts hatten. Mit seiner Bot­­schaft fand Johannes offen­bar viele Anhänger im einfachen Volk, während er beim religiösen „Establish­ment“ auf Ablehnung stieß.[7] Johannes sparte nicht mit Kritik an religi­ösen Gruppie­run­gen seiner Zeit. Über die Sadduzäer und Pharisäer soll Johannes geäußert haben: „Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet.“ (Matthäus 3,7)

 

Der südafrikanische Befreiungsthe­o­loge Albert Nolan hat die Prophezeiungen von Johannes so gedeutet: „Die einzige Hoffnung, die Johannes se­hen konnte, bestand darin, dass einige einzelne Menschen vor der Katastrophe gerettet werden könnten. Das waren die Menschen, die Buße taten und gereinigt würden durch die Taufe ... Die individuelle Bekehrung einer kleinen Zahl von Menschen würde nicht das System verändern. Aber zu seiner Zeit konnte Johannes keine andere Hoffnung sehen, auch wenn er jemanden erwartete, der nach ihm kommen und sehr viel mehr erreichen würde.“[8] Albert Nolan betont anschließend, dass Jesus sich in sei­ner Verkündigung nicht auf die Kritik an den Herrschenden beschränkte, sondern den Armen und Unterdrückten die Hoffnung gab, dass Gott auf ihrer Seite steht. Lukas hat diese Hoffnung zuerst im Magnifikat Marias zum Ausdruck gebracht, wo verheißen wird, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt. Jesus vermittelte Hoffnung über die individuelle Rettung Einzelner hinaus. Dazu noch einmal Al­bert Nolan: „Jesus fand etwas, was ein machtvolles Zeichen der Hoffnung war. Er fand Glauben.“[9]

 

Jesu Taufe und sein Verhältnis zu Johannes

 

Markus berichtet im 1. Kapitel seines Evangeliums über die Bußpredigten von Johannes und von der Taufe Jesu durch Johannes. Der Himmel öffnete sich und eine Stimme vom Himmel verkündete: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ (Markus 1,11) Diese Botschaft enthält Bezüge zur Hebräischen Bibel. In Psalm 2,7 verkündet Gott „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ und in Jesaja 42,1 „Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.“ Hubertus Halbfas bewertet diese alttestamentlichen Bezüge in seinem Buch „Die Bibel“ so: „Die Himmelsstimme bezeugt also mit diesen Zitaten Jesus als den messianischen König und Knecht Gottes. Sie macht aber keine trinitarische Aussage, wenngleich diese Stelle später zur trinitarischen Gottesvorstellung beigetragen hat.“[10]

 

Die Gottessohnschaft Jesu erhebt ihn deutlich über Johannes den Täufer, lässt es als plausibel erscheinen, Johannes als Vorläufer Jesu zu bezeichnen. Aber Gerd Theißen und Annette Merz betonten in ihrem Grundlagenwerk „Der historische Jesus“: „Wenn Jesus der von Gott geliebte Sohn ist, so ist er mehr als der Täufer. Historisch wird gerade das sein, was diese apologetische Tendenz zu leugnen versucht: Jesus erkannte den Täufer eine Zeitlang als überlegenen ‚Meister’ an und ließ sich von ihm zur Vergebung seiner Sünden taufen. Er wusste sich als einer der vielen, die in Israel umkehren wollten, um dem nahen Gericht Gottes zu entfliehen.“[11]

 

Bei Markus lesen wir in Vers 14 des 1. Kapitals seines Evangeliums: „Nachdem aber Johannes überantwortet wurde, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evan­gelium Gottes.“ In dieser Darstellung gewinnt man den Eindruck, Jesus habe die Arbeit von Johannes fortgesetzt, nachdem dieser ein Opfer politischer Ver­folgung geworden war. Jesus verließ dafür die Wüste und zog predigend durch Ga­li­läa. Johannes der Täufer hatte offenbar viele Anhänger im Volk gefunden, die auch nach dem Tod des Predigers an seiner Botschaft festhielten und kleine Gemeinschaften bildeten. In der Apostelgeschichte wird von Gläubigen in Alexandria und Ephesus berichtet, die sich an dem orientierten, was Johannes der Täufer gepredigt hatte (Apos­telgeschichte 18,25 und 19,3). Es wird angenommen, dass es zu Kon­flikten zwischen denen gekommen ist, die sich an Johannes und denen, die sich an Jesu Botschaften orientierten. Aber hierüber ist wenig bekannt.

 

Die Hinrichtung von Johannes dem Täufer fand nach Berechnungen auf der Grund­lage der Darstellungen dieses Ereignisses in den Evangelien etwa 27 oder 28 n. Chr. statt. Über die Umstände des Todes von Johannes gibt es unterschiedliche Berichte. Sehr wahrscheinlich ist, dass er auf Befehl von Herodes Antipas, dem Herrscher über Galiläa und Peräa, hingerichtet wurde. Dabei hat vermutlich eine Rolle gespielt, dass Johannes die Heirat von Herodes Antipas mit der Frau seines verstor­benen Bruders kritisiert hatte.

 

Auch wenn Johannes der Täufer in den christlichen Kirchen deutlich im Schatten Jesu steht, hat er doch in den meisten Kirchen einen jährlichen Gedenktag, den 24. Juni. Dieses Datum wurde nicht zufällig für den Johannistag gewählt. Nach der neutestamentlichen Überlieferung wurde Johannes ein halbes Jahr vor Jesus geboren. Nachdem die katholische Kirche und in dieser Tradition auch die evangelischen Kirchen den 24. Dezember als Geburtstag Jesu feiern, war es konsequent, genau ein halbes Jahr früher den Geburtstag von Johannes zu feiern. Vor einer späteren Ka­len­deran­passung fiel der antike 24. Juni auf den Tag der Sommersonnenwende (heute 21. Juni). Das ermöglichte es, der Wahl dieses Tages eine theologische Bedeutung zuzuordnen. Im 3. Kapitel des Johannesevangeliums wird Johannes der Täufer in Vers 30 mit der Aussage zitiert: „Er muss wachsen, ich aber muss ab­nehmen.“ Während nach der Sommersonnenwende die Tage immer kürzer wer­den, werden sie nach der Wintersonnenwende immer länger, das Licht siegt über die Dunkelheit. Diese Symbolik gilt natürlich nur für die nördliche Halbkugel, aber hier ist sie ja auch verwendet worden, um den Unterschied von Jesus und Johannes deutlich zu machen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. Gerd Theißen/Annette Merz: Der historische Jesus, Göttingen 2001, S. 184f.

[2] Dieter Bauer: Wer war Johannes der Täufer?, Bibel heute, 1/2007, S. 6

[3] Ebenda

[4] Zephanja Kameeta: Gott in schwarzen Gettos, Erlangen 1983, S. 64

[5] Ebenda, S. 65

[6] Ebenda, S. 67

[7] Vgl. Gerd Theißen/Annette Merz: Der historische Jesus, a.a.O., S. 184ff.

[8] Albert Nolan: God in South Africa, The challenge of the gospel, Gwenu/Zimbabwe und London 1988, S. 135

[9] Ebenda, S. 136

[10] Hubertus Halbfas: Die Bibel, Düsseldorf 2001, S. 365f.

[11] Gerd Theißen/Annette Merz: Der historische Jesus, a.a.O., S. 193