Herodes

 

Drei „Bösewichte“ haben im Neuen Testament hervorgehobene Rollen: Herodes, Judas und Pontius Pilatus. Das sichert ihnen auch zwei Jahrtausende später noch einen hohen Be­­kanntheitsgrad – wenn auch keinen vorteilhaften. Zwei dieser hi­storischen Persönlichkeiten waren Juden, und vielleicht ist es kein Zufall, dass die dritte Person, der Römer Pontius Pilatus, als einziger seine Hände in Unschuld waschen durfte. Wollten die Evangelisten die Römer mit ihren Evangelien nicht zusätzlich reizen, hatten sie doch als Anhänger eines gekreuzigten Aufrührers ohnehin schon einen denkbar schlechten Leumund? Je­denfalls musste auf den jüdischen König Herodes wenig Rücksicht genommen wer­den, und daher konnte er als Kindermörder in die Bibel aufgenommen werden. Sein zusätzliches Pech: Der bekannte jüdische Geschichtsschreiber Fla­vius Josephus, der in römischen Diensten stand, hatte ebenfalls beträchtliche Vorbehalte gegen Herodes. Der Herodes-Biograf Manuel Vogel stellt dar, dass Flavius Jo­sephus in seinem Werk „Jüdische Altertümer“ Herodes „als niederträchtigen Cha­rakter und als Juden zweifelhafter Herkunft“ beschrieben hat, der das jüdische Ge­setz übertrat, wo immer dies möglich war.[1]

 

Da das meiste, was wir aus schriftlichen Quellen über Herodes Leben wissen, entweder in den Werken des Flavius Josephus oder im Neuen Tes­tam­ent steht, waren das keine guten Voraussetzungen für einen Nachruhm. Eine exakte histori­sche Darstellung des Lebens und Wirkens dieses Königs wurde aller­dings in keiner dieser beiden Quellen angestrebt. Trotzdem ist bemer­kenswert, dass Flavius Jose­phus zwar eine große Zahl von Missetaten von König Herodes auf­führt, aber kei­nen Kindermord in Bethlehem erwähnt. Wir können dies als wich­tiges Indiz dafür wer­ten, dass dieser Kindermord nie stattgefunden hat. Und dennoch ist Herodes als Kindermörder in die Geschichtsbücher eingegangen – aller­dings nicht als Mör­der der Klein­kinder von Bethlehem, sondern von drei eigenen Kindern. Trotz dieser ne­ga­tiven Lebensbilanz wird der antike Herr­scher von vielen heu­tigen Histo­rikern immer noch als „Herodes der Große“ be­zeich­net. Wer war die­ser bru­tale König der Juden, der von 73 bis 4 vor Christus lebte?

 

Die Familie des Vaters von Herodes hatte ihre Wurzeln in Idumäa und war nach der jüdischen Eroberung dieses Gebiets zum Judentum konvertiert. Herodes Mut­ter war Nabatäerin, stammte also aus dem in der Antike mächtigen Reich der Naba­täer mit Petra (im heutigen Jordanien) als Zentrum. Diese Abstam­mung prädes­ti­nierte Herodes nicht zum König der Juden. Später ließ sich Herodes deshalb von einem „Hofhistoriker“ eine Biografie gestalten, mit der nachgewiesen werden sollte, dass er von einer führenden Familie der Juden in der babylonischen Dias­pora abstammte. Aber dieser plumpe Versuch fand wenig Glauben. Der Ge­schichts­schreiber Fla­vi­us Josephus warf Herodes wohl zu Recht vor, er habe sich von einem dienstbaren Geschichtsschreiber einen jüdischen Stammbaum erstellen las­sen.[2]

 

Viel wichtiger als dieser mit viel Fantasie erstellte Stammbaum war für den Aufstieg von Herodes, dass es seinem Vater Antipater gelang, das Vertrauen der Römer zu gewinnen und zu ihrem Statthalter in Jerusalem berufen zu werden. Das eröffnete Herodes gute Aussichten, ebenfalls Karriere im Dienste der römi­schen Herrscher zu machen. Die Berufung des jungen Mannes zum Befehlshaber von Galiläa im Jahre 47 v. Chr. war dafür ein erster wichtiger Schritt.

 

Herodes besaß zweierlei, was ihn unter den Bedingungen des Römischen Reiches ganz nach oben bringen konnte: unbedingtes Machtstreben und die uneinge­schränkte Bereitschaft, sich mit den noch Mächtigeren gut zu stellen. Nach der Vergiftung seines Vaters Antipater durch Rivalen wurde Herodes im Jahre 43 v. Chr. von den Römern als Herrscher in Jerusalem eingesetzt, um ihre Interessen in der Region zwischen Mittelmeer und Jordan zu vertreten. Erstes Anliegen des neuen Herrschers musste es sein, seine zweifelhafte Legitimität zu festigen. Da fügte es sich gut, dass Herodes sich in Marianne verliebte, eine Prinzessin aus dem Königsgeschlecht der Hasmonäer und dazu noch Enkelin des amtierenden Hohepriesters.

 

Ein Freund der Römer in schwierigen Zeiten

 

Dass es Herodes gelang, mehr als drei Jahrzehnte an der Macht zu bleiben, spricht für sein großes politisches Geschick. Es galt, mit den jeweils in Rom Herrschenden vertrauensvoll zusammenzuarbeiten und gleichzeitig die wegen ihrer Ausbeutung unzufriedenen Untertanen von einer offenen Rebellion abzuhalten. Schon die erste Aufgabe war schwierig zu meis­­tern, denn in der ersten Phase der Herrschaft von Herodes tobte in Rom ein bruta­ler Machtkampf, in dem es für Klientelkönige darauf ankam, sich immer auf die rich­­tige, die siegreiche Seite zu schlagen.

 

Wie rasch eine gefährliche Situation für den unbeliebten Herrscher Herodes ent­stehen konnte, zeigte sich im Jahre 40, als ein Heer der mit den Römern verfein­deten Parther das benachbarte Syrien eroberte und Richtung Jerusalem marschierte. Die Ein­­dringlinge fanden viel Unterstützung in der jüdischen Bevölkerung, die hoffte, die verhassten römischen Besatzer und mit ihnen auch gleich den von ihnen eingesetzten König los zu werden. Herodes blieb nichts übrig, als aus Jerusalem zu fliehen und sich auf die Festung Masada am Toten Meer zurückzuziehen, während die Parther seinen Palast in Jerusalem plünderten. Herodes reiste weiter nach Alexandria und schiffte sich nach Rom ein, um sich dort Beistand gegen die Eroberer zu sichern. Er wurde von den römischen Herrschern Octavian und Marcus Antonius sehr wohlwollend aufgenommen. Sie setzten auf den loyalen Herodes, um die römische Herrschaft in Judäa wiederherzustellen. Deshalb veranlassten sie den Senat, Hero­des feierlich zum König von Judäa zu erklären.

 

Allerdings, sein Königreich musste Herodes selbst zurückerobern. Im Akko angekommen, begann er deshalb sofort damit, Söldner zu rekrutieren, um zunächst einmal Galiläa unter seine Kon­trolle zu bringen. Anschließend zog er mit einer wachsenden Streitmacht in Richtung Jerusalem. Nach mehrjährigen wech­sel­vollen Kämpfen eroberte Herodes 37 v. Chr. mit römischer Unterstützung Jerusalem. Die Eroberer plünderten die Stadt und ermordeten viele Einwohner. Die tatsächlichen oder potenziellen Gegner des neuen Königs von Judäa wurden hingerichtet. Hero­des konnte nun uneingeschränkt herrschen.

 

Nicht endende Familienkonflikte

 

Jetzt begann allerdings ein neuer „Krieg“, heftige Auseinandersetzungen am Königshof, die bis zum Tode Herodes andauern sollten. Nachdem viele Mitglieder der Hasmonäerfamilie in den Kämpfen der zurückliegenden Jahre gegen Herodes und seine römischen Verbündeten getötet worden waren, holte Herodes den Rest der Fa­mi­lie an seinen Königshof, um die einzelnen Familienmitglieder besser unter Kon­­trolle zu haben. Neben seiner Frau Marianne lebten nun auch ihre Mutter Alex­andra, Aristobul, ein jüngerer Bruder Mariannes, und der greise frühere Hohepries­ter Hyrkan im Palast. Da die Familie verständlicherweise einen Groll gegen Hero­des hegte, war die Stimmung von Anfang an vergiftet. Und sie wurde nicht besser, als Herodes im Laufe seiner Herrschaft noch etwa acht weitere Frauen heiratete. Mariannes Mutter Alexandra wurde zu einer Schlüsselper­son der Intrigen und konnte als einen ersten Erfolg verbuchen, dass Herodes sich bereitfand, den amtierenden Hohepriester zu entlassen und Alexandras Sohn Aristobul in dieses Amt einzusetzen.[3]

 

Aber Frieden kehrte im Palast auch danach nicht ein, denn Herodes verdächtigte Alexandra bald darauf, selbst nach der Königswürde zu streben. Er stellte sie unter Hausarrest und ließ sie ständig bewachen. Der nächste Konflikt ließ nicht lange auf sich warten, berichtet uns Josephus: Der Hohepriester Aristobul genoss große Sym­pathien in der Bevölkerung, zu viel Sympathien, fand offenbar der machtbewusste Hero­des. Er ließ Aristobul ertränken und anschließend die Nachricht verbreiten, der Hohepriester sei bei einem tragischen Badeunfall ums Leben gekommen.

 

Nicht nur Alexandra durchschaute, was wirklich passiert war, und Herodes musste sich für seine Tat sogar vor den römischen Herrschern rechtfertigen. Während sich Hero­des in Syrien aufhielt, um zu diesem Fall befragt zu werden, verbreitete sich in Jerusalem das Gerücht, die Römer hätten ihn für eine Bluttat hingerichtet. Dar­aufhin schmiedete Alexandra offenbar Pläne, sich zur Königin ausrufen zu las­sen. Aber Herodes kehrte wohlbehalten nach Jerusalem zurück, erfuhr von den Plä­nen und ließ seine Schwiegermutter einkerkern. Dass die Beziehung zu seiner Frau Marianne hinfort noch angespannter war, verwundert nicht.

 

So groß wie das Reich Davids

 

Parallel zum Familienzwist wurde auch Herodes politische Position dadurch pre­kär, dass es zu einem Machtkampf zwischen seinem Förderer Marcus Antonius und dessen Rivalen Octavian kam, der gewaltsam ausgetragen wurde. Herodes un­ter­stützte Marcus Antonius, konnte es aber vermeiden, diesem Truppen zur Verfü­gung zu stellen. Das war ein kluger Schachzug, denn Marcus Antonius verlor Anfang September des Jahres 31 v. Chr. die entscheidende Schlacht in Ägypten und nahm sich das Leben. Herodes musste sich nun mit dem Sieger Octavian arrangieren und trat in Büßer­haltung auf der Insel Rhodos vor ihn. Herodes versicherte dem neuen Alleinherrscher, der bald uneingeschränkt als Kaiser Augustus regieren sollte, dass er ihm treu und zuverlässig dienen werde. Octavian bestätigte daraufhin Herodes als König von Judäa.

 

Das war zunächst vielleicht vor allem ein pragmatischer Schritt, denn eine Alternative zu Herodes gab es nicht, und dieser hatte in den zu­rück­liegenden Jahren bewiesen, dass er für Stabilität und hohe Steuerzahlungen an die römische Zentrale sorgen konnte. Der Kaiser fasste aber in den folgenden Jahren großes Vertrauen zu Herodes und übertrug seinem Klientelkönig immer neue Territorien.[4] Auf diese Weise vergrößerte Herodes sein Königreich stetig, sodass es etwa die in der Bibel beschriebene Größe des Reiches der Könige David und Salo­mo erreich­te. Allerdings war Herodes weiterhin König im Auftrag der Römer, und die waren in großen Teilen der jüdischen Bevölkerung verhasst. Umso wichtiger war es für Herodes, sich im eigenen Land als mächtiger Herrscher und großer Kö­nig zu prä­sentieren.

 

Mit riesigen Festungsanlagen und Palästen machte Herodes sich einen Namen. Besonders zu erwähnen ist die Festung Herodion etwa 15 Kilometer südlich von Jeru­salem. Sie diente gleichzeitig dem Sicherheitsbedürfnis des Herrschers und repräsentativen Zwecken. Dieser Palast gehörte zu den größten der Antike. Weitere große Bauvorhaben kamen hinzu. Die bereits bestehende Festung Masada ober­halb des Toten Meeres galt als uneinnehmbar, aber Herodes ließ sie dennoch weiter ver­stärken und um einen prächtigen Palast erweitern.[5]

 

Wie viele Jahrhunderte vorher die Turmbauer von Babel und viele Jahrhunderte später die Erbauer von Bankpalästen wollte Herodes mit seinen Bauten Eindruck machen, die eigene Macht demonstrieren und kundtun, wer im Lande das Sagen hatte. 18 v. Chr. kündigte er an, den Tempel in Jerusalem in prächtigster Weise neu errichten zu lassen. Der Tempel, der nach der Rückkehr aus dem baby­lo­ni­schen Exil gebaut worden war, glich eher einem Zweckbau, dem man den Geld­mangel bei seiner Errichtung ansah. Für den Neubau des Herodes wurde durch aufwendige Arbeiten die Tempelplattform auf fast 150.000 qm vergrößert. Bis zur 18.000 Arbeiter waren gleichzeitig auf der Baustelle tätig. Herodes sah den Tem­pel­bau als Möglichkeit an, seine Reputation in der jüdischen Bevölkerung zu verbessern, die ihn weiterhin als Vasallen der verhassten römischen Herrscher ansah.[6] Der Tempel sollte Herodes in eine Traditionslinie mit Königen wie David und Salomo stellen. In den Augen seiner jüdischen Untertanen blieb Herodes allerdings der Repräsentant des Römischen Reiches und kein legitimer jüdischer König.

 

Ein „Realpolitiker“ festigt seine Macht

 

Herodes war ein „Realpolitiker“, nur deshalb konnte er sich so lange an der Macht hal­ten. Aus diesem Grunde war der neue Tempel nicht nur ein Prestigebau, sondern wurde auch zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor, denn viele Tausend Juden aus Judäa und Galiläa kamen regelmäßig in das Heiligtum nach Jerusalem, und selbst Juden in der Dias­pora waren bemüht, mindestens einmal im Leben den Tempel zu be­suchen. Auch trugen sie durch die jährliche Tempelsteuer zum Erhalt des Tem­pels und damit indirekt auch zum Wohlergehen der Stadt Jerusalem bei. Auch Josef und Maria gehörten zu den Juden, die regelmäßig den Tempel besuchten.

 

Die Hohepriester am Tempel setzte Herodes nach eigenem Gutdünken ein, mischte sich aber nicht in kultische Fragen ein. Der Historiker Manuel Vogel schreibt in seinem „Herodes“-Buch, dass der König sich das Recht nahm, „Hohepries­­­ter ein- und abzusetzen, und bewahrte die hohepriesterlichen Gewän­der auf, d. h., er hatte politisch die Kontrolle über das höchste religiöse Amt im Staat“.[7] Dass dadurch die ohnehin geschwächte Autorität des Hohepriesters weiter geschmä­­lert wurde, kann nicht überraschen. Gar zu leicht kam der höchste Priester in den Ruf, willfähriger Gefolgsmann des unbeliebten und von vielen gehass­­ten Kö­nigs zu sein.

 

Herodes war darauf bedacht, die jüdische Bevölkerung seines Königreiches nicht unnötig zu provozieren. Auch setzte er sich bei den römischen Herrschern für die Millionen Juden in der Diaspora ein, die oft der Willkür der lokalen Autoritäten ausgesetzt waren. Über seinen Freund Agrippa, einen Schwiegersohn des Kaisers, konnte er Augustus dafür gewinnen, der jüdischen Bevölkerung im Römi­schen Reich gewisse Sonderrechte zu gewähren, die es ihnen erleichterten, gleichzeitig Un­ter­tanen Roms und ihrem Glauben treu zu sein.

 

Herodes hielt viele jüdische Gesetze ein, wenn er sich in Judäa aufhielt, und sorgte dafür, dass das Bilderverbot in Jerusalem weitgehend beachtet wurde. Aber er um­gab sich mit Gelehrten, die in der griechischen Philosophie und selbstverständlich auch Religion verwurzelt waren. In den nichtjüdischen Orten seines Herrschaftsbereiches wie Caesarea Mari­tima ließ Herodes Tempel für den Kaiserkult errichten.[8] Religion war ein Instru­ment der Herrschaft und wurde von Herodes vermutlich danach beurteilt, ob die uneinge­schränkte Macht des Königs und des Kaisers in Rom infrage gestellt oder gestärkt wurde.

 

Ökonomische Entwicklung und steuerliche Belastung

 

Die gewaltigen Bauten des Herodes waren nur aufgrund der Zwangsarbeit von vielen Tausend Menschen möglich. Diese Frondienste waren aber nur ein Teil der Belastungen der Bevölkerung in Judäa, Galiläa und angrenzenden Gebieten. Die Liste unterschiedlichster Steuern und Abgaben war beeindruckend lang. Die römischen Herrscher und die von ihnen eingesetzten Klientelkönige bedienten sich bei der Eintreibung dieser Steuern und Abgaben oft lokaler Mittelsmänner. Die Zöllner, von denen im Neuen Testament mehrfach die Rede ist, waren in den meisten Fällen nicht etwa einfache Zollbeamte, die das Gepäck von Reisenden an der Grenze kon­trollierten, sondern wohlhabende Männer, die die Aufgabe gepachtet hatten, die Zölle und Abgaben zu erheben. Sie hafteten mit ihrem privaten Vermögen dafür, dass die geforderten Einnahmen auch tatsächlich an die Herrscher abgeführt wur­den.

 

Entsprechend ri­go­ros gingen sie beim Eintreiben der Zölle, Steuern und Abgaben vor und entsprechend un­beliebt waren sie in der Bevölkerung. Selbst­ver­ständlich wuss­ten die Steuerzahler, dass der größte Teil des Geldes an den von den Römern eingesetzten König floss und dieser wiederum den größten Teil davon nach Rom schickte. Herodes musste erleben, dass es nicht möglich war, gleichzeitig den Erwartungen der Römer auf hohe Zahlungen an die „Zentrale“ zu entspre­chen und bei den eigenen Untertanen beliebt zu sein. Das war umso weniger der Fall, als Herodes aus den Zöllen und Abgaben auch seinen Staats- und Sicherheitsapparat bezahlte und die zahlreichen Bauvorhaben finanzierte.

 

Dass die vielen Prachtbauten überhaupt finanziert werden konnten, lag vor allem an der erfolgreichen Wirtschaftspolitik von König Herodes. Er hatte erkannt, dass ökonomische Prosperität die Grundlage nicht nur des Römischen Reiches, son­dern auch seiner eigenen Herrschaft bildete. Ein Klientelkönig stand vor der Auf­gabe, die ökonomische Basis des politischen Systems zu festigen. Und das war besonders in der Herrschaftszeit des Augustus der Fall, der die wirtschaftliche Entwicklung des Weltreiches systematisch voranbringen wollte.

 

Eine wichtige Investition für den ökonomischen Aufstieg der Region bildete der Bau von Caesarea Maritima, nach der Fertigstellung einer der modernsten Häfen am Mittelmeer mit Werften und Docks. Herodes nutzte die „globa­lisierte“ Ökonomie und ließ zum Beispiel für den Hafenbau den neuesten, auch im Wasser bindenden Zement verwenden, wie er in Italien entwickelt worden war.[9] Caesarea Maritima wurde sehr rasch zu einem der wichtigsten Häfen des Römi­schen Reiches und zu einem Zentrum des Fernhandels. Damit Caesarea Maritima mit anderen Großstädten des Rö­mi­schen Reiches kon­kurrieren konnte, wurden auch Einrichtungen wie Tempel, ein Thea­ter, eine Bahn für Pferde- und Wagenrennen sowie ein Amphitheater für Gladiatorenkämpfe gebaut. Die Hafenstadt wurde zum Tor zur römisch-griechischen Welt, und zwar sowohl ökonomisch als auch kulturell.

 

König Herodes selbst verband die ökonomische Entwicklung des Landes mit eigenen ökonomischen Interessen. Von seinem Vater hatte er Ländereien in Idumäa geerbt. Durch die Aneignung des Besitzes der besiegten Hasmonäerdynastie stieg Herodes zum größten Landbesitzer in seinem Herrschaftsgebiet auf. Auch das Eigentum anderer besiegter Gegner sicherte der König sich persönlich. Hinzu kam ein beträchtlicher Anteil an den Zoll- und Steuereinnahmen, der in die Schatullen des Königs floss. In den letzten Jahren seiner Herrschaft weitete Herodes sein Wirtschaftsimperium sogar international aus. Kaiser Augustus überließ ihm als Gunstbe­weis die Verwaltung einer Kupfermine auf Zypern. Die Hälfte des Gewinns floss an Herodes. Wahrscheinlich besaß Herodes außerdem die Konzession, in einigen kleinasiatischen Städten Steuern einzutreiben und einen Teil davon für sich zu behalten.[10]

 

Herodes hatte viele Kritiker und Feinde, das war ihm nur zu bewusst. Deshalb baute er einen Sicherheitsapparat auf, der überall im Lande präsent war. Gerade dieser Sicher­­heitsapparat und das tiefe Misstrauen des Königs gegenüber allen, die ihm ge­fährlich werden konnten, machen es so unwahrscheinlich, dass er die Magier oder Weisen aus dem Morgenland bei deren Suche nach dem König der Juden allein nach Bethlehem reisen ließ, obwohl er, wie Matthäus berichtet, über deren Ankün­digung aufs Äußerste beunruhigt war. Herodes lebte gerade in seinen letzten Le­bensjahren in ständiger Furcht vor Verrat und Anschlägen auf sein Leben. Warum soll­te er sich darauf verlassen, dass die Fremden zu ihm zurückkommen würden, wenn sie den verheißenen König gefunden hatten? Nach allem, was wir über Hero­des wissen, ist dies nicht nur sehr unwahrscheinlich, es erscheint unmöglich.

 

Mordfälle am Königshof

 

Dass Herodes mehrere Frauen und eine große Zahl von Kindern hatte, führte da­zu, dass mit zunehmendem Alter des Königs die Erbfolgeauseinandersetzungen am Hofe immer heftigere Formen annahmen. Die Intrigen der Frauen und ihrer Söhne schufen eine Atmosphäre des „jeder gegen jeden“, die geeignet war, Herodes Misstrauen noch zu vertiefen, sodass er schließlich überall Verrat witterte. Er ließ seine Frau Marianne 29 v. Chr. hinrichten, nachdem der Verdacht aufgekommen war, sie wollte ihn vergiften. Bald darauf wurde seine Schwiegermutter Alexandra nach einem vermeintlichen oder tatsächlichen Plan, Herodes zu stürzen und sich zur Königin ausrufen zu lassen, hingerichtet.

 

Aber auch danach war der Königshof voller Intrigen und Verschwörungen. Jeder misstraute jedem und Herodes allen. Die Situation spitzte sich noch zu, als zwei Söhne aus der Ehe mit der kurz vorher ermordeten Marianne, Alexander und Aristobul, von ihrer Ausbildung aus Rom zurückkehrten. Sie erfuhren umgehend von der Hinrichtung ihrer Mutter und ihrer Großmutter durch Herodes, und von nun an hassten sie ihren Vater. Der hatte seinerseits die Befürchtung, die Söhne könnten ihn aus seinem Amt verdrängen. Um die beiden Söhne Mariannes in die Schranken zu weisen, holte Herodes den Sohn seiner verstoßenen ersten Frau, Antipater, zurück an den Königshof, später auch seine erste Frau selbst. Demonstrativ änderte er sein Testament und setzte den re­ha­bilitierten Sohn an der Stelle von Alexander als seinen Nachfolger ein.[11]

 

Ein Tiefpunkt war erreicht, als Herodes nach Rom reiste, um vor dem Kaiser gegen seine Söhne Alexander und Aristobul den Vorwurf des Hochverrats zu erheben. Zwar endete die Auseinandersetzung vor dem Kaiser mit einer äußerlichen Versöhnung, aber danach wurde im Palast nur noch intrigiert und Mordplänen geschmiedet. Wenn wir an dieser Stelle der Beschreibung des jüdischen Historikers Flavius Josephus vertrauen können, ließ Herodes reihenweise Gefolgsleute seiner mit ihm verfeindeten Söhne foltern und hinrichten, um den Machenschaften seiner Verwandten auf die Spur zu kommen. Bei einer der Folterungen er­fuhr Herodes, dass seine Söhne Alexander und Aristobul ihn bei einer Jagd töten wollten. Er ließ seine bei­den Söhne einkerkern und erwirkte von Augustus die Zustimmung, sie hinrich­ten zu las­sen, was allerdings nur unter der Bedingung erlaubt wurde, dass stichhal­tige Be­weise für die Mordpläne vorliegen würden. In einem Prozess, bei dem die Angeklagten selbst nicht auftreten durften, wurden sie 7 v. Chr. zum Tode verurteilt und hingerichtet.

 

Gegen Ende seiner Regierungszeit verließ Herodes auch noch sein bis dahin untrügliches Gespür dafür, wie er sich das Wohlwollen des Kaisers in Rom bewahren konnte. Gegen den Willen der Römer marschierten Herodes Truppen im Königreich der Nabatäer ein, um dorthin geflohene räuberische Gruppen zu vernichten. In Rom fürchtete man neue militärische Auseinandersetzungen an der Ostgrenze des Reiches, und Augustus schrieb Herodes einen harschen Brief, in dem er ihm die Freundschaft aufkündigte.[12] Zwar gelang es einem Freund von Herodes, den römi­schen Kaiser wieder gnädig zu stimmen, aber die lang bestehende Freundschaft zwi­schen Augustus und Herodes hatte einen Knacks bekommen.

 

Die Intrigen im Palast nahmen kein Ende. Nach der Hinrichtung seiner Kon­kur­ren­ten war Antipater nun der einzige Thronfolger. Unangefochten war er aller­dings nicht, denn viele am Hof warfen ihm vor, zum Tod seiner Halbbrü­der beigetragen zu haben. Daher versuchte Antipater, seine Machtbasis durch wei­­tere Intrigen zu festigen, während seine Gegner alles taten, um ihn zu Fall zu bringen. Als Herodes zugetragen wurde, dass Antipater mit einigen Verbündeten ge­plant haben sollte, ihn zu vergiften, ließ er seinen Sohn verhaften und enterbte ihn.

 

Der Tod eines ungeliebten Königs

 

In Jerusalem sprach es sich herum, wie es um die Gesundheit des Königs und die Verhältnisse am Hofe stand, und als sich Anfang des Jahres 4 v. Chr. das Gerücht verbreitete, der König liege im Sterben oder sei bereits tot, stürmten einige strenggläu­bige Juden den Tempelberg. Sie wollen einen goldenen Adler zerstören, den Hero­des über einem der Tempeltore hatte anbringen lassen, was nach Ansicht der Strenggläubigen dem biblischen Verbot von Tierbildern widersprach. Es kam zu Tu­multen und zur Verhaftung der Aufrührer. Herodes war noch nicht tot, sondern hielt eine wütende Ansprache vor den Vornehmsten der Stadt und ordnete eine harte Bestrafung der Festgenommenen an. Einige wurden lebendig verbrannt, andere hingerichtet. Es war ein letztes Aufbäumen des Herrschers vor seinem nahen Ende.

 

Vom Krankenlager aus ordnete er die Tötung von Antipater an.[13] Er selbst starb fünf Tage nach der Hinrichtung seines erstgeborenen Sohnes. Es gab wirklich einen Kindermord, angeordnet von Herodes, und die Berichte von der Schreckensherrschaft des Königs müssen auch Jahrzehnte später dem Verfasser des Matthäusevangeliums bekannt gewesen sein.

 

Herodes konnte nicht darauf vertrauen, dass seine Verwandten ihm eine großartige Beerdigung ausrichten und ein prächtiges Grab errichten würden. Er hatte deshalb vorab eine prachtvolle Leichenprozession arrangiert und sich auch schon eine prächtige Begräbnisstätte nahe seiner Palastanlage Herodeion in der Nähe von Jerusalem errichten lassen.

 

Manuel Vogel zog in seinem Herodes-Buch diese Bilanz des Wirkens des Königs: „Einerseits war er nach innen wie nach außen ein herausragender Politiker, der dem Volk mancher­lei Wohlstand bescherte, andererseits ein Gewaltherrscher, zumal im Alter an der Grenze des Wahnsinns.“[14] Eine solch abwägende Bilanz zogen verständlicherweise die Opfer seiner Herrschaft nicht. Wie groß der Hass gegen Herodes war, zeig­te sich daran, dass seine prächtige Grabanlage, die vor einigen Jahren von Archäologen entdeckt worden ist, bewusst in Stücke zerhauen worden war, vermutlich von jüdischen Aufstän­dischen in der Zeit der Aufstände um die Jahre 70 und 135 n. Chr.[15]

 

Unbe­streitbar ist das politische Geschick von Herodes und seines Vaters Antipater. Von Pompeius und Cäsar über Cäsars Mörder und Marcus Antonius bis hin zu Augustus dienten sie all denen, die gerade in Rom herrschten, und verstanden es, deren Vertrauen zu gewinnen.[16] Viele Spuren sind nicht geblieben von Herodes Herrschaftszeit. Der Tempel in Jerusalem wurde nach dem jüdischen Aufstand von den Römern zerstört, der Hafen Caesarea Maritima versandte bald und für viele andere seiner Bauten interessieren sich inzwischen nur noch Archäologen. Nur die unvorteilhafte Darstellung als Kindermörder von Bethlehem im Matt­häus­evan­ge­lium sorgt dafür, dass Herodes auch heute noch weltweit bekannt ist.

 

Es kann nicht überraschen, dass Herodes sowohl in Weihnachtsspielen als auch in Theaterstücken über die Jahrhunderte hinweg immer eine feste Rolle hatte, die des Schurken. Der Dichter und Meistersinger Hans Sachs stellte den „Wüterich König Herodes“ in den Mittepunkt einer Tragödie. Darin bekommt Herodes am Ende durch einen schrecklichen Tod die Strafe für seine Untaten. Insgesamt wurden etwa vierzig Dramen und Tragödien über Herodes und seine Familie geschrieben und aufgeführt. Selbst Voltaire nahm sich des Themas an und stellte „Marianne“ in das Zentrum eines Dramas. Erwähnt werden soll noch Friedrich Hebbels Tra­gödie „Herodes und Marianne“.[17] Aber die wahre Tragödie hatte sich mehr als ein­einhalb Jahrtausende vorher in Jerusalem abgespielt.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Manuel Vogel: Herodes – König der Juden, Freund der Römer, Leipzig 2002, S. 17

[2] Vgl. Manfred Vogel: Herodes der Große und seine Dynastie, in: Jürgen Schefzyk/Wolfgang Zwickel (Hrsg.): Judäa und Jerusalem, Leben in römischer Zeit, Stuttgart 2010, S. 54

[3] Vgl. Manuel Vogel: Herodes - König der Juden, a.a.O., S. 97

[4] Vgl. Matthias Mesenhöller: Herodes, Der verkannte Tyrann, in: Das Heilige Land, Geo-Epoche Nr. 45, 2010, S. 94

[5] Vgl. ebenda, S. 95

[6] Vgl. u. a. Jérome Murphy-O’Connor: Das Herz Jerusalems zur Zeit Jesu, Auf den Spuren Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 2/2007, S. 12ff.

[7] Manuel Vogel: Herodes, - König der Juden, a.a.O., S. 198

[8] Vgl. Walter Klaiber: Geschichte Israels in zwischentestamentlicher und neutestamentlicher Zeit, Stuttgart 1996, S. 165f.

[9] Vgl. Matthias Mesenhöler: Herodes, a.a.O., S. 96

[10] Vgl. Manuel Vogel: Herodes - König der Juden, a.a.O., S. 206ff.

[11] Vgl. ebenda S. 165ff.

[12] Vgl. ebenda, S. 248

[13] Manuel Vogel: Herodes der Große und seine Dynastie, a.a.O., S. 54

[14] Ebenda, S. 54

[15] Vgl. Robert Wenning: Das Grab Herodes des Großen, Welt und Umwelt der Bibel, 3/2007, S. 68f.

[16] Vgl. Ernst Baltrusch: König Herodes: Ein Herrscher zwischen Religion und Politik, Internet-Bericht der Freien Universität Berlin, 16.12.2009, www.fu-berlin.de

[17] Vgl. Manuel Vogel: Herodes - König der Juden, a.a.O., S. 350ff.