Herodes Antipas

 

In der Kindheit Jesu in dem kleinen Ort Nazareth regierte in Galiläa der Herodessohn An­tipas, ein Kleinfürst mit dem Titel eines Te­trar­chen, der es schaffte, mehr als vier Jahrzehnte relativ un­be­helligt an der Macht zu bleiben. Das war ein für damalige Verhältnisse enorm langer Zeitraum, den man nur mit großem Geschick überstand, ohne bei den Herrschenden in Rom in Ungnade zu fallen. Deshalb betrachten Historiker Herodes Antipas wohl zu Recht als den fähigsten unter den drei Söhnen, unter die das Königreich von Herodes aufgeteilt wurde.[1]

 

Vom Erbe sei­nes Vaters hatte Herodes Antipas allerdings nicht nur den kleinsten Teil abbekommen, son­dern das von ihm regierte Gebiet bestand auch noch aus den beiden nicht miteinander verbundenen Territorien Galiläa und dem östlich des Jordan gelegenen Peräa. Herodes Antipas, der sich später nur noch Herodes nannte, hatte von seinem Vater gelernt, wie man vertrauensvolle Beziehungen zu den Rö­mern aufbaut, und mit Tiberius, von 14 n. Chr. an Nachfolger von Kaiser Augustus, soll ihn sogar eine Freundschaft verbunden haben.

 

Zur Klugheit von Herodes Antipas gehörte es, unnötige Provokationen der Bevölkerung zu unterlassen, um Unruhen auf das unvermeidbare Ausmaß zu begren­zen. Allerdings, wenn der Herrscher ein Eingreifen für nötig hielt, tat er es mit abschreckender Brutalität. Der Verzicht auf Provokationen und die einschüchternde Abschreckung ergänzten einander und sicherten die Herrschaft. Auch Jesus sah sich wahrscheinlich durch Herodes Antipas bedroht, denn laut Matthäus empfahlen Pharisäer dem Wanderprediger zu fliehen, weil der Herrscher ihn töten wollte. „Zu dieser Stunde kamen eini­ge Pharisäer und sprachen zu ihm: Mach dich auf und geh weg von hier; denn Hero­des will dich töten. Und er sprach zu ihnen: Geht hin und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonwn aus und mache gesund heute und morgen, und am dritten Tage werde ich vollendet. Doch muss ich heute und morgen und am Tag danach wandern, denn es geht nicht an, dass ein Prophet umkomme außerhalb von Jerusalem.“ (Lukas 13,31-33) Jesus setzte sein Wanderpredigerleben fort. Er mied aber, lässt sich aus den Evangelien schließen, aber die Zentren der Macht des „Fuchses“, Sepphoris und Tiberias.

 

Herodes Antipas schuf in Galiläa eine lokale Form der „Pax Romana“, also trotz einiger Gruppen Aufständischer mehr oder weniger friedliche Verhältnisse, ein „Frieden“, der auf Unterdrückung und Ausbeutung beruhte. Die Römer hatten es nicht einmal nötig, in diesem Gebiet eigene Legionen zu statio­nieren, sodass Jesus sicher höchst selten römische Legionäre gesehen haben dürfte. Rom ließ regieren und dies effektiv und für die Weltmacht kostengünstig. Herodes Antipas seinerseits nutzte geschickt die Span­nungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Galiläa aus, etwa zwischen Juden und Samaritern. Teile und herrsche, war schon damals eine Maxime der globalen Macht und ihrer Vasallen.

 

Der sinkende Stern eines Königs

 

Der Sturz von Herodes Antipas bahnte sich in der Zeit des öffentlichen Wirkens Jesu an. Die „Story“ hatte alle Elemente eines Hollywoodfilm. Ausgangspunkt der Konflikte war, dass Antipas Bruder Philipp, der den südlichen Teil des heutigen Syrien plus angrenzende Gebiete aus der Erbmasse des Vaters erhalten hatte, ohne Nachkommen starb. Herodes Antipas machte sich Hoffnungen, dieses Gebiet in seinen Herrschaftsbereich einzuverleiben. Dafür reiste er zu Gesprächen nach Rom und traf dort auch Herodias, die Witwe seines verstorbenen Halbbruders Philipp. Sie überzeugte ihn davon, sich zusammenzutun, um gemeinsam den Königstitel für die Familie zurückzuerlangen.

 

Ob solcher vagen Hoffnungen gab Herodes Antipas alle Klugheit auf. Auf Drängen von Herodias beschloss er, sich von seiner ers­ten Frau zu trennen und stattdessen Herodias zu heiraten. Die Eheschließung von Hero­­des Antipas und Herodias fand auch im Neuen Testament ihren Niederschlag. Denn Johannes der Täufer wagte es, Herodes Antipas wegen dessen Heirat mit einer Schwägerin zu kritisieren, berichtet Markus im 6. Kapitel, Vers 18, seines Evan­­geliums: „Johannes aber hatte zu Herodes gesagt: Es ist nicht erlaubt, dass du die Frau deines Bruders hast.“

 

Das brachte, erfahren wir von Markus, Herodias gegen Johannes auf, und sie trachtete ihm nach dem Leben. Was dann geschah, hat Markus so beschrieben: „Und es kam ein gelegener Tag, als Herodes an seinem Geburtstag ein Festmahl gab für seine Großen und die Obersten und die Vornehmsten von Galiläa. Da trat herein die Tochter der Herodias und tanzte und gefiel Herodes und denen, die mit am Tisch saßen. Da sprach der König zu dem Mädchen: Bitte von mir, was du willst, ich will dir’s geben. Und er schwor ihr einen Eid: Was du von mir bittest, will ich dir geben, bis zur Hälfte meines Königreichs. Und sie ging hinaus und fragte ihre Mutter: Was soll ich bitten? Die sprach: Das Haupt Johannes des Täufers. Da ging sie sogleich eilig hinein zum König, bat ihn und sprach: Ich will, dass du mir gibst, jetzt gleich auf einer Schale, das Haupt Johannes des Täufers.“ (Markus 6,21-25) Der Vater zögerte, aber fühlte sich an seinen Eid gebunden und ließ Johannes enthaupten. Der Kopf des Johannes, der zum König getragen wird, gehört zu den häufigsten Motiven christlicher Kunst der letzten zwei Jahrtausende. Was sich tatsächlich im Palast des Tetrarchen zugetragen hat, wissen wir heute nicht mehr.

 

Jesus, der von Johannes getauft worden war, vermied wie erwähnt wohlweislich eine Begeg­nung mit Herodes Antipas. Das kann ein Grund dafür sein, dass er mehrfach in Gebiete außerhalb Galiläas auswich. Herodes Antipas seinerseits, berichten die synop­­tischen Evangelien, zeigte Interesse an Jesus, denn es entstand das Gerücht, er sei der auferstandene Johannes der Täufer (Matthäus 14,1-2; Markus 6,14-16; Lukas 9,7-9).

 

Und noch einmal hatte Herodes Antipas einen Auftritt im Neuen Testament, in der Beschreibung von Lukas über die Verurteilung Jesu. Der Evangelist berichtet, dass Pilatus den Gefangenen an Herodes Antipas überstellen ließ, der sich für das Passahfest in Jerusalem aufhielt. Da Jesus aus Galiläa stammte, forderte Pilatus den Herrscher von Galiläa auf, sich dieses Falles anzunehmen, den er selbst offenbar los werden wollte. Lukas berichtet im 28. Kapitel seines Evangeliums, dass Herodes sich zunächst gefreut hatte, Jesus kennenzulernen, dass Jesus aber auf seine Fragen keine Antworten gab und auch nicht dem Wunsch Herodes entsprach, ein Zeichen von ihm zu sehen. Außerdem wurde Jesus von Hohepriester und Schriftgelehrten verleum­det, überliefert Lukas. Daraufhin verhöhnte Herodes Antipas den Gefangenen Jesus, indem er ihm ein prächtiges Gewand überwarf und ihn so lächerlich machte. Er schickte den Verhafteten zurück zu Pilatus. Ob diese Beschreibung einen historischen Kern hat, muss offen bleiben.

 

Tod in der Verbannung

 

Zurück zur späten Liebe des Herrschers von Galiläa: Ein Happy End blieb Herodes Antipas und seiner zweite Frau versagt, denn die verstoßene erste Ehefrau war eine nabatäische Königstochter, und als sie gedemütigt wieder bei ihrer Familie in Petra eintraf, war dort der Zorn groß. Die Nabatäer stellten sofort eine Streitmacht zusammen, um sich für die Schmach an Herodes Antipas zu rächen. Die folgenden Kämpfe stießen in Rom nicht auf Begeisterung, und dazu wurde der Verursacher der Probleme, Herodes Antipas, auch noch von einem Feldherrn der römischen Trup­pen verleumdet. Kritisch wurde die Situation endgültig, als Tiberius, der Hero­des Antipas wohlwollend gegenüberstand, 37 n. Chr. starb.

 

Um sich zu verteidigen und um auf Drängen seiner Frau doch noch die Königswürde zu erlangen, reiste Herodes Antipas erneut nach Rom. Der Besuch wurde für ihn zur Katastrophe, denn er wurde wegen Verrats angeklagt, weil einer seiner Verwandten dem neuen römischen Kaiser Caligula mitgeteilt hatte, dass Herodes heimlich ein Waffenlager angelegt haben sollte und angeblich ein Bündnis mit dem König der Parther gegen Rom schmiedete. Caligula, der keine Sympathien für Herodes Antipas hegte, verurteilte ihn daraufhin wegen Verrats. Zusammen mit seiner Frau Herodias wurde Herodes Antipas nach Spanien oder Gallien in die Verbannung ge­schickt und starb dort 39 n. Chr.[2] Sein in Jahrzehnten angehäufter Besitz war ihm da schon längst genommen worden, und er starb verarmt und ohne den erhofften Königstitel weit weg von der Heimat.[3] Wahrlich der Stoff für einen „tragischen“ Film!

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Vgl. F.F.Bruce: Herod Antipas, Tetrarch of Galilee and Peraea, The Annual of Leeds University Oriental Society, 5 (1963/65), S. 9

[2] Vgl. Manuel Vogel: Herodes, Leipzig 2002, S. 305ff.

[3] Zum Aufstieg und Fall des Herodes Antipas vergleiche: Michael Tilly: Der Fuchs auf dem Herrscherthron, in: Jesus der Galiläer, Welt und Umwelt der Bibel, 2/2002, S. 15ff.