Engel

 

Mehr als 300 Mal wird im Alten und Neuen Testament von Engeln berichtet, meist treten sie einzeln auf, aber manchmal auch in Heerscharen. Die Engel sind häufig Überbringer einer göttlichen Botschaft. In den Weihnachtsgeschichten erscheinen solche Boten Zacharias, den Hirten, Maria und Josef. Der nige­ri­a­nische katholische Theologe E.O. Babalola schreibt über die Bedeutung der Engel in der Heilsgeschichte: „Unter außergewöhnlichen Umständen bilden sie einen wichtigen Teil der außerordentlichen Offenbarungen Gottes. Sie übermitteln häufig diese Offenbarungen Gottes, verkünden seinem Volk seinen Segen und vollstrecken die Strafen an seinen Feinden. Ihre Aktivitäten sind besonders hervorge­hoben an den großen Wendepunkten des Heilsgeschehens, in den Tagen der Patriarchen, in der Zeit der Übergabe der Gesetze, in der Epoche des Exils und des Wie­deraufbaus sowie bei der Geburt, der Auferstehung und der Himmelfahrt des Herrn.“[1]

 

In den Evangelien, erläutert der indische Theologe Ignatius Jesudasan, haben die Engel zusätzlich die Rolle, das Geschehen überzeugend zu beglaubigen. Da die Evangelisten selbst die Geburt, das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu nicht erlebt hatten und authentisch bezeugen konnten, gab die Einbeziehung von Engeln ihren Berichten eine höhere Überzeugungskraft. „Wenn menschliche Zeugnisse glaub­würdig sind, wie viel mehr müssen das diejenigen von Engeln sein, die hierarchisch höher stehen als die gewöhnlichen Menschen, denn sie sehen Gott von Angesicht zu Angesicht und kommen als seine Boten?“[2]

 

Sehr viel häufiger wahrgenommen als die Engel, die als Boten Gottes auftreten, werden heute Schutzengel. Dass sie jedem einzelnen Menschen Schutz bieten, da­von waren schon die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte überzeugt. Und davon sind auch viele heutige Menschen überzeugt und können sich zum Beispiel auf Vers 11 des 91. Psalms berufen: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Manfred Hauke, Professor für Patrologie und Dogmatik an der Theologischen Fakultät in Lugano, ist überzeugt: „… jedes mensch­liche Wesen genießt den Schutz der Engel. Sie haben die Aufgabe, uns auf dem Weg hin zu Gott zu begleiten. Der Schutzengel hat geistige Macht und ist von Gott gesandt, damit wir begreifen, dass wir alle wertvoll sind in den Augen des Schöpfers.“[3] Solche heutigen Schutzengel haben nichts mehr gemein mit jenen Schutzengeln, die die katholischen Gläubigen in der Reformationszeit vor den luthe­rischen Ketzern schützen sollten. Heute erinnern wir uns lieber an die Schutzengel von „Hänsel und Gretel“, im Märchen kamen sie zwar nicht vor, wohl aber in Humperdincks gleichnamiger Märchenoper, wo wir auch erfahren, wie viele Engel uns zur Verfügung stehen: „Abends, wenn ich schlafen geh, 14 Englein bei mir steh’n.“[4] In der frühen christlichen Tradition kam jeder Mensch mit einem Schutzengel aus, das war jedenfalls die Lehre der Kirchenväter. In der katholischen Tradition wurden daraus 14, darunter zwei, die uns ins himmlische Paradies füh­ren. Inzwischen begnügen sich viele Gläubige wieder mit einem Schutzengel, aber auf den vertrauen sie fest. Die Mitglieder der schwedischen Popgruppe Abba gehört zu denen, die auf Engel vertrauen, sang sie doch (mit großem Erfolg): „We Be­lieve in Angels“.

 

Ähnliche Gestalten wie die biblischen Engel gibt es auch in anderen Religionen, er­läutert Professor Hauke, und deshalb dürfen wir annehmen, dass alle Men­schen auf ihren Schutzengel vertrauen können. Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs wur­de in einem Interview danach gefragt, ob sie Schutzengel hat. „Ja, allerdings haben die wie die biblischen Engel keine Flügel. Sie erscheinen oft sehr hartnäckig und real in Menschengestalt und geben einem eine Botschaft mit auf den Weg, der einem hilft zu leben.“[5]

 

Engel, die Furcht und Schrecken verbreiten

 

Es gibt nicht nur die Engel als Boten Gottes und die Schutzengel, sondern auch furchteinflößende Engel wie die Chirubim, über die es bei der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies durch Gott heißt: „Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.“ (1. Mose 3,24) Und furcht­erregend sind auch die sieben Engel, von denen Johannes in seiner Offenbarung spricht. Jedes Mal, wenn einer von ihnen in seine Posaune bläst, geschieht Schreckliches (Offenbarung 8). Aber am Ende kehren die sieben Engel zurück und zei­gen Johannes das heilige Jerusalem, und es heißt über dieses neue Jerusalem: „Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.“ (Offenbarung 21,23)

 

So erschreckend wie die Engel der Offenbarung des Johannes war der Engel nicht, dem Zacharias begegnete, aber es wird berichtet, dass er erschrak „und es kam Furcht über ihn“. Deshalb beruhigte der Engel ihn mit dem Satz „Fürchte dich nicht“, ein Satz, der uns in der Geburtsgeschichte im Stall in Bethlehem noch einmal begegnet. Aber Zacharias war nicht derart erschrocken, dass er nicht gewagt hätte, die Pro­phe­zeiung des Engels in Zweifel zu ziehen und dagegen anzuargumentieren. Der Engel musste seine ganze Autorität ins Feld führen. Zur Bekräftigung verordnete er, dass Zacharias vorübergehend sprachlos werden sollte. Zacharias hatte nicht das Diskutieren mit einem beliebigen Engel angefangen, sondern mit einem der Erzengel, die die Pforten zum Paradies bewachen. Martialisch hat man sich diese Erzengel im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder vorgestellt, und der Erzengel wurde nicht nur zum Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches, son­dern auch der Soldaten – und in neuerer Zeit als Engel mit Flügeln auch der Fallschirmjäger.

 

Einfach engelhaft: wie Engel aussehen

 

Und wie sehen Engel aus? Schon vom 4. bis 6. Jahrhundert diskutierten Theologen diese Frage intensiv und kontrovers. Es wurden genaue Beschreibungen von Aussehen, Charakter und Funktionen der Engel verfasst – und von der himm­lischen Engels-Hierarchie[6] (die Kirche hatte inzwischen eine Hierarchie, und so sollte sie auch bei den Engeln nicht fehlen). Die Mehrheit der damaligen Theologen kam zum Ergebnis, dass die Engel menschenähnliche Züge annehmen, wenn sie sich Menschen zeigen, und konnten sich dabei auf das Matthäusevangelium berufen, wo es im 28. Kapitel über den Engel, den die Frauen am Grab Jesu sahen, heißt: „Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.“

 

In der christlichen Kunst waren die Engel zunächst ausschließlich Männer und trugen eine römische Tunika. Erst im 15. Jahrhundert gab es dann auch weibliche Engel. Aber durchgesetzt haben sich seit der Renaissance in der christlichen Kunst und inzwischen auch in der Werbung weitgehend die kindlichen Engel, die in Reinheit und Unschuld oft nackt durch den Himmel fliegen, ohne eine menschliche Geschlechtlichkeit und dafür mit Flügeln.[7] Die Flügel durften auch bei den „Geflügelten Jahresendzeitfiguren“ aus DDR-Produktion nicht fehlen und natürlich auch nicht bei den vielen Film-Engeln. Selbst Charlie Chaplin wurde als Engel verkleidet und auf Zelluloid gebannt, das war 1921 in „The Kid“, vermutlich der erste pro­minente Film-Engel.[8]

 

Und wie können wir uns nun Engel vorstellen? Der katholische Pater Anselm Grün, eine Gewährsperson in Spiritualitätsfragen, beschrieb die himmlischen Wesen in einem Interview so: „Engel haben in der Kunst Flügel, um ihre Geistlichkeit auszudrücken. Engel haben etwas Leichtes an sich. Die Flügel verweisen auf die Leichtigkeit des Seins. Engel wollen uns an dieser Leichtigkeit teilhaben lassen.“[9] Genauer beschreiben kann und will der katholische Theologe und Autor vieler geistlicher Bücher die En­gel nicht: „Wenn man zu genau wissen will, wie sie ausschauen, dann fliegen sie weg. Sie lassen sich nicht vereinnahmen.“[10] Hüten wir uns deshalb davor, uns unseren Schutz­engel so wie die kitschigen Engelsbilder der Weihnachtswerbung mit pausbäckigen Gesichtern vorzustellen. Und auch das gilt es zu bedenken: Während wir uns daran gewöhnt haben, uns den neugeborenen Jesus auch als nahöstliches oder afrikanisches Kind vorzustellen, haben die allermeisten Engel der Christenheit weiterhin eine weiße Haut und sind blond.

 

Aber wichtiger als das Aussehen ist die Frage nach unserem Engels-Verständnis. Dazu hat Klaus Schäfer, Direktor des Zentrums für Mission und Ökumene der Nordkirche, in der Weihnachtszeit 2011 geschrieben: „Bilder und Figuren, Gedichte und Erzählungen von Engeln sind heute außerordentlich populär. Engel erscheinen als Wesen einer anderen, jenseitigen Welt, die doch auf geheimnisvolle, schützende und bewahrende Weise in unser Leben hineinwirken. Religiöse Sehnsucht, soweit sie sich nicht im Leben vieler Menschen bereits verflüchtigt hat, spiegelt sich heute, scheint es mir oft, in der Verehrung und der Liebe zu den Engeln. Engel stehen für das Jenseits unserer sich so rational gebenden Welt, in der es uns doch so schwer fällt, die Brüche unseres Lebens zu erklären und zu bewältigen.“[11] Klaus Schäfer beschreibt Engel als „Botschafter der himmlischen Welt, Künder der guten Nachricht vom Heil, das Gott allen Menschen im Kind in der Krippe bereitet hat. Sie sind Zeugen der Wirklichkeit Gottes, dessen Licht und Klarheit unser Leben erfüllen kann und dessen Trost und Hilfe uns zugesprochen sind.“[12]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] E.O. Babalola: The Contextualisation of the Biblical Concept of Angels in the Yoruba Traditional Community, The Nigerian Journal of Theology, Vol. 11, No. 1, S. 49

[2] Ignatius Jesudasan: Christmas Angels in Matt­hew and Luke: An Indian Exegesis, The Li­ving Word, Nol. 110, No. 5, S. 267

[3] Interview mit Manfred Hauke: Rein geistige Wesen, Wendekreis 5/2005, S. 19

[4] Vgl. Martin Teske: Junge Männer mit Bärten und Waffen, Die Nordelbische, 9.12.2001

[5] „Bei Gott ist nichts unmöglich“, Interview mit Kirsten Fehrs, Welt Online, 25.12.2011

[6] Vgl. u. a. Stefan Schwidder: Kult mit Kitschflügeln, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 28.7.2000

[7] Zur Darstellung der Engel in der Kunst vgl. u. a. Martin Teske: Junge Männer mit Bärten und Waffen, Die Nordelbische, 9.12.2001

[8] Zu Engeln im Film vgl. Helmut Kremers: Ob man sie locken kann?, Zeitzeichen, 1/2004, S. 22f.

[9] Interview mit Anselm Grün: „Engel sind real. Und irgendwie doch nicht.“, Wendekreis, 5/2005, S. 9

[10] Ebenda

[11] Klaus Schäfer: Weihnachtsbrief des Direktors, Beilage zu „weltbewegt“, Dezember 2011, S. 1

[12] Ebenda