Tissa Balasuriya

 

„In einer Welt voller Ungerechtigkeit ist Marias Botschaft der Gerechtigkeit und Befreiung bedeutsam für die Armen und für die Reichen, für die Opfer von Ungerechtigkeit und ebenso für diejenigen, die andere unterdrücken. Marias Spiri­tua­lität kann eine Inspiration für eine grundlegende Verwandlung sein, die wir alle brauchen in unserer Welt des Hungers inmitten von Überfluss, von Kriegen und Kriegsdrohungen, der Ausbeutung von Menschen und Natur sowie einem großen Ausmaß von Tod und Zerstörung, verursacht durch menschlichen Eigennutz und Desinteresse an anderen Menschen.“[1] Das schrieb 1990 der srilankische katholische Theologe Tissa Balasuriya in seinem Buch „Mary and Human Liberation“. Das Buch wurde zunächst von den Bischöfen seines Landes und vom Vatikan ignoriert. Aber das änderte sich, und der Befreiungstheologe sah sich heftigen Angriffen ausgesetzt.

 

Tissa Balasuriya äußerte in seinem Buch die Hoffnung, dass mit einem neuen Verständnis von Maria eine Erneuerung von Theologie und Kirche einhergehen könnte – und eine neue Mariologie zur Befreiung der Frauen beitragen würde: „Das Nachdenken über die befreiende Botschaft von Jesus und der Mitwirkung von Maria (und anderer Frauen) daran kann zur Befreiung der Frauen inspirieren, ins­besondere durch das Bewusstsein der Frauen von ihren Rechten und ihrer Würde. Das Verständnis von der Rolle Marias und ihrer Identität auf eine menschlichere Weise kann alle Jüngerinnen und Jünger Jesu dazu ermutigen, an dem Kampf teilzunehmen, der erforderlich ist für die Verwirklichung der Frauenrechte in einem Welt­system, in dem sie für Profit, Vergnügungen und Machtausübung ausgebeutet werden.“[2] Dieses Verständnis von Maria als Vorkämpferin einer umfassenden Be­freiung musste den srilankischen Theologen in Konflikt mit dem Vatikan bringen, ein Konflikt, dessen Konsequenzen er zunächst wohl nicht vorhergesehen hatte.

 

Eine zunehmende Distanz zur europäischen Theologie

 

Tissa Balasuriya wurde am 29. August 1924 in einem Dorf in Sri Lanka geboren, mitten in einem Dschungelgebiet. Sein Vater arbeitete als Apotheker für die Regierung. Mit fünf Geschwistern wuchs Tissa in einer idyllischen, aber armen Umgebung auf, und wahrscheinlich hat sein lebenslanges Engagement für die Armen hier eine ihrer Wurzeln. Er besuchte eine örtliche Schule und danach eine hoch angesehene katholische Oberschule, in der die Marienverehrung eine große Rolle ein­nahm. Nächste Station auf Tissa Balasuriyas Bildungsweg war das St. Joseph’s College, das von Peter Pillai geleitet wurde, der die kirchliche Bewegung für soziale Gerechtigkeit seines Landes ins Leben rief. Er war auch Gründer der Zeitschrift „So­cial Justice“, die Tissa Balasuriya später fortführte. Mit 18 Jahren begann Tissa Balasuriya das Universitätsstudium. Er schloss es mit Auszeich­nung im Fach Ökonomie ab.

 

Schon während des Studiums hatte er sich entschieden, Priester zu werden. Er trat 1945 in den Oblaten-Orden ein, weil dieser Orden die Option für die Armen ernst nimmt. Nach einem Jahr als Novize in einem Kloster wurde Tissa Balasuriya von seinem Orden nach Rom geschickt, um an der berühmten katholischen Universität Gregoriana die Fächer Philosophie und Theologie zu studieren. Gemeinsam mit anderen Studenten aus dem Süden der Welt wehrte er sich dort gegen die europäische Überheblichkeit gegenüber den Menschen in Afrika und Asien. Mit den europäisch geprägten Lehrinhalten konnte der srilankische Student nicht viel anfangen. Allein das intellektuelle Training sei wertvoll gewesen, sagte er später. Anschließend beschäftigte sich Tissa Balasuriya in Oxford mit Fragen der Agrarökonomie und in Paris mit philosophischen Themen. Er befasste sich also vor allem intensiv mit westlicher Theologie, Ökonomie und Philosophie, entwickelte aber eine zuneh­mende Distanz zu ihnen.

 

Nach sechs Jahren kehrte Tissa Balasuriya 1953 nach Sri Lanka zurück und übernahm verschiedene Lehraufträge. 1964 wurde er als Rektor der katholischen Hochschule „Aquinas University College“ berufen. Aber so hoch das Ansehen auch war, das er dort genoss, so sehr war er bestrebt, eine für die Armen in Sri Lanka relevantere Aufgabe zu übernehmen. 1971 trat er von seinem Posten zurück und gründete das „Centre for Society and Religion“ (CSR). Dieses Institut ist zu einem der wichtigsten Zentren für die kritische Reflexion und Diskussion politischer, sozialer und ökonomischer Prozesse und Perspektiven in Sri Lanka geworden. Soziale Emanzipation gehört ebenso zu den Zielen des Zentrums wie die Vertiefung spiritueller Werte.[3] Außerdem zählte Tissa Balasuriya zu den Gründern der „Ecu­menical Asso­ciation of Third World Theologians“ (EATWOT), zu der sich Theo­loginnen und Theologen aus dem Süden der Welt zusammengeschlossen haben, die eigenstän­dige Theologien erarbeiten, welche die befreiende Botschaft des Evangeliums für ihren jeweiligen Kontext relevant machen. Von 1976 an war Tissa Balasuriya ein Jahrzehnt lang Koordinator der asiatischen Sektion dieser Vereinigung.

 

Das Engagement für eine umfassende Befreiung

 

Im Juli 1981 hielt Tissa Balasuriya ein Referat bei der internationalen ökumenischen Tagung „Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche“, in Sheffield/Großbritannien, ein ökumenisches Treffen, das zum Ausgangspunkt für den Aufbruch vieler Frauen in der Ökumene und für ein stärkeres Frauenengagement in den Kir­chen wurde. Der srilankische Theologe setzte sich in seinem Vortrag mit dem Zusammenhängen von Geschlechts-, Rassen- und Klassenherrschaft auseinander und entfaltete ein umfassendes Befreiungsverständnis, das später auch in seinem Ma­ria-Buch zum Tragen kam: „Unser Ziel sollte eine ganzheitliche Befreiung sein, sodass die Beziehungen zwischen Personen und Gesellschaften für alle Menschen an allen Orten reich und erfüllt werden können. Das erfordert ein Annehmen des anderen Menschen und der anderen Rasse und die Abschaffung einer auf Ausbeutung einer Klasse durch die andere gegründeten Gesellschaft. Natürlich ist das ein Ideal, eine Utopie, beinahe ein unerfüllbarer Traum. Aber die besten Entwürfe des mensch­lichen Geistes und die Verheißungen Gottes in der Bibel sind dieser Art.“[4]

 

Tissa Balasuriya bemühte sich, die Verbindungen zwischen dem Leben in kleinen Gemeinschaften wie dem Dorf seiner Kindheit und globalen Problemen zu durchleuchten. Daher beschäftigte er sich intensiv mit den Auswirkungen der Globalisierung auf die Menschen im Süden der Welt und gelangte dabei – nicht überraschend – zu globalisierungskritischen Positionen. Die befreiende Botschaft des Evangeliums stellt, war der srilankische Theologe überzeugt, Christinnen und Christen vor die Aufgabe, sich für soziale Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen.

 

Tissa Balasuriya hat über dreißig Bücher zu Fragen der Theologie, der Menschenrechte und der Religionen veröffentlicht. In diesen Büchern, in zahlreichen Ar­­­tikeln und in seinem praktischen Engagement in Sri Lanka hat er sich bemüht, Unrecht entgegenzutreten und den Dialog aller gesellschaftlichen und religiösen Grup­pen zu fördern. Dazu gehörten zum Beispiel Gespräche mit Politikern und re­ligiösen Führern, aber auch mit Jugendlichen im Gefängnis und mit tamilischen Re­bellen. Ich selbst habe ihn Ende der 1980er Jahren zusammen mit anderen Mitgliedern einer interreligiösen srilankischen Friedensinitiative kennengelernt und war tief beein­druckt von diesem ebenso klugen wie engagierten Theologen.

 

Konflikt um „Maria und die menschliche Befreiung“

 

Das Buch „Mary and Human Liberation“ erschien 1990 und wurde zunächst über Sri Lanka hinaus kaum beachtet. Erst zwei Jahren nach dem Erscheinen warnten die katholischen Bischöfe Sri Lankas vor häretischen Inhalten des Buches. International bekannt wurde diese Veröffentlichung aber erst, als der Autor 1997 wegen des Buches von der katholischen Kirche exkommuniziert wurde. Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, war aufseiten des Vatikans für das Verfahren zuständig, das zum Ausschluss Tissa Balasuriyas aus der katholischen Kirche führte. An „Mary and Human Liberation“ wurde vor allem kritisiert, dass die unbefleckte Empfängnis Marias und die Vorstellung von der Erbsünde in Zweifel gezogen wurden. Auch die Unterscheidung des Autors zwi­schen dem, was Jesus gelehrt hatte, und dem, was die Kirche lehrt, stieß im Vatikan auf Ablehnung. Kritisiert wurde außerdem, dass Tissa Balasuriya das christolo­gische Dogma der Kirche relativiert habe, indem er Jesus in seinem Buch nur als „obersten Lehrer“ bezeichnete, hingegen die Gottessohnschaft nirgends explizit an­er­kannt hatte. Schließlich stießen Tissa Balasuriyas Ausführungen zur interreli­giösen Zusammenarbeit auf Missfallen.

 

Eine 35-seitige Verteidigungsschrift Tissa Balasuriyas stimmte seine Kritiker im Vatikan nicht um. Er wurde ultimativ aufgefordert, ein speziell für ihn formuliertes Glaubensbekenntnis zu unterschreiben, in dem er sich unter anderem dazu bekennen sollte, dass er „in religiösem Gehorsam des Willens und des Intellekts die Lehren des römischen Pontifex einhalten“ werde. Tissa Balasuriya unterschrieb statt­dessen ein anderes Glaubensbekenntnis, verfasst von Papst Paul VI., mit dem Zusatz, er unterschreibe es „im Kontext der theologischen Entwicklung und kirch­lichen Praxis seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und in der Freiheit und Verantwortung von Christen und religiös Suchenden im Rahmen des kanonischen Rechts“. Kardinal Ratzinger bewertete dieses Bekenntnis als „mit Mängeln behaftet“.

 

Die daraufhin erfolgte Exkommunizierung am 2. Januar 1997 löste vor allem unter asiatischen Christinnen und Christen heftige Proteste aus. Auch die Asiatische Menschenrechtskommission befasste sich mit dem Fall und ver­urteilte das Vorgehen des Vatikan. Vielleicht vom Ausmaß der Proteste überrascht, war man im Vatikan zu neuen Gesprächen bereit, und im Januar 1998 wurde Tissa Balasuriya wieder in die Kirche aufgenommen. Er bekannte keinen Irrtum in Fragen der Doktrin, räumte aber „Irrtümer bei der Wahrnehmung“ ein. Er musste zustimmen, dass er alle seine zukünftigen zur Veröffentlichung vorgesehenen Texte vorab den Bischöfen zur Imprimatur, also zur Freigabe, vorlegen werde.[5]

 

Der katholische Missionswissenschaftler Georg Evers, von 1979-2001 Asienreferent im Missionswissenschaftlichen Institut Missio in Aachen, hat sich intensiv mit dem Konflikt um Tissa Balasuriya beschäftigt und 2001 in einem Vortrag festgestellt: „Das Ergebnis dieses Konflikts besteht zunächst in einer tiefen Verletzung der Person Tissa Balasuriyas und hat darüber hinaus Traurigkeit bei den Gläubigen ausgelöst wegen des Bildes einer Kirche, die sich als unfähig erwies, den Konflikt in einer menschlichen, ganz zu schweigen denn in einer ‚christlichen‘ Weise zu behandeln. Hinzu kommt eine Verunsicherung vieler Theologen, die entmutigt wurden, die schwierige Aufgabe fortzusetzen, den christlichen Glauben im Einklang mit dem kulturellen und religiösen Erbe Asiens neu auszudrücken.“[6]

 

Maria aus einer srilankischen Befreiungsperspektive

 

Was steht nun in dem Buch, mit dem Tissa Balasuriya derart viel Aufmerksamkeit und Kritik auslöste? Ausgangspunkt für die theologischen Reflexionen des srilankischen Befreiungstheologen ist die Überzeugung, dass in der vorherrschenden Theologie „Maria zum Vorteil einer männlichen Dominanz und Konformität mit der bestehenden sozialen Ungleichheit interpretiert worden ist“.[7] Es geht dem Verfasser des Buches nicht darum, die Verehrung Marias zu verwässern, sondern daran mitzuwirken, diese bedeutungsvoller und wirklich erfüllender für alle zu ma­chen. Maria kann uns heute, schreibt Tissa Balasuriya, zu einem Dienst für Gerechtigkeit, interreligiösem Dialog, Friedenshandeln, Befreiung der Frauen und Sorge für die Natur motivieren.[8]

 

In seiner Kritik an der bisher vorherrschenden Marienverehrung greift Tissa Balasuriya vor allem auf Beispiele aus seiner srilankischen Heimat zurück. So sei die Madonna angerufen worden, als es im Zweiten Weltkrieg galt, die britische Kolonie Ceylon vor einer japanischen Eroberung zu bewahren. „Aber sie wurde nicht angerufen, um unsere Menschen in ihrem Kampf für nationale Unabhängigkeit und wirtschaftliche Befreiung zu helfen.“[9]

 

Im Gegensatz zu vielen anderen Theologinnen und Theologen im Süden der Welt (und nicht nur dort) setzte sich Tissa Balasuriya kritisch damit auseinander, welche Konsequenzen es hat, wenn man biblische Texte wortwörtlich als Gottes Wort versteht und auslegt. Die männliche Prägung der Evangelien erklärt sich für Tissa Balasuriya daraus, dass jeder der Verfasser der Evangelien seine jeweils eigene Zielgruppe und seine Prioritäten hatte. Wenn eine Frau eines der Evangelien geschrieben hätte, würden wir mehr über verschiedene Aspekte von Marias Leben erfahren.[10]

 

Dass der Befreiungstheologe Tissa Balasuriya sich von einem wortwörtlichen Verständnis der Bibel verabschiedet hatte, eröffnete ihm neue Zugänge zu den biblischen Texten. Viele Jahrhunderte lang wurde die Schöpfungsgeschichte als historische Wahrheit verstanden, dies habe sich aber durch die moderne Bibelforschung geändert, stellte Tissa Balasuriya fest. Hinsichtlich der Vorstellung von der Erbsünde komme hinzu, dass sie weder in der Darstellung des Alten Testaments zu finden ist, noch von Jesus gelehrt wurde. Hinweise darauf, dass Sünden von einer auf die nächste Generation übergehen, findet sich nach Tissa Balasuriyas Feststellungen nur an zwei Stellen in den Briefen des Neuen Testamens (Römer 5,12-21 und 1. Ko­rinther 15,21-22). Überall sonst ist von persönlichen Sünden die Rede.[11]

 

Im Blick auf Paulus sei zu berücksichtigen, dass er Adam noch für eine geschichtliche Person hielt und dass sein Verständnis von Sünde und den Maßstäben von Gottes Gericht nicht mit der späteren Lehre der Kirche zur Erbsünde übereinstimmte, wie sie vor allem von Augustinus in die kirchliche Lehre hereingebracht wurde.[12] Zum Gedanken der Erbsünde, der auf dem Sündenfall von Adam und Eva beruht, schreibt Tissa Balasuriya in seinem Buch: „Diese Lehre ist ungerecht gegenüber dem Rest der Menschheit – über sie wird ein Urteil gefällt, obwohl sie für jedweden Fehler von Adam und Eva nicht verantwortlich war. Selbst ein normales menschliches Gericht wird ein solches Verfahren und Urteil für die ganze Menschheit für alle Zeiten nicht akzeptieren.“[13]

 

In diesem Zusammenhang geht es Tissa Balasuriya nicht nur um eine abstrakte logische Frage. Was er infrage stellt, ist eine kirchliche Lehre, die historisch weitgehend erklärbar in Europa vom 4. Jahrhundert an entstanden ist, die sich aber – wenn überhaupt – nicht zwingend aus den biblischen Texten ableiten lässt. Der sri­lankische Theologe rüttelt also an der Verbindlichkeit einer kirchlichen Lehrtra­dition, die neben der Bibel auch die Ergebnisse von Konzilen und Schriften der europäischen Kirche zur Grundlage hat. In seinem Buch „Right Relations, De-Routing and Re-Routing of Christian Theology“ hat Tissa Balasuriya 1991, ein Jahr nach dem Maria-Buch, seine Position in dieser Frage weiter entwickelt und die Auffassung vertreten, dass die ersten ökumenischen Konzile der frühen Kirche für die asiatischen Kirchen kaum Relevanz haben.[14]

 

Die entscheidende Frage lautet: Kann eine Weltkirche weiterhin an Dogmen festhalten, die auf theologischen Überlegungen in nur einer Weltregion beruhen, Europa? War zunächst in den Kirchen der Welt die Legitimität eigenständiger Theologien in anderen Teilen der Welt diskutiert worden, die sich nicht in Beziehung sahen zur europäischen Theologiege­schichte und zeitgenös­si­schen europäischen Theologie, stellte Tissa Balasuriya nun die Frage nach der globalen Verbindlichkeit einer kirchlichen Lehre und von kirchlichen Dogmen, die einseitig auf der über viele Jahrhunderte gewachsenen eu­ro­päischen Theologie beruhen.

 

Ist der Vatikan – und man muss hier wohl viele protestantische und orthodoxe Kirchen in Europa mitdenken – bereit, die kirchliche Lehre seit der Zeit der „Kirchenväter“ als eine theologische Überzeugung zu verstehen, die in einem bestimmten historischen und regionalen Kontext entstanden ist? Oder anders formuliert: Bil­den die in Europa entstandene kirchliche Lehre und die europäischen Theologien weiterhin die Grundlage für Fragen der heutigen kirchlichen Lehre und Theologie oder erfolgt eine Weiterentwicklung hin zu einer offenen Debatte, wie die biblischen Texte und Verheißungen in verschiedenen Teilen der Welt verstanden wer­den und wie daraus neue Verständnisse des Evangeliums entstehen, die mitein­ander in einem Austausch stehen?

 

Auseinandersetzung mit der Vorstellung der Jungfrauengeburt

 

Auch im Blick auf die Mariendogmen kam Tissa Balasuriya zum Ergebnis, dass sie weniger auf den Evangelien beruhen als auf theologischen Auffassungen späterer Jahrhunderte in Europa. Besonders fatal hätte sich die Vorstellung von der Jungfrauengeburt in Verbindung mit der Vorstellung von der Erbsünde ausgewirkt.[15] Dies betrifft vor allem das Verständnis der menschlichen Sexualität und die Diskriminierung von Frauen: „Die Interpretation der Genesis-Geschichte, die die Väter der Kirche, besonders seit Augustinus, gaben, war die, dass eine Frau die Ursache des Falls war. Sie war die Versucherin, die Komplizin des Satans und die Zerstörerin der menschlichen Rasse … Männliche Theologen waren im Verlauf der Jahrhunderte verantwortlich für die Verfestigung der Verunglimpfung von Frauen. Nicht selten war dies verbunden damit, Maria zu preisen als einzigen Stolz unserer gefallenen Menschheit. Diese oberflächliche, aber schädliche Interpretation der Ge­nesisgeschichte sollte infrage gestellt werden, sowohl im Blick auf den Ursprung des Genesistextes als auch seiner Verwendung durch Paulus, um die Rolle von Jesus Christus bei der Erlösung zu erklären, und ebenso die Zuschrei­bung, dass Maria die zweite Eva wäre. Wie viel von all dem ist die Frucht von Vor­ab­festlegungen, der Ideologie männlicher Überlegenheit sowie Vorurteilen und the­o­logischer Fantasie?“[16]

 

Hier arbeitete Tissa Balasuriya zwei Schwachpunkte vieler theologischer Argumentationen heraus. Wenn Adam und Eva keine historischen Personen waren, und davon sind inzwischen zahllose Theologen wie Laien überzeugt, dann sei es angemessen zu fragen, aus welchen Vorstellungen heraus diese Geschichte entstan­den ist. Nach Auffassung des srilankischen Theologen waren es Vorstellungen, die auf männlicher Dominanz und Vorurteilen gegen Frauen beruhten. Der zweite Punkt ist ebenso gravierend. Paulus, die Kirchenväter und spätere Theologen waren, und das klingt fast harmlos, Kinder ihrer Zeit. Das wird kaum jemand bestreiten. Aber Tissa Balasuriya war der Auffassung, dass sie die Genesisgeschichte aus ihren Überzeugungen von männlicher Überlegenheit und beeinflusst von ihren Vorurteilen verstanden haben.

 

Ähnliche Fragen, arbeitete Tissa Balasuriya in seinem Maria-Buch heraus, sind auch im Blick auf Auffassungen zur Sexualität zu stellen, denn die Erbsünde ist seit Augustinus eng mit der menschlichen Sexualität verbunden worden. Und da die Frauen stärker mit dem Körper in Verbindung gebracht wurden, die Männer hingegen stärker mit dem Geist und dem Verstand, richtete sich die Sexualfeindlichkeit sehr viel stärker gegen Frauen.[17]

 

Die Vorstellung von der Jungfrauengeburt führt Tissa Balasuriya – wie viele heutige Theologinnen und Theologen – auf eine falsche Übersetzung biblischer Texte zurück.[18] Dieses Dogma stufe alle anderen Menschen außer Maria herab und dies gelte besonders für Frauen und ebenso für all die vielen Nichtchristinnen und Nichtchristen. Sie haben nach diesem Dogma keine Aussicht, von der Erbsünde erlöst zu werden, weil sie sich nicht zu Jesus bekennen, um erlöst zu werden. Der srilankische Theologe hält es gerade für den multireligiösen Kontext seines Heimatlandes für erforderlich, dieses Dogma kritisch zu überdenken.[19]

 

Für ein neues Marienverständnis

 

Tissa Balasuriya wendete sich gegen die Vorstellung von Maria als Gottesmutter und tut dies auf der Grundlage seines Jesusverständnisses. „Zusammen mit dem Überdenken der Christologie mit dem Ziel, Jesus als jemanden zu verstehen, der sich seines Menschseins vollkommen bewusst war, der fähig war zu leiden, zornig zu sein und sogar in Versuchung zu geraten, müssen wir auch neu über die Mariologie nachdenken. Marias vollständige Menschlichkeit muss in Theologie und Spiritualität anerkannt werden und – so wie die Dinge liegen – wiederhergestellt wer­den.“[20] Die von Tissa Balasuriya vertretene Überzeugung, dass Jesus nicht wahrer Gott und wahrer Mensch ist, wie das Konzil von Chalcedon dies 451 festlegte, sondern wahrer Mensch, hat also direkte Auswirkungen auf das Marienver­ständnis.[21]

 

Tissa Balasuriya plädierte für eine neue Marienfrömmigkeit. Maria ist von Christinnen und Christen immer wieder in persönlichen Notsituationen ange­rufen worden, wobei, war er überzeugt, die soziale Dimension vernachlässigt wor­den ist: „Aber der Mariologie fehlte eine klare und systematische Beziehung zu grundlegender sozialer Umgestaltung, die Gerechtigkeit innerhalb von Gemeinschaften, Na­tionen und auf weltweiter Ebene schafft.“[22] Dies wären aber Im­pli­kationen, die sich aus dem Magnifikat ergeben. „Aber über die Jahrhunderte ist die Marienspiritualität kaum in einer Weise dahin entwickelt worden, dem Bösen, den Ungerechtigkeiten der Feudalgesellschaft, dem Kapitalismus, dem impe­ria­lis­ti­schen Kolonialismus und der männlichen Vorherrschaft entgegenzutreten ... Diese Dimension der Mariologie als gesellschaftlich befreiend entsteht erst in jüngerer Zeit mit der Zunahme eines umfassenden Bewusstseins für die unlösbare Verbin­dung von sozialer Gerechtigkeit und christlicher Heiligkeit.“[23]

 

Tissa Balasuriya starb am 17. Januar 2013 im Alter von 89 Jahren. Auch in seinen letzten Lebensjahren hat er Essays veröffentlicht, in denen er sich kritische mit vielfältigen Formen der Ungerechtigkeit auseinandersetzte, und hat weiterhin mit armen Gemeinschaften in Colombo zusammengearbeitet. Auch seine Kritik am Vatikan blieb scharf und er forderte eine Anerkennung der Verbrechen im Namen der Kirche von den Kreuzzügen über die Inquisition und die Hexenverbrennung bis zu heutigen Formen des Unrechts. Maria blieb eine Quelle der Inspiration und der Wegweisung für ihn, und er hat seinerseits Menschen inspiriert, sich aus dem Glauben heraus für Gerechtigkeit und Versöhnung einzusetzen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Tissa Balasuriya: Mary and Human Liberation, Doppelausgabe der Zeitschrift “Logos”, Colombo 1990, S. v

[2] Ebenda, S. 168

[3] Vgl. u. a. Georg Evers: Tissa Balasuriya OMI, Sozialwissenschaftler und Theologe aus Sri Lanka, KM Forum Weltkirche, 2/2004, S. 29

[4] Tissa Balasuriya: Frauen und Männer in Neuer Gemeinschaft: Erfahrungen aus den Befrei­ungskämpfen, in: Constance F. Parvey: Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche, Neukirchen-Vluyn 1985, S. 62f.

[5] Vgl. zu diesem Konflikt: Georg Evers: Tissa Balasuriya, a.a.O., S. 30

[6] Georg Evers: Church and Theology in Asia, 27.11.2001, Manuskript, S. 14

[7] Tissa Balasuriya: Mary and Human Liberation, a.a.O., S. i

[8] Vgl. ebenda, S. v

[9] Ebenda, S. 15

[10] Vgl. ebenda, S. ii

[11] Vgl. ebenda, S. 70

[12] Vgl. ebenda, S. 74ff.

[13] Ebenda, S. 78

[14] Vgl. Georg Evers: Tissa Balasuriya, a.a.O., S. 30

[15] Vgl. Tissa Balasuriya: Mara and Human Liberation, a.a.O., S. 20f.

[16] Ebenda, S. 78f.

[17] Vgl. ebenda, S. 79

[18] Vgl. ebenda, S. 88

[19] Vgl. ebenda, S. 92

[20] Ebenda, S. 105

[21] Vgl. hierzu auch: ebenda, S. 155

[22] Ebenda, S. 114

[23] Ebenda, S. 115f.