Theodor Storm

 

„Wie unendlich gemütlich war es einst, vor Jahren zu Haus, wenn in der großen Stube die Lichter angezündet waren, der Teekessel sauste; die braunen Kuchen und Pfeffernüsse standen auf dem Tisch; Vater und wir Kinder warteten dort auf Lorenzen und Onkel Woldsen, während drüben in der Wohnstube der Weihnachtstisch arrangiert wurde.“[1] So erinnerte sich der Dichter Theodor Storm später an die Weihnachtsfeste seiner Kindheit in Husum. Es waren Erinnerungen an eine bessere Zeit, denn viele Jahre seines Berufslebens musste Storm aus politischen Gründen fern seiner Heimat verbringen.

 

In seinem „Weihnachtslied“ hat Theodor Storm den „frommen Zauber“ aus seiner Kindheit und Jugendzeit in Versform gebracht:

 

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte

Ein milder Stern herniederlacht:

Vom Tannenwalde steigen Düfte

Und hauchen durch die Winterlüfte,

Und kerzenhelle wird die Nacht.

 

Mir ist das Herz so froh erschrocken,

Das ist die liebe Weihnachtszeit!

Ich höre fernher Kirchenglocken

Mich lieblich heimatlich verlocken

In märchenstille Herrlichkeit.

 

Ein frommer Zauber hält mich wieder,

Anbetend, staunend muß ich stehn;

Es sinkt in meine Augenlider

Ein goldner Kindertraum hernieder,

Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.[2]

 

Aus politischen Gründen fern der Heimat

 

Theodor Storm wurde am 14. September 1817 in Husum geboren. Sein Vater war Justizrat, seine Mutter stammte aus einer vornehmen Familie der Stadt. Theodor, der älteste Sohn, besuchte die Husumer Gelehrtenschule und anschließend das Katharineum in Lübeck, die traditionsreiche Gelehrtenschule der Hansestadt. Theodor wuchs in keiner religiösen Familie auf, und er erinnerte sich später: „Von Religion oder Christentum habe ich nie reden hören; ein einziges Mal gingen meine Mutter oder Großmutter wohl zur Kirche, oft war es nicht; mein Vater ging gar nicht, auch von mir wurde es nicht verlangt. So stehe ich dem sehr unbefangen gegenüber; ich habe durchaus keinen Glauben aus der Kindheit her.“[3] Getauft und konfirmiert wurde Theodor dennoch, das war mehr Konvention und Tradition als innere Überzeugung.

 

Die Familie Storm war keine Ausnahme, Karl Ernst Lange beschreibt in seinem Buch „Wenn ich doch glauben könnte! Theodor Storm und die Religion“ die damals in Husum herrschenden Unkirchlichkeit. Beispielsweise wurde die Marienkirche im Zentrum der Stadt 1807 abgerissen, aber erst 26 Jahre später durch eine neue Kirche ersetzt, offenbar reichte bis dahin eine kleine Kapelle für Gottesdienste und andere kirchliche Amtshandlungen.[4]

 

Die Distanz zu Kirche und Glaube hatte auch Auswirkungen darauf, wie Weihnach­ten in Husum gefeiert wurde, hat Gerd Eversberg, der Sekretär der Theodor-Storm-Gesellschaft, im Dezember 2011 in einem Beitrag für die „Evangelische Zeitung“ erläutert: „Weihnachten in Husum, das war in bürgerlichen Kreisen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein großes Familienfest, bei dem ausgiebig gegessen und getrunken wurde. Dass es sich um ein Hauptfest der Christenheit handelt … war nach der Zeit der Aufklärung längst in den Hintergrund getreten. Der Familien­verband als zentraler Bezugsrahmen, innerhalb dessen sich das Leben des Einzelnen vielfältig entfaltete, benötigte nun einen angemessenen Rahmen. Diesen boten Anlässe wie Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen und eben das Weihnachtsfest, bei dem sich die Großfamilie versammelte …“[5] Immerhin erhielt der Schüler Theodor Storm einen soliden Religionsunterricht in der Schule, auf den seine guten Bibelkenntnisse zurückgehen, die später in seinen schriftstellerischen Werken sichtbar wurden.

 

Schon als Schüler veröffentlichte Theodor Storm erste Gedichte und journalistische Texte in Lokalzeitungen. Vor allem in der Schulzeit am Katharineum in Lübeck wurde er vertraut mit Werken von Dichtern wie Heine, Goethe und Eichendorff. Aber von dort führte kein direkter Weg zum eigenen Dichterleben, sondern Theo­dor Storm stu­dierte von 1837 an Jura in Kiel und Berlin. Nebenbei schrieb und publizierte er weiterhin Gedichte.

 

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Jurastudiums kehrte Theodor Storm 1843 nach Husum zurück und eröffnete eine Anwaltskanzlei. Drei Jahre später heiratete er seine 18-jährige Cousine Constanze, mit der er sieben Kinder hatte. Unter dem Eindruck der Liebe zu seiner zukünftigen Frau formulierte Theodor Storm im April 1844 in einem Brief an Constanze: „… glaub es immer, Liebe ist unmittelbare Gottheit. Liebe ist Andacht, ja Liebe ist schon Religion“.[6] Er berief sich darauf, dass in der Bibel zu lesen ist, dass Gott Liebe ist. Ja, so formulierte er sogar: „Gott ist die Liebe. Dieser Satz ist der Höchste des Christentums.“[7] Storm stand der Institution Kirche sehr kritisch gegenüber. Er verzichtete auf die „Priestercomödie“ einer Trauung in der Kirche, und deshalb fand die Eheschließung im engsten Familienkreis statt.[8]

 

Ein Anwalt stellt sich gegen die Obrigkeit

 

Im Frühjahr 1848 unterstützte Theodor Storm den Aufstand schleswig-hol­stei­nischer Patrioten gegen die dänische Herrschaft, übernahm die Leitung eines pa­triotischen Gesangsvereins, wurde Sekretär eines patriotischen Hilfsvereins, der Kriegsgefangenen und Verwundeten half, sammelte Geld für deutsche Kriegsschiffe und veröffentlichte Freiheitsgedichte. Theodor Storms Vorbehalte gegenüber der Institu­tion Kirche wuchsen dadurch, dass sich die Kirchenoberen in Schleswig-Holstein in den politischen Konflikten des Jahres 1848 auf die Seite der Obrigkeit stellten. Theodor Storm sah in Adel und Kirche „das Gift in den Adern der Nation“, die eine demokratische Entwicklung be- und verhinderten.[9]

 

Die unversöhnliche Haltung Theodor Storms gegenüber Dänemark blieb nicht verborgen, zumal er eine Protestadresse verfasst hatte und eine Loyalitätserklärung gegenüber der dänischen Obrigkeit verweigerte, die nach dem niedergeschlagenen Aufstand weiterhin Schleswig-Holstein regierte. Theodor Storm verlor daraufhin 1852 seine An­waltszulassung. Ihm blieb nichts übrig, als die Heimat zu verlassen und 1853 eine Stellung als schlecht bezahlter Assessor am Kreisgericht anzunehmen und nach Potsdam zu ziehen.

 

„Immensee“: Weihnachten fern der Heimat

 

In der Zeit in Potsdam erschien Theodor Storms Novelle „Immensee“. Schon als Schü­ler verliebte sich Reinhard Werner in die damals erst fünfjährige Elisabeth. Aber die gegenseitige Liebe blieb unerfüllt, nicht zuletzt deshalb, weil Reinhard Werner den Heimatort verließ, um zu studieren. In diese Studienzeit fällt eine Schlü­s­selszene der Novelle, ein Weihnachtsfest, das der Student fern der Heimat erlebte. Er verbrachte Heiligabend zusammen mit anderen Studenten im Rats­weinkeller. Auf dem Heimweg kam der Student an einem hell erleuchteten Fenster vorbei, und stieg auf das Treppengeländer, um hineinzuschau­en, „wie er es zuvor von hungrigen Bettelkindern gesehen hatte“.[10] Der schöne Weihnachtsbaum und die Kerzen erinnerten ihn schmerzhaft an die Weihnachtsfeste seiner Kindheit. Aber auf seinem weiteren Weg durch die nächtliche Stadt wurde er mit der sozialen Wirklichkeit konfrontiert: „Scharen von Bettelkindern gingen von Haus zu Haus oder stiegen auf die Treppengeländer und suchten durch die Fenster einen Blick in die versagte Herrlichkeit zu gewinnen.“[11] Hier ist nichts mehr von der Biedermeieridylle der damaligen Zeit übrig geblieben, hier setzt sich ein Dichter mit den krassen sozialen Unterschieden der Gesellschaft auseinander.

 

In seinem Studentenzimmer angekommen, erwartete Reinhard Werner ein großes gemeinsames Weihnachtspaket von Elisabeth und seiner Mutter, dem schon der süße Duft von braunem Festkuchen entströmte, bevor er es geöffnet hatte. Die kleinen Bettelkinder auf der Straße kamen dem Studenten nicht aus dem Sinn, und so ging er hinaus und verteilte die Hälfte des Kuchens, den er gerade erhalten hatte, an sie. Wenigstens für diese Kinder hatte der Weihnachtsabend einen glücklichen Ausgang. Der Dichter beschrieb und lebte Weihnachten nicht als heile Welt, betont der Storm-Kenner Gerd Eversberg: „Theodor Storm versucht im Weihnachtsfest nicht nur den Zauber der Weihnacht in seiner Kindheit in einer jährlich wiederkehren­den Erinnerungsfeier zu bewahren; er hat auch von der Gefährdung des bürgerlichen Lebens gewusst, von den Widersprüchen zwischen der inneren Welt der Familie und dem harten Leben draußen.“[12]

 

Sehnsucht nach der Heimat

 

1856 wurde Theodor Storm zum preußischen Kreisrichter in Heiligenstadt in Thüringen berufen. Aber viel lieber hätte Theodor Storm in seiner Heimatstadt Hu­sum gelebt. Einen Weihnachtsbrief an seine Schwie­gereltern begann er 1861 mit den Sätzen: „Es wird Weihnachten, und man denkt noch mehr und inniger nach Hause als sonst, wenn auch ebenso vergeblich.“[13]

 

Trotz der Ablehnung der Kirche behielt Weihnachten eine große Bedeutung für Theodor Storm, wie sich seine Tochter Gertrud später erinnerte: „Unser Vater war ein echter, rechter Weihnachtsmann, er wusste jedes Fest erst recht zu einem Feste zu gestalten. Den ganzen Zauber der Weihnacht sei­ner Kindheit wusste er in unsere Weihnacht zu übertragen.“[14] Tagelang bereitete der Vater die Geschenke vor, anschließend durften die älteren Kinder ihm beim Schmücken des Baums helfen. Auch wurde ein Bäumchen für arme Kinder vom Ta­schengeld der Stormkinder gekauft und geschmückt. Und wenn große Scharen ar­mer Kinder vorbeikamen, stand ein Korb mit Gebäck für die klei­nen Sänger be­reit.

 

Unvergessen blieben die abendlichen Weihnachtsfeiern der Familie, zu denen mit einer silbernen Glocke gerufen wurde. Dazu noch einmal die Erinnerungen von Gertrud Storm: „Unser Karl setzt sich ans Klavier und stimmt leise an: ‚Stille Nacht, heilige Nacht’. Wir alle stimmen ein. Das Weihnachtslied ist verklungen, wir umstehen den Baum und lassen die Wunder der Weihnacht still auf uns wirken.“[15] Es folgt die Bescherung, und dann wartet noch ein besonderes Erlebnis auf die Fami­lie. Auf dem Vorplatz ist ein Kind zu hören, das „O du fröhliche“ singt, der Vater erhebt sich und holt das Bettelmädchen ins Haus. Die Mutter schüttet dem Mädchen einen Teller voll Weihnachtskuchen in die Schürze. „Voll leuchtenden Dankes schaut das Kind zu Mütterchen auf, wirft noch einen scheuen Blick auf all den Lichterglanz und die strahlenden Gesichter und fort ist sie, die kleine Lichtgestalt; denn so erschien sie uns trotz ihre Lumpen.“[16]

 

Theodor Storm hat in dem Gedicht „Weihnachtsabend“ das tiefe Elend in einer fremden Stadt zum Thema gemacht. Während er durch die Stadt geht, denkt er an die eigenen Kinder zu Hause.

 

Und wie der Menschenstrom mich fortspült,

Drang mir ein leises Stimmlein in das Ohr:

„Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt

Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.[17]

 

Er sieht im Vorbeigehen ein bleiches Kindergesicht, hört das ständige Rufen des Kindes. Aber er geht weiter („War’s Ungeschick, war es die Scham“), bis die Stimme des Kindes nicht mehr zu hören ist.

 

Doch als ich endlich war mit mir allein,

Erfasste mich die Angst im Herzen so,

Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein,

Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.[18]

 

Die Begegnung mit dem Elend vieler Kinder in Großstädten wie dem Berlin des 19. Jahrhunderts, Theodor Storm reagierte darauf in diesem Gedicht erst mit hilfloser Flucht und dann mit Angst im Herzen – eine Angst, aus der das Eintreten für die Armen und Getretenen wurde. Zu Recht hat Siegfried Lenz über Theodor Storm geschrieben: „Er erregte sich über soziale Missstände und veröffentlichte seinen Protest in Novellen.“[19]

 

Die Pädagogik von Knecht Ruprecht

 

In Heilgenstadt verfasste Theodor Storm 1862 ein weiteres Gedicht, ein inzwischen berühmtes Gedicht „Knecht Ruprecht“, das mit diesem Vers beginnt:

 

Von drauß’ vom Walde komm ich her,

Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!

Allüberall auf den Tannenspitzen

Sah ich goldene Lichtlein sitzen;

Und droben aus dem Himmelstor

Sah mit großen Augen das Christkind hervor,

 

Und wie ich so strolch durch den finstern, dichten Tann,

Da rief’s mit heller Stimme an.

„Knecht Ruprecht“, rief es, „alter Gesell,

Hebe die Beine und spute dich schnell!

 

In einem der späteren Verse wird Knecht Ruprecht vom „Christkindlein gefragt:

 

„Hast denn die Rute auch bei dir?“

Ich sprach: „Die Rute, die ist hier.

Doch für die Kinder nur, die schlechten,

Die trifft sie auf den Teil, den rechten.“

 

Die im Neuen Testament überlieferten liebevollen Aussagen Jesu über Kinder verbieten es eigentlich, das Christkind als Gewährsperson für eine Pädagogik zu missbrauchen, die auf Prügel mit der Rute setzt. Dieses Gedicht muss umso mehr überraschen, als Theodor Storm sich für ein demokratisches Erziehungsprogramm einsetzte, das an den Realitäten des preußisch und monarchistisch geprägten Deutschland scheiterte.[20] Wie tief muss die Ruten-Pädagogik in der damaligen Gesellschaft verwurzelt gewesen sein, dass selbst ein aufrechter Demokrat und humanistischer Denker sie in Verse fasste?

 

Wir finden das Gedicht vom Knecht Ruprecht in der 1852 erschienenen Erzäh­lung „Unter dem Tannenbaum“. [21] Die Erzählung hat deutliche autobiografische An­klänge, handelt sie doch von einem Amtsrichter, der fern der Heimat mit seiner Familie Weihnachten feiern muss. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die Sehnsucht nach der Heimat und heimatliche Weihnachtstraditionen, wäh­rend religiöse Themen keine größere Bedeutung haben. Der braune Weihnachts­kuchen, der wie Zuhause schmeckt, scheint ein größeres Gewicht als die bib­lischen Ge­schichten um die Geburt Jesu zu haben. Der Amtsrichter sagt: „Was für gute Geis­ter aus die­sem Kuchen steigen … ich sehe plötzlich, wie es daheim in dem alten steinernen Hause Weihnacht wird.“[22]

 

Zunächst gibt es in dieser Geschichte zum Weihnachtsfest in der Fremde nicht einmal einen Weihnachtsbaum. Dafür erinnern sich der Amtsrichter und sein Sohn Harro an das letzte Weihnachtsfest in der Heimat, als ein Onkel als Knecht Ruprecht auftrat. An dieser Stelle wird das Gedicht vom Knecht Ruprecht in die Erzählung eingeflochten. Der Amtsrichter erinnert sich, dass er Knecht Ruprecht über seinen Sohn gesagt hatte:

 

Der Junge ist von Herzen gut,

Hat nur mitunter was trotzigen Mut![23]

 

Ein Ausspruch von Knecht Ruprecht veranlasste den Sohn zu großem Geschrei:

 

Heißt es bei euch denn nicht mitunter:

Nieder den Kopf und die Hosen herunter?[24]

 

Harro erinnert sich so an dieses Geschehen, dass er sich nicht gefürchtet hatte, sondern wütend auf seinen Onkel war, den er in der Verkleidung von Knecht Ruprecht erkannt hatte. Aber das ändert nichts an der Propagierung von Prügel als probatem Instrument der Pädagogik. In der Erzählung von Theodor Storm tritt Knecht Ruprecht dann doch noch beim Weihnachtsfest in der Fremde auf, nicht als Rutenträ­ger, sondern als derjenige, der der Familie des Amtsrichters einen Tannenbaum samt Wachskerzen und Weihnachtsschmuck bringt. Und es kommen erneut Erinnerungen an die Heimat auf. Harro holt eine Figur aus Zuckerzeug, die vom letzten Weihnachtsfest in der Heimat übrig geblieben ist, hervor. Es ist ein Dragoner auf einem schwarzen Pferd, der den Amtsrichter an „unser schönes Heer“ in der Heimat erinnert, ohne dessen Auflösung die Familie wohl noch zu Hause wäre. Am Ende der Erzählung öffnet der Amtsrichter das Fens­ter des Wohnzimmers und blickt auf das Schneefeld und die Wolken, die dorthin jagen, „wo in unsichtbarer Ferne ihre Heimat lag“.[25]

 

Zurück in der Heimat

 

Zwei Jahre nach der Entstehung dieser Novelle konnte Theodor Storm 1864 mit seiner Familie nach Husum zurückkehren, denn er war zum Landvogt gewählt wor­den, nachdem preußische und österreichische Truppen die dänische Herrschaft über Schleswig-Holstein gewaltsam beendet hatten. Allerdings musste der neue Land­vogt erleben, dass seine Heimat nicht die Freiheit errungen hatte, sondern nun unter preußischer Herrschaft stand. Die erhoffte Demokratie wurde nicht eingeführt. Ein Jahr nach der Rückkehr starb Constanze Storm bei der Geburt ihres siebten Kindes. Der Tod der geliebten Frau stürzte Theodor Storm in eine tiefe Krise, auch eine religiöse Krise. Auguste Jebens, die ihm damals den Haushalt führte, hat dies später beschrieben: „In dieser Zeit … beschäftigte ihn viel der Gedanke der Unsterblichkeit. ‚Wenn ich doch glauben könnte’, die Worte habe ich oft von ihm gehört. Ich weiß es und sah es, wie er unter seiner Überzeugung litt.“[26] Und zu diesem Leiden gehörte es, sich einen Tod ohne die Hoffnung auf ein Jenseits vorzu­stellen.

 

In der bedrückenden Zeit nach dem Tod seiner geliebten Frau Constanze verfasste Theodor Storm ein Gedicht, das Husum für immer den Ruf der „grauen Stadt am Meer“ eintrug. Theodor Storm schrieb in einem Brief an seinen Sohn in Berlin, wie er das erste Weihnachten ohne seine verstorbene Frau verbrachte: „Eine rech­te Weihnachtsstimmung wollte in mir nicht aufkommen, die äußeren Verhältnisse sind zu widerwärtig … Mutter fehlt uns doch. Dann wäre alles zu ertragen gewesen, wenn sie mir nur geblie­ben.“[27] Siegfried Lenz hat in einem Porträt Theodor Storms geschrieben: „Es gibt kaum einen Schriftsteller, dessen Werk so von Wehmut getränkt, so vom Endlichkeitsbewusstsein erfüllt ist; Verfallenheit an die Zeit ist immer gegenwärtig, keiner entgeht dunkler Ach-wie-bald-Stimmung. Um dieser elegischen Stimmung zu entkommen, sie zumindest erträglich zu machen, setzt ihr der grübelnde Geist eine Hoffnung, einen Traum entgegen: den Traum von Dauer. Den einzulösen, bietet sich naturgemäß zunächst die Familie an. In ihr wird sozusagen der Stab weitergegeben, in ihr wird bewahrt und erinnert, entwickelte Tradition fortgesetzt …“[28]

 

Nach dem Trauerjahr heiratete Theodor Storm 1866 Dorothea Jensen, in die er sich schon als junger Mann verliebt hatte. Aber das neue Glück veränderte die berufliche Last des Dichters nicht. Theodor Storm musste sich als preußischer Richter mit Fällen von außerehelicher Schwängerung, des Pflügens während der Gottesdienstzeit und der widerrechtlichen Beseitigung eines Zauns befassen, während er doch lieber Gedichte und Novellen geschrieben hätte. Theodor Storm nahm seine Aufgaben getreulich wahr, auch wenn er gegenüber dem preußischen Staat skep­tisch bis ablehnend eingestellt war.[29] Über die erfolgreichen preußischen Kriege äußerte er: „Mein Hauptgefühl bei diesen ewigen Kriegen ist Ekel.“[30]

 

Soziale Umbrüche und Unrecht – Themen von Theodor Storm

 

Theodor Storm, wurde bereits deutlich, hat sich der „sozialen Frage“ der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts intensiv zugewandt, ganz im Gegensatz zu vielen „Heimatdichtern“ seiner Zeit. Das zeigt sich zum Beispiel auch in der 1874 veröffentlichten Novelle „Pole Poppenspäler“. Theodor Storm setzte sich darin mit den Vorurteilen gegen das „fahrende Volk“ auseinander und stellte sich diesen Vorurteilen entgegen. Die Geschichte hatte einen realen Hintergrund, den Storm in einem Brief an seine Eltern am 8. Februar 1864 beschrieb. Sein ältester Sohn Hans hatte einen „Zigeuner“, der unschuldig festgenommen worden war, im elterlichen Haus beköstigt und dann dessen Aufnahme in ein städtisches Armenhaus erreicht.

 

Im Mittelpunkt der Novelle stehen der „typische Friese“ Paul Paulsen und seine Frau Lisei, braun und mit tiefschwarzen Augen. Kennengelernt haben sie sich, als das Kind Lisei mit ihren Eltern, zwei Puppenspielern, in die Stadt kam. Der Junge Paul unterstützte die neunjährige Lisei beim Einkaufen und erhielt dafür eine Freikarte für eine Aufführung des Marionettentheaters. Er war fasziniert von dem Theater und den Figuren, machte aber den Kasper kaputt, als er mit Lisei verbotenerweise damit spielte. Nach manchen Verwicklungen reparierte schließlich Pauls Vater die Figur. Jahre später trafen sich Paul und Lisei in Süddeutschland wieder und hei­rateten. In der Heimatstadt von Paul Paulsen sah sich das ungleiche Paar Vorurteilen, Klatsch und Tratsch ausgesetzt, konnte sich aber darüber hinwegsetzen. Wir können aus „Pole Poppenspäler“ lernen. Und auch, dass man sich gegen soziale Zwänge und Konventionen zur Wehr setzen kann. Siegfried Lenz hat anerkennend über diese Novelle geschrieben: „Wie beherzt hat Storm in dieser Novelle Partei genommen für das ‚fahrende Volk’, wie kunstvoll hat er die Vorurteile eines selbstgerechten Bürgertums widerlegt.“[31]

 

Theodor Storm hatte die „Gründerjahre“ nach der Entstehung des Deutschen Rei­ches 1871 miterlebt, aber ließ sich nicht blenden. Er blieb sowohl Adel als auch Bürgertum gegenüber skeptisch ein­gestellt und ergriff Partei für die Opfer von sozialem Unrecht. Dabei trat er nicht nur für einzelne wohltätige Handlungen ein, sondern für ein Ende von Standesdünkel und Diskriminierungen. Er war im positiven Sinne heimatverbunden, ohne einem dumpfen Lokalpatriotismus zu ver­fallen. Wie mit seiner positiven Darstellung der Puppenspieler in „Pole Poppenspäler“ stand Theodor Storm mit seinen Appellen an das soziale Ver­ant­wor­tungsbewusstsein in den bürgerlichen Kreisen des Kaiserreiches auf recht einsamem Posten, aber dies mit einer nordfriesischen Beharrlichkeit. Einen Jesus, der sich wie er selbst auf die Seite der Armen gestellt hatte, lernte der Dichter durch seine Kirche offenkundig nicht kennen.

 

Das letzte Weihnachtsfest des Dichters

 

1880 trat Theodor Storm erleichtert in den vorzeitigen Ruhestand und konnte sich nun endlich ganz seinem literarischen Schaffen widmen. Allerdings machten sich bald die Gebrechen des Alters bemerkbar. Im Rückblick auf das Jahr 1886 vertraute er dem Schriftsteller Gottfried Keller in Zürich an: „Im vorigen Jahr kroch ich aus dem Bett und setzte mich im halben Fieber vor den Weihnachtsbaum, der in der kleinen Stube unweit meinem Krankenzimmer hergerichtet war, und Frau und Kinder weinten heimlich, weil sie mich sterbend glaubten.“[32]

 

Ein Jahr später feierte Theodor Storm sein letztes Weihnachtsfest, bei dem längst nicht mehr alle Kinder zu Hause waren und an das sich Gertrud Storm so erinnert: „Noch einmal, ein letztes Mal, wird es für unseren lieben Vater ‚Weihnachten’. Zum ersten Male fehlt eines seiner Kinder ganz, auch seine liebevollsten Gedanken vermögen es nicht mehr zu erreichen. Unser ältester Bruder Hans ist von uns gegangen. Der Baum steht noch einmal in vollem Lichterglanz, die Flügeltüren öffnen sich weit. Vater legt den Arm um Mütterchen, wir, die keine Kinder mehr sind, umstehen das Klavier und Karl stimmte leise an: ‚Stille Nacht, heilige Nacht’. Wie wir an die Stellen kommen ‚Schlaf in himmlischer Ruh’, da breitet Vater die Arme aus, Tränen stürzen aus seinen lieben Augen und leise hören wir ihn die Worte sprechen: ‚Unten in Bayern, da ist ein einsames Grab, darüber weht der Wind, und der Schnee fällt in dicken Flocken drauf.’ Wir singen nicht weiter, wir gehen zu ihm und nehmen sanft seine lieben Hände, und eine schmerzliche Ahnung, dass wir wohl so zum letzten Male mit unserem lieben kleinen Vater unter dem brennenden Lichterbaum stehen, durchzittert unsere Herzen.“[33] Im April 1888 erschien noch einmal ein neues Werk des Schriftstellers, die Novelle „Der Schimmelreiter“, die Theodor Storm berühmt ma­chen sollte. Am 4. Juli 1888 starb er im Kreis seiner großen Familie.

 

Drei Tage später wurde er beigesetzt. Seinem Wunsch entsprechend wurde kein Wort gesprochen, als sein Sarg in die Gruft hinabgesenkt wurde. Die vier Jahrzehnte vorher formulierte Gedichtzeile: „Auch bleib der Priester meinem Grabe fern“ blieb seine persönliche Überzeugung bis zum Tode, und deshalb gab er seinem Sohn Ernst vor seinem Tode den Auftrag, dafür zu sorgen, dass kein Geistlicher als Priester seinem Begräbnis beiwohnen würde.[34] So schroff diese Forderung klingen mag, so war sie vor allem eine Absage an die Kirchlichkeit, wie Theodor Storm sie erlebt hatte. Karl Ernst Lange schreibt in einem Buch über das Verhältnis des Dichters zur christlichen Religion: „… Storm hat sich allezeit mit dem Gott der Liebe, dem Guten und der Verantwortung dem Nächsten gegenüber verpflichtet gefühlt. In diesem Sinne war er religiös.“[35]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Weihnachten mit Storm, Berlin 2002, S. 11

[2] Ebenda, S. 46

[3] Zitiert nach: Karl Ernst Lange: „Wenn ich doch glauben könnte!“, Theodor Storm und die Religion, Heide 2010, S. 7 und 9

[4] Vgl. ebenda, S. 9

[5] Gerd Eversberg: Angst vor Vereinsamung, Evangelische Zeitung, 11.12.2011

[6] Zitiert nach: Karl Ernst Lange: „Wenn ich doch glauben könnte!“, a.a.O., S. 17

[7] Zitiert nach: ebenda, S.18

[8] Vgl. ebenda, S. 18

[9] Vgl. ebenda, S. 30

[10] Weihnachten mit Storm, a.a.O.,, S. 23

[11] Ebenda, S. 25

[12] Gerd Eversberg: Angst vor Vereinsamung, Evangelische Zeitung, 11.12.2011

[13] Weihnachten mit Storm, a.a.O., S. 91

[14] Gertrud Storm: Weihnachten bei Theodor Storm, zu finden bei: www.christmasmagazine.com (Pfad: Weihnachtszeit/Weihnachtsgeschichten)

[15] Ebenda

[16] Ebenda

[17] Weihnachten mit Storm, a.a.O., S. 59

[18] Ebenda, S. 60

[19] Siegfried Lenz: Sehnsucht nach Dauer, Über Theodor Storm, in: Siegfried Lenz: Über das Gedächtnis, Reden und Aufsätze, Hamburg 1992, S. 142

[20] Vgl. David A. Jackson: Theodor Storm, Dichter und demokratischer Humanist, Eine Biografie, Berlin 2010, 360 Seiten

[21] Theodor Storm: Unter dem Tannenbaum, in: Peter Ammann (Hrsg.): Weihnachtszeit, Zürich 1966, S. 127f.

[22] Ebenda, S. 129

[23] Ebenda, S. 143

[24] Ebenda

[25] Ebenda, S. 153

[26] Zitiert nach: Karl Ernst Lange: „Wenn ich doch glauben könnte!“, a.a.O., S. 48

[27] Weihnachten mit Storm, a.a.O., S. 112

[28] Siegfried Lenz: Sehnsucht nach Dauer, a.a.O., S. 134

[29] Vgl. Storm privat: Der Amtsrichter und Landvogt, Schleswig-Holstein Journal, 29.5.2010

[30] Zitiert nach: Siegfried Lenz: Sehnsucht nach Dauer, a.a.O., S. 142

[31] Ebenda, S. 136

[32] Weihnachten mit Storm, a.a.O., S. 136

[33] Gertrud Storm: Weihnachten bei Theodor Storm, auf der Website www.christmasmagazine.com

[34] Vgl. Karl Ernst Lange: „Wenn ich doch glauben könnte!“, a.a.O., S. 22f.

[35] Ebenda, S. 65