Peter Schütt

 

„Es begab sich aber zu unserer Zeit, dass ein Gebot vom amerikanischen Präsidenten ausging, dass alle Welt vom Kommunismus gesäubert werde. Und diese Säu­berung war keineswegs die erste und geschah zu der Zeit, als General West­moreland Landpfleger in Indochina war. Und jedermann ging, dass er sich vom Kommunismus lossage, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auch auf Josef aus der Stadt Diems, die Saigon heißt, weil er aus dem Stamm der guten Demokraten war, damit er sich läutern ließ samt Maria, der ihm angetraute Frau, die war schwanger. Als sie aber unterwegs waren auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad, kam die Zeit, da sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Verbandszeug und legte ihn nieder in einem Unterstand aus Bambus, denn sonst gab es keinen Schutz vor den Bomben ...“[1]

 

Pastor Voß war empört und rief „Gotteslästerung“, und der Küster riss dem jungen Mann vor der Kirche den Stapel mit den restlichen Flugblättern aus der Hand. Dieser junge Mann, der am Heiligabend des Jahres 1966 vor der Kirchentür in Basbeck am Moor die Flugblätter verteilte, war Peter Schütt. Nicht nur Pastor, Küster und viele Gottesdienstbesucher waren empört, sondern auch die eigenen Eltern. Sie sprachen an diesem Heiligabend kein Wort mehr mit dem Sohn. Das traditionsreiche Weihnachtsritual mit Karpfenessen, Kerzenanzünden und Bescherung fand schweigend statt – und alle waren erleichtert, als der Sohn am nächsten Morgen zurück in die Stadt fuhr. Dort musste Peter Schütt erleben, dass seine Aktion keineswegs auf die Zustimmung seiner linken Mitstreiter stieß. In einer mehrstündigen Grundsatzdiskussion über das kulturrevolutionäre Konzept wurden Einzeltäter-Aktionen verworfen. Die Initiative für die revolutionäre Umgestaltung des Weih­nachtsfestes müsse zudem von der Peripherie der Welt in die Metropolen ge­tragen werden.

 

So lange warteten die linken Aktivisten dann aber doch nicht, denn in der Adventszeit des nächsten Jahres bot sich eine Gelegenheit, eine kollektive Strategie zu erproben. Professor Helmut Thielicke lud zu einer akademischen Adventsandacht in die Ham­burger Hauptkirche St. Michaelis ein. Peter Schütt und andere Studenten forderten zu einem „Go-in“ auf, und Thielickefreunde und -gegner strömten in die Kir­che, dazu viele Schau­lustige. Als die Studenten die Kirche betraten, stellten sie fest, dass die andere Seite sich auf Störungen vorbereitet hatte. 1991 schrieb Peter Schütt einen Artikel für die „Zeit“ über das damalige Geschehen: „Siebzig Bundeswehroffiziere hatten in der Kirche alle Altar- und Kanzelmikrophone und weitere strategische Punkte im Gotteshaus besetzt. Brigadegeneral Wulf, Kommandeur der Heeresoffiziersschule in Blankenese, leitete den Einsatz zur Rettung der Ehre Gottes. Er fungierte selbst als Schutzengel, geleitete den Universitätsprediger zum Altar und blieb am Fuß desselben bis zum Ende der Andacht ste­hen.“[2]

 

Sicher zur Enttäuschung der Schaulustigen passierte erst einmal gar nichts Spek­takuläres. Aber als Thielicke das Vaterunser beten wollte, fielen ihm die antiautoritären Studenten ins Wort und verschafften sich auch ohne Mikrofon mit ihrer Version des Gebets Gehör. „Kapital unser, das Du bist im Westen, amortisiert werde Deine Investition. Dein Profit komme …“ Der Schlusssatz lautete: „Denn Dein ist die halbe Welt und die Macht und der Reichtum seit zweitausend Jahren. Mammon.“ Die Empörung vieler Gottesdienstbesucher wuchs noch, als die Protestierenden nun lautstark „Diskussion!“ forderten. Helmut Thielicke hatte sich auf eine solche Situation vorbereitet und gab dem Organisten das Zeichen, den Choral „Großer Gott, wir loben Dich!“ so laut zu spielen, wie die Michelorgel dies hergab. Das zeigte zunächst einmal Wirkung, erinnerte sich Peter Schütt später, aber beim Schlussgebet nutzten die Studenten das Wort „Schafe“, um ein lautes Mäh-Rufen anzustimmen. Und während die Orgel die Melodie von „O Du fröhliche“ intonierte, bedachten Thielickeanhänger und -gegner einander mit Schmährufen.

 

Viel später hat Peter Schütt bekannt, was nach dem Gottesdienst in Michel geschah: „Nach dem Sängerkrieg lud mich Thielicke in einem versöhnlich gestimmten Brief zu einer persönlichen Aussprache ein, aber ich war viel zu gekränkt, um auf diese Einladung zu antworten. Später hat mich diese Selbst­gerechtigkeit gereut. Ich hatte das Gefühl, ihm in meinem puritanischen Übereifer unrecht getan und einem in der Studentenschaft weitverbreiteten Vorurteil nachgegeben zu haben.“[3] Diese Bereitschaft, das eigene Denken und Handeln kritisch zu reflektieren, zeichnet Peter Schütt aus, hat aber, wie wir noch sehen werden, nicht nur Wohlwollen hervorgerufen.

 

Ein religiöser Mensch mit revolutionären Vorstellungen

 

Wer war der junge Mann, für den Weihnachten damals „ein Graus, ein verlogenes und reaktionäres Spektakel“[4] war? Geboren wurde Peter Schütt am 10. Dezember 1939 in Basbeck am Moor an der Niederelbe. Sein Vater war Lehrer an der einklassigen Schule. Besonders für seinen Sohn war er ein strenger Schulmeister und bewies mit Ohrfeigen, dass er Peter wirklich nicht bevorzugte. Ein positiver Höhepunkt des Jahres war die Aufführung eines Krippenspiels am Nikolaustag im Dorfkrug. Die Vorbereitung der Aufführung oblag der Frau des Leh­rers. In seinen Lebenserinnerungen schreibt Peter Schütt über diese Krippenspiele: „In Mutters Inszenierung der Weihnachtsgeschichte wirkten alle Moorschulkinder mit, als Teil der Heiligen Familie, als Engel, Hirten und notfalls als blökende Schafe. Ich selbst gab dreimal den heiligen Josef und habe dabei meine Rolle durchaus ernst genommen … Weihnachten, das war die Zeit der Wunder, die Jahreszeit, in der die Mem­brane zwischen dieser und der anderen Welt dünn und durchlässig war. Das Heilige lag gleichsam in der Luft – so wie Weihrauch.“[5]

 

Den Sinn für das Heilige hat Peter Schütt nie mehr verlassen und seine religiöse Reise durchs Leben begleitet. Aber wie bei vielen anderen Familien waren das Heilige und der profane Streit gerade zur Weihnachtszeit nicht weit voneinander entfernt. Der tierliebe Sohn Peter hat einen Konflikt so beschrieben: „Ich habe einen regelrechten Aufstand meiner Eltern ausgelöst, als ich zwei Weihnachtskarpfen, die mein Vater bei einem Bauern gekauft hatte, nachts heimlich zurück in den Wassergraben setzte, um ihm das Geschlachtetwerden zu ersparen. Zur Strafe musste ich auf alle Weihnachtsgeschenke verzichten und durfte nicht am Tannenbaum sitzen.“[6]

 

Peter Schütt konnte die Oberschule besuchen und sah auf Einladung seines Deutschlehrers „Nathan den Weisen“ im Jungen Theater Hamburg. Später schrieb er: „Die Aufführung wurde für mich zu einem überwältigenden, meinen weiteren Lebensweg mitbestimmenden Schlüsselerlebnis. Ich war zu Tränen gerührt und habe die Botschaft der Ringparabel wie eine Offenbarung aufgenommen. Ich glaubte Lessing aufs Wort und war mir fortan gewiss, dass es nicht nur eine von Gott gesandte Religion gibt, sondern mindestens drei. Eine jede von ihnen stammt von Gott und führt die Menschen auf ihrem Weg zu Gott.“[7]

 

1959 machte Peter Schütt das Abitur in Stade. Im gleichen Jahr konvertierte der lutherisch getaufte Christ zum Katholizismus. Es war ein tiefer Einschnitt, „ein Bruch mit meiner Familie, mit allen Freunden und mit allem, was mir vertraut war“.[8] In einem Interview hat er 2010 den damaligen Schritt erklärt: „Als Schüler machte ich eine Klassenreise nach Würzburg, und da war ich fasziniert vom Barock. Die katholische Religion war für mich das Sinnliche, das Anschauliche, das ist doch überzeugend. Ich bin in die katholische Kirche eingetreten, und mein Jesuitenpater hat mich dann zum Ostermarsch gebracht.“[9] Peter Schütt nahm seinen Glauben ernst, pilgerte 1963 nach Rom und legte dort die Generalbeichte ab. Es kam bald zu Konflikten mit seiner Kirche, und er bekannte später: „Ich bin eben ein religiöser Mensch und habe meine Höhen und Tiefen durchlebt.“[10]

 

Der Schriftsteller mit der echten Maojacke

 

Peter Schütt ist nicht nur ein religiöser Mensch, sondern auch ein schreibender Mensch. Schon in seiner Schulzeit verfasste er Artikel für die Lokalzeitung, zunächst zu meteorologischen Themen unter dem Pseudonym „Petrus Scutius“. Die Themen wechselten grundlegend, als Peter Schütt beschloss, Germanistik und Ge­schichte zu studieren und eine Dissertation über den Barockdichter Andreas Gryphius zu schreiben. Als er die Arbeit 1967 abgeschlossen hatte und eine Stelle am Literatur- wissenschaftlichen Seminar der Universität Hamburg bekam, schien eine Karriere im akademischen Elfenbeinturm möglich. Aber es kam anders. Peter Schütt beteiligte sich am 8. August 1967 daran, ein Kolonialdenkmal für Hermann von Wissmann im Garten des Hauptgebäudes der Universität zu stürzen und verlor daraufhin seine Assistentenstelle. Er beschloss, freier Schriftsteller zu werden.

 

Peter Schütt war vorher der illegalen KPD beigetreten und vermutlich das einzige Mitglied, dass das Gelübde der Treue zur Partei mit dem Satz bekräftigte: „So wahr mir Gott helfe.“[11] Den Glauben an den Sozialismus konnte er mit dem Glauben an Gott verbinden, und das wurde zu einem Kontinuum in den folgenden zwei Jahrzehnten seines bewegten politischen Lebens. Peter Schütt engagierte sich wäh­rend der Studentenunruhen im Sozialistischen Studentenbund, und dieses Enga­ge­ment prägte auch seine schriftstellerische Arbeit. Bald erschienen erste Gedichte und Geschichten im Hamburger Quer-Verlag, und auf Anregung des Schriftstellers Peter Rühmkorf gehörte Peter Schütt bald auch zu den Autoren der linken Zeitschrift „Konkret“. Und immer noch ließ ihn das Weihnachtsthema nicht zur Ruhe kommen. 1967, 1968 und 1969 brachte er im Quer-Verlag die Sammlungen „Garstige Weihnachtslieder“ heraus, von denen bis zu 10.000 Exemplaren verkauft wurden.[12]

 

1971 wurde der Schriftsteller mit 99 % der abgegebenen Stimmen in den Vorstand der „Deutschen Kommunistischen Partei“ (DKP) gewählt. Bei manchen galt er nun als „Hofdichter der Partei“.[13] Seine Gedichte stießen nicht nur auf Begeis­terung. In seinen Lebenserinnerungen bekannte er, dass damals ein Freund auf die Melodie des Liedes von der Kuh des Pastors gedichtet hatte: „Pater Schütt, Parteipoet, schreibt ein neues Stoßgebet für die DKP. Auweh! Auweh!“[14] Aber mit bewun­dernswerter Hartnäckigkeit ist der Schriftsteller seinen Weg weiter gegangen, auch wenn er im Rückblick zum Spottvers seines Freundes bekennt: „Das tat weh.“[15]

 

Zusammen mit Ulrike Meinhof fuhr Peter Schütt zu einer Tagung der „Gruppe 61 für künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt“ – und musste feststellen, dass er mit seiner echten Maojacke völlig deplatziert wirkte – denn er sah „voller Bestürzung, dass die versammelten Arbeiterdichter allesamt Schlips, weiße Kragen und dunkle Anzüge trugen“.[16] Peter Schütt lebte nun im „Wohnkollektiv Rosa Luxemburg“ in Hamburg, aber diese Kommune zerbrach ebenso wie seine erste Ehe. Demgegenüber fand der von ihm mit initiierte „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ bundesweit Beachtung und Anerkennung. Peter Schütt blickt gern auf diesen Werkkreis zurück, weil die Autoren „ein Kapitel bun­desdeutscher Literaturgeschichte mitgeschrieben“ und „beachtliche politische Wir­kungen erzielt“ haben.[17]

 

„Ich bezog Prügel von beiden Seiten“

 

Lange Zeit hielt Peter Schütt der DKP die Treue, und musste dafür auch die Kritik von Heinrich Böll hinnehmen, der ihm in einem Offenen Brief Blindheit, Einseitigkeit und Parteigläubigkeit vorwarf.[18] Für die DKP engagierte Peter Schütt sich gegen die US-Verbrechen im Vietnamkrieg, reiste in die Sowjetunion und nach dem Ende des Vietnamkrieges dann auch in das kriegszerstörte Land: „Unter dem Eindruck dessen, was ich in Vietnam mit meinen eigenen Augen gesehen hatte, haben sich meine kommunistischen Positionen verhärtet. Ich sah die Welt fortan zweigeteilt, in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse.“[19] Aber dieses Schwarz-Weiß-Bild geriet ins Wanken, als Wolf Biermann 1976 aus der DDR ausgebürgert wurde. Peter Schütt unterzeichnete zwei Erklärungen, mit denen gegen diese Willkürmaßnahme der DDR-Führung protestiert wurde. Das brachte ihn wie zu erwarten in Kon­flikt mit SED und DKP. Er wurde unter Druck gesetzt, die Unterschriften zurückzuziehen. Das verweigerte er standhaft, erklärte aber, dass ihm die Solidarität mit den Opfern der Berufsverbote im eigenen Land mehr bedeute als die Solidarität mit Wolf Biermann. Die Konsequenz? „Ich bezog Prügel von beiden Seiten.“[20]

 

Nach einer Reise durch die Sowjetunion veröffentlichte Peter Schütt dann ein Buch über Sibirien, über das er im Nachhinein selbstkritisch geschrieben hat: „Dabei sind mancherlei Phantasien und Tagträume aus den Märchen von Tausendundeinernacht in meinen Reisebericht eingeflossen.“[21] Aber die Distanz zu den vorherrschenden Kräften in der DKP blieb, und der vermutlich einzige bekennende Christ unter den Mitgliedern des Parteivorstandes wurde als „Pater Schütt“ verspottet. Nach zwei kommunistischen Jahrzehnten musste der Schriftsteller sich eingestehen, dass er sich geirrt hatte.

 

1988 wurde Peter Schütt aus dem DKP-Vorstand ausgeschlossen, weil er sich für den Reformkurs von Michail Gorbatschow ausgesprochen hatte. „Ich bin nicht selbst aus dem Vorstand meiner Partei ausgetreten, ich wurde nach mehreren Parteiverfahren aus dem Führungsgremium ausgeschlossen und bekam so den richtigen Fußtritt verpasst, der mich endgültig aus dem kommunistischen Lager hinausbeförderte.“[22] Peter Schütt trat daraufhin aus der Partei aus und ist nie wieder in eine Partei eingetreten. Ein parteinaher Verlag sandte ihm ohne Vorankündigung 22 Bücherkisten mit den Restbeständen aller seiner Bücher durch eine Spedition.[23] Der Autor war zur Unperson geworden. Ein halbes Jahr später brach der Verlag zusammen, weil nach der Grenzöffnung die Geldzahlungen aus Ost-Berlin ausblieben.

 

Ein Wanderer zwischen den Welten

 

In dem Buch „Mein letztes Gefecht. Abschied und Beichte eines Genossen“ setzte sich Peter Schütt kritisch mit seinem DKP-Engagement auseinander – nicht zur Freude seiner früheren Genossen. Im Juni 1991 schrieb der Schriftsteller am Ende eines Rückblicks auf diese Zeit: „Ich werde wohl ein Wanderer zwischen den Welten bleiben, ein von der Zeit umhergetriebener Sinnsucher.“[24] Heute veröffentlicht Peter Schütt regelmäßig Beiträge in konservativen Blättern wie „Frankfurter Allgemeine“, „Die Welt“ und „Mut“. Seit 2003 war er schon mehr als 400 Mal Gastgeber der „Waschhauslesungen“ im früheren Waschhaus der SAGA-Wohnanlage in Hamburg-Winterhude, in der er eine Wohnung gemietet hat.

 

Im August 1988 setzte sich Peter Schütt in dem Gedicht „Das letzte Gefecht“ mit der Partei auseinander, der die nötige Einsichtsfähigkeit fehlte – und er verwen­dete dafür einen Spruch der SED, der die Tiere an der Weihnachtskrippe gegen die Kirchen einsetzen wollte:

 

Es halten den Sozialismus

in seinem Lauf

weder Ochs noch Esel auf:

so skandierten wir

in den Siebzigerjahren

stolz unseren Straßenchor.

 

Weder Ochs noch Esel,

weder eigene noch fremde

Katastrophen haben uns

zur Einsicht gebracht …[25]

 

Kaum mehr als ein Jahr später war die Partei am Ende, aber da war Peter Schütt längst auf der Sinnsuche weitergewandert. Religiöse Themen haben ihn auf diesem Weg nie losgelassen. 1990 nahm seine religiöse Suche eine neue Richtung. Drei Jahre vorher hatte er eine Iranerin geheiratet, und nun konvertierte er zum Islam. 1996 unternahm er eine Pilgerreise nach Mekka. Zu seiner Konvertierung sagte er: „Mich hat am Islam die Konsequenz interessiert. Zum Beispiel das christliche Beten: Das ist unverbindlich, man kann zu jeder Tages- und Nachtzeit beten. Der Islam macht klare Vorschriften, er sagt: ja, fünfmal am Tag sollst du beten. Der Islam hat klare soziale Vorstellungen mit der Armensteuer, mit der Abgabe, mit der Pilgerreise. Es ist ein relativ einfaches, einleuchtendes Alphabet, und sehr verbindlich.“[26] Und er fügte hinzu: „Ich habe immer nach einer Gemeinschaft gesucht, habe sie im Kommunismus gesucht und in der katholischen Kirche. Im Islam habe ich diese Gemeinschaft gefunden.“[27]

 

Als Peter Schütt 2007 in der Zeitung „Die Welt“ seine Konvertierung zum Islam darlegte, löste dies eine heftige Reaktion des iranischen Exilschriftstellers Said aus: „Ob Du es nun wahrnimmst oder nicht, heute ist es Deine Aufgabe, den Islam publizistisch salonfähig zu machen für europäische Intellektuellenkreise.“ Und wütend fügte er hinzu, Schütt würde von Hamburg aus einen Islam verteidigen, „der nur in seinem Hirn existiert: einen schönen, guten und sauberen Islam. Du bleibst ein ewiger Konvertit.“[28] Peter Schütt hat im Islamischen Zentrum in Hamburg mit der Imam-Ali-Moschee an der Außenalster eine religiöse Heimat gefunden, wo sich vor allem iranische Muslime versammeln. Im September 2010 meldete er sich zu Wort, weil die eher liberalen Gläubigen der Imam-Ali-Moschee fürchteten, dass die Gemeinde nach der Einsetzung eines neuen Imams unter den Einfluss der Herr­schenden in Teheran geraten könnte. Peter Schütt äußerte gegenüber der „tages­zeitung“: „Es geht um die Frage, ob in der Moschee überhaupt noch Platz für uns ist.“[29] Es werde darüber nachgedacht, eine liberale Gemeinde zu gründen. Aber: „Es fällt mir nicht leicht, die Moschee ist mir eine Heimat geworden.“

 

Beim Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden trat Peter Schütt bei einer Veranstaltung zum interreligiösen Dialog auf und brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, nun als Muslim den richtigen Weg gefunden zu haben. Wolfgang Thielmann schreibt über Peter Schütts Beitrag zu dieser Kirchentags-Diskussion: „Am Ende bleibt er dann doch skeptisch: Wahrscheinlich sind es alle drei monothe­istischen Religionen, die die Wahrheit transportieren.“[30]

 

Dem Thema Weihnachten treu geblieben

 

Die Weihnachtsgeschichte hat Peter Schütt immer wieder beschäftigt. 1983 gab er sogar zusammen mit dem Philosophen Joachim Kahl „Das andere Weihnachtsbuch“ heraus. Auf mehr als 200 Seiten haben die beiden Herausgeber zahlreiche Kurzgeschichten und Gedichte zusammengetragen. Zu den Autorinnen und Autoren gehören zum Beispiel Maxim Gorki, Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler, Dietrich Bonhoeffer und Luise Rinser. Peter Schütt selbst ist mit einigen Gedichten in dem Sammelband vertreten. Die „Weihnachtsballade 1978“ beginnt mit den Zeilen:

 

Die Beamten, die im Schnellzug

München-Salzburg die Personenkontrolle

durchführten, blieben gelassen,

obwohl die Verdachtsmomente nicht

zu übersehen waren: fast schulterlanges

Haar, der Blick eines Fanatikers,

ungepflegte Kleidung, die auf einen Hang

zum Anarchismus hinzudeuten schienen.[31]

 

Der Reisende beteuerte, für Gewaltlosigkeit einzutreten. Im Fahnungsbuch fanden die Beamten heraus, dass der Gesuchte unterschiedliche Namen führte, die Fischer am See Genezareth aufge­wiegelt und in Jerusalem eine religiös verbrämte Volkserhebung gegen Geschäftsleute und Bankherren angezettelt hatte:

 

Die Beamten handelten

umsichtig. Kurz vor der Grenze

brachten sie den Zug zum Halten,

ein GSG 9-Kommando, das über Funk

alarmiert worden war, stieg hinzu

und nahm den Verdächtigen

nach kurzem Wortwechsel fest:

Er wurde als der staatenlose

Jesus von Nazareth mit dem Decknamen

Christus identifiziert.[32]

 

2012 veröffentliche Peter Schütt das Buch „… und Jesus ist sein Prophet“ mit dem Untertitel „Ein Weihnachtsspiel nach dem Koran“, von dem in kurzer Zeit drei Auflagen erschienen.[33] In diesem Spiel wird die Weihnachtsgeschichte in die heutige Zeit verlegt und darüber in einer muslimischen Gemeinschaft nachgedacht und gesprochen. In der ersten Szene erläutert der Hodscha: „Diese Geschichte ist wahr. Wahr in einem anderen Sinn, als wenn die Tagesschau aus Bethlehem oder mitten aus der Wüste berichtet … Die Weihnachtsgeschichte, wie sie im Koran oder im Evangelium steht, ist so wahr wie die anderen Geschichten vom Wirken Gottes unter den Menschen. Sie sind nicht mit dem bloßen Auge zu erkennen. Man braucht dafür ein besonderes Gespür.“[34]

 

Im November 2016 hat Peter Schütt sich aus Anlass der beginnenden Adventszeit auf seiner Facebook-Seite so an seine Kindheit erinnert: „Am Sonntag, dem 27. November, beginnt mit dem Ersten Advent die Vorweihnachtszeit. Auch wenn ich schon lange Muslim bin, bleibt für mich der Advent die Jahreszeit, die mein Herz am meisten rührt. Er erweckt in mir schöne Erinnerungen an meine Kindheit in einem winzigen Dorf, in dem es nach dem Ende des Krieges noch kein elektrisches Licht gab. Dafür strahlten aber die Kerzen am Adventskranz und am Weihnachtsbaum umso heller. In meinen literarischen Arbeiten hat das Weihnachtsthema immer eine wichtige Rolle gespielt, gleich ob ich Christ, Kommunist oder Muslim war.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 

 



[1] Zitiert nach: Peter Schütt: Böser die Glocken nie klingen, Die Zeit, 20.12.1991

[2] Ebenda

[3] Peter Schütt: Von Basbeck am Moor über Moskau nach Mekka, Asendorf 2009, S. 123f.

[4] Ebenda

[5] Peter Schütt: Von Basbeck am Moor über Moskau nach Mekka, a.a.O., S. 29

[6] Ebenda, S. 30f.

[7] Ebenda, S. 59

[8] Peter Schütt: Mein Weg zum islamischen Glaubensbekenntnis, Welt online, 10.9.2007

[9] „Indien war mir zu unseriös“, Interview mit Peter Schütt, taz Nord, 6.9.2010

[10] Ebenda

[11] Vgl. Peter Schütt: Von Basbeck am Moor über Moskau nach Mekka, a.a.O., S. 100

[12] Vgl. ebenda, S. 132

[13] Vgl. ebenda, S. 145

[14] Zitiert nach: ebenda, S. 150

[15] Ebenda

[16] Peter Schütt: Mein letztes Gefecht, Abschied und Beichte eines Genossen, Böblingen 1992, S. 20

[17] Ebenda, S. 22

[18] Vgl. Peter Schütt: Von Basbeck am Moor über Moskau nach Mekka, a.a.O., S. 157

[19] Ebenda, S. 173

[20] Ebenda, S. 186

[21] Ebenda, S. 193

[22] Ebenda, S. 269

[23] Peter Schütt: Mein letztes Gefecht, a.a.O., S. 37

[24] Ebenda, S. 40

[25] Ebenda, S. 305

[26] „Indien war mir zu unseriös“, Interview mit Peter Schütt, taz Nord, 6.9.2010

[27] Ebenda

[28] Said: Warum Konvertiten Handlanger Teherans sind, Welt online, 11.9.2007

[29] Zitiert nach: Daniel Wiese: Machtkampf an der Außenalster, taz Nord, 11./12.9.2010

[31] Zitiert nach: Joachim Kahl/Peter Schütt: Das andere Weihnachtsbuch, Dortmund 1983, S. 116

[32] Ebenda, S. 117

[33] Peter Schütt: … und Jesus ist sein Prophet, Ein Weihnachtsspiel nach dem Koran, 3. Auflage, Hamburg 2013

[34] Ebenda, S. 24